𝟏.
Als ich tief seufze, ziehe ich den Duft von Minze in meine Lungen. Der ganze Wartebereich riecht danach. Als ein älterer Herr aufgerufen wird, wird ein Platz auf dem Sofa in der Ecke des Raums frei. Ich rutsche tiefer in das bequeme Sofa, schlage die Beine übereinander und hole sofort mein Handy hervor. Eine schlechte Angewohnheit von mir war es, zuallererst immer die E-Mail-App zu öffnen – und so auch diesmal, wo mir wieder sofort bewusst wird, dass mein Posteingang ein einziges Chaos ist.
Die neueste E-Mail-Kette von meinem Vorgesetzten, ließ mich daran zweifeln, ob er jemals von Work-Life-Balance gehört hatte. Ich hatte Patrick ausdrücklich gesagt, dass ich mir den Nachmittag freigenommen hatte, um zum Zahnarzt zu gehen, und trotzdem landeten fünf weitere E-Mails, alle als "dringend" markiert, auf meinem Bildschirm:
Hast du das Media-Reporting für die letzte Septemberwoche fertig?
Kannst du mir den Pitch-Entwurf für MetRonixx schicken?
Kannst du das morgen früh bitte als Erstes bearbeiten!
Ich verdrehte die Augen. Es war immer dasselbe. Ich schaltete mein Handy stumm, weil ich wusste, er könnte es sich tatsächlich erdreisten, mich auch noch anzurufen. Ich bin zwar auch ein Workaholic, aber so manche Grenzen musste es geben, ansonsten würde ich den Verstand verlieren. Der Wartebereich war um 16:00 Uhr halb voll, Leute schoben sich unruhig auf ihren Sitzen hin und warteten schläfrig – vermutlich, weil sie von ihrem genauso stressigen Arbeitstag erschöpft waren –, an die Reihe zu kommen.
Im Hintergrund spielt leise Jazzmusik. Die Praxis in der Münchner Innenstadt war ganz anders als das, was ich sonst aus meinem Dorf im Rheinland gewohnt war. Normalerweise hingen im Wartebereich die amateurhaften Naturfotos in billigen Kunststoffrahmen an den Wänden; Fotos, die der Zahnarzt bei seiner letzten Reise ins australische Outback geknipst hat. Aber hier war alles wunderschön eingerichtet und aufeinander abgestimmt. Kleine Skulpturen hingen an den Wänden, goldene Lichtquellen im ganzen Raum und hübsche, gepolsterte Sessel. Es hatte alles einen beruhigenden und harmonischen Flair.
Draußen, hinter den großen Altbau-Fenstern, zeigte sich München im typischen Oktobergrau – dicke Wolken hingen schwer am Himmel, ein leichter Nieselregen bedeckte den Asphalt. Der Grund, warum ich beim Zahnarzt bin, ist eigentlich ziemlich banal, aber ich habe bemerkt, dass mein Zahnfleisch ziemlich stark blutet, sobald ich eine Zahnbürste in den Mund nehme. Das wollte ich mal überprüfen lassen. Ich hätte schon vor Monaten zu einer Zahnreinigung kommen sollen, aber die Arbeit hatte sich aufgestaut. Mein Handy vibrierte, diesmal eine Benachrichtigung einer Dating-App, die ich wahrscheinlich schon mehrere Wochen nicht mehr geöffnet hatte.
Du hast 12 Matches mit Gold-Mitgliedern, mach' den ersten Schritt...
Mit einem genervten Seufzen wischte ich die Benachrichtigung weg. Auf keinen Fall, dachte ich. Es war ohnehin immer das Gleiche. Kurzum: Ich deinstallierte die App, ohne mit der Wimper zu zucken. Heutzutage gab es nur noch zwei Möglichkeiten, wie ein Kennenlernen auf Dating-Apps verlief: Entweder man schrieb mit einem netten Typen, und wenn es dann dazu kam, dass man sich trifft „kam was dazwischen". Das zweite Szenario ist: Man schreibt viel mit jemandem, tauscht sogar Nummern aus, nur damit dann die Konversation im Sand verläuft und irgendwann Funkstille herrscht, obwohl man noch vor ein paar Tagen bis tief in die Nacht gute Gespräche hatte. Wenn sich bei mir nach zwei Tagen jemand nicht mehr meldete, landete der Chatverlauf im Mülleimer, so wie die Hälfte meiner Arbeits-E-Mails, die mich täglich erreichten.
"Frau Brillovich?" Eine männliche Stimme in der Ferne holte mich aus meinen Gedanken. Ich schaute auf und sah einen Zahnarzthelfer im Türrahmen, der mich abholen kam und mich ins Behandlungszimmer führte. Ich durfte meine Tasche auf einen kleinen Hocker legen. Danach lasse ich mich in den großen Sessel hineingleiten und warte auf den Arzt.
"Frau Brillovich?", höre ich erneut meinen Namen, nun von dem Arzt, der hereintritt. Doch anstelle meines gewohnten Zahnarztes, Herrn Rubinstein, einem stoisch aussehenden, verschwiegenden Mann in seinen frühen Sechzigern, steht plötzlich ein junger Arzt vor mir.
"Ich bin Dr. Benjamin Rubinstein," stellte sich der brünette Mann vor und reichte mir seine Hand.
"Ich habe gesehen, dass Sie schon eine Weile nicht mehr hier waren. Ich soll bald offiziell die Nachfolge in der Praxis antreten.", erklärte er.
"Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass ich Sie heute behandle?", vergewisserte er sich bei mir.
"Nein, natürlich nicht. Es macht mir nichts aus", antworte ich freundlich. Wir verlieren keine Zeit und ich erkläre ihm mein Problem mit dem blutenden Zahnfleisch. Er wirft einen Blick darauf, piekst ein wenig mit seinem stumpfen Werkzeug in mein Zahnfleisch und diktiert dem Zahnarzthelfer ein paar Zahlen, die er in den Computer eintippt.
"Sie haben gar keine Füllungen, keine einzige Brücke", bemerkt er überrascht. War das etwa so selten, fragte ich mich. Ansonsten hat er jedoch wenig zu sagen, während er mit seinem Finger über mein Zahnfleisch streift. Es fühlt sich wortwörtlich so an, als würde er meinen Mund fingern mit diesen scheußlich schmeckenden, blauen Plastikhandschuhen. Aber nach kurzer Zeit ist es vorbei.
Als ich mich wieder aufsetzen darf, fällt mir sein überfreundliches Lächeln auf. Es wirkt etwas befremdlich, vor allem, weil ich ihn zum ersten Mal sehe. Bei näherer Betrachtung jedoch, musste ich zugeben, dass er recht attraktiv war. Ich schätze ihn auf Mitte oder Ende zwanzig, also ungefähr in meinem Alter. Das weiße, kurzärmelige Polohemd sitzt straff um seinen Bizeps. Er scheint regelmäßig trainieren zu gehen. Seine Haut ist strahlend hell, sein Haar leicht lockig und braun. Außerdem fällt mir auf, dass er seinem Vater überhaupt nicht ähnlich sieht.
Er ist zu attraktiv, um einfach nur Arzt zu sein. Er müsste eher YouTube-Videos über Medizin drehen oder in einer Arzt-Serie mitspielen, denke ich heimlich, und fühle mich etwas eingeschüchtert, in seiner Nähe zu sein. Hätte ich mir doch wenigstens eine etwas hübschere Bluse angezogen und vor dem Termin mein Make-up aufgefrischt.
"Wie ernähren Sie sich?", mein Gedankenfaden reißt ab, als er mir plötzlich diese Frage stellt.
"Ich achte sehr auf meine Ernährung, allerdings könnte ich wohl etwas mehr Fleisch oder Fisch essen“, füge ich mit einem Schulterzucken hinzu.
"Rauchen Sie?", fragt er weiter.
"Nein", antworte ich, fast schon schockiert über solch eine Unterstellung.
"Trinken Sie viel Kaffee oder starken Tee?", fährt er fort.
"Nein, mein Herz würde das nicht aushalten", scherzte ich über mich selbst, damit sein, mir fast schon unnatürlich vorkommendes, Lächeln etwas angenehmer wird. Seine braunen Augen scheinen mich bei jeder weiteren Antwort anzufunkeln. Obwohl seine Grübchen wirklich süß sind, wenn er lächelt.
"Ich sehe eine deutliche Reizung am Zahnfleisch, aber ich glaube nicht, dass Ihr Zahnfleisch sich zurückbildet. Ich tippe erst einmal auf einen Vitamin-D-Mangel."
"Wahrscheinlich nicht, mein Hausarzt hat mir bereits vor ein paar Monaten Tropfen verschrieben und wir haben erst vor ein paar Monatten ein großes Blutbild gemacht", grätsche ich vorsichtig hinein, um nicht wie eine Besserwisserin dazustehen. Ich wollte ihm damit nicht auf den Schlips treten. Der arme Kerl hatte wohl keine weiteren Ideen mehr, woran es noch liegen könnte, denn er verstummte für einen Moment.
"Hm...", er verzieht den Mund nachdenklich.
"Was machen Sie beruflich? Sind Sie häufig gestresst?"
Tja, da hat er mich. Ich lächle etwas ertappt und schaue betreten, muss aber deutlich nicken.
"Sehen Sie, langfristiger Stress kann das Gleichgewicht der Bakterien im Darm stören. Es gibt neuere Studien, die belegen, dass unser gesamtes Immunsystem mit dem Darm verbunden ist. Ich vermute, dass das die Ursache des Problems ist", erklärte er mir ruhig. Ich hatte schon mal etwas über die Verbindung von Darm und Immunsystem gelesen, und seine Erklärung ergab für mich in diesem Moment sehr viel Sinn. Trotzdem überraschte es mich, dass er so gut informiert war. Normalerweise sind das Informationen, die ich sonst von einer befreundeten Heilpraktikerin hörte. Auf der anderen Seite, war nichts verwunderlich daran, dass er so viel wusste: Er hatte wahrscheinlich erst vor Kurzem sein Studium abgeschlossen und die neuesten Studien noch im Kopf.
"Und ich dachte, Sie meditieren, um Stress abzubauen", sagte er plötzlich und warf mir einen seltsamen Seitenblick zu. Da war es wieder, dieses Glitzern in seinen Augen, sobald er mich ansah. Ein leichtes Lächeln huschte über seine vollen Lippen.
Bildete ich mir das nur ein?
Sobald er das erwähnte, strafte ich mich heimlich in Gedanken, denn es war tatsächlich schon einige Wochen her, dass ich bei meinem Meditationskurs war. Mir kam immer wieder was dazwischen.
Er rollt in seinem niedrigen Stuhl weg und lässt mich aufstehen.
"Oh...ja, das mache ich", nicke ich sofort, stehe auf und stöckele in meinen hohen Schuhen zu dem Hocker, auf dem ich meine Tasche stehen gelassen habe.
"Ich schreibe Ihnen eine spezielle Mundspülung auf, und versuchen Sie, Ihren Stresspegel zu senken. Zahnreinigungen helfen natürlich auch, um die Bakterienlast zu senken. Einen Termin für die nächste Zahnreinigung können Sie dann vorn an der Rezeption vereinbaren", sagt er zeremoniell. Sein Lächeln ist plötzlich verblasst, als er sich bei mir verabschiedet. Komisch.
"Siehst du, es ist alles nur halb so schlimm," spreche ich mir in Gedanken ruhig zu und hole meinen Mantel von der Garderobe. Während ich an der Rezeption stehe, in meinen Mantel schlüpfe und aus meiner Tasche mein Handy hervorhole, dämmert es mir plötzlich: Ich habe ihm doch nie gesagt, dass ich meditiere.
Woher wusste er das?