Der 200-Jahre-Brauttausch

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Zusammenfassung

Alle 200 Jahre festigen fünf übernatürliche Höfe den Frieden durch Blut und Heirat. Nun wird eine unrechtmäßige Elfenprinzessin als Braut auserwählt. Ist Alicia ein Segen der Götter … oder ein Opfer, das in den Tod geschickt wird?

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
40
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Altersfreigabe
18+

Kapitel 1 - Du wurdest herbeigerufen

(Alicia)

Ich schrecke hoch. Das pausenlose Brummen meines Handys an meinem Oberschenkel hat gewirkt. Ich ignoriere es und lasse es einfach weiter vibrieren. Wer auch immer es ist, kann eine Nachricht hinterlassen.

Jetzt, wo ich wach bin, sehe ich mich erst mal um. Ach du Scheiße. Was habe ich bloß getan?

Im Zimmer riecht es nach abgestandenem Bier und zu viel Parfüm. Da ist noch etwas anderes, ein warmer, dunklerer Geruch. Sechs Leute liegen auf den Möbeln verteilt. Sie schlafen diesen tiefen, plötzlichen Schlaf, den man nur nach zu viel Alkohol und zu wenig Verstand hat. Ich erkenne zwei Atemgeräusche: Shannon und Phoebe, Ruben und Dimitri. Die anderen beiden sind Fremde. Unbekannte Körper und ein menschlicher Geruch, der nicht zu unserer Truppe gehört.

Sie lagen eng beieinander, völlig am Ende. Phoebes Gesicht ruhte auf der Brust eines Fremden. Shannon lag halb unter Dimitri zusammengerollt. Ruben hatte seinen Arm über jemand anderen geworfen. Es sah nach einer lauten, chaotischen Nacht aus. Es weckte Erinnerungen, die ich am liebsten sofort wieder vergessen wollte.

Ich fasste mir an den Hals und bemerkte einen klebrigen Schmierer auf meinem Schlüsselbein. Jemand hatte etwas verschüttet. Da war ein Rückstand auf meiner Haut, wo keiner sein sollte. Mir kam das Kotzen. Ich schnappte mir einen BH, der über der Sofalehne hing. Damit wischte ich die Stelle sauber, während ich mit der anderen Hand mein Tanktop festhielt. Ich war angezogen geblieben, wie immer. Diese Cargo-Hose sitzt sowieso so eng, dass man sie kaum vom Körper schälen kann. Das war ein kleiner Trost.

Das Handy brummt wieder los. Ich lasse es sicher in der Seitentasche an meinem Bein stecken. Ich setze mich auf und reibe mir das Gesicht. Ich habe wohl ein bisschen zu hart gefeiert, und der Rest hier offensichtlich auch.

Barfuß rutsche ich vom Sofa und schleiche zur Tür. Wo zur Hölle sind wir hier eigentlich? Der Flur draußen riecht nach altem Rauch und den Überresten der Nacht. Am Ende führt eine Tür zum Notausgang. Dahinter liegen eine Gasse und helles Sonnenlicht. Ich drücke sie auf und lasse die Helligkeit meine Augen blenden, bis die Dunkelheit verschwindet.

Das verdammte Ding fängt schon wieder an zu vibrieren. Ich fische das Handy aus der Tasche und starre auf das Display. Auf gar keinen Fall.

Ohne dranzugehen, stecke ich das Handy wieder weg und sehe mich um. Am Ende der Gasse rasen Autos über eine belebte Straße. Ich laufe in diese Richtung.

Ich sollte wirklich versuchen, nicht mehr in solchen Situationen zu landen. Seufzend schaue ich die Straße rauf und runter. Ich suche nach Hinweisen, wo ich sein könnte. „Juniper und Close“ steht auf den Straßenschildern an der Ecke. Ein anderes Schild an der Wand neben mir verrät den Namen: „Mike’s Bar“. Kein Ort, an den ich mich gern erinnern möchte.

Ich hole mein Handy wieder raus und tippe den Standort ein. Ich bin in einem Teil der Innenstadt, in dem ich noch nie war. Wenn man nach dem Ruf der Gegend geht, sollte ich hier auch nicht sein. Es ist eines dieser Viertel, die wir meiden. Hier treffen die Grenzen mehrerer übernatürlicher Arten aufeinander.

Ich überlege kurz, zurückzugehen und die anderen vier zu wecken. Dann zögere ich. Es ist besser für mich, wenn ich verschwinde, bevor sie aufwachen. Sie sind zu viert, sie kommen schon klar. Ich öffne meine Uber-App. Zeit zu gehen.

Auf der Fahrt zu meiner Wohnung brummt mein Handy noch fünfmal. Es vibriert den ganzen Weg wie ein kleines, nerviges Tier. Jedes Mal werfe ich einen Blick auf das Display, sehe den Anrufer und ignoriere ihn. Ich habe gerade keine Nerven für die Handlanger meines Vaters. Er kann warten. Nichts kann so wichtig sein.

Endlich sicher zu Hause, ziehe ich mich aus und springe fast unter die heiße Dusche. Das Ganze fühlt sich wie eine kleine Taufe an. Das heiße Wasser hämmert die Nacht von meiner Haut und aus meinen Haaren. Irgendwann ist das Wasser wieder klar. Jetzt fühlt es sich so an, als wäre die Welt wieder sauber gewaschen. Ich ziehe mir weiche Leggings, einen riesigen Hoodie und Ugg-Boots an. Das ist mein Panzer aus Gleichgültigkeit. Ich will heute nur noch Serien suchten. Aber zuerst brauche ich Frühstück.

Ich habe wahnsinnigen Hunger auf Speck und Eier. Aber ich habe absolut keine Lust, selbst am Herd zu stehen. Zum Bestellen bin ich zu hungrig. Also gebe ich mich mit Müsli und Milch zufrieden und überlege schon mal, welche Pizza ich später bestelle.

Mitten in meiner Schüssel Müsli klopft es laut an der Tür. Seufzend stelle ich die Schüssel weg und gehe öffnen. Meine Laune ist sofort im Keller, als ich sehe, wer da steht.

„Prinzessin Alicia. Sie wurden herbeigerufen“, sagt der griesgrämige Mann im Dreiteiler. Ich kann ihm die Tür gar nicht schnell genug vor der Nase zuschlagen. Er hat zwei Schläger bei sich. Die lassen heute ganz sicher nicht mit sich reden. Vielleicht hätte ich doch rangehen oder zumindest die Nachrichten anhören sollen, statt sie zu löschen.

Einen Moment lang überlege ich, die Tür trotzdem zuzuknallen. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass das nichts bringt. Ich könnte sie fertigmachen, alle drei. Aber dann schickt er nur noch mehr Leute. Und wo sollte ich dann die Leichen verstecken? Das hier ist ein ordentliches Wohnhaus, und ich versuche, nicht aufzufallen. Die Menschen wissen nicht, was ich bin, und das soll auch so bleiben.

Ich starre sehnsüchtig auf meine Schüssel Müsli.

„Ich esse erst mal zu Ende“, sage ich zu dem Griesgram. „Sie können hier warten.“

„Wir haben den Befehl, Sie sofort mitzunehmen ...“, fängt er an. Ich hebe einen Finger und bewege meine Hand langsam auf seinen Mund zu. Dann drücke ich ihm mit Daumen und Zeigefinger die Lippen zusammen. Er ist sichtlich geschockt. Ich sehe, wie sein Blick langsam mörderisch wird. Innerlich grinse ich mir eins.

Ohne ein Wort gehe ich zurück in die Küche und nehme meine Schüssel. Ich setze mich an die Theke und esse. Währenddessen platzt dem Griesgram draußen fast eine Ader im Hirn. Aber er hält sich gut. Er und seine Schläger rühren sich nicht und geben keinen Ton von sich. Braver Junge. Mir fällt auf, dass einer der Kerle sich das Lachen kaum verkneifen kann. Ich darf ihn bloß nicht ansehen, sonst kriegen wir beide Ärger.

Als ich fertig bin, wasche ich die Schüssel und den Löffel extra gründlich ab. Ich trockne alles ab und räume es ordentlich weg. Eine kleine Rebellion im Haushalt. An jedem anderen Tag würde das Zeug in der Spüle liegen bleiben. Aber heute nicht. Heute lasse ich sie absichtlich zappeln.

Nachdem der Löffel in der Schublade liegt, greife ich mir einen Müsliriegel aus der Speisekammer. Ich schiebe ihn in die Tasche meines Hoodies. Wer weiß, wann ich heute wieder was zu essen bekomme. Im Kopf verabschiede ich mich schon von meiner Pizza.

Ich drehe mich zu den drei Männern um und schnappe mir meine Schlüssel.

„So, wo waren wir stehen geblieben?“, frage ich im Vorbeigehen. Der Griesgram sagt kein Wort. Er dreht sich um und marschiert los. Er erwartet wohl, dass ich der Dampfwolke folge, die aus seinen Ohren kommt. Ich trotte gehorsam hinterher. Innerlich klopfe ich mir auf die Schulter, weil ich so „nett“ bin. Einer der Schläger läuft neben mir, der andere bildet das Schlusslicht. Na toll.

Ich muss nicht fragen, wer sie geschickt hat oder wo es hingeht. Das weiß ich auch so. Ich weiß auch, dass ich gar nicht erst fragen muss, worum es geht. Entweder wissen sie es nicht oder sie dürfen nichts sagen. Die vierstündige Fahrt zum Palast verbringen wir in angespannter Stille. Ich spiele Candy Crush auf meinem Handy und starre ab und zu aus dem Fenster.

Unterwegs kommen wir durch mehrere Dörfer. Vielleicht liegt es daran, dass ich fast zwei Jahre nicht mehr hier war, aber alles wirkt so furchtbar müde. Man sieht noch, dass das Königreich früher mal wohlhabend war. Die Gebäude sind hoch und elegant, aber überall klebt dieser Geruch von Vernachlässigung an der Landschaft.

Hier und da wächst Unkraut aus den Rissen im Gehweg. Öffentliche Gebäude und Wohnhäuser zeigen deutliche Spuren der Zeit. Hier blättert die Farbe ab, dort ist ein Zaun verrostet und schief. Manche Dächer hängen durch und die Schaufenster sind staubig.

Der Rasen in einem Park bei der Bibliothek war früher perfekt gepflegt. Jetzt ist alles überwuchert. Das Gras steht hoch, weil sich niemand mehr darum kümmert. Es ist nicht so, dass alles zusammenbricht. Es wirkt eher so, als wäre der Ort müde geworden. Die Leidenschaft ist weg, mit der früher jeder Stein gepflegt wurde.

Er hat zwölf Jahre gebraucht, bis es seinem Volk egal war.

Wir fahren durch die vergoldeten Palasttore. Der Vergleich springt mir sofort ins Gesicht. Hier ist alles makellos. Ist das ein neuer Brunnen? Heilige Scheiße, das Ding ist fast fünf Meter hoch. Ein Ungetüm aus massivem Gold, das seltsamerweise trotzdem elegant wirkt. Nirgendwo gibt es Rost, Schmutz oder auch nur ein Halm Unkraut.

Ich sehe kaum jemanden, während ich durch den perfekt instand gehaltenen Palast geführt werde. Die wenigen Leute, die mir begegnen, sind Bedienstete. Sie halten sofort inne und verbeugen sich höflich. Dass sie kurz vorher die Augen verdrehen, entgeht mir allerdings nicht. Nichts Neues also.

Der Griesgram und seine Leute bringen mich zu den goldenen Türen des Arbeitszimmers meines Vaters. Er klopft kurz an. Als die Aufforderung zum Eintreten kommt, drückt er die schweren Türen auf.

„Prinzessin Alicia, Eure Hoheit“, sagt er mit der Stimme eines Bestatters. Er verbeugt sich vor der Gestalt hinter dem riesigen Schreibtisch.

„Danke, Miles. Du kannst gehen“, sagt mein Vater mit seinem tiefen Bariton. Der Handlanger verlässt sofort den Raum. Im Vorbeigehen wirft er mir noch einen giftigen Blick zu. Ich würde am liebsten kichern, aber mein Hass auf diesen Raum unterdrückt jeden Spaß.

„Hat ja lange genug gedauert“, sagt mein Vater, kaum dass die Türen zu sind. Seine Stimme trieft wie üblich vor Sarkasmus.

Ich sehe ihn an. Er ist eine imposante Erscheinung in einem Anzug, der wahrscheinlich mehr kostet als ein kleines Haus. Er bleibt hinter seinem Schreibtisch sitzen. Statt zu antworten, zucke ich nur mit den Schultern. Ich weiß, dass ihn das wahnsinnig macht.

Er versucht, es sich nicht anmerken zu lassen. Aber sein rechtes Augenlid zuckt ganz leicht. Ich grinse innerlich. Ich werde es ihm nicht leicht machen. Er lässt mich nur rufen, wenn er etwas will. Ich werde ihn dafür ordentlich schmoren lassen.

Ich genieße es, wie er schweigend da sitzt. Er überlegt offensichtlich, wie er sein Anliegen am besten rüberbringt. Dann verschränke ich die Arme und starre auf einen Punkt über seiner rechten Schulter. Ich warte geduldig.

„Setz dich“, presst er hervor und funkelt mich an. Mein Blick trifft wieder seinen.

„Nein danke. Das hier dauert sicher nicht lange.“

Ich verlagere mein Gewicht von einem Bein auf das andere und starre ihn weiter an.

„Schön. Die Zeit ist gekommen, in der du deinem Königreich dienen musst“, platzt er heraus. Na bitte, ich hatte recht. Das ging ja fix. Ich ziehe eine Augenbraue hoch.

„Tatsächlich? Wie interessant“, antworte ich. Ich passe auf, dass er nicht merkt, dass er mich neugierig gemacht hat. Was faselt er da eigentlich?

Ganz der König, lehnt er sich in seinem Ledersessel zurück. Er schlägt die Beine übereinander und sieht dabei nur ein ganz kleines bisschen wie ein Idiot aus.

„Du wirst in einem Monat heiraten. Ein Team arbeitet bereits an den Vorbereitungen. Es wäre in deinem eigenen Interesse, wenn du voll mitarbeitest. Eine Frau namens Chiara wird sich bei dir melden.“

Das Blut in meinen Adern gefriert. Mir bleibt fast die Luft weg. Aber ich bleibe ganz ruhig. Er soll auf keinen Fall merken, wie sehr mich seine Worte getroffen haben. Ich bin mir sicher, dass er meinen rasenden Puls hört, aber das ignoriere ich jetzt einfach.

Ich breche den Blickkontakt ab, drehe mich auf dem Absatz um und gehe zur Tür. „Viel Glück dabei“, werfe ich ihm über die Schulter zu. Aber er ist schneller. Bevor ich die Klinke erreiche, versperrt er mir den Weg.

„Diesmal rennst du nicht weg, Alicia“, zischt er. Ich ziehe meine Hand zurück, als hätte ich mich verbrannt. Ich will auf keinen Fall, dass er mich berührt.

„Ich bin gar nicht erst am Start“, antworte ich kühl. „Du hast doch eine Tochter, die viel besser für diese Art von Aufgabe geeignet ist.“

Er grinst. Es ist eines dieser hässlichen Grinsen, die nur aus Bosheit bestehen. Auf meinen Kommentar geht er gar nicht erst ein.

„Das ist keine Mission, die man sich aussuchen kann, Alicia. Ich befehle dir hiermit als dein König: Tu deine Pflicht für deine Familie und dein Reich.“

„Tja, Pech gehabt“, antworte ich mit gelangweilter Stimme. Er rührt sich nicht, aber sein Augenlid zuckt wieder. Ein kleiner Sieg für mich, weil ich ihn nerve. Innerlich drehe ich völlig durch vor Angst und Wut über seine Dreistigkeit. Aber nach außen hin tue ich so, als würde mich das alles überhaupt nicht interessieren.

Er will nach meiner Schulter greifen, aber ich weiche sofort zurück. Er zieht die Hand langsam wieder ein. Das Zucken wird jetzt deutlicher.

„Du kannst so tun, als wäre es dir egal. Aber das wird dir nicht helfen, Alicia.“

Ich verschränke wieder die Arme und sehe ihm direkt in die Augen.

„Wenn das so wichtig für dich und das Königreich ist, dann nimm doch die echte Prinzessin. Die rechtmäßige“, sage ich. Das Zucken wird stärker. Er blinzelt, um es zu unterdrücken. „Ich? Ich bin doch gar nicht so viel wert.“

Ich weiß, dass ich einen Treffer gelandet habe, aber ich freue mich nicht darüber. Stattdessen kocht meine Wut immer höher. Er kann mich mal.

„Noch einmal: Das steht nicht zur Diskussion. Das ist ein Befehl.“

Ich schüttle den Kopf. Ich kann es kaum fassen. „Tja. Viel Erfolg. Nichts, was du sagst oder tust, wird mich dazu bringen, diesen Befehl zu befolgen.“ Aber innerlich zucke ich zusammen. Wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Er besitzt die Macht der Dominanz und Manipulation.

Ich versuche, mich an ihm vorbeizuschieben, ohne ihn zu berühren. Bei seiner Statur ist das fast unmöglich. Seine Hand schnellt blitzschnell vor und krallt sich schmerzhaft in meinen Oberarm. Ich schrecke innerlich zurück, obwohl wir uns nicht direkt auf der Haut berühren. Ein Schauer läuft über meinen Körper. Dann beugt er den Kopf zu mir runter, sodass ich seinen heißen Atem an meinem Ohr spüre.

„Ich würde mir sehr gut überlegen, was Ungehorsam diesmal für Folgen hätte. Vor allem für Luka“, flüstert er leise. Wieder gefriert mir das Blut in den Adern. Ich merke, wie mir die Farbe aus dem Gesicht weicht. Aus meiner Wut wird nackte Angst. Er setzt mehr ein als nur seine magischen Kräfte.

Ich würde gern sagen, dass das Schwein es nicht wagen würde. Aber leider weiß ich es besser. Ich habe am eigenen Leib erfahren, was er seinem eigenen Kind antut, um seinen Willen durchzusetzen. Er macht alles, um mich zu brechen und zu unterwerfen. Er ist ein Monster. Und er braucht Luka nicht einmal. Er hat ja schon einen Erben und drei Ersatzleute.

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