Kapitel 1 - Skepsis
Ein eisiger Windstoß durchzieht das Café, als die schwere Holztür mit einem dumpfen Geräusch aufgestoßen wird. Schneeflocken tanzen kurz durch den Raum, bevor die Tür wieder ins Schloss fällt. Ein Student tritt ein, stampft den Schnee von seinen Schuhen und streift die Kapuze seiner Jacke zurück. Es ist tiefster Winter, die Tage kurz und grau, die Nächte endlos und klirrend kalt. Die Semesterferien stehen kurz bevor, und die Stimmung auf dem Campus ist gespalten. Die einen zählen sehnsüchtig die Tage, bis sie endlich nach Hause fahren können. Die anderen – die, die bleiben – planen heimlich den traditionellen Neujahrsstreich oder nutzen die Ruhe, um sich in die Bibliothek zurückzuziehen.
An der Bright Falls Universität bleiben meist nur zwei Arten von Studenten über die Ferien: Diejenigen, die es sich leisten können – oft Kinder stinkreicher Eltern, die sowieso selten Zeit für sie haben – und die, die sich keine freien Tage leisten können. Zu letzteren gehöre ich. Während die meisten Studenten ihr Studium von wohlhabenden Eltern finanziert bekommen, bezahle ich jede Vorlesung, jedes Buch und jede Mahlzeit selbst. Kein milliardenschwerer Familienbetrieb schiebt mir das Geld in den Hintern. Ich arbeite hier im Campus-Café, um mir mein Studium zu ermöglichen – eine Realität, die viele hier nicht einmal aus Filmen kennen.
Die Gestalt an der Tür ist mir vertraut. Es ist Jasper, mein bester Freund. Mit einem Lächeln, das trotz der Kälte warm wirkt, kommt er auf mich zu. Seine dicke Jacke trägt er über der Schulter, sein Blick suchend, bis er mich hinter der Theke entdeckt. Jasper ist ein echter Nerd – ein wandelndes Lexikon, ein Logikgenie und dazu noch ein herzensguter Mensch. Sein Vater mag ein Raumfahrtunternehmen leiten, aber Jasper selbst ist alles andere als abgehoben. Er war der erste, der mich hier an der Uni willkommen hieß, als ich noch unsicher und verloren war. Während andere sich kaum die Mühe machten, mich wahrzunehmen, kam Jasper auf mich zu, reichte mir die Hand und lud mich zum Mittagessen ein. So begann unsere Freundschaft.
„Na, Lieblingsbarista, wie läuft's heute?" fragt er mit einem Augenzwinkern und lehnt sich locker an die Theke.
Ich schnaube erschöpft und lasse das Geschirrtuch, das ich gerade benutzt habe, neben der Kaffeemaschine liegen. „Beschissen", gebe ich ehrlich zurück und beuge mich ein Stück vor. „Seit Tagen sehe ich sie, Jasper. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe. Sie liegt da, blutüberströmt. Es lässt mich nicht los. Ich habe kaum geschlafen."
Jasper nickt langsam, seine Stirn legt sich in nachdenkliche Falten. „Ich kann das gut nachvollziehen. Das muss schrecklich sein. Ich meine, wenn ich meine Mitbewohnerin plötzlich tot auffinden würde... ich will mir das gar nicht vorstellen."
Meine Hände finden automatisch das nächste Geschirrtuch, während ich die Tassen trockne, die ich vorhin abgespült habe. „Die Polizei sagt, es war Selbstmord. Aber der Bericht ist vage, Jasper. Und Sheriff Adams? Der tut so, als würde ich ihn nerven, wenn ich nachfrage."
„Aber wenn es Selbstmord war... was willst du dann noch wissen?" Jasper hebt eine Augenbraue. „Die Polizei soll den Ablauf klären, nicht den Grund. Die Wahrheit ist doch: Manchmal gibt es keinen klaren Grund."
„Ich weiß." Meine Stimme wird brüchig. „Aber irgendwas fühlt sich falsch an, Jasper. Da ist etwas, das sie übersehen haben. Irgendein Detail. Ich kann es nicht erklären, aber..."
„Du willst hoffen, dass es kein Selbstmord war, oder?" Jasper unterbricht mich, seine Stimme sanft, aber bestimmt. „Aber wäre das wirklich besser? Mord wäre doch noch schlimmer, oder nicht? Selbstmord ist... war... ihre Entscheidung. Wenn es Mord war, hat jemand ihr diese Entscheidung genommen."
Seine Worte treffen mich, obwohl ich es mir nicht eingestehen will. Was, wenn Jasper recht hat? Was, wenn Emily tatsächlich mit sich selbst gekämpft hat – und diesen Kampf verloren hat? Aber wenn das so war, warum hat sie nichts gesagt? Warum hat sie mir nicht vertraut? Sie war doch meine Freundin, meine Kollegin, meine Mitbewohnerin. Ich hätte etwas bemerken müssen. Aber nein, das ergibt keinen Sinn. Es muss etwas anderes sein. Es muss Mord gewesen sein.
Jasper zieht mich aus meinen Gedanken. „Ich bin übrigens nur kurz reingekommen, um dir zu sagen, dass wir unseren Filmabend verschieben müssen. Ich bin übers Wochenende bei meinen Eltern. Weihnachtsvorbereitungen."
„Oh... okay." Die Worte kommen leise, fast tonlos. Ein Stich geht durch meine Brust. Gerade jetzt, wo ich ihn mehr denn je brauche, lässt er mich allein. Aber was sollte ich auch erwarten? Jeder hat sein eigenes Leben. Ich kann nicht erwarten, dass Jasper meines über seines stellt.
„Brauchst du meinen Wohnungsschlüssel noch?" fragt er vorsichtig. „Oder ist dein Zimmer wieder freigegeben?"
Ich schüttele den Kopf. „Ich kann heute Nacht wieder in mein Zimmer. Aber ehrlich gesagt... Ich will da nicht bleiben. Die Vorstellung, dass sie dort gestorben ist, macht mich krank. Ich werde ein neues Zimmer beantragen."
Jasper nickt verständnisvoll. „Das kann ich nachvollziehen. Aber wenn du es dir anders überlegst, bei mir ist immer Platz."
Erleichtert lächle ich. „Danke."
Er schnappt sich seine Jacke und macht sich auf den Weg zur Tür. „Pass auf dich auf, ja? Und wenn was ist, meld dich. Ich hab dich lieb."
„Bis Montag", murmle ich, gerade laut genug, dass er es hört.
Als er die Tür erreicht, drängt sich eine Gruppe laut lachender Jungs an ihm vorbei. Sie stoßen ihn grob gegen den Türrahmen, lachen höhnisch und stürmen ins Café. Jasper quetscht sich ohne ein Wort an ihnen vorbei. Es sind die üblichen Verdächtigen: Drake Mendes, Harry Osborne, Fynn Griffin und ihr Anführer, Shane Blackwood. Während die anderen an ihren Stammtisch am Fenster gehen, bleibt Shane direkt an der Theke stehen.
Mit einem grinsenden Gesichtsausdruck wirft er seine Jacke auf einen der Hocker. „Vier Kaffee", sagt er, seine Stimme laut und selbstbewusst. „Zwei mit Milch."
Ich nicke nur und drehe mich um, damit er mein Augenrollen nicht sieht. Shane – charmant, überheblich und genau der Typ, der sich immer alles erlaubt. Wäre er nicht so gut aussehend und stinkreich, hätte er längst wegen Belästigung oder Schlimmerem Probleme bekommen.
„Heute noch, ja?" ruft er mir hinterher. „Du brauchst doch Trinkgeld."
Es kostet mich jede Anstrengung, nicht die Beherrschung zu verlieren. Wortlos stelle ich die vier Kaffeetassen vor ihm ab.
Zu meiner Überraschung verändert sich sein Ton. „Hey... ich hab gehört, was mit Emily passiert ist. Das tut mir echt leid."
Ich hebe den Blick. Seine Stimme klingt tatsächlich... ernst.
„Sie war echt nett", sagt er leise. „Niemand verdient so ein Ende." Mit diesen Worten legt er das Geld auf die Theke, klopft zweimal darauf und geht zurück zu seiner Gruppe.
Ich bleibe wie erstarrt zurück. Nett? Shane kannte Emily? Aber wie? Sie hatten keinen gemeinsamen Studiengang, keine offensichtlichen Berührungspunkte. Ein mulmiges Gefühl breitet sich in meiner Magengrube aus. Kannte ich Emily wirklich?
Später, nach Feierabend, ziehe ich in der Umkleide meine Jacke an. Mein Blick wandert zu Emilys Spind. Zwischen den Schlitzen klemmt etwas. Eine Serviette aus dem Café.
Mit zitternden Fingern ziehe ich sie heraus und falte sie auf. Die Worte darauf brennen sich in mein Gedächtnis.
„Schmor in der Hölle, Schlampe."
Mein Atem tockt. Wer hat das geschrieben? Und könnte das – so sehr ich den Gedanken verabscheue – etwas mit Emilys Tod zu tun haben?
Eins ist sicher: Ich werde herausfinden, was mit Emily passiert ist. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue.