Der Fluch des Alpha (Schatten von Vaelderen 1)

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Zusammenfassung

Lily Breighton würde alles tun, um ihren sterbenden Vater zu retten – selbst das verbotene Werwolf-Territorium zu betreten, um eine legendäre Heilpflanze zu finden. Doch als sie vom verfluchten Alpha des Rudels erwischt wird, schließt sie einen gefährlichen Pakt: Ein Jahr als Heilerin seines Rudels im Austausch für das Heilmittel. Während Lily versucht, das Leid des Rudels zu lindern, verschwimmen die Grenzen zwischen Heilerin und Patient, und sie erkennt, dass der Bruch eines Blutfluchs sie mehr kosten könnte als nur ihre Freiheit – er könnte ihr Herz kosten.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
52
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Altersfreigabe
18+

Trespassing

Die Luft hier fühlte sich falsch an.

Schwer. Dunkel. Es war, als würden die verdrehten Äste über mir mit greifenden Fingern nach mir verlangen. Sie wollten mich tiefer in ein Gebiet ziehen, in dem ich nichts zu suchen hatte. Die Moorfrost Reaches waren für Menschen schon in den sicheren Zonen gefährlich genug. Und das hier war definitiv keine davon.

Ich zog meinen Umhang fester um mich, eher für das Gefühl als gegen die Kälte. Das seltsame, blau schimmernde Polarlicht am Nordhimmel warf einen unheimlichen Glanz auf den Schnee. Die Schatten wirkten dadurch tiefer und dunkler. Fast lebendig.

„Finde einfach die Blume und verschwinde wieder“, flüsterte ich mir selbst zu. Doch die unnatürliche Stille schluckte meine Worte sofort. „Ganz einfach.“

Nichts war einfach daran, unbefugt das Territorium der Werwölfe zu betreten. Schon gar nicht diesen Teil ihres Landes, in den sich selbst die Werwölfe kaum trauten. Aber ich hatte überall sonst gesucht und Vater ging es immer schlechter. Das Rasseln in seiner Brust wurde tiefer, das Fieber stieg. Seine Haut wurde grau, was meine Heilerinstinkte schrill Alarm schlagen ließ.

Ich brauchte Frost's Heart. Das ist eine seltene Blume, die nur dort blüht, wo unter der ewigen Kälte der Reaches Magie fließt. In den alten Büchern aus Vaters Bibliothek stand, dass sie starke Heilkräfte besitzt. Man muss sie nur finden und bereit sein, alles zu riskieren.

Tja, genau das tat ich gerade: Ich riskierte alles.

Hinter mir knackte ein Ast. Mein Herz raste, als ich mich herumwirbelte. Doch zwischen den alten Bäumen waren nur Schatten. Aber die Stille fühlte sich plötzlich anders an. Beobachtend. Wartend.

Ich zwang mich weiterzugehen und folgte der leichten Wärme unter dem Schnee. Meine Gabe war nicht nur zum Heilen da. Ich konnte spüren, wie Energie durch Lebewesen fließt, und sah die Fäden der Macht in der Natur. Irgendwo vor mir war definitiv etwas. Eine Wärmeinsel, die nicht in diese gefrorene Landschaft passte.

Wieder ein Geräusch, diesmal näher. Das Knirschen von Schnee unter etwas Schwerem.

Ich wurde schneller und versuchte gar nicht erst, leise zu sein. Die Hitze wurde stärker. Dann sah ich ein schwaches blaues Leuchten durch die Bäume. Es hatte dieselbe Farbe wie das Polarlicht, aber konzentrierter und reiner.

Frost's Heart. Das musste es sein.

Ich fing an zu rennen und kämpfte mich durch den tiefen Schnee. Die Bäume wurden lichter und gaben den Blick auf eine kleine Lichtung mit einem dampfenden Teich frei. Und dort, am Rand im warmen Nebel, wiegten sich Dutzende leuchtend blaue Blumen in einem Wind, den ich nicht spüren konnte.

„Gott sei Dank“, hauchte ich und wollte gerade losgehen.

Ein Knurren ließ mich wie angewurzelt stehen bleiben.

Es war kein normaler Wolf. Das Geräusch war tiefer und dunkler. Es vibrierte in meinen Knochen und mein Instinkt schrie mir zu, wegzulaufen. Aber weglaufen bedeutete den Tod. So viel wusste ich über Wölfe.

Stattdessen drehte ich mich ganz langsam um.

Er trat aus den Schatten wie ein Stück lebendig gewordene Dunkelheit. Er war riesig, viel größer als jeder normale Wolf. Schwarzes Fell spannte sich über kraftvolle Muskeln. Silberne Strähnen in seiner Mähne fingen das Licht ein. Aber seine Augen hielten mich gefangen – geschmolzenes Gold mit schwarzen Ringen, voller Intelligenz. Das war kein Tier.

Nicht nur ein Wolf. Ein Alpha. Und nach der verdorbenen Magie zu urteilen, die von ihm ausging, war er verflucht. Als ob die Situation nicht schon gefährlich genug wäre, musste ich auch noch in einen Fluch hineingeraten.

„Ich...“ Meine Stimme versagte. Ich schluckte und versuchte es noch einmal. „Ich weiß, dass ich unbefugt hier bin. Es tut mir leid.“

Wieder ein Knurren, das fast wie ein Lachen klang. Dunkler Nebel wirbelte um ihn herum. Ich stolperte zurück, als er sich verwandelte. Die Verwandlung war nicht geschmeidig. Ich hatte noch nie einen Werwolf beim Gestaltwechsel gesehen, aber das hier sah schmerzhaft und falsch aus. Sein Körper schien gegen sich selbst zu kämpfen. Als es vorbei war, stand ein Mann vor mir.

Wobei „Mann“ es kaum traf. Er war gewaltig und überragte mich bei weitem. Sein Körper wirkte wie aus reinen Muskeln gemeißelt. Schwarzes Haar mit Silberfäden fiel ihm wild über die Schultern. Narben von Ritualen bedeckten seine breite Brust. Sie erzählten von Macht und Schmerz. Trotz der bitteren Kälte trug er nur eine zerrissene schwarze Hose, die tief auf seinen Hüften saß. Kleidung schien für das Biest in ihm nur Nebensache zu sein.

Aber sein Gesicht... Gott steh mir bei. Er hatte scharfe Wangenknochen und einen harten Kiefer mit Stoppeln. Sein Mund wirkte grausam und doch sinnlich. Und diese Augen... sie waren immer noch wolfsgolden mit schwarzen Rändern, voller Wut und Hunger. Er betrachtete mich wie ein Raubtier seine Beute.

Jede Faser seines Körpers strahlte tödliche Eleganz und Gewalt aus. Es war, als wäre etwas Wildes in eine Menschenform gezwungen worden. Die rohe Kraft ließ mein Herz rasen. Meine Heilmagie regierte sofort auf die verfluchte Energie, die von ihm ausging.

„Es tut dir leid?“, fragte er. Seine Stimme war rauh, als würde er sie selten benutzen. „Du kennst die Strafe für Eindringlinge in diesem Land, kleine Heilerin.“

Wie er „Heilerin“ sagte, ließ mich zusammenzucken. „Woher wissen Sie...“

„Ich kann es riechen. Kräuter. Magie.“ Seine Nasenflügel bebten. „Macht.“

Er kam auf mich zu und ich musste mich zwingen, nicht wegzurennen. „Ich wollte nur die Blume. Mein Vater stirbt. Bitte.“

„Bitte?“ Ein dunkles Lachen entwich ihm, so kalt wie der Schnee unter meinen Füßen. „Glaubst du, dein Vater interessiert mich? Oder deine Gründe?“ Er machte noch einen Schritt. „Du hast mein Territorium betreten. Die Strafe ist der Tod.“

Das letzte Wort klang voller Kraft, aber darunter spürte ich etwas anderes. Schmerz. Ein tiefer, fressender Schmerz ging in Wellen von ihm aus. Der Fluch fraß ihn bei lebendigem Leib auf.

Ich machte mich gerade und tat tapferer, als ich war. „Warum lebe ich dann noch? Sie hätten mich sofort töten können.“ Ich sah ihm direkt in die Augen. „Vielleicht können wir ein Geschäft machen. Wie Sie sagten, ich bin Heilerin. Und ich glaube, Sie brauchen Hilfe. Habe ich recht?“

Er wurde ganz still. Es war die Art von Stille, die kurz vor einem Angriff kommt. Aber ich musste weitermachen. Für mich und für meinen Vater. Wenn dieses Biest mich tötete, würde auch mein Vater sterben.

„Ich spüre es“, fuhr ich schnell fort, bevor er mich zum Schweigen bringen konnte. „Sie sind verflucht. Ich fühle es ganz deutlich.“

Er schwieg weiter, also deutete ich auf die Blumen. „Machen wir einen Deal. Ich heile Sie. Dafür bekomme ich eine dieser Blumen, um meinen Vater zu retten.“

Diesmal lachte er noch bitterer. „Mich heilen?“ Er überbrückte den Abstand zwischen uns mit zwei Schritten und baute sich vor mir auf. „Glaubst du wirklich, du kannst so einen Fluch einfach heilen?“

„Ich...“

„Das ist keine einfache Magie, die man mit Kräutern und ein bisschen Handauflegen wegbekommt, kleines Mädchen. Das ist Blutmagie. Uralt und mächtig.“

Bei diesen Worten schoss mir Eis durch die Adern. Blutmagie. Das ist die dunkelste Form der Macht. Sie verdirbt den Zauberer und das Opfer gleichermaßen und breitet sich in der ganzen Familie aus. So etwas lässt sich nie ganz rückgängig machen.

Mein Instinkt schrie: Lauf weg! Doch seine nächsten Worte ließen mich erstarren.

„Und es betrifft nicht nur mich. Mein ganzes Rudel leidet darunter.“

Der Schmerz, der von ihm ausging, wurde stärker. Es war nicht nur sein eigener Schmerz. Ich konnte jetzt spüren, wie Fäden des Leids in die Dunkelheit reichten. Sie verbanden ihn mit anderen – mit seinem Rudel. Die Blutmagie floss durch sie alle und vergiftete ihre heiligen Bande.

„Dann lassen Sie mich ihnen auch helfen.“ Ich hob das Kinn und unterdrückte die Angst vor der dunklen Magie. Ich wollte leben, und mein Vater sollte auch leben. Dafür würde ich alles tun. „Ich kann den Fluch vielleicht nicht brechen, aber ich spüre Ihren Schmerz. Ich könnte das Leid lindern. Es erträglicher machen.“

Etwas flackerte in seinen Augen auf. Hoffnung? Verzweiflung? Es war zu schnell wieder weg.

„Drei Monate“, schlug ich vor. „Ich bleibe drei Monate und helfe.“

„Ein Jahr.“ Das Gegenangebot kam sofort. Er duldete keinen Widerspruch. „Du bleibst ein ganzes Jahr.“

Mein Herz zog sich zusammen. Würde Vater so lange durchhalten? Aber ohne die Blume würde er sowieso sterben.

„Ich habe Bedingungen“, sagte ich so fest ich konnte. „Erstens: Mein Vater bekommt die Frost's Heart sofort. Heute noch. Ich bleibe nur, wenn er sicher geheilt wird.“

Er kniff die Augen zusammen. „Und welche Garantie habe ich, dass du nicht abhaust, sobald dein Vater gesund ist?“

„Sie sind ein Alpha. Machen Sie einen Bluteid daraus. Binden Sie mich an mein Wort.“ Der Vorschlag war gefährlich, aber er musste mir vertrauen. „Ich schwöre, ein Jahr zu bleiben, wenn Sie meinem Vater die Heilung schicken.“

Er musterte mich lange mit schiefgelegtem Kopf, wie ein Wolf es tut. Schließlich nickte er. „Abgemacht. Ein Bluteid. Aber merk dir eins, kleine Heilerin: Wenn du ihn brichst, werden die Folgen schrecklich sein.“

Ich zitterte innerlich. „Ich verstehe. Ich muss ihm einen Brief schreiben und alles erklären. Schicken Sie ihn mit der Blume...“

„Der Fluch fesselt uns an dieses Gebiet“, unterbrach er mich hart. „Niemand aus meinem Rudel kann die Grenzen überschreiten.“

Mutlos fragte ich: „Wie soll es dann gehen?“

„Es gibt andere, die Nachrichten überbringen. Händler. Leute, die es wagen, mit verfluchten Wölfen Geschäfte zu machen.“ Er verzog angewidert die Lippen. „Ich werde dafür sorgen, dass der Brief, die Blume und Vorräte für das Jahr deinen Vater erreichen.“

Die Art, wie er über Fremde sprach, ließ tief blicken, aber jetzt war nicht die Zeit für Fragen. „Danke.“

„Dank mir noch nicht.“ Er hob die Hand. Eine Kralle schoss aus einem Finger hervor, scharf und schwarz. „Zuerst der Eid. Dann werden wir sehen, ob du lange genug lebst, um diesen Handel zu bereuen.“

Ich starrte auf die Kralle und dann in seine Augen. „Noch eine Sache. Ich will Ihr Wort, dass mir weder von Ihnen noch von Ihrem Rudel Leid zugefügt wird.“

Wieder dieses dunkle Lachen. „Mutige kleine Heilerin, stellt Forderungen an einen Alpha.“ Er trat so nah heran, dass ich den Kopf in den Nacken legen musste. „Na gut. Du hast mein Wort. Dir wird von meinem Rudel kein Haar gekrümmt.“

Er hielt mir die andere Hand hin. Ich zögerte kurz und reichte ihm dann meine.

Seine Kralle drückte gegen meine Handfläche, ritzte sie aber noch nicht. „Ein Bluteid braucht drei Dinge: Blut, Absicht und Macht.“ Seine Stimme klang jetzt wie bei einem Ritual. „Bist du sicher? Mit Blutmagie spielt man nicht.“

Blutmagie benutzen, um einen Deal über die Heilung von Blutmagie zu besiegeln. Was für eine Ironie. Aber ich nickte. „Ich bin sicher.“

„Dann sprich deinen Eid.“

Ich atmete tief durch und versuchte zu ignorieren, wie warm sich seine Haut anfühlte. „Ich, Lily Breighton, schwöre, ein volles Jahr in diesem Gebiet zu bleiben. Ich werde Ihrem Rudel nach besten Kräften helfen.“ Die Worte fühlten sich schwer und voller Macht an.

Die Kralle drückte tiefer und es stach, als sie die Haut ritzte. „Und ich, Dante Valenar, Alpha des Guardian Pack, schwöre, dass dein Vater die Blume und Vorräte erhält. Ich garantiere für deine Sicherheit, solange dein Eid gilt.“

Dante. Der Name passte zu ihm. Dunkle Magie wirbelte um unsere Hände, als sich unser Blut vermischte. Mir stockte der Atem. Es fühlte sich an, als würden Eiskristalle in meinen Venen wachsen. Aber da war noch etwas anderes: Eine plötzliche Hitze breitete sich in meinem Körper aus.

Die Magie des Fluchs erkannte mich jetzt an. Sie band mich. Ich spürte sie wie einen zweiten Puls unter der Haut. Eine Verbindung zu ihm und seinem Land war entstanden. Mir wurde schwindelig. Seine freie Hand packte meine Schulter, um mich zu stützen. Bei der Berührung durchfuhr mich wieder diese seltsame Hitze.

Er knurrte und ließ mich grob los, als hätte er es auch gespürt.

Ich starrte auf den kleinen Schnitt in meiner Hand. Er verheilte bereits, aber ein silbernes Mal blieb zurück – wie ein kleiner Mond auf meiner Haut. Es war die Erinnerung an meinen Eid. Die Magie setzte sich in mir fest und verband sich mit meiner eigenen Kraft. Es fühlte sich an, als hätte sich etwas Grundlegendes in mir verändert.

Er starrte auf das Mal. „Es ist vollbracht, kleine Heilerin.“ Seine Augen glänzten zufrieden, auch wenn seine Stimme angestrengt klang. Beeinflusste der Eid ihn auch? „Versuch einfach, nicht zu schnell zu sterben.“

Dann verwandelte er sich wieder in einen Wolf – wieder dieser schmerzhafte Vorgang. Er jaulte so laut, dass die Bäume bebten. Aus der Dunkelheit antworteten andere Wölfe. Ich spürte jeden Schrei durch unser neues Band. Das Rudel. Ich war jetzt mit ihnen allen verbunden.

Worauf hatte ich mich da nur eingelassen?

Ich blickte zurück zu den Frost's Heart Blumen. Ihr blaues Leuchten war ein starker Kontrast zu den Schatten. Es tut mir leid, Vater. Bitte halte noch ein bisschen durch.

Dantes Knurren schreckte mich auf. Er wartete am Rand der Lichtung. Sein Blick sagte deutlich: Folge mir oder stirb. Sogar als Wolf konnte ich ihn jetzt durch das Band spüren – seine rohe Gewalt und seine Macht.

Ich holte tief Luft, ließ die Blumen hinter mir und ging meinem Schicksal entgegen.

Das würde ein verdammt langes Jahr werden.