Versteckte Ketten

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Zusammenfassung

PAUSIERT BIS AUF WEITERES Madira und ihre Familie leben als Verbannte auf einer Insel mit dem Seefahrervolk, zu dem sie einmal gehörten. Ihr größter Wunsch ist es, wieder in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Sie bekommt nicht die geringste Chance dazu. Bis der stellvertretende Anführer sich ihrer heimlich annimmt und sie in die wahre Lebensweise der Rischkas einführt. Er nimmt Madira mit auf eine ihrer Ausfahrten, deren wahren Zweck nur sie beide kennen: Madira soll integriert werden. Schon bevor sie losfahren, geschehen merkwürdige Dinge: Madira wird von unheilvollen Träumen heimgesucht, immer wieder sieht sie ein kleines Kind und auf der Fahrt kommt es zu unvorhergesehenen Ereignissen. Bald gilt das Schiff als verflucht. Gerade als sie es geschafft hat, einen Platz unter den Rischkas zu erhalten, droht das Schicksal, ihr alles wieder zu entreißen. Bis sie eine Möglichkeit bekommt, die Ketten zu sprengen.. Doch ist sie bereit, den Preis dafür zu bezahlen? Und welche Ziele verfolgen alle Beteiligten wirklich?

Status:
In Arbeit
Kapitel:
26
Rating
5.0 1 Bewertung
Altersfreigabe
18+

Prolog

Sie saß an der Felskante und ließ ihren Blick über das Wasser schweifen, das endlos vor ihr zu liegen schien. Sie hörte die Wellen, die gegen die Steine schwappten.

Madira war in Gedanken jedoch weit von diesem Ort entfernt. Wie so oft hing sie ihren Tagträumen nach. Den Tagträumen nach einem besseren Leben als das, das ihre Familie und sie führten. Ein Ziel, das mindestens so weit entfernt war, wie das Festland, von dem sie noch nicht mal eine Linie am Horizont erkennen konnte.

Sie selbst war hier, auf dieser Insel. Das war ihr Zuhause. Und mehr würde sie kaum erreichen können.

Sie seufzte und richtete ihren Blick auf den klaren Himmel. Ist es zu viel verlangt, dass ein Kind einen Traum hat?

Sie dachte daran, wie ihr Leben verlaufen sein könnte, wenn ihr Vater nicht diesen Unfall gehabt hätte. Oder zumindest versuchte sie es. Ihre Gedanken nahmen schlussendlich einen anderen Weg, als sie es ursprünglich sollten. Flogen zurück zu jenem Augenblick.

Wie jeder von ihnen, der ein bestimmtes Alter erreicht hatte, war auch ihr Vater auf sehr vielen Fahrten gewesen. Tausendmal. Das war ihre Art zu leben. Immer wieder fuhren sie auf See und holten sich das, was sie zum Leben brauchten. Den Rischkas blieb kaum etwas anderes übrig, denn die Hauptinsel war karg bewachsen, lediglich mit ein paar Palmen hier und da, doch die meiste Fläche nahmen Sand und ein paar Felsen ein. Und bisher hatte niemand von ihnen den Gedanken geäußert, auf eine der kleineren nahen Inseln zu schauen. Sie wollten zuerst hier richtig Fuß fassen. Die zwei anderen Inseln waren zu klein und schroff, um dort zu leben, hatte ihr Vater einmal gesagt. Also waren sie auf Hilfe von Außerhalb angewiesen. Und das war in Ordnung. Warum sollten die anderen nicht mit ihnen teilen? 

So gut wie jedes der nahewohnenden Völker kannte die Rischkas, obwohl sie erst vor wenigen Generationen auf diese Insel gekommen waren.

Was genau oder von wem sie sich damals etwas holen wollten, das wusste Madira nicht mehr. Für ein kleines Kind war das nebensächlich.

Das, was sich in ihr Gehirn gebrannt hatte und nie wieder verschwinden würde, war etwas anderes.

Sie konnte sich genau daran erinnern, wann sie die Nachricht erreicht hatte. Lirenz und sie waren gerade dabei gewesen, Steine in die Wellen zu werfen, als ihr Freund Fari gekommen war und sagte: »Sie sind zurück, kommt!«

Die Geschwister folgten ihm bis zum Hafen. Er war an einem vorhandenen, niedrigen Felsen errichtet worden. Er ragte länglich mehrere Meter weit ins Wasser.

Dort lagen ein großes prächtiges und ein kleines Schiff. Ein kleines Schiff für einen kleinen Auftrag.

Als die drei dort ankamen, war der Hafen beinahe vollständig verlassen, bis auf die wenigen Rischkas, die die Ladung löschten. Madira erinnerte sich noch genau daran, wie in diesem Moment eine Erkenntnis in ihr aufgestiegen war und sie spürte förmlich, wie sie sie erstickte, als wäre es Wasser, das um sie herum aufstieg. Höher und höher. Langsam und qualvoll bis zu ihrer Nase. Normalerweise standen die Zurückkehrenden immer eine Weile vor dem Schiff, mit jenen, die zurückgeblieben waren. Sie tauschten sich über die Reise aus, ihre Anführer brachten sich gegenseitig auf den neuesten Stand und alle freuten sich über das, was sie von ihrer Fahrt mitbrachten.

Heute war es anders. Aber eigentlich war es immer so.

Außer es war etwas passiert.

Sie ließ den Stein fallen, den sie bis eben in der Hand gehalten hatte. Mit einem stumpfen Geräusch schlug er auf den Felsen. Sie rannte nach Hause.

Damals hatten sie noch in einem richtigen Haus gelebt. Wenn es auch recht klein gewesen war, hatte sie es nie zu schätzen gewusst. Es hatte nicht durch das Holz gezogen, kein Licht fiel durch die Wände und sie hatten vier Räume für sich gehabt. Einfach, aber ausreichend. Den wahren Wert von alledem sollte sie erst später erkennen.

Ihre Hand zitterte, als sie sie nach der Tür ausstreckte. Im gleichen Augenblick, in dem sie die Tür öffnete, bemerkte sie es. Den süßlich – metallischen Geruch des Blutes, der in der Luft hing und von dem Unheil kündete, bevor Madira es sah. Sie wollte wieder umkehren, es sich nicht anschauen. Etwas zwang sie dazu, der schmerzhaften Wahrheit ins Auge zu blicken, ihren Vater anzusehen. Als würde sie selbst ihren Kopf fest gepackt halten, war es ihr unmöglich, den Blick abzuwenden.

Er saß, nein, eigentlich lag er mehr, auf einem Stuhl, Schmerz stand in seinen Augen; Panik in denen ihrer Mutter. Daneben stand noch jemand, Madira erinnerte sich nicht mehr daran, wer es war. Es konnten sogar mehrere gewesen sein. Sie wusste es nicht mehr, aber es war nicht wichtig.

Ihr Blick war von ihrem Vater angezogen worden. Sein linkes Hosenbein war von Blut getränkt. Er sah aus, als würde er jeden Moment vom Stuhl kippen, so blass und schwach. Niemand sprach es aus, aber sie wusste es. Er würde Glück brauchen, um das zu überleben. Viel Glück.

Allein der erneute Gedanke daran ließ einen unangenehmen Schauder über Madiras Rücken laufen.

Doch die Götter waren ihm wohlgesonnen gewesen, er hatte überlebt. Auch dank Liro, ein Freund ihres Vaters, der sich um Madira gekümmert hatte, während ihre Mutter sich um ihren Vater gekümmert hatte. Er wusste außerdem, welche Kräuter bei Verletzungen halfen. Er versorgte sie damit, obwohl er es nicht hätte machen müssen.

Madira war sich sicher, das der Geruch nach seinem Blut noch immer in dem Haus hing. Und die, die jetzt darin wohnten, würden von dem Geruch um den Schlaf gebracht werden. So, wie sie es war.

Wer auch immer Bilon das angetan hatte, wusste sicherlich nicht, welche Auswirkungen das auf ihn und seine ganze Familie hatte. Das war Madiras Gedanke zu dieser Zeit gewesen. Der Gedanke eines Kindes, das es nicht besser wusste. Nicht besser wissen konnte.

Die Folgen des Vorfalls waren weitreichend. Bilon war es nun bereits seit einigen Jahren unmöglich, an den Fahrten teilzunehmen.

Anfangs hatte Ikras ihn Zeit zur Genesung zugestanden. Aber als ihr Vater sich, auch nachdem sein Bein vollständig verheilt war, kaum mehr aus dem Haus bewegte, verbannte Ikras die ganze Familie in eine kleine Hütte. Dort lebten sie nun seit einigen Jahren.

Seitdem rührte ihr Vater sich kaum noch, was sie in den Augen ihres Anführers nur noch wertloser machte. Auch ihre Mutter war von den Fahrten ausgeschlossen worden. Lirenz und sie waren noch zu jung. Und das schloss sie alle aus der Gemeinschaft aus. Sie könnten nichts Nützliches mehr machen, behauptete Ikras, also bekamen sie nur das Nötigste. Das Nötigste an Nahrung, an Unterkunft und Kontakt zu anderen.

Warum trifft es ausgerechnet uns? Jetzt schluckte sie die Wut, die in ihr zu brodeln begann, hinunter. Sie würde ihr auch nicht weiterhelfen. Es gab nur eine Möglichkeit, ihr Ansehen bei Ikras, und somit bei allen Rischkas, wiederherzustellen. Sie müsste es schaffen, wieder aufgenommen zu werden, bis alle erkannten, was für ein Fehler es gewesen war, sie auszustoßen.

Wenn sie nur schön älter gewesen wäre, hätte sie Versuche unternommen, doch Kinder waren hier kaum etwas wert. Außer, dass sie die Zukunft waren. Sie könnten machen, was sie wollten, solange sie sich nicht verletzten und somit ihre Zukunft in Gefahr brachten. Niemand beachtete sie groß. Außer Madira, die verscheucht wurde, sobald einer der Erwachsenen sie mit ihren Freunden spielen sah. Madira wäre eine Bedrohung für ihre Zukunft, sagten sie. Gerne wäre sie mit ihrer Familie abgehauen, aber allein konnten sie keines der Schiffe steuern. Und sie wusste, ihre Eltern würden die Insel trotz allem nie verlassen.

Madira wandte ihr Gesicht zum Himmel, an dem keine Wolke zu sehen war. Versuchte, der Traurigkeit, die mit schweren Fingern nach ihr griff, zu entkommen. Sie wandelte sie in etwas anderes.

»Eines Tages werde ich es ihnen zeigen«, sagte sie leise zu sich selbst. Gleichzeitig sandte sie den Gedanken zu den Göttern. Sie würden Treue belohnen. Da war sie sich sicher.

Seit jenem Tag betete sie zu ihnen. Seit Lirenz sie von ihrem Haus weggezerrt hatte, damit sie ihren Vater nicht so sehen musste.

Ihr Entschluss war gefasst und sie würde sich nicht so einfach aufhalten lassen. Sie klammerte sich an diese Hoffnung. Und was auch immer geschah, sie würde sie nicht loslassen. Die Hoffnung, dass sie in ihrem Ansehen wieder aufsteigen konnte, war das rettende Boot, das sie bestieg.