Prolog
Ellie.
Ich hatte James Abbott jahrelang regelrecht gefressen. Wir gingen als Teenager auf dieselbe Privatschule und er war der Rivale meines Bruders. Er war der Grund, warum mein Bruder im letzten Jahr nicht im Football-Team mitspielen durfte. Er war der Feind, ein absolutes Arschloch, das sich nur um sich selbst und seine feine Familie scherte. Selbst nach acht Jahren lagen James und Gavin immer noch im Clinch. Zwei erwachsene Männer von sechsundzwanzig Jahren hassten sich noch immer wie am ersten Tag. Sie wollten immer dasselbe. Die gleichen Frauen, die gleiche Karriere, die gleiche Position beim Football; aber nicht jeder konnte Quarterback sein.
Natürlich war James der Liebling der Schule, weil seine Familie so viel Geld in die Programme dort steckte. Also ging Gavin trotz seines Talents leer aus. Jetzt arbeiten beide für dieselbe Anwaltskanzlei und streiten sich ständig um die großen Fälle, die sie bekommen.
Niemand auf der Welt konnte den Hass verstehen, den die beiden füreinander empfingen – außer mir. Ich habe alles mitbekommen. Ich war das Ziel vieler Witze von James, weil er wusste, dass es Gavin störte, wenn seine kleine Schwester fertiggemacht wurde, weil sie etwas mehr auf den Rippen hatte. Wie sich herausstellte, hatte ich massive Schilddrüsenprobleme, die mein Gewicht während der Highschoolzeit stark beeinflussten.
Zum Glück bekam ich direkt nach dem Abschluss ein fantastisches Praktikum in New York und haute aus Colorado ab, sobald sich die Gelegenheit bot. Ich habe nicht zurückgeblickt, außer zu Weihnachten oder Thanksgiving und ab und zu einem Ausflug im Sommer. Aber in dieser Zeit musste ich James Abbott nie begegnen.
Bis jetzt.
„Was ist passiert?“, fragte ich meine Mutter, als ich panisch und voller Angst in das Krankenzimmer stürmte.
Ich war in New York, als ich den Anruf über Gavins Unfall bekam. Ich hatte kaum Informationen, aber meine Mutter hatte am Telefon nur geweint und es klang schlimm. Sie hatte die letzten zwei Tage im Krankenhaus an Gavins Seite verbracht, bis ich es endlich geschafft hatte, nach Hause zu fliegen, um bei ihr zu sein.
„Ein betrunkener Fahrer“, sagte sie leise, während sie neben meinem Bruder saß und sanft seine Hand hielt. „Er fuhr spät abends von der Arbeit nach Hause, als der andere Wagen in den Gegenverkehr geriet und frontal mit ihm zusammenstieß.“
Ich hielt mir den Mund zu, als ich meinen Bruder im Krankenhausbett betrachtete. Er war blass und an unzählige Schläuche angeschlossen. Es war ein schrecklicher Anblick und sah nicht gut aus. Er war übel zugerichtet.
Schließlich fand ich einen Stuhl und starrte auf Gavin, bevor ich mich räusperte: „Wird er es schaffen?“
„Ich weiß es nicht, Elizabeth“, meine Mutter rang um Worte und es war offensichtlich, wie sehr sie mitgenommen war. „Er braucht eine Bluttransfusion... Das Krankenhaus hat keine Spender mit O negativ, und ohne die Transfusion stehen die Chancen schlecht, dass er durchkommt.“
Blutgruppen waren noch nie meine Stärke gewesen. Ich wusste, dass Gavin eine seltene Blutgruppe hatte, aber wir waren Geschwister. Konnte ich ihm nicht irgendwie helfen?
Es war fast so, als hätte meine Mutter meine Gedanken gehört: „Der einzige Spender, der für Gavin infrage kam, war dein Vater... Du und ich, wir haben beide A positiv.“
„Dann müssen wir einen Spender finden!“, forderte ich, sprang auf und fuhr mir frustriert durch die Haare. „Hat das Krankenhaus denn keine Liste mit Einwohnern hier, die O negativ haben? Es muss doch jemanden geben. Was ist mit der Verwandtschaft? Freunden? Wir fragen einfach jeden.“
Meine Mutter seufzte, schüttelte den Kopf, hielt sich das Gesicht mit den Händen und schluchzte leise. „Ich habe jeden gefragt, der mir in den Sinn kam. Wirklich jeden, Elizabeth. Das Krankenhaus darf die Daten der Leute hier in der Gegend mit seiner Blutgruppe nicht herausgeben. Das ist streng vertraulich.“
Ich stand eine gefühlte Ewigkeit schweigend da. Es musste eine Lösung geben; wir konnten meinen Bruder nicht einfach sterben lassen. Er hatte noch so viel vor im Leben, das konnte nicht das Ende sein. Ich konnte nicht zulassen, dass seine Geschichte hier endet.
Ohne lange nachzudenken, rannte ich aus dem Zimmer zum nächsten Schwesternstützpunkt. Ich sah die dunkelhaarige Krankenschwester hinter dem Tresen fragend an: „Hallo, ich bin Elizabeth Paige. Mein Bruder Gavin Paige liegt in Zimmer 319. Meine Mutter meinte, er braucht eine Bluttransfusion, und mein Onkel Frank sagte, er könnte ein passender Spender sein. Könnten Sie ihn in Ihrer Datenbank oder was auch immer Sie benutzen, nachschlagen? Er hat sein Blutbild seit den Dreißigern, als er hier in Colorado wohnte, nicht mehr prüfen lassen.“
„Natürlich, Süße. Lass mich mal in unserer Liste nachsehen.“ Sie fing an, auf dem Computer zu tippen, und scrollte langsam, was mich wahnsinnig machte. Ich trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Tresen und sah mich nach einer Ablenkung um – irgendetwas, um die Schwester vom Bildschirm wegzulocken. Sie blickte auf: „Wie ist der Nachname deines Onkels?“
Ich hob die Brauen und dachte mir schnell einen Nachnamen für meinen erfundenen Onkel Frank aus: „Äh... Silver. Frank Silver.“
Die Krankenschwester schnalzte mit der Zunge, und die Stille war ohrenbetäubend. Mein Blick fiel auf den Feueralarm im Flur. Ich ging langsam darauf zu, während die Schwester weiter suchte. Ich war nie ein rebellischer Mensch gewesen; ich hielt mich an Regeln und respektierte Autoritäten, aber Regeln würden das Leben meines Bruders nicht retten.
Als ich den Feueralarm erreichte, schaute ich mich um, um sicherzugehen, dass niemand zusah. Dann zog ich daran. Das schrille Geräusch hallte durch das ganze Krankenhaus und löste helle Aufregung aus. Als ich zum Tresen zurückblickte, war dieser wie erhofft leer. Ich rannte zum Computer zurück und scannte den Bildschirm nach einem Namen, den ich überzeugen könnte, für meinen Bruder zu spenden.
Der Nachname Silver stand oben in der Suchleiste, aber es gab keine Treffer, nur Vorschläge für ähnliche Namen. Meine Augen blieben an dem obersten Namen hängen und ich starrte ihn schockiert an. Ich wusste: Wenn es eine Person auf dieser Welt gab, von der ich Hilfe brauchte, dann würde er sie mir ganz sicher nicht geben.
James Abbott. O negativ.