Chapter 1
Kapitel 1
„Alles im Leben ist vergänglich, mein Kind – Aussehen, Geld, Eigentum. Halte nicht daran fest. Lege keinen großen Wert darauf. Achte darauf, dass die Menschen um dich herum ein gutes Herz haben. Denn das ist, was zählt.“
Isabelle:
Es war ein grauer Morgen. Der Himmel hing schwer über der Stadt, und die Luft war feucht und kalt. Ich hasste den November. Diese klamme, farblose Jahreszeit, in der alles stillzustehen schien. Gerade als ich zur Arbeit fuhr, fing es an zu regnen – nicht sanft oder poetisch, sondern kalt und unangenehm. Auf dem Weg vom Auto zur Praxis wurde ich klatschnass. Der Regen tropfte von meinen Haaren, meine Kleidung klebte an mir.
„Guten Morgen“, begrüßte ich Chloe, unsere Empfangsdame, während ich mir das Wasser von der Stirn wischte.
„Scheint kein guter Morgen zu sein, Isabelle - so wie du aussiehst“, lächelte sie verlegen.
„Frag nicht, das Wetter ist furchtbar. Ich hasse diese Jahreszeit. Ist mein 8-Uhr-Termin schon da?“, fragte ich, bemüht, meine Laune im Zaum zu halten.
„Ja, sie sitzt bereits im Behandlungszimmer 2“, sagte sie und reichte mir die Akte der Patientin.
Ich überflog die Unterlagen. Eine 25-jährige Frau hatte vor einer Woche einen Auffahrunfall. Nichts Tragisches, aber sie klagte über Rückenschmerzen. Wahrscheinlich Verspannungen. Ich atmete tief durch, zwang mich in den Arbeitsmodus.
Ich bin gelernte Krankenschwester und habe eine Zusatzausbildung als Physiotherapeutin abgeschlossen. Seitdem arbeite ich in einer Gemeinschaftspraxis mit anderen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Ein Beruf, der anderen hilft – und mich oft an meine Grenzen bringt.
Der Tag war vollgepackt. Einer dieser Tage, an denen man kaum zum Atmen kommt. Doch mein Blick auf die Uhr verriet mir: Es war Feierabend. Und mein Kopf war längst woanders - bei ihm. Bei meinem Vater.
Ich musste mich beeilen. Ich wollte ihn noch im Krankenhaus besuchen. Er hatte vor einem Monat einen Herzinfarkt, seitdem lag er dort. Die Ärzte sprachen von einer notwendigen Bypass-Operation. Verstopfte Arterien. In seinem Alter sei das nicht ungewöhnlich, sagten sie. Aber ich glaubte, es war nicht nur das Herz. Es war gebrochen. Schon lange.
Seit meine Mutter uns verlassen hatte, war er allein. Ich war sechs Jahre alt gewesen. Und er hatte mich seitdem allein großgezogen. Stark, verlässlich, immer da. Doch in seinen stillen Momenten - wenn er nachts aus dem Fenster sah, den Blick verloren in der Dunkelheit - da sah ich etwas anderes. Schmerz. Sehnsucht. Vielleicht sogar Schuld. Er schrieb dann oft in sein Tagebuch. Still. Ohne ein Wort über sie zu verlieren. Er sprach nie schlecht von ihr, nicht einmal dann, wenn ich ihretwegen weinte. Er nahm mich in den Arm und schwieg. Aber ich spürte: Es hatte ihn tief verletzt.
Ich trauerte nicht mehr um sie. Sie war gegangen. Hatte uns verlassen. Und mein Vater und ich - wir hatten allein weitergelebt. Auf unsere Weise. Wir hatten uns. Und das war genug. Dachte ich zumindest.
„Hallo Papa, wie geht’s dir heute?“, fragte ich, als ich sein Zimmer betrat.
„Hallo, mein Schatz. Mir geht’s gut. Ich freu mich schon riesig darauf, endlich aus dem Krankenhaus rauszukommen und mit dir wieder richtig essen zu gehen. Das hab ich echt vermisst – nur du und ich beim Essen.“
Er lächelte.
„Was hältst du davon, wenn wir uns ein schönes Steak gönnen?“, fragte er voller Vorfreude.
Ich musste lächeln - trotz allem. „Oh Mann, Papa, du musst doch deinen Diätplan einhalten. Du solltest nicht mehr so viel Fleisch essen - das ist schlecht für dein Herz. Das haben die Ärzte doch gesagt“, erklärte ich ihm sanft.
Er sah mich enttäuscht an, doch sein Lächeln blieb. „Gut, dann machen wir was anderes. Kino vielleicht?“, sagte er und zwinkerte.
Wie konnte er so lebensfroh sein? Woher nahm er diese Kraft? Ich hatte solche Angst wegen der OP morgen. Er ist mein Ein und Alles. Aber ich wusste, dass er nur so stark tat, um mir Mut zu machen. Um mir die Angst zu nehmen. Er spielte den Fels in der Brandung, obwohl er selbst auf wackligen Beinen stand. Er wollte mich beschützen. Dabei war es doch meine Aufgabe, ihn zu stützen.
Ich hatte solche Angst, ihn zu verlieren. So wie ich meine Mutter verloren hatte.
„Ja, das machen wir, Papa“, lächelte ich zurück. Meine Stimme war leise, fast brüchig.
Auf dem Heimweg klingelte mein Handy. Sophia.
„Hey, wie geht’s dir?“, hörte ich ihre vertraute Stimme.
„Hey. Ach, was soll’s – ich habe eben meinen Vater im Krankenhaus besucht. Er wird morgen operiert, hatte ich dir doch erzählt. Jetzt laufe ich nach Hause“, erwiderte ich.
„Ich weiß, meine Liebe. Beeil dich mal, mir wird schon kalt“, sagte sie.
Ich runzelte die Stirn. „Was meinst du? Wo bist du denn?“, fragte ich verwirrt.
„Ich stehe vor deiner Haustür. Denkst du, ich lasse dich alleine, wenn so etwas Großes ansteht?“, antwortete sie - ich hörte das Lächeln in ihrer Stimme.
Mein Herz schlug schneller. Für einen Moment blieb ich stehen. Ich hatte es nicht erwartet - und genau das traf mich mitten ins Herz. Ich legte auf und lief los.
Und da stand sie - mit ihren Koffern. Meine beste Freundin. Wir fielen uns in die Arme. Ich hatte sie so sehr vermisst. In ihrer Umarmung fiel ein Teil von der Last ab, die ich die letzten Wochen getragen hatte.
Sophia und ich kannten uns seit der Schulzeit. Seit sie mit einem reichen Bauingenieur verheiratet war, lebte sie nicht mehr hier.
„Ich freue mich so sehr, dich zu sehen. Du bist die beste Freundin, die man sich wünschen kann. Danke, dass du da bist“, sagte ich und hielt sie noch einmal fest.
„Natürlich, Belle. Ich lass dich doch nicht allein. Auch wenn ich weiter weg wohne - du bist mir immer noch sehr wichtig. Du warst auch immer für mich da. Ich bin froh, dass wir uns haben“, erwiderte sie und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
An dem Abend erzählten wir viel - über ihren Alltag, ihre Arbeit, ihren Mann Henry. Es tat gut, jemanden zu haben, mit dem ich einfach reden konnte. Ohne Maske. Ohne stark sein zu müssen.
„Und wie sieht’s mit deinem Liebesleben aus? Gibt’s immer noch keinen Mann für dich?“, grinste sie schließlich.
Ich verdrehte die Augen. „Ach, hör auf. Woher soll ich mir die Zeit nehmen? Zwischen der Arbeit, den Krankenhausbesuchen und der Behandlung meines Vaters bleibt mir kaum Zeit. Ich will erst, dass mein Vater gesund wird - dann kann ich mir Gedanken darüber machen“, sagte ich. Doch während ich das aussprach, spürte ich ein leichtes Ziehen in der Brust.
Sophia seufzte. „Belle, das macht mich traurig. Du triffst dich weder mit Freunden noch datest du jemanden. Du solltest auch mal etwas für dich tun - neue Freundschaften knüpfen, einen tollen Mann kennenlernen. Du legst immer Wert darauf, dass es anderen gut geht, aber vernachlässigst dich selbst. Ich liebe deinen Vater, aber ich glaube, er würde sich auch freuen, wenn du jemanden an deiner Seite hättest.“
Ich schwieg. Ihre Worte trafen mich. Nicht, weil sie falsch waren - sondern, weil sie stimmten.
„Ja, du hast wohl recht. Wir schauen mal, wie es mit meinem Vater wird. Im Moment kann ich an nichts anderes denken“, gab ich zu.
An dem Abend saßen wir wie früher nebeneinander, schauten Filme, redeten, lachten - und schliefen irgendwann, erschöpft, aber mit warmem Herzen, ein.