Grimveil Gamma [GER] - Im Schleier der Schatten

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Summary

Dark Shifter Fantasy 🌗 Kirrok ist ein Gamma, ein Krieger, gezeichnet von Kämpfen — und von drei Sigillen, die mit mondberührter Tinte tief in seine Haut gebannt wurden. Magische Zeichen, die ihn zu seiner Gefährtin führen sollen. Statt einer klaren Spur treiben sie ihn jedoch in ein fremdes Rudel, mitten in ein Netz aus alten Gesetzen, Misstrauen und unausgesprochenen Wahrheiten. Nia hat gelernt, Wölfe zu fürchten — besonders die, die jenseits vom Wolfspass das Land unter ihre Kontrolle bringen. Als ihr Dorf überfallen wird, sind es ausgerechnet zwei dieser Wölfe, die sich schützend vor sie und ihren Bruder stellen. Zwischen Blut, Verrat und Rettung gerät alles ins Wanken, was sie über Monster und Familie zu wissen glaubte. Während Kirrok im Rudel nach der einen Seele sucht, für die er geschaffen wurde, wird Nia immer tiefer in eine Welt gezogen, die ihr niemand erklärt hat. Schatten greifen nach den Wölfen. Ein unsichtbarer Schleier liegt über Blicken, Instinkten und Herzen. Und je näher sich ihre Wege kommen, desto klarer wird: Nichts ist, wie es scheint – und nicht jede Wahrheit lässt sich mit Augen erkennen.

Status
Complete
Chapters
44
Rating
5.0 12 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1 ✼ Nia

Die Suppe brannte heiß auf meiner Zunge, als ich meinem Zwillingsbruder dabei zusah, wie er sich Nachschlag holte.

“Heiff”, stöhnte ich und fächelte mir mit der Hand Luft zu.

Meine Zunge und ein Teil der Lippe fühlten sich augenblicklich taub an, selbst als ich gierig von Norynnes Wasser trank. Meine kleine Schwester schenkte mir einen Blick, der Medusa alle Ehre gemacht hätte. Gletscherblau blitzte es hinter schwarzen, langen Strähnen hervor, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten.

Schulterzuckend entschuldigte ich mich stumm bei dem sechs Jahre jüngeren Teufel.

Sie ließ mich leben.

Immerhin.

“Norynne, hol dir neues Wasser. Nia wird noch viel mehr davon brauchen, wenn sie weiter so träumt”, spottete mein Zwillingsbruder und schaufelte sich mehr von der Fleischeinlage in seinen unersättlichen Schlund. Sein Appetit war schon immer außerordentlich gewesen, aber Nathan war jetzt ein stattlicher Mann geworden und aß im Gegensatz zu mir nun doppelte Portionen.

Er grinste und fuhr sich durch das vom Wind zerzauste schwarze Haar — kurz, aber lockig wie meines. Zweieiige Zwillinge und doch zum Verwechseln ähnlich. Eine Seele in zwei Körpern. Unzertrennlich und unverwüstlich.

Außer von heißer Suppe vielleicht.

“Nia, iss auf und erledige den Abwasch”, mahnte unsere Mutter, die gerade Nedwin wickelte. Ein neun Monate alter Wonneproppen — und der jüngste Spross meiner Familie.

Sobald sie sich wegdrehte, streckte ihr Nathan die Zunge raus.

Mit einem entsetzten Ausdruck gab ich ihm zu verstehen, dass er das gefälligst lassen sollte, wenn er keine Hiebe kassieren wollte. Die Maulschellen unserer Mutter hatten es in sich.

Allein mit fünf Kindern musste sie sich durchsetzen können.

Besonders mit Norynne, dem kleinen Ungeheuer, das nun seinen Becher nachgefüllt hatte und sich auf Armeslänge von mir entfernt niederließ.

“Schon gut, ich hole mir selbst welches”, nuschelte ich.

Doch Nathan sprang auf. “Nein, Nia — nein. Hier.”

Er hielt mir sein Wasser hin und griff gleichzeitig nach meiner Suppenschüssel, als ich ihm den Becher abnahm und nicht auf die Brühe achtete, die bedrohlich nah am Rand hochschwappte.

“Hey! Nicht schon wieder Tagträumen”, murmelte er, seine eisblauen Augen blitzten neckend.

“Danke…“, flüsterte ich, mehr zu mir selbst als zu ihm, und ließ mich auf den Stuhl sinken.

Nathan lehnte sich zurück und musterte mich scharf, als könnte er sehen, was ich noch nicht einmal selbst verstanden hatte. “Du bist heute komisch”, stellte er fest.

Ich hob nur die Schultern.

“Nia ist immer komisch”, warf Norynne trocken ein, als wäre das eine Tatsache wie der Sonnenaufgang.

“Ich meine mehr als sonst”, entgegnete Nathan und wandte sich tadelnd an unsere kleine Schwester. “Und du, Norynne... du bist erst dreizehn. Himmel, benimm dich nicht immer wie eine verbitterte alte Frau.”

Die beiden kabbelten sich noch eine Weile weiter. Irgendwann nannte Norynne ihn einen Jungspund und damit war das geklärt.

Normalität, die sich heute hohl anfühlte.

Die Hitze der Suppe war längst verflogen, doch etwas in mir blieb unruhig. Ein fremdes Gefühl lag auf meiner Seele, zog mich in eine Tiefe, die ich nicht verstand. Ich suchte nach dem, was anders war, und fand es nicht.

Schließlich nahm mir Nathan die Schüssel ab, in der ich das Gemüse nur noch hin- und herschob, aß den Rest für mich und stellte sie beiseite.

“Ich mach den Abwasch, geh du zu Layra. Machst du das für mich?”

Er legte eine Hand auf meine Schulter und hob mit der anderen sanft mein Kinn an. Seine Berührung war vertraut, der Anker in meinem Leben. Dankbar lächelte ich ihn an. Die Bewegung an der frischen Luft würde guttun.

Nathan drückte einen Kuss auf meinen Scheitel und schnappte sich Norynne. “Du trocknest ab, Zwerg, weil du mir heute Mittag den Apfel geklaut hast.” Sie boxte ihn in die Seite, kicherte aber und griff nach dem groben Stofftuch.

Der Stuhl schabte über den nur spärlich mit Stroh bedeckten Boden, als ich aufstand und zwei Scheite mehr aufs Feuer legte, damit es in der Nacht nicht zu kalt werden würde. Mit einem Lappen wischte ich rasch noch den Tisch sauber und die Krümel in den kleinen Eimer. Alles erledigt.

“Nia.” Mutter zeigte auf den Restebottich. “Nimm das für die Schweine mit, wenn du deiner Schwester Layra das Brot bringst. Und denk diesmal an die Decken, die immer noch bei ihr liegen!”

Ich biss auf meine Lippe. “Ich versuch’s.”

“Wenigstens ehrlich”, schmunzelte sie den kleinen Nedwin an und prustete auf den kleinen runden Bauch. “Das ist das Wichtigste. In einer Familie muss man sich vertrauen dürfen.”

Aus dem Augenwinkel sah ich ein kurzes, dunkles Flackern in Nathans Augen. Er war kein Junge mehr, der blind gehorchte. In letzter Zeit geriet er immer öfter mit Mutter aneinander. Irgendetwas war zwischen ihnen vorgefallen. Ich hielt mich raus, aber ich spürte, wie der Groll eine Kluft zwischen ihnen aufriss. Ein Geheimnis, das sie entzweite.

Nedwins helles Giggeln begleitete mich bis zur Tür, doch es reichte nicht in die Nacht hinaus. Das Dorf lag in Schweigen gehüllt. Nicht einmal das Vieh rührte sich. Eigenartig.

“Mist. Das Brot.”

Ich seufzte innerlich. Wenige Schritte, und schon etwas vergessen. Peinlich berührt kippte ich die Reste in den Trog der Schweine, kehrte um und öffnete leise die Tür.

“...nicht schon wieder damit an, Nathan.” Mutter klang erschöpft.

“Aber vor nicht mal zwei Jahren muss er hier gewesen sein, sonst wäre Nedwin nicht auf der Welt”, zischte Nathan zurück. Seine Stimme war tief und fordernd. “Glaub bloß nicht, mir wäre entgangen, dass unsere Namen alle mit ‘N’ beginnen. Alle — außer Layras...”

Ich erstarrte im Türrahmen.

Nathan stand vor Mutter, er überragte sie inzwischen, die Schultern breit, die Haltung angespannt. “Warum hat er sich nie blicken lassen? Wo zum Styx treibt er sich herum?”

Mutter wischte sich fahrig über die Wange und sah eher traurig als zornig aus. “Nathan!”

“Sind wir ihm egal? Weiß er überhaupt, dass wir existieren?” bellte er aufgebracht.

Norynne legte Nathan eine Hand auf den Rücken, doch er war gedanklich schon in seiner Welt und nicht aufzuhalten. Nicht bei diesem Thema.

Meine Mutter schoss herum, eine Hand schützend an Nedwin, der durch die erhobenen Stimmen überrascht zu unserer Mutter aufschaute. Ihre andere Hand zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger warnend auf Nathan. Ihr Blick wurde hart.

“Du weißt gar nichts. Und mein—” Sie brach ab, schluckte und richtete sich zu voller Größe auf. ‘Einschüchternd’ war ein zu gewaltiges Wort, um sie zu beschreiben und dennoch nicht genug. Der Feuerschein spiegelte sich in ihren Augen, ließ sie glühen, als wäre meine Mutter im Inneren selbst Feuer.

“Mein Mann und meine Entscheidungen gehen dich nichts an”, knurrte sie mit verkrampftem Kiefer. “Wenn du eine eigene ...Familie hast, verstehst du es vielleicht.”

Den letzten Satz presste sie hervor, als füge er ihr körperliche Schmerzen zu.

Nathan bebte. “Niemals würde ich meine Kinder und meine Frau im Stich lassen. Unter keinen Umständen”, raunte er düster — wie ein heiliges Versprechen.

Einige Herzschläge lang durchbohrten sie sich mit Blicken.

“Ist er tot?” schnitt Nathans Stimme durch den Raum.

Mutter antwortete nicht. Ihre Nasenflügel bebten, und in ihren Augen spiegelte sich all die sehnsüchtige Qual, die sie jeden Tag stumm ertrug. Wie in den Blicken, die hoffend in die Ferne schweiften, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Doch Nathan sah nur, dass er nicht hier war. Nicht bei ihr. Nicht bei uns.

Er lebte. Und genau das machte es schlimmer.

Schwere Atemzüge und geschliffene Stille.

Nedwins Wimmern brach den Bann, der über der kleinen Hütte hing. Meine Mutter blinzelte, hob ihn mit feuchten Augen hoch und wiegte ihn.

Draußen erklang der Schrei einer Eule.

“Dann kann er mir gestohlen bleiben”, grollte Nathan und stürmte an mir vorbei. Die Tür knallte mit einer Wucht ins Schloss, die das Gebälk erzittern ließ.

Ich trat zu der verstummten Norynne, nahm ihr das Tuch ab und legte es über meine Schulter. Ich strich ihr den schwarzen, geflochtenen Zopf über die Schulter zurück und barg ihr Gesicht in meinen Händen. Trotz ihrer Stärke suchten ihre großen gletscherblauen Augen Halt in meinen eisblauen.

“Nathan liebt uns und kommt zurück, wenn er sich gesammelt hat.”

Ihre Miene verhärtete sich. Sie entriss mir das Tuch wieder und knallte es auf die Ablage neben sich. “Schön. Und wer hilft mir jetzt mit dem Abwasch?”

Norynne redete nie viel. Aber was sie sagte, brach mir oft das Herz. Liebevoll strich ich ihr übers Haar und ging zu Mutter.

“Er meint es nicht so”, flüsterte ich kaum hörbar an ihrer Seite. Ich war mir selbst nicht sicher, warum ich ihr das sagen musste. Aber sie musste es hören. Heute. Wenn nicht von Nathan, dann von mir.

Mutter nickte und schenkte mir ein gequältes Lächeln, das mehr von ihrer Seele entblößte, als sie offen zugeben würde. Und für einen Augenblick sah ich die Frau, die uns aufgezogen hat. Die früher viel gelacht hat.

“Ich bringe Layra jetzt das Brot. Soll ich Nedwin mitnehmen?”

Sie schüttelte den Kopf und drückte den Kleinen fest an ihre Brust.

“Mama?”

Ihr Blick wurde weich, als sie ihren starren Blick vom Feuer löste und mich ansah.

“Nathan liebt dich so sehr, dass dein Schmerz zu seinem wird. Was auch immer zwischen euch steht... bereinige es bitte, bevor er daran erstickt.”

Sie legte mir eine Hand an die Wange. “Ich wünschte, es wäre so einfach.”

Ich gab ihr einen wehmütigen Kuss auf die Wange, legte ihr eine Decke um die Schultern und machte mich auf den Weg.

Der Herbstwind biss mir warnend in die Nase, zupfte an meinem Kleid und an den Blättern der großen Buche. Sobald die Tiere uns kommen hörten, grunzten sie normalerweise, quiekten sogar. Nur heute blieb alles gespenstisch still.

“Nathan?”

Keine Antwort.

Ich rieb über meine Arme und lauschte in die Stille. Obwohl ich niemanden sah, fühlte sie sich nicht leer an. Sie wartete. Mein Herz klopfte ein wenig schneller, als ich einen zögerlichen Schritt auf das Gatter zuging. Noch einen. Ich atmete durch geöffnete Lippen, um leiser zu sein und eine mögliche Gefahr auszumachen. Nichts. Jeder Tritt vorsichtig gesetzt, jede Bewegung unter wachsender Anspannung.

Ein Rascheln hinter der Ecke des Schweinepferchs ließ mich erstarren.

Ich umklammerte den Brotlaib wie ein Schild, presste ihn an meine Brust, während ich langsam an den groben Zaun herantrat. Die Schweine standen dicht an dicht gedrängt. Über mir schob sich eine Wolke vor den fast vollen Mond, und irgendwo in den Weiten der Ebene hinter dem Wald pfiff der Wind schneidend, sodass es beinahe wie ein Heulen klang.

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