Reunion rules
Ich habe einmal mit meinem besten Freund einen Pakt geschlossen, ihn zu heiraten.
Um das klarzustellen: Wir waren nie romantisch miteinander verbunden. Wir hatten nicht einmal geküsst. Aber irgendwie war es so leicht, ihm das zu versprechen, wie zu lächeln und Ja zu sagen.
Zumindest stellte Adam es so dar. Und da ich zu dem Zeitpunkt, als mich dieses Versprechen auf die beschissenste Art und Weise einholte, nur eine nerdige Lektorin war, die sich am liebsten in Büchern versteckte, während Adam ein aufstrebender Filmstar auf dem Weg zum Weltruhm war, glaubten die Leute eher seiner Version der Geschichte als meiner.
Aber ich greife voraus.
Um diese Geschichte richtig zu erzählen – *meine* Version, nicht Adams –, muss ich ganz von vorne anfangen. Zu einer Nacht, von der ich nicht geahnt hätte, dass sie eine Schockwelle auslösen würde, die mich zehn Jahre später umhauen sollte.
Vorausschauendes Denken oder Zukunftsplanung lagen mir in jener Nacht fern, als ich diesen Pakt schloss. Ich hatte sowieso keinen klaren Kopf, es war mitten im Semester, ein Samstagabend, und wie an den meisten Wochenenden war ich wahrscheinlich angetrunken. Ich kann mich nicht genau erinnern, denn die Erinnerung ist mittlerweile verschwommen, vom Zahn der Zeit zernagt und von meinem Widerwillen, überhaupt daran zu denken.
Ich weiß aber noch, dass ich auf einer Party war. Ich wollte eigentlich nach Hause, müde von den ständigen Beschwerden meines damaligen Freundes, dem Drängen meiner Freunde, doch endlich zu tanzen, und dem Damoklesschwert der Prüfungen in der kommenden Woche.
Mein bester Freund seit eh und je – Adam – hatte seine Prüfungen schon hinter sich. Er hatte Schauspiel studiert, während ich mit meinem Studium in Sprach- und Medienwissenschaften eine deutlich schwerere Last zu tragen hatte.
Irgendwann gegen Ende des Abends lehnte ich in einer dunklen Ecke an Adam und wäre fast an seiner Schulter eingeschlafen.
Er roch wie immer: eine vertraute, beruhigende Mischung aus grünen Äpfeln, Geranien und frischem Regen. Sein Hemd, das weich und zerknittert an meiner Wange lag, lud mich dazu ein, mich noch tiefer in seine Brust zu kuscheln.
Er war damals schlank, hatte lockiges, kastanienbraunes Haar, warme braune Augen und war ein gutes Stück größer als ich. Mit meiner kleinen, kurvigen Figur passte ich immer perfekt zu ihm. Die Hand, mit der er mein langes, dunkles Haar strich, fühlte sich warm und fest an.
Ich habe seine geflüsterten Worte kaum verstanden, irgendetwas davon, mich zurück ins Wohnheim zu bringen, während die laute Musik meine ganze Aufmerksamkeit forderte.
„Gleich. Lass mich nur eine Minute hier liegen.“
Er kicherte und antwortete: „Nur eine Minute. Nicht einschlafen, okay?“
„Werde ich nicht.“
Damals hätte ich alles für ihn getan. Seit der Grundschule war er meine bessere Hälfte. Also weiß ich noch, wie ich pflichtbewusst versuchte, auf ihn zu hören. Ich gab mir Mühe, die Augen offen zu halten und den Kopf nicht noch tiefer in seine Schulter sacken zu lassen.
„Soll ich Martin holen?“
„Nein.“ Meine Antwort war ein Brummen in seine Schulter. „Er nervt mich den ganzen Abend schon. Ich glaube, das war’s zwischen uns.“
„Ah, ja. der Drei-Monats-Fluch.“
„Es ist kein Fluch. Ich brauche eben drei Monate, um herauszufinden, ob ich jemanden behalten will oder nicht. Und ich habe noch niemanden gefunden, für den es sich lohnt.“
„Freunde sind keine Goldfische, Lou.“
„Ich weiß. Aber es ist eine große Sache, zu entscheiden, mit wem man den Rest seines Lebens verbringt.“
„Du musst sie ja nicht gleich heiraten. Fang einfach mal damit an, mehr als zwölf Wochen mit jemandem zusammenzubleiben.“
„Nee, das ist zu viel Aufwand. Außerdem habe ich ja dich. Ich brauche keinen anderen Mann.“
„Ich bin dein Freund. Das ist was anderes.“
„Als ob du was sagen könntest. Du hattest keine Freundin mehr, seit Amber dich letztes Jahr betrogen hat.“
„Und wer sagt, dass meine nächste Freundin nicht das Gleiche macht?“
Ich spürte die Anspannung in seiner Stimme, die er zu verbergen suchte. „Nicht jeder ist wie Amber. Sie war eine Lügnerin und Manipulatorin.“ Adam wurde still und ich zuckte zusammen. „Sorry, ich weiß, du hast sie geliebt und es tut immer noch weh.“
„Nicht mehr so sehr wie früher.“
„Na, das ist doch gut. Das ist ein Fortschritt.“
Ich wurde still, zu erschöpft, um noch einfache Sätze bilden zu wollen. Mein Kopf sank noch tiefer und meine Atmung wurde langsamer.
Die Nacht verschwamm, die Erinnerung verlor ihre Schärfe und wurde zu einem trüben Nebel. Die Zeit verzerrte sich, während Adams Herzschlag unter meiner Wange die Sekunden und dann die Minuten in einem stetigen Rhythmus wegzählte.
„Lou? Du bist doch eingeschlafen, oder?“
Daran erinnerte ich mich. Ich wusste noch, wie Adam mich sanft schüttelte und erneut fragte, ob ich wach sei.
Ich glaube, ich hatte ein Geräusch von mir gegeben, vielleicht ein Wimmern, während ich versuchte, mich an ihn zu klammern, selbst als er mich von seinem Körper weg aufrichten wollte. Dann hat er sicher geseufzt, bevor er leise sagte: „Wir zwei sind schon ein tolles Paar. Du hast panische Angst vor Bindungen und ich kann niemandem vertrauen. Wenn wir beide in zehn Jahren noch Single sind, dann heiraten wir uns eben gegenseitig, okay?“
Damals war ich von ihm abhängig. Ich habe so sehr auf Adam gezählt, dass ich seiner albernen Idee – die halb als Scherz und halb als Neckerei gemeint war – sogar zugestimmt hätte.
Ich hatte gelacht und versucht, mich an den Namen der seichten Romantikkomödie zu erinnern, die wir erst am Abend zuvor zusammen geschaut hatten und die wohl der Auslöser für diesen völlig absurden Einfall war.
Ich erinnere mich nicht an meine Antwort. Aber in den Jahren danach dachte ich mir, dass es völlig egal war, was ich damals geantwortet hatte. Ich war mir damals so sicher, dass meine Antwort keine Rolle spielen würde. Ich war nicht in dieser Weise an Adam interessiert und er hatte nie einen Versuch bei mir gestartet.
Wir waren Freunde. Und dieser Moment auf der Studentenparty war einfach ein betrunkener Fehler.
Es *sollte* keine Rolle spielen, was ich gesagt hatte – kein Mensch mit gesundem Menschenverstand würde unser träges, berauschtes Geplänkel ernst nehmen.
Und um weiter zu beweisen, dass meine Version der Geschichte korrekt ist: Nachdem Adam mich nach Hause gefahren hatte, haben wir nie wieder ein Wort darüber verloren.
Natürlich war das alles, bevor die Dinge sich änderten. Es war, bevor Adam nach dem Abschluss wegzog. Es war, bevor er aufhörte, ‚mein‘ Adam zu sein, und stattdessen zu Adam Monroe wurde – dem Star einer angesagten neuen Fernsehserie, einer Filmreihe und dem Posterboy für Teenager-Fandoms überall. Kurz gesagt, bevor er zu einem Arschloch wurde.
Es war, bevor er aufhörte, mein bester Freund zu sein, und dann gar kein Freund mehr.
Und dann, zehn Jahre später, an einem Tag, von dem ich dachte, er würde völlig normal verlaufen, holte mich dieser Pakt auf die öffentlichste und demütigendste Weise ein, die man sich vorstellen kann. Die Schockwelle, die ich an jenem Abend auf der Party offenbar in Gang gesetzt hatte, hatte mich endlich erreicht.