Egil

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Zusammenfassung

𝕳𝖎𝖘𝖙𝖔𝖗𝖎𝖘𝖈𝖍𝖊𝖗 𝕽𝖔𝖒𝖆𝖓 𝔅𝔞𝔫𝔡 1 Nach dem Überfall auf ein Sachsendorf nimmt Egil Magnusson eine Frau und deren Kinder mit sich, da sie sich als Sklavin anbot. Doch er ahnt, dass sie viel mehr ist als eine Frau, über die er einfach so verfügen kann. Bald merkt er, dass er Recht behalten sollte, denn Fara ist eine Heilkundige. Doch ihre Herkunft stellt sie selbst vor einigen Schwierigkeiten und auch wenn Egil sich in sie verliebt und sie zur Frau nehmen will, kann sie in ihrer neuen Heimat nicht sicher sein. Vormals: Rette mich! Cover by Nancy Bieler

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
23
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Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

Fara saß auf ihrer dreckigen Matte aus Stroh und versuchte, die verfilzten Haare von Norien mit einem selbstgemachten Kamm aus Holz zu entwirren. Die Kleine schluchzte mehrmals laut auf, aber ansonsten rührte sie sich kaum. Ihr Bruder Godric saß ihr gegenüber und beruhigte sie, indem er ihr leise Lieder vorsang und ihre Hand hielt. Schon alleine, dass sie diesen Kamm besaß, stellte eine Gefahr für sie dar.

Bodobert, ihr Herr, würde es nicht zulassen, dass eines der Kinder ansehnlich war. Oder dass man eine gewisse Ähnlichkeit zu ihm bemerkte.

Dennoch versuchte Fara ihr Bestes, um Norien mehr Schmerzen zu ersparen, als sie sowieso schon ertragen musste.

„Ich weiß, dass es schmerzt, aber wenn ich es jetzt nicht mache, muss ich dir irgendwann die Haare abschneiden. Das willst du doch nicht?“

Norien schniefte leise.

„Nein, Mama.“

Fara lächelte leicht und tätschelte ihr über den Kopf, bevor sie ihr einen Kuss auf die Stirn drückte.

„Du bist ein sehr tapferes Mädchen.“

Schweigend machte sie sich weiter ans Werk.

Immer wieder benetzte sie das Haar mit Wasser und fuhr so vorsichtig wie möglich mit dem Kamm durch das Gewirr.

Sie waren alleine in der Hütte, denn die anderen Sklaven waren auf dem Feld oder arbeiteten in der Nähe des Langhauses. Fara war froh, dass sie bei den Kindern sein konnte und niemand sie störte. Das waren seltene Momente, die sie genoss. Vor allem, weil die Augenblicke, Stunden oder Tage davor schrecklich waren. So wie auch heute.

Drei Tage behielt Bodobert sie dieses Mal bei sich. Immer wieder versuchte er, ihr Gewalt anzutun und sie zu besteigen, doch seine Manneskraft war nicht mehr das, was sie mal war. Deswegen war er der Meinung, Fara wäre eine Hexe, die ihn verzauberte und er deswegen nicht mehr dazu fähig wäre, seinen mickrigen Schwanz in sie zu stoßen.

Trotzdem versuchte er es immer wieder. Er fraß sich regelrecht an den Gedanken, sie zu besitzen und sie somit in die Knie zu zwingen. Dass sie schon längst verzweifelt war und nur die Kinder sie am Leben festhalten ließen, konnte er ja nicht ahnen.

Aber er schaffte es eben nicht, sie so weit zu brechen, dass sie die Kinder im Stich ließ und sie sich das Leben nahm. Oder ihm nachgab.

Seine Frustration über sie und seine Unfähigkeit, ließ seine Wut ins Bodenlose steigen. Und er ließ es an ihr aus. Meist verprügelte er sie oder peitschte sie aus, wenn er nicht fähig war, sie zu besteigen. Dieses Mal war es beides gewesen.

Immer noch schmerzte ihre Seite, wo ihr Kleid aus grobem Stoff an einem besonders großen Striemen scheuerte. Doch sie riss sich zusammen, damit die Kinder ihre Qualen nicht bemerkten. Sie machten sich schon genug Sorgen um sie und hegten Gedanken, die kein Kind eigentlich haben dürfte.

Wenn sie die anderen am Abend zur Ruhe legen würden, konnte sie darüber nachdenken, ihre Wunden zu behandeln, so gut es eben ging. Sie hatte keine Kräuter, keine Linnen oder sonst etwas, was sie zur Behandlung anwenden könnte. Nur ein paar lausige Lumpen, die vor Dreck starrten.

Ihr gefiel es nicht, dass sie genau diese Fetzen auf die Wunde legen musste, damit es nicht immer wieder aufriss. Doch ihr blieb keine andere Wahl.

Leise seufzte sie und strich ihr Haar wieder über den Bluterguss, der sich bei dem letzten Schlag ins Gesicht bildete. Auch das tat noch weh, aber sie musste sich vor den Kindern zusammenreißen.

„Hat Harald euch zu essen gegeben, während ich weg war?“

Godric, ihr Sohn, nickte.

„Er hat uns sein Essen überlassen wollen, aber wir haben mit ihm geteilt. Bodobert lässt uns nichts geben, wenn er dich holt. Er will uns nicht hier haben.“

Fara lächelte ihn traurig an.

„Das war sehr nett von Harald und auch von euch.“

Dass Bodobert die Kinder nicht wollte, war nicht verwunderlich. Es waren seine eigenen Bastarde, die Fara aufzog. Dabei waren es nicht einmal ihre Kinder. Sie zog die Kleinen aus dem Fluss, bevor die Strömung sie ins offene Meer heraustragen konnte. Zuerst Godric und dann Norien.

Das war auch etwas, was Bodobert ihr nie verzieh und sie deswegen bestrafte. In seinen Augen waren Bastarde nichts wert und es war eine Schande für ihn, dass sie noch am Leben waren. Wahrscheinlich waren sie die Kinder von Mägden oder Sklavinnen. Nur hungrige Mäuler, die er nicht zu stopfen gedachte.

Als Bodobert und seine Mannen zu Corwins Haus kamen, behauptete sie fest, es wären ihre Kinder, obwohl man ihnen die Ähnlichkeit mit Bodobert ansah. Doch durch diese Behauptung konnte Bodobert nicht gegen die Kinder vorgehen. Seine Krieger mochten zwar grausam sein, aber gegen schutzlose Kinder würden sie nicht vorgehen. Doch es wäre wie ein Wunder der Götter erschienen, wenn Bodobert nicht etwas unternommen hätte, was sie bestrafen würde.

Ihr Ehemann Corwin war an diesem Abend bei einem Bauern gewesen und kaum kam er zur Tür hinein, schlitzte man ihm die Kehle auf. Fara saß direkt vor ihm, gefesselt und geknebelt.

Sie musste mit ansehen, wie Corwin langsam immer blasser wurde, in die Knie ging und schließlich vor ihr zusammenbrach. Corwin sah ihr dabei tief in die Augen. Fara hätte es nicht gewundert, wenn sich darin Vorwürfe spiegelten, aber er strahlte noch im Sterben Güte aus, die ihm im Leben schon ausmachte. Und sie konnte ihm nicht einmal tröstend zur Seite stehen, seinen Kopf in ihren Schoß betten und ihm über das schüttere Haar streicheln. Nicht einmal das war ihr erlaubt. Bodobert brachte sie und die Kinder stattdessen in sein Dorf und machte sie zu seiner Sklavin. Corwin musste allein sterben. Fara hätte gerne auf die Erinnerungen verzichtet, die sie seither immer verfolgten. Corwin, ihr gütiger Ehemann, der auf dem schmutzigen Boden lag, in der Lache seines eigenen Blutes. Sie hoffte nur darauf, dass einige Bauern, denen er half, ihn fanden und ihm ein würdiges Begräbnis zukommen ließen.

Fara hing ihren Gedanken weiter nach, während sie das Haar des Mädchens weiterbearbeitete. Nur ab und zu holte ihr Schniefen sie wieder in die Wirklichkeit zurück. Es war so ruhig, so friedlich. In ein paar Stunden würde es anders werden. Dann kamen die Sklaven zurück und man konnte das Gestöhne hören, was von der anstrengenden Arbeit und den Schmerzen herrührte. Bodobert war ein Mann, der andere Menschen gerne quälte. Er ließ die Sklaven arbeiten, bis sie tot umfielen. Das geschah schnell, weil er ihnen nicht genug zu essen gab und sie auch gerne selbst auspeitschte. Die meisten bestanden nur noch aus Haut und Knochen und es gab bei jeder Essensausgabe Gerangel um die besten Stücke. Dabei hätte Fara früher diese sogenannten besten Stücke nicht einmal den Hunden vorgeworfen.

„Was war das, Mama?“, fragte Godric.

Seine Augen waren vor Schreck weit aufgerissen.

Fara blickte auf und hörte gespannt nach draußen.

Waren das Schreie?

„Bleib bei Norien. Ich muss nachschauen, was da los ist.“

Godric nahm Norien in seine dürren Ärmchen und hielt sie beschützend fest.

Fara stand leise stöhnend auf und ging zum Eingang der Hütte, der nur dürftig mit einem Sack geschützt war. Vorsichtig sah sie hinaus, doch sie konnte nichts erkennen. Es war auch wieder ruhig. Zu ruhig. Sie konnte nicht einmal Vögel hören, die den ganzen Tag zwitscherten. Auch das Gebell der Hunde war verstummt.

Langsam trat sie aus dem Schatten der Hütte ins Freie. Immer noch spürte sie kein Anzeichen eines Kampfes. Wahrscheinlich hatte sie sich getäuscht. Sie drehte sich wieder in Richtung der Tür um, als sie von hinten gepackt und in die Hütte gezerrt wurde.

„Mama.“, kreischten die Kinder verängstigt und hielten sich aneinander fest.

Fara wurde unterdessen grob zu Boden gestoßen. Ein schwerer Fuß, der in einem Lederstiefel steckte, wurde zwischen ihre Schultern gestemmt und hinderte sie so daran, sich aufzurichten.

„Bei allen Göttern, Egil. Wie kann ein Mann so ein Glück haben? Kaum sind wir hier, hast du schon ein Weib gefunden. Aber leider ist auch sie viel zu mager und zerlumpt.“

Fara horchte auf. Sie kannte diese Sprache. Dies waren Männer aus dem Norden. Nun bekam sie es erst recht mit der Angst zu tun. Auch wenn Harald ein Nordmann war, hatte er ihr schon Geschichten erzählt, die sie schaudern ließen. Diese Männer waren grob, brutal und kannten keine Gnade. Sie konnte nicht darauf hoffen, dass sie ein Ehrenmann wie Harald waren.

„Sie ist mir geradezu in die Arme gelaufen. So etwas kann ich doch nicht einfach ablehnen, Ragnar.“

Die Stimme war tief und dunkel. Im Moment klang sie allerdings auch amüsiert, aber dennoch war Härte heraus zu hören.

„Wenn sie gut ist, dann überlasse sie mir, wenn du mit ihr fertig bist.“, lachte Ragnar. „Vielleicht können wir doch noch etwas Spaß hier haben. Bis jetzt ist das ja hier ein trauriger Haufen.“

Dieser Egil schnalzte mit der Zunge.

„Lass das nicht meine Schwester hören, Ragnar. Dein Weib kann dir ganz schön wehtun, wenn sie hört, dass du deine Lust irgendwo anders befriedigt hast."

Ragnar lachte noch lauter.

„Astrid ist ja nicht hier.“

Fara sah einen schweren Umhang, der neben sie hingeworfen wurde. Sie wusste genau, was jetzt geschehen würde. Sie blickte zu ihren Kindern, die ängstlich in der Ecke hockten.

Sie konnte ihrem Schicksal zwar nicht entweichen, aber die Kinder sollten dabei nicht zusehen. Vor allem nicht, wenn sie danach weitergereicht wurde und man sie dann umbrachte. Die Kinder mussten schon zu viel sehen. Das sollte man ihnen ersparen.

„Bitte. Die Kinder.“, versuchte sie verzweifelt, die Kleinen zu retten. „Sie sollen nicht zusehen.“

Der Fuß, der immer noch auf ihrer Schulter war, lockerte sich etwas.

„Hast du das gehört, Ragnar? Das Weib spricht unsere Sprache.“

Auch Ragnars Lachen verstummte.

„Sie ist aber ein Sachsenweib.“

Der Fuß lockerte sich noch mehr und Fara seufzte erleichtert auf als die Schmerzen nachließen. Eine Hand packte eine Haarsträhne, aber ging dabei nicht grob um, sondern eher vorsichtig.

„Da wäre ich mir nicht so sicher. Schau mal ihr Haar an. Hast du schon solches Haar bei einer Sächsin gesehen? Es macht mich neugierig. Erfülle doch ihre Bitte und bring die Kinder hinaus. Magnus soll auf sie aufpassen. Und sie sollen nicht sehen, wie die Männer umgebracht werden. Ich entscheide später, was ich mit ihnen mache.“

Ragnar nickte und nahm Norien einfach in seine Arme. Dann trug er sie hinaus, ohne auf Godric zu achten. Offenbar nahm er an, der Junge würde seiner Schwester schon folgen. Godric sah Fara verzweifelt an. Seine Fäuste waren geballt und es schien so, als ob er seiner Mutter zur Hilfe eilen wollte. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf und bedeutete ihn, Norien zu folgen. Er tat es sehr widerwillig, doch auch er musste wohl einsehen, dass ein kleiner Bengel wie er nicht gegen so einen Hünen ankämpfen konnte.

Nachdem die Kinder gegangen waren, entfernte sich der Fuß nun vollends und Fara konnte sich so hinlegen, dass ihre Wunden nicht schmerzten.

„Setz dich hin. Ich will dich betrachten.“

Langsam tat sie es und jeder Knochen schmerzte. Der Nordmann musste bemerkt haben, dass sie bestimmt nicht fliehen konnte, sonst hätte er seinen Fuß bestimmt nicht einfach so entfernt.

„Ich danke dir.“, flüsterte sie.

Verschämt blickte sie zu Boden und versuchte, ihr staubiges Gesicht notdürftig mit dem Ärmel ihres Kittels zu säubern.

Der Nordmann ging vor ihr in die Hocke und betrachtete sie interessiert.

„Wie kommt es, dass ich auf einem Sachsenhof eine Frau finde, die meine Sprache spricht?“ Er nahm einer ihrer Haarsträhnen in seine Hand und zwirbelte sie zwischen seinen Fingern. „Vom Norden kannst du nicht sein. Dein Haar ist schwarz wie die Kohle, die frisch vom Brenner kommt. Ich glaube, es gibt viele Frauen, die für solche Haarfarbe töten würden.“

Langsam hob sie den Kopf und sah in die blausten Augen, die sie je gesehen hatte. Der ganze Mann entsprach nicht ganz dessen, wie sie sich einen brutalen Nordmann vorstellte.

Er besaß kein langes Haar, sondern scherte es wohl regelmäßig kurz. Nur das obere Haar war etwas länger und fest an den Kopf geflochten. Da Fara Harald und seine Geschichten kannte, nahm sie immer an, dass all seine Landsleute einen langen Bart trugen. Doch der Mann vor ihr hatte höchstens einen Bartschatten. Ein kleiner Schnitt an der Wange zeigte ihr, dass er sich wohl oft selbst mit dem Messer rasierte, aber nicht immer erfolgreich damit war.

Sie schüttelte leicht den Kopf.

Was tat sie hier? Sie würde bald sterben. Dennoch, wenn sie in das Gesicht des Mannes starrte, war sie sich nicht mehr so sicher.

Sie räusperte sich.

„Ich stamme wahrscheinlich aus dem äußersten Frankenland. Mein verstorbener Ehemann behauptete es zumindest. Und deine Sprache spreche ich, weil ich sie von Harald gelernt habe. Er ist Sklave hier.“

Seine Augenbraue hob sich ein Stück.

„Und dieser Harald ist aus dem Norden?“

Sie nickte schwach.

Er sah sie durchdringend an.

„Was macht ein Nordmann bei einem Sachsen? Noch dazu als Sklave.“

Sie holte tief Luft.

„Er wurde von seinem Jarl als Leibeigener verkauft und muss nun dessen Schulden abarbeiten. Das hat er auch getan. Weil er mich und die Kinder in den Norden mitnehmen wollte, blieb er weitere Jahre, um so für uns zu bezahlen.“

Sein Blick durchbohrte sie fast. Doch dann seufzte er leise und rieb sich mit der Hand über das Gesicht.

„Du sprichst wohl die Wahrheit. Einige meiner Landsmänner scheuen sich nicht davor, ihre Männer für die eigenen Schulden bezahlen zu lassen. Bevor ich Schulden bei einem Sachsen machen würde, verhänge ich lieber selbst eine Strafe über mich.“

Fara wollte gar nicht wissen, was denn eine angemessene Strafe war. Also fragte sie nicht. Im Moment dominierte auch die Angst, was noch kommen würde.

Doch der Nordmann schwieg und betrachtete sie eine ganze Weile. Dann stand er auf.

„Was mache ich nun mit dir?“

Fara sah ihn gehetzt an, doch sein Blick verriet wirklich Ratlosigkeit. Ihm schien die ganze Situation unangenehm zu sein. Warum konnte sie sich nicht erklären.

Dennoch nahm sie ihren ganzen Mut zusammen.

„Du hast mir schon einmal eine Bitte gewährt, als du die Kinder nach draußen hast bringen lassen. Ich werde mich nicht wehren, du kannst mit mir machen, was du willst. Aber dafür nimmst du mich und die Kinder mit in den Norden.“

Er hob überrascht eine Augenbraue.

„Du würdest mit mir das Lager teilen, nur damit ich dich und die Kinder hier fortbringe? Du würdest dich mit Gewalt nehmen lassen, nur damit du von hier fortkommst? Mal davon abgesehen, dass ich mir einfach nehmen könnte, was ich wollte und nicht auf einen Handel mit dir eingehen muss.“

Sie lachte bitter auf.

„Ich würde alles tun, damit ich von diesem Ort fortkomme. Auch deswegen biete ich dir den Handel an, in der Hoffnung, du nimmst ihn an.“

Ohne auf seine Antwort zu warten, kniete sie sich vor ihn hin und hob etwas seine Tunika an. Egil hinderte sie nicht daran. Vorsichtig, fast zärtlich nahm er ihr Kinn in seine Hand und drehte ihr Gesicht so, dass er ihre Wange betrachten konnte. Dunkel erinnerte sich Fara an den Bluterguss, der nun noch schlimmer aussehen musste. Doch dann schüttelte sie den Kopf. Daran durfte sie nicht denken. Sie musste Taten folgen lassen, damit er sah, wie ernst es ihr damit war.

Mutig schob sie die Tunika weiter nach oben und wollte gerade die Schnüre lösen, welche die Beinlinge zusammenhielten, als er sie grob von sich stieß. Unsanft landete sie wieder mit ihrem Hinterteil auf dem Boden.

„Lass das, Weib!“ Seine Stimme war nicht erhoben, aber ihr war klar, dass er das auch nie musste. Er war der geborene Anführer. Bestimmt war er ein Jarl oder zumindest der Erbe von einem.

Aber er hatte sie zurückgestoßen. Das konnte nur eines bedeuten. Er wollte sie nicht von hier fortbringen.

Fara sackte in sich zusammen. Ihre letzte Hoffnung war gerade gestorben. Er wollte sich wohl nicht auf den Handel einlassen. Heiße Tränen liefen ihr über das Gesicht und sie schluchzte auf.

„Hör auf zu heulen!“

Sie nickte nur, schluchzte aber leise weiter. Wieder ging er vor ihr in die Hocke und betrachtete ihre Wange.

„Ich werde dich nicht nehmen. Nicht jetzt, denn hier ist es dreckig und ich habe schon einen gewissen Anspruch. Dennoch werde ich deine Bitte erfüllen, denn du hast Mut. Das beeindruckt mich. Vielleicht werde ich es bereuen, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich dich mitnehmen sollte.“

Er deutete ein Lächeln an, das sie strahlend erwiderte. Daraufhin wurde sein Gesicht wieder ernst.

„Freue dich nicht zu früh. Du wirst arbeiten. Und auch die Kinder sollen ihren Teil dazu beitragen, dass ich sie mitnehme, ohne für sie etwas zu bekommen.“

Sie nickte entschlossen.

„Natürlich. Ich werde hart arbeiten. Godric mag zwar schwach aussehen, aber auch er...“

„Bei Odins Namen, kannst du auch den Mund halten?“

Fara riss erschrocken ihre Augen auf. Sie wollte ihm doch nur versichern, dass sie nicht umsonst mit ihm wollte. Nichts war umsonst. Das hatte sie schon früh lernen müssen.

Er packte ihre Schulter und hob sie mit Leichtigkeit hoch. Dann betrachtete er ihre Gestalt. Fara sah an sich herunter und schämte sich. Sie trug nur ihren verschlissenen Kittel, der obendrein noch zerrissen war. So wurden Sklaven eben bei Bodobert gehalten. Schlecht und billig. Jede Ausgabe, die er für einen Sklaven tätigen musste, bezahlte dieser doppelt zurück.

Leicht schüttelte er den Kopf, hob seinen Umhang vom Boden auf und reichte ihn ihr.

„Zieh ihn an und lass ihn auch an, bis ich dir neue Kleidung gebe. Ich kann es nicht gebrauchen, dass meine Männer vergessen, dass du ab heute mir gehörst. Sie haben seit drei Monaten kein Weib gehabt, wenn man mal von Sklavinnen und billigen Hafenhuren absieht.“

Fara legte den Mantel um, der ihr um einiges zu groß war. Einen Moment fragte sie sich, ob auch er sich mit Sklavinnen und billigen Hafenhuren amüsierte.

Doch dann fing sie seinen Blick auf. Arrogant, herrisch und mürrisch. Alles gleichzeitig. Nein, bei ihm war nichts billig. Er würde kein einfacher Herr werden, das ahnte sie jetzt schon.

Als er sie grob aus der Hütte scheuchte, keimte in ihr trotzdem Hoffnung auf. Harald versicherte ihr immer wieder, dass nordische Krieger zwar brutal und grausam waren, Mut aber bewunderten. Ihr neuer Herr gab selbst zu, dass er ihren Mut bestaunte.

Vielleicht würde nun ein besseres Leben beginnen. Zwar als Sklavin eines Nordmanns, aber dennoch besser als das, was sie bisher hier bei den Sachsen erleben musste. Alles würde besser sein, als das, was sie bei Bodobert erlebte.

Das hier ist das ehemalige Cover, dass ich leider nicht mehr so verwenden kann. Dennoch finde ich, dass es nicht einfach verschwinden sollte.

Wie alle meine Cover machte auch dieses Nancy Bieler.