Clara

Alle Rechte vorbehalten ยฉ

Zusammenfassung

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Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
75
Rating
5.0 6 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

Clara Walsh sah verzweifelt dem Wagen hinterher, in dem ihr รคltester Bruder stand. Er griff mit seinen Hรคnden an das Gitter und schรผttelte immer wieder den Kopf, um sie vor einer Dummheit zu bewahren. Dennoch setzte sie sich in Bewegung, um Callahan noch ein letztes Mal zu sprechen.

Man erwischte ihren Bruder, als er Hasen oder Kaninchen jagte, um ihre Geschwister zu ernรคhren. Es war ein Zufall, dass sie heute in der Stadt war und ihren Bruder erkannte, den man in einen vergitterten Wagen stieรŸ. Sie selbst war bei einem Bauer angestellt gewesen, der sie heute Morgen vom Hof jagte. Zwei Missernten hintereinander und die hohen Abgaben an den Lord lieรŸen auch die reichsten Bauern verzweifeln und Clara konnte verstehen, warum der Bauer so handeln musste. Das Einzige, was sie stรถrte, war die Art, wie er es tat. Der gutmรผtige Mann, der รผber ihre Familie Bescheid wusste, steckte ihr oftmals Gemรผse, Eier oder sogar ein Stรผckchen Fleisch zu, wenn Schlachttag war. Doch an diesem Morgen war er in den Gesinderaum gestampft und zeigte auf die Mรคdchen, die noch nicht lange hier waren.

โ€žIhr! Verschwindet!โ€œ, brรผllte er und stapfte dann wieder hinaus. Die anderen Mรคdchen, auf die er zeigte, hatten gejammert und geheult, aber Clara nicht. Warum hรคtte sie das auch tun sollen? ร„ndern konnte sie es nicht. Deswegen war sie heute in die Stadt gekommen, in der Hoffnung Arbeit zu finden.

Doch sie fand eben etwas anderes.

Endlich hatte sie den Wagen eingeholt und hรผpfte auf die kleine Stufe, auf der man die Gefangenen in die Kรคfigwagen fรผhrte. Callahan nahm ihre Hand.

โ€žDu solltest nicht bei mir sein, Clara. Nicht, dass man auch dich gefangen nimmt.โ€œ

Sie schnaubte.

โ€žDas ist mir egal. Du bist mein Bruder und ich kann mir nicht vorstellen, dass es so schlimm sein soll, Kaninchen zu jagen, wenn man Hunger hat. Und der Kleine ist sein Sohn. Er sollte Milde walten lassen.โ€œ

Callahan nickte, denn er wusste, dass sie vom Lord sprach, der sich ihre Mutter als Geliebte ins Schloss holte, sobald ihr Vater unter der Erde war. Natรผrlich hatte er sich nicht um die Kinder der Frau gekรผmmert, die ihm nach und nach hรถrig wurde, und zwar in dem MaรŸe, dass sie ihre eigenen Kinder im Stich lieรŸ. Selbst der uneheliche Sohn des Lords musste, kaum der Brust der Mutter entwรถhnt, bei ihnen ein armseliges Leben darben. Der Hunger war an der Tagesordnung, auch wenn sich Callahan, als der รคlteste Sohn von Connor Walsh, immer bemรผhte, dass alle etwas zu Essen bekamen. Man sah ihm an, dass er selbst oft auf eine karge Mahlzeit verzichtete, um seien Brรผder vor dem Hungertod zu bewahren.

Clara selbst hatte sich Arbeit gesucht, sobald sie alt genug war, dennoch reichte es nicht aus, um ihre Brรผder zu unterstรผtzen.

Callahan umschloss liebevoll ihre Hand mit seinen.

โ€žHรถr zu, Clara. Die beiden Kleinen sind dem Tod nahe.โ€œ Er kam nรคher zu ihr. โ€žDeswegen war ich auf der Jagd. Ich hoffe, Cody hatte mehr Glรผck. Ich weiรŸ nicht ...โ€œ

Sie nickte schnell. Niemand sollte davon erfahren, dass auch Cody etwas Unrechtes tat.

โ€žIch werde zu ihnen gehen. Du wirst wieder frei kommen, Callahan. Da bin ich mir sicher. Sie kรถnnen dich nicht einfach einsperren, nur weil du die Kinder vor dem Tod bewahren wolltest.โ€œ

Callahan schien nicht so zuversichtlich zu sein.

โ€žIch weiรŸ es nicht, Clara. Hรถr zu: Versuche es noch einmal beim Lord. Samuel ist sein Sohn, er muss ihm helfen. Aber suche nicht das Gesprรคch in seinem Schloss. Ich habe es versucht und wurde nicht zu ihm vorgelassen. Nicht einmal, als ich Samuel auf meinen Armen trug.โ€œ

Clara nickte.

โ€žIch werde mein Glรผck versuchen, wenn er seine Lรคndereien inspiziert. Er muss wenigstens Samuel helfen.โ€œ

Jemand riss an ihrem Rock und sie wurde unsanft von der Stufe geholt. Einer der Wรคrter stieรŸ ihr seinen Prรผgel in die Seite, so dass Clara in den Dreck fiel und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Seite hielt.

Der Wagen fuhr unterdessen weiter.

โ€žCallahan!โ€œ

Sie streckte ihre Hand aus und Callahan tat es ihr gleich, doch dann zog er die Hand zurรผck und richtete sich stolz auf.

โ€žGeh, Clara! Du kannst mir nicht mehr helfen.โ€œ

Sie zog ihre Hand zurรผck, gerade als der Wรคrter den Prรผgel auf ihren Arm niedersausen lassen wollte. Stattdessen traf er sein Schienbein und brรผllte auf. Clara krabbelte etwas von ihm weg, dann stieรŸ sie sich ab und rannte hinter die nรคchsten Bรผsche. Der Wรคrter versuchte, ihr zu folgen, aber er fand sie nicht, weil sie sich in eine riesige Matschpfรผtze, die sich vor einem modrigen Laubhaufen befand, gelegt hatte. Der Morast kroch ihr in die Ohren und in die Nase und die Blรคtter stanken entsetzlich, aber sie hielt eisern die Luft an und bedeckte sich mit dem fauligen Laub, dass man hier รผberall fand. An den Erschรผtterungen des Bodens spรผrte sie, dass der Wรคrter immer noch nach ihr suchte. Clara nahm an, dass sein Schienbein doch so sehr schmerzte, dass er sie dafรผr bestrafen wollte. Dumpf hallten die Worte der anderen Wรคrter zu ihr.

โ€žLass dir Dirne! Wir mรผssen weiter.โ€œ

โ€žIch muss die Schlampe finden.โ€œ

โ€žDie ist schon lange weg, du lahmer Hund.โ€œ

Die Erschรผtterungen blieben einen Moment aus, so dass Clara schon dachte, sie kรถnnte ihren Kopf heben, doch dann spรผrte sie, wie jemand rannte. Sie versuchte, noch einen Moment lรคnger die Luft anzuhalten, bis sie meinte, ihre Lunge wรผrde platzen. Dann hob sie langsam den Blick, doch niemand war zu sehen. Langsam bewegte sie sich Richtung der StraรŸe, aber der Wagen mit ihrem Bruder war verschwunden.

โ€žCallahan.โ€œ

Ihr entwich ein leiser jammernder Laut, doch dann straffte sie sich, so gut sie konnte. Es brachte nichts, wenn sie Callahan hinterher heulte. Ihr Bruder hatte Recht. Sie musste sich nun um die anderen kรผmmern, denn Cal konnte es nicht mehr. Die Schleusen des Himmels rissen auf und ein starker Regen prasselte auf sie hinunter. Sie hob ihr Gesicht dem Regen entgegen und schloss die Augen. Einen Moment lieรŸ sie sich den Matsch vom Gesicht abspรผlen, dann lief sie entschlossen in die entgegengesetzte Richtung. Ihre Brรผder brauchten sie mehr denn je.


Die Hรผtte war windschiefer als je zuvor, aber sie sah, dass jemand den Kamin angefeuert hatte, allerdings wohl kein getrocknetes Holz dazu verwendete, denn den schwarze Qualm konnte man schon von Weitem sehen. Sie nahm die Beine in die Hand und rannte auf die Hรผtte zu. Sie hรถrte Cody, ihren jรผngeren Bruder, fluchen und musste lรคcheln. Cody hatte wohl mehr Glรผck gehabt als Callahan.

Sie รถffnete die Tรผre und stand ihren beiden jรผngeren Brรผdern gegenรผber. Einen Moment musste sie die Trรคnen unterdrรผcken, denn Cainneach und Cody waren nur noch Haut und Knochen. Die beiden starrten Clara mit riesigen Augen an, die tief in den Augenhรถhlen zu liegen schienen.

โ€žClara!โ€œ, rief Cainneach und humpelte auf sie zu, um sein Gesicht in ihren Rock zu verstecken, der immer noch sehr schmutzig war. Sie hob ihn hoch und begann beinahe zu weinen, als sie kaum sein Gewicht spรผrte.

โ€žPst, kleiner Bruder. Ich bin hier und helfe euch.โ€œ

Cody starrte sie an.

โ€žWo ist Callahan? Hast du ihn gesehen?โ€œ

Sie schloss ihre Augen.

โ€žMan hat ihn erwischt. Ich sah, wie man ihn in ein Kรคfigwagen steckte, um ihn ins Gefรคngnis zu fรผhren.โ€œ

Cody schluckte hart und senkte den Kopf. Clara bemerkte, dass er verzweifelt versuchte, seine Trรคnen zurรผckzuhalten. Leicht strich sie ihm รผber die Wange.

โ€žWir mรผssen alleine zurechtkommen, bis man ihn frei lรคsst. Aber wir schaffen das, nicht wahr?โ€œ

Cody nickte.

Clara stieรŸ ihren Atem aus.

โ€žWo ist Samuel?โ€œ

Beide Jungs richteten den Blick zu dem kleinen Bettchen, das neben dem Bett stand, das damals ihre Eltern benutzten, als die Zeiten noch besser ware.

โ€žEr bewegt sich schon eine ganze Weile nicht mehr. Er weint auch nicht mehr. Ich glaube, Samuel schlรคft.โ€œ, flรผsterte Cainneach.

Clara lieรŸ ihren Bruder nach unten gleiten, dann ging sie zu Samuel. Beim ersten Blick hรคtte sie tatsรคchlich geglaubt, dass er schlief. Seine Lider waren bis auf einen kleinen Schlitz geschlossen und das kleine Mรผndchen war offen. Obwohl er vier Jahre alt war, sah er aus, als ob er gerade erst zwei Jahre alt wรคre. Er war so schrecklich dรผnn und blass.

Clara setzte sich neben die Wiege und berรผhrte Samuels Wange.

โ€žSamuel.โ€œ, flรผsterte sie. โ€žEs tut mir so leid.โ€œ

Die Wange des Kindes war eiskalt.

Einen Moment schloss sie die Augen.

โ€žUnser Bruder ist fรผr immer eingeschlafen.โ€œ

Mรผde erhob sie sich.

โ€žCody, gehe ins Dorf zum Pastor und bitte ihn darum, dass wir Samuel beerdigen dรผrfen. Cainneach, bringe mir Samuels schรถnste Kleidung. Ich muss ihn fรผr die Engel hรผbsch machen.โ€œ

Der ร„ltere schluckte hart.

โ€žMuss ich es auch dem Lord sagen?โ€œ

Man merkte ihm an, dass er das nicht wollte. Clara schรผttelte den Kopf.

โ€žNein, Cody. Der Pastor sagt es ihm so oder so. Das ist seine Pflicht.โ€œ

Cody nickte und machte sich auf, wรคhrend Cainneach nur vor der Wiege stand und seinen kleinen Bruder ansah.

โ€žCainneach, Lรคmmchen. Bringst du mir ein Hemd von Samuel?โ€œ

Er schluchzte leise und Clara nahm ihn in ihre Arme.

โ€žPst, Lรคmmchen. Vielleicht ist es besser, wenn Samuel nun bei den Engeln ist.โ€œ

Cainneach schluchzte weiter, nickte aber dann und ging entschlossen zu der groรŸen Truhe, in der ihre Kleidung lag.

โ€žWo ist Callahan?โ€œ, fragte er, als er Clara ein feines Nachtgewand reichte, der einzige Gegenstand, der bewies, dass der Lord wusste, wessen Sohn Samuel in Wirklichkeit war.

Clara seufzte leise.

Wie sollte sie Cainneach erklรคren, dass Callahan nicht mehr so schnell zurรผckkommen wรผrde.

Sie rieb ihm die Trรคnen von der Wange und รผberlegte, ob sie Cainneach einfach anlรผgen sollte. Doch sie konnte Lรผgen selbst nicht leiden, also sollte sie jetzt nicht damit anfangen. Obwohl Cainneach mit seinen neun Jahren noch jung war, sollte er jetzt schon erfahren, dass das Leben nicht immer gerecht zu jemanden war.

โ€žWeiรŸt du, Callahan hat etwas getan, mit dem nicht alle einverstanden sind.โ€œ

Cainneach nickte.

โ€žEr wollte uns etwas jagen, damit wir wieder richtig essen kรถnnen. Hat er nichts gefunden?โ€œ

Clara senkte kurz den Kopf, doch dann sah sie ihren Bruder wieder in die Augen. โ€žDoch. Aber du weiรŸ ja auch, dass Lord Henry unseren Bruder nicht ausstehen kann.โ€œ

Cainneach nickte.

โ€žCallahan sieht Vater รคhnlich und erinnert den Lord immer an ihn.โ€œ

Clara konnte noch gerade so ein bรถses Lachen zurรผckhalten. Man sagte, dass Lord Henry, der Besitzer dieser Lรคndereien, auf dem diese armselige Hรผtte stand, ihren Vater erschlagen lieรŸ, weil er ihre Mutter zur Geliebten haben wollte. Er hatte Connor Walsh unter falschen Voraussetzungen und mit leeren Versprechungen von Irland hierher gelockt. Connor Walsh war ein kluger Kopf, aber die Hungersnot hatte ihn blind gegen die Warnzeichen werden lassen, die ihm wahrscheinlich sonst aufgefallen wรคren. Schon alleine diese mickrige Behausung hรคtte ihn stutzig machen sollen, aber da er zuerst reichlich Lebensmittel und auch das Versprechen bekam, das neue Haus fรผr ihn und seine Familie wรผrde gerade erbaut werden, lieรŸ Vater alles glauben, was der Lord ihm auftischte. Erst zu spรคt erkannte Connor Walsh, dass der Lord dieses Land in Wales selbst erst vor kurzer Zeit zugesprochen bekam und die Menschen hier unter seiner Herrschaft litten. Die Steuern und Pachtabgaben, die er verlangte, waren mehr, als sich ein normaler Landarbeiter leisten konnte. Deswegen war es wohl auch einfach fรผr den Lord einige Mรคnner zu finden, die Connor Walsh auf dem eigenen Feld erschlugen. Natรผrlich stritt der Lord jeden Zusammenhang ab, aber schon zwei Monate nach der Beerdigung, lieรŸ er Gwenn Walsh zu sich ins Schloss holen und man konnte nicht gerade behaupten, dass sie sich sehr dagegen wehrte. Sie blieb wochenlang verschwunden, doch wenigstens gab es zu der Anfangszeit noch tรคglich Essen fรผr die Kinder, als ob Lord Henry damit sein schlechtes Gewissen beruhigen wollte.

Doch sehr bald wurde auch das eingestellt, aber kurz darauf kam ihre Mutter wieder zurรผck und man sah schon von Weitem, dass sie schwanger war. Der Lord wollte seine schwangere Geliebte erst wieder um sich haben, wenn sie ihr Balg, wie er sein eigenes Kind stets nannte, zur Welt gebracht hatte. Ihre Mutter war so verblendet, dass sie tatsรคchlich geduldig wartete, bis Samuel zur Welt kam. Voller Hoffnung zeigte sie dem Lord seinen Sohn, doch er schenkte ihm kaum Aufmerksamkeit. Die einzige Ausnahme war eben dieses seidene Hemd, dass Samuel bei seiner Taufe trug. Und die Amme, die ein halbes Jahr zu ihnen kam, wรคhrend Gwenn Walsh wieder in ihre eigene Hรผtte ging, um auf dem Lord und seiner Aufwartung zu warten.

โ€žWeiรŸt du, der Lord war wรผtend auf Callahan und lieรŸ ihn einsperren.โ€œ

Cainneach starrte sie an, dann senkte er den Kopf.

โ€žDann dauert es lange, bis er wieder kommt.โ€œ

Clara lรคchelte ihn an.

โ€žDeswegen bin ich nun hier. Und nun komm. Wir waschen Samuel, dass er sich nicht schรคmen braucht, wenn er vor den Engeln steht.