Kapitel 1
Noelle Remington schlenderte den Flur entlang zum Büro ihres Vaters. Sie hatte sich aus der Wohnung ihrer Eltern geschlichen, um ihre Mutter nicht zu stören. Jenna Remington war im siebten Monat mit Zwillingen schwanger und brauchte jede Ruhe, die sie kriegen konnte.
Sie klopfte an die Bürotür und fragte sich, ob er allein war. Sie schnupperte an der Luft. Nick war drin.
„Komm rein.“
Sie öffnete die Tür und trat ein. Ihr Vater saß hinter seinem Schreibtisch, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Nick saß auf dem Stuhl davor und lehnte sich zurück, die Hände auf dem Bauch gefaltet. Er sah auf und schenkte ihr ein halbes Lächeln.
Sie lächelte zurück, ging zur Couch an der hinteren Wand und setzte sich hin. „Ich hoffe, ich störe nicht“, sagte sie und machte es sich bequem.
„Ich habe gerade mit Nick über das Salt Flats Pack und Blakes Luna gesprochen“, erzählte Daniel ihr vorsichtig.
Noelle nickte und wurde still, um den beiden zuzuhören. Es sah so aus, als würde Nick schon bald nach Salt Flats reisen. Irgendetwas stimmte mit diesem Rudel nicht, und Regal Eclipse musste der Sache auf den Grund gehen.
Regal Eclipse war das königliche Rudel. Ihr Alpha war der König aller Werwölfe. Er war außerdem Noelles Vater. Die Hauptaufgabe des Rudels war es, den Frieden in der Werwolf-Gemeinschaft zu wahren und das Gesetz zu schützen.
Alpha Blake vom Sierra Nevada Pack hatte vor Kurzem seine Luna gefunden, und sie stammte aus dem Salt Flats Pack. Sie war ruhig und zurückhaltend und hatte mit niemandem gesprochen. Aber Blake hatte ihnen bei ihrem letzten Besuch gesagt, dass man gegen das Salt Flats Pack ermitteln müsse.
Nicholas Seely war die Kontaktperson für Salt Flats. Wenn sie etwas brauchten, meldeten sie sich bei ihm. Es war sein Job, dafür zu sorgen, dass im Rudel alles glattlief. Er achtete darauf, dass es den Mitgliedern gut ging und keine Gesetze gebrochen wurden.
„Ich fliege morgen hin und sehe mich mal um. Mal sehen, ob mir etwas Ungewöhnliches auffällt. Sie haben sich schon länger nicht mehr gemeldet“, sagte Nick. Er hatte seinen Laptop auf dem Schreibtisch offen. Er ging die Notizen durch, die er über die Jahre bei seinen Besuchen gemacht hatte. „Das letzte Mal war ich vor acht Monaten dort. Es war sehr ruhig. Es war schon spät, als ich auf dem Rückweg von Hawaii dort Halt gemacht habe. Sie sagten mir, alles sei in bester Ordnung.“
Daniel nickte langsam und war in Gedanken versunken. Normalerweise besuchten sie die Rudel nicht allzu oft, außer es gab einen besonderen Anlass. Die Routinebesuche fanden nur alle fünf Jahre statt. Allerdings war Daniel selbst vor etwas mehr als einem Jahr in Salt Flats gewesen, als Mason der neue Alpha wurde. Nick hatte seitdem ein paar Mal nach dem Rechten gesehen, um sicherzugehen, dass Mason mit dem Posten klarkam. Bisher wirkte alles okay. Mason schien eine fähige Führungspersönlichkeit zu sein.
Blakes Luna, Hailey, war die Schwester von Masons Beta. Sie war sehr verschwiegen, was das Rudel anging. Eigentlich war sie bei allem verschwiegen. Noelle glaubte nicht, dass sie die Frau während des gesamten Aufenthalts auch nur zwei Worte sagen gehört hatte. Selbst wenn sie mit Blake sprach, blieb Hailey eng an seiner Seite. Sie hielt die Augen gesenkt und sah niemanden an. Sie war wie ein verschrecktes kleines Kaninchen, das Angst vor seinem eigenen Schatten hatte.
Daniel faltete die Hände auf dem Schreibtisch und seufzte. Noelle wusste, dass er sich eigentlich nicht damit befassen wollte. Er hatte erst letzte Woche einen Alpha wegen Verbrechen an Unschuldigen zum Tode verurteilt. Da ihre Mutter schon so weit fortgeschritten schwanger war, wollte er lieber bei seiner Gefährtin bleiben und sich um sie kümmern.
Sobald die Welpen da waren, würde Ragnar, der Beta ihres Vaters, für ein oder zwei Monate übernehmen. Daniel wollte sich dann ganz auf Jenna und die wachsende Familie konzentrieren. Ihr Vater würde ihre Mutter nur verlassen, wenn es absolut notwendig wäre. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie er das gemacht hatte, als ihr kleiner Bruder geboren wurde.
Sie wusste auch, dass Nick mehr als bereit war, das Nötige zu tun. Er hatte keine Gefährtin oder Welpen, um die er sich sorgen musste. „Ich gehe morgen. Ich schaue mich um und sehe, was ich herausfinden kann.“
Daniel nickte. „Ich hoffe, es ist nichts, aber ich habe so ein ungutes Gefühl.“
Alpha Blake war vage geblieben, vor allem, weil er selbst nicht wusste, was dort vorging. Er wusste nur, dass etwas nicht stimmte. Und Hailey war ein wandelndes Warnsignal. Sie sollte nicht so eine unterwürfige Wölfin sein. Nicht als Schwester eines Betas, die dazu bestimmt war, eine Luna zu werden.
Nick klappte seinen Laptop zu und stand auf. „Mach dir keinen Kopf, solange es nicht nötig ist. Ich kümmere mich darum. Konzentrier du dich auf Jenna und deine Welpen.“
Daniel nickte und stand ebenfalls auf. „Sei einfach auf der Hut und halt mich auf dem Laufenden. Schläft Jenna?“, fragte er Noelle und sah sie an.
„Ja, sie schläft.“
„Dann gehe ich mal hoch zu ihr.“ Er nickte den beiden zu und verließ das Büro. Noelle blieb allein mit Nick zurück.
„Wann fliegst du los?“, fragte Noelle neugierig.
Er sah sie an. „Morgen.“
„Kann ich mitkommen?“ Es platzte einfach aus ihr heraus, bevor sie groß darüber nachgedacht hatte. Sie hatte nicht geplant zu fragen, aber warum eigentlich nicht? Sie musste mal raus aus dem Rudelhaus, und das wäre eine gute Erfahrung. Sie hoffte, nach der Schule selbst Rudelbesuche durchzuführen. Am liebsten mit ihrem Gefährten.
Nick zog misstrauisch eine Braue hoch und lehnte sich gegen den Türrahmen. „Warum willst du mitkommen?“
„Weil ich hier nichts zu tun habe. Und wenn ich das eines Tages selbst machen will, muss ich es lernen.“ Nick machte mehr Besuche als jeder andere. Von ihm konnte man viel lernen. Er war genau der Richtige dafür. Sie sah, wie er seine grünen Augen zusammenkniff. „Bitte?“
Er lachte. „Noelle Remington bettelt mich an, sie zu einem Rudelbesuch mitzunehmen. Wenn ich dich mitnehme, schreibst du aber die Berichte.“
„Abgemacht!“, sagte sie schnell. Sie würde alles tun, damit er sie mitnahm, sogar den Papierkram erledigen. Das musste sie sowieso lernen.
„Schön. Ich sag dir Bescheid, wann das Flugzeug startet. Und ich schätze, ich muss dich rechtzeitig zu deinem Ball zurückbringen“, er richtete sich auf.
„Das wäre nett.“ Sie stand ebenfalls auf. Sie war überrascht, dass er überhaupt davon wusste.
„Na gut. Aber ich habe das Sagen“, sagte Nick und verschränkte die Arme vor der Brust.
Sie lächelte ihn süß an. „Ich lass dich ruhig in dem Glauben.“
Er rollte mit den Augen. „Lass es mich bloß nicht bereuen, Prinzessin.“
„Igitt, nenn mich nicht so.“ Sie streckte ihm die Zunge raus und er lachte. „Ich gehe jetzt runter in den Trainingsraum.“
„Willst du Gesellschaft?“, fragte Nick.
„Warum nicht?“ Er war ein guter Sparringspartner, gut ausgebildet und eine echte Herausforderung. Das gefiel ihr. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie ihn besiegen konnte, aber mittlerweile schlug sie sich ziemlich gut gegen ihn.
„Ich ziehe mich kurz um. Wir treffen uns gleich unten.“ Nick drehte sich um und verließ den Raum.
Noelle folgte ihm, ging aber Richtung Keller zum Fitnessraum, während er in seine Wohnung hochging. Sie war eigentlich überrascht, dass er überhaupt da war. Er war ständig auf Reisen. Sie fragte sich, ob er das tat, weil er es nicht ertrug, alle um sich herum verpaart zu sehen, während er noch Single war. Das konnte sie verstehen. In ihrer Klasse war sie mittlerweile auch die Einzige ohne Gefährten.
Soweit sie wusste, war er Single und hatte keine Freundin. Allerdings glaubte sie nicht, dass er enthaltsam lebte. Wahrscheinlich machte er es wie die meisten Kerle, bevor sie ihre Gefährtin fanden, und vergnügte sich mit Menschenfrauen für eine Nacht. Menschen waren unkomplizierter als Wölfinnen, so hieß es zumindest. Als Wölfin ärgerte sie das ein wenig.
Nick war ein unverpaarter Werwolf und er sah verdammt gut aus. Er würde die Aufmerksamkeit jeder Frau auf sich ziehen. Noelle bezweifelte nicht, dass er jederzeit jemanden für sein Bett finden würde. Als sie jünger war, war sie in ihn verknallt gewesen. Und selbst jetzt konnte sie nicht anders, als sein gutes Aussehen zu bewundern. Sie würde sich selbst anlügen, wenn sie nicht zugeben würde, dass sie ihn manchmal abcheckte. Diskret natürlich. Sie würde niemals offen von so etwas träumen.
Wie die meisten im Rudel war Nick viel älter als sie, auch wenn man es ihm nicht ansah. Er kannte sie schon, seit sie noch in den Windeln lag. Wahrscheinlich fände er es total schräg, wenn er wüsste, dass sie ihn so anhimmelte.