Wolfsgesang

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

HISTORISCHER ROMAN Ando Kjartansson soll die Braut seines Bruders Finn suchen und zu ihm bringen. Als er sie findet, muss er leider feststellen, dass Isa eigentlich die Frau ist, in die er sich verlieben könnte. Dennoch will er sie zu seinem Bruder bringen, denn er steht loyal zu ihm. Isas Leben war bisher nur von Entbehrungen geprägt. Und nun soll sie die Braut eines Jarls sein? Das kann sie sich nicht vorstellen. Und der Bruder des Jarls gefällt ihr auch noch. Auch wenn das schon genug wäre, wird Isa von zwei Kriegern gejagt, die eine Spur der Gewalt und Zerstörung hinterlassen. Und auch Ando scheint nicht nur ein Ulfhednar zu sein. Cover by Nancy Bieler ©Alle Recht vorbehalten

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
64
Rating
4.9 19 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Prolog

„Du solltest jemanden anweisen, deine Arbeit zu erledigen, Eltje.“

Isa hob den Kopf und sah direkt in die seltsamen Augen des Sehers Tychon. Nun ja, Seher war zu viel gesagt. Tychon war eher nicht richtig im Kopf, doch manchmal sagte er etwas, was sich als richtig herausstellte. Deswegen behielt ihr Jarl diesen Mann auch und hielt ihn als seine persönliche Warnung. Doch heute schien Tychon mit ihr reden zu wollen, was ungewöhnlich war.

„Du verwechselst mich, Tychon. Ich heiße Isa und nicht Eltje. Außerdem bin ich eine einfache Magd und habe diese Arbeit zu erledigen.“

Er kicherte irre, was sie einen Moment erschaudern ließ. Um sich nichts anmerken zu lassen, wandte sie sich wieder dem Fell zu, welches sie vom Fett des erlegten Tieres zu befreien hatte. Es war eine stinkende und anstrengende Arbeit, aber die Frau des Jarls beauftragte sie immer gerne damit, um ihr bewusst zu machen, dass Isa nur ein klein wenig bessergestellt war, als die Sklaven, die hier arbeiteten. Auch Isa konnte bestraft werden, musste schwere Arbeit erledigen und schlief zusammen mit den anderen in einer Scheune, die man nicht einmal Scheune nennen konnte, so baufällig war sie. Der einzige Unterschied zwischen ihr und einem Sklaven war, dass sie als eine Freie geboren war. Ihr Vater starb bei einer Schlacht und die Mutter verging so vor Kummer, dass sie ihm zu den Göttern folgte. Zumindest konnte man das annehmen, denn sie war eines Morgens einfach nicht mehr erwacht. Der Jarl nahm dies zum Anlass, einem gut verdienten Krieger die geräumige Hütte zu überlassen und Isa zu den Sklaven zu stecken. Ihr ganzer Besitz, den sie von ihren Eltern bekommen hätte, behielt der Schweineficker selbst ein. Niemand widersprach ihm, obwohl jeder sah, wie seine Frau nur einen Tag nachdem Isa ihre Mutter neben ihrem Vater begraben hatte, die schwere Goldkette trug, die Vater von einer Reise mitbrachte. Die Bewohner erkannten die Kette, aber niemand sagte etwas.

Niemand wagte es, sich gegen den Jarl und seine Frau zu stellen.

Nicht für Isa, die keine Familie und damit keinen Status mehr besaß.

Sie seufzte leise.

„Ich muss meine Arbeit erledigen, weil die Schlangenbrut mich im Auge hat. Bitte lass mich arbeiten, sonst schlägt mich die Herrin.“

Wieder kicherte er.

„Ich verwechsle dich nicht, Eltje. Ich weiß aber, dass du nicht mehr lange hierbleiben wirst.“

Sie erhob sich, das gerundete Messer, das sie dazu benutzte, um das Fett vom Fell zu trennen, immer noch in der Hand.

„Ach ja? Ich bin nicht viel mehr wert als ein Sklave, aber noch jung, um die Arbeit zu erledigen, die sonst niemand machen will. Wenn ich fliehen sollte, werden sie mich suchen. Und wo soll ich denn hin? Mich nimmt niemand auf. Oder erbarmt sich einer der Männer dazu, mich zur Frau zu nehmen?“

Sein Kichern war schauderhaft.

„Es wird ein Mann sein, der dich aufnimmt, aber er ist nicht von hier. Keine Sorge, niemand wird dich suchen, Eltje. Wenn du gehst, werden wir alle nicht mehr hier sein. Kein Oberer, kein Bauer, keine edle Frau. Nur du und eine Unwürdige. Eines rate ich dir. Lauf! Lauf um dein Leben!“

Das Kichern wurde zu einem tiefen, dröhnenden Lachen und Isa ging einige Schritte weg von diesem Mann.

So wie Tychon sich gerade gab, war er wohl in seiner irren Welt gefangen, aus der er seine Weissagungen holte.

Doch dann sah sie die Langschiffe, die sich schnell ihren Weg über den Fjord zum Dorf bahnten.

Das Messer, das zur Verteidigung völlig unbrauchbar war, fiel ihr aus der Hand, doch sie war nicht fähig, sich zu bewegen.

„Lauf, Eltje!“, lachte Tychon. „Sie sind hier, doch nicht wegen dir. Noch nicht. Lauf!“

Sie drehte sich um und rutschte auf dem Tierfett aus, dass sie neben sich aufgetürmt hatte.

„Angriff! Wir werden angegriffen!“, brüllte sie den Leuten entgegen.

Einen Moment fragte sie sich, warum niemand diese Flotte vorher sah. Es waren mindestens zwanzig Schiffe und die Segel leuchteten alle rot in der Sonne. Das muss doch aufgefallen sein?

Das Chaos, dass nun in der kleinen Stadt ausbrach, zeigte, dass wirklich niemand mit einem Angriff rechnete.

Was waren das für Krieger, die wohl aus dem Nichts kamen?

Die Männer bewaffneten sich endlich und die Frauen liefen in ihre Häuser, doch Isa rannte weiter. Sie konnte sich nicht in der Stadt verstecken. Wo sollte sie denn hin? In die Scheune, wo diese Krieger sie als Erstes erwischen würden? Nein, so dumm war sie nicht.

Isa rannte aus der Stadt hinaus in Richtung des Waldes, der früher üppig gewesen war. Nun standen nur noch einige Bäume dort, aber vielleicht konnte sie sich dort in einer Aushöhlung verstecken. Wenn sie weiter lief, kamen mehr Bäume. Sie betete zu den Göttern, dass sie rechtzeitig dort ankam.

Hinter ihr begannen die Kämpfe. Metall auf Metall schlug aufeinander und die Schreie der unzähligen Unschuldigen hallten bis zu ihr.

Keuchend erreichte sie die ersten Bäume und wagte einen Blick hinter sich.

Feuer loderte auf und riesige Rauchschwaden stiegen nach oben.

Lauf, Eltje.

Sie hörte Tychons Stimme, als ob er neben ihr stehen würde.

Einen Moment schrie sie erschrocken auf, doch dann rannte sie weiter.

So klein der Wald noch war, so dicht wuchsen seine Bäume. Einige Male musste sie seitlich zwischen zwei Bäume hindurch gehen und es schien immer dichter zu werden.

Das war gut. So konnte sie sicher sein, dass den Angreifern schwerfallen dürfte, ihr zu folgen.

Sie stolperte über eine Wurzel und fiel mit dem Gesicht in einem Haufen modriger Blätter. Kaum, dass sie sich aufrichten wollte, packte sie jemand am Arm und zog sie in einen stinkenden Blätterhaufen.

Zuerst wollte sie schreien, doch dann sah sie eine Frau vor sich, die ihren Finger an den Mund hielt.

„Noch sind sie nicht hier, aber sie werden kommen.“, flüsterte die Frau und Isa nickte.

„Hast du sie vor mir gesehen?“, fragte sie leise, doch die Frau schüttelte den Kopf.

„Tychon warnte mich. Schon vor einiger Zeit. Er kündigte dich an. Wir werden die Einzigen sein, die den Angriff überleben, meinte er. Ich glaube ihm.“

Isa nickte.

„Also warten wir?“

Die Frau nickte.

„Wir warten. Es wird Tage dauern, aber ich bin vorbereitet.“

Sie klopfte auf einen Sack, der gut gefüllt war.

Isa blinzelte kurz.

„Wäre es nicht besser, wir flüchten gleich?“

Nun schüttelte sie den Kopf.

„Dann laufen wir an ihnen vorbei.“

Isa riss die Augen auf.

„An wen?“

Nun lachte die Frau leise.

„An unseren Beschützern.“