Kapitel Eins
Das leise Summen der Deckenlautsprecher füllte den Laden. Ich hatte einen entspannten Indie-Song für den Abend ausgesucht. Es war fast Zeit zuzusperren bei Strings of Harmony, dem kleinen Musikgeschäft, das meinem Bruder Ben und seiner Frau Claire gehörte. Ich lehnte am Tresen und zupfte gedankenverloren einen Akkord auf der Akustikgitarre, die ich gerade gestimmt hatte. Im Laden war es ruhig, bis auf das gelegentliche Rascheln von Notenblättern oder das leise Knarren der Dielen. Ich mochte es so – ruhig, vorhersehbar und weit weg vom Chaos meiner Gedanken.
Die Glocke über der Tür bimmelte und Ben kam herein. In der einen Hand klimperten seine Schlüssel, in der anderen hielt er einen Kaffee zum Mitnehmen. Er sah aus wie der typische große Bruder – zuverlässig, ein bisschen bestimmend und ständig in Bewegung.
„Hey, Lila“, sagte er und stellte den Kaffee auf den Tresen. „Bist du bereit zum Feierabend? Claire ist schon zu Hause und bereitet das BBQ vor.“
Ich warf einen Blick auf die Wanduhr. Es war 19:45 Uhr. „Ja, fast. Ich mache hier noch fertig und schließe dann ab.“
Ben nickte, aber statt zu gehen, blieb er stehen und trommelte mit den Fingern auf den Tresen. Ich hob eine Augenbraue. „Was ist?“
„Du kommst doch zum BBQ, oder?“, fragte er. Sein Tonfall war beiläufig, aber sein Blick forschend.
Ich seufzte und stellte die Gitarre zurück auf ihren Ständer. „Ich weiß nicht, Ben. Ich bin ziemlich müde. Es war eine lange Woche.“
Ben runzelte die Stirn. „Komm schon, Lila. Du kannst nicht kneifen.“
„Ich kneife doch nicht“, sagte ich und verschränkte die Arme. „Ich bin nur… nicht in Stimmung für Gesellschaft.“
Ben lehnte sich gegen den Tresen, sein Ausdruck wurde weicher. „Jordan ist von seiner Tour zurück. Er kommt heute Abend auch vorbei.“
Mein Magen machte einen kleinen Hüpfer, aber ich blieb gefasst. „Na und? Er ist dein Freund, nicht meiner.“
Ben sah mich verständnislos an. „Lila, Jordan ist wie Familie für uns. Das weißt du. Und außerdem ist er seit Jahren nicht mehr hier gewesen. Denkst du nicht, es wäre an der Zeit, sich mal wiederzusehen?“
Ich drehte mich weg und tat so, als würde ich einen Stapel Notenblätter ordnen. „Es gibt nichts, was wir besprechen müssten. Er ist jetzt ein Rockstar, Ben. Er hat sicher Besseres zu tun, als mit der kleinen Schwester seines besten Freundes in alten Erinnerungen zu schwelgen.“
Ben seufzte und fuhr sich durch die Haare. „Schau, ich zwinge dich nicht. Aber ich glaube, du wirst es bereuen, wenn du nicht kommst. Jordan hat viel durchgemacht und versucht, wieder Kontakt zu alten Freunden aufzubauen. Du warst ihm früher auch mal wichtig, weißt du?“
Ich antwortete nicht. Ich konnte es nicht. Mein Kopf war schon bei einer Nacht, die ich so sehr zu vergessen versucht hatte – die Nacht der Talentshow in der Highschool. Unsere Eltern waren gerade sechs Monate zuvor gestorben. Es sollte ein Neuanfang für mich sein, aber am Ende zog ich mich nur noch mehr in mein Schneckenhaus zurück.
Es war sechs Jahre her, als ich 16 war. Doch die Erinnerung war so lebendig, als wäre es gestern gewesen. Ich war in der zehnten Klasse, unsicher und unbeholfen, und meine Liebe zur Musik war gleichzeitig meine Zuflucht und meine größte Schwachstelle. Bis dahin hatte ich mich und meine Musik versteckt. Ich hatte Wochen damit verbracht, mich auf die Talentshow vorzubereiten und geübt, bis meine Finger wund waren. Ich hatte ein eigenes Lied gewählt, ein ruhiges, gefühlvolles Stück, bei dem ich mein Herz ausschüttete.
Aber die beliebten Kids – die, die die Schule mit ihrer Arroganz und Grausamkeit beherrschten – hatten andere Pläne. Sie hatten an meiner Gitarre herumgespielt und die Saiten so gelockert, dass sie völlig verstimmt war. Sie hatten außerdem das Mikrofon so ohrenbetäubend laut gestellt, dass das Feedback durch die Aula kreischte, sobald ich singen wollte, und die Zuschauer vor Schreck in ihren Sitzen zusammenzuckten.
Ich war erstarrt, mein Gesicht brannte vor Scham, während Gelächter ausbrach. Ich war von der Bühne geflohen, die Gitarre fest an meine Brust gepresst, die Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich war in die kühle Nachtluft gerannt, mein Herz raste, ich wollte nur weg.
Da hat Jordan mich gefunden.
Ich saß auf den Stufen vor der Aula und hatte die Arme um meine Knie geschlungen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass jemand bei mir war, bis er sprach.
„Hey“, hatte er leise gesagt. Seine Stimme drang durch meinen Paniknebel. „Alles okay? Ben holt gerade das Auto.“
Ich hatte den Kopf geschüttelt, unfähig zu sprechen. Er setzte sich neben mich und sah auf die verstimmte Gitarre. Er wirkte grimmig, zögerte kurz und legte dann seinen Arm um meine Schultern. Er zog mich in eine Umarmung. Sie war warm und fest, und für einen Moment fühlte ich mich sicher.
Wir saßen schweigend da, die Nachtluft war kühl. Ich lehnte mich an ihn und meine Tränen wurden weniger, während ich seinem ruhigen Atem lauschte. Und dann, nur für einen Moment, dachte ich, er würde mich küssen. Sein Gesicht war so nah an meinem, seine Augen suchten meine mit einer Intensität, die mein Herz rasen ließ. Ich hatte die Demütigung vergessen, dieses Gefühl auf der Bühne. Denn der beste Freund meines Bruders sah mich an, als wäre ich etwas Kostbares.
Doch dann kam Ben mit dem Auto vorgefahren und der Moment zersprang. Jordan rückte von mir ab und sein übliches, lockeres Grinsen kehrte zurück. „Komm schon, Kleines“, hatte er gesagt, stand auf und reichte mir die Hand. „Lass uns nach Hause fahren.“
Ich hatte seine Hand genommen, aber die Wärme des Augenblicks war verflogen. An ihre Stelle trat ein hohler Schmerz, der mich seitdem begleitete. Dieses Wort – Kleines – hatte mich wie ein Messer getroffen. Es ließ mich klein und unbedeutend fühlen, wie ein Kind. Sicher, er war 20 und ich 16, aber ein Baby war ich nun wirklich nicht. Hatte ich mir den Fast-Kuss nur eingebildet? War das alles nur in meinem Kopf gewesen?
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„Erde an Lila!“, rief Ben.
„Ugh, okay, ich komme zum BBQ.“
Ben grinste. „Gut. Es wird ihm gut tun, Leute zu sehen, die er kennt und denen er vertraut. Wie ich sagte, er hat viel hinter sich. Wir gehen in zehn Minuten, okay?“
Ich nickte und wandte mich wieder den Gitarren zu. Was konnte Jordan wohl durchgemacht haben? Sein Leben war seit seinem Durchbruch vor vier Jahren medial komplett ausgeschlachtet worden. Er hatte die Welt im Sturm erobert, Rekorde gebrochen und die Charts gestürmt.
Ich hatte das immer aus der Ferne beobachtet, aber das hatte ich niemanden wissen lassen. Es war mein Weg, meinen Jugendtraum langsam verblassen zu lassen.
Es gibt nichts Schlimmeres, als den Jungen, den man früher bewundert hat, mit anderen Frauen an seiner Seite zu sehen – jede Menge Frauen, berühmte Frauen, wunderschöne Frauen.
Sobald mir klar wurde, wie unbedeutend dieser Fast-Kuss – falls es überhaupt einer war – für Jordan gewesen war, konnte ich damit abschließen.
Ich räumte die Gitarren weg und ging in den Aufenthaltsraum, um meine Tasche zu holen. Ben war unten. Ich könnte durch den Notausgang verschwinden und nach Hause gehen, ohne dass er es merkt. Das Problem war nur, dass er wusste, wo ich wohnte.
Ich ging zurück in den Laden. Ben wartete schon an der Tür.
„Bereit?“
„Klar“, antwortete ich, obwohl ich mich alles andere als bereit fühlte.
Die Fahrt zu Ben und Claire war kurz. In Harbor Springs brauchte man nie lange, um irgendwohin zu kommen. 20.000 Einwohner an einem guten Tag. Wir hatten nie vorgehabt, hierzubleiben. Als Kinder sprachen Ben und ich immer davon, in die große weite Welt hinauszuziehen. Dann starben unsere Eltern bei einem Autounfall, verursacht durch einen betrunkenen Fahrer. Über Nacht änderte sich unsere Welt und Bens Pläne. Er war erst 20, er brach sein Studium ab – für mich.
Er kehrte nach meinem Abschluss nicht mehr ans College zurück; da hatte er den Musikladen schon gekauft und Claire kennengelernt. Er erzählte mir, dass er in Harbor Springs glücklich sei und dass er vielleicht jetzt verstünde, warum unsere Eltern uns dort aufgezogen hatten.
Ich war nach dem Abschluss geblieben und hatte mich entschieden, von zu Hause aus Musik zu studieren, während ich im Laden arbeitete. Jetzt fühlte ich mich hier wohl, fast zufrieden.
Es war schon komisch, wie sich alles entwickelt hatte.
Bens Auto bog in seine Einfahrt ein. Ich konnte sofort die Burger auf dem Grill riechen, was meinen Hunger weckte. Ich hatte zum Mittag nur einen Bananen-Schoko-Muffin gegessen, hauptsächlich, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, mein neues Lied zu schreiben.
Er machte den Motor aus und mein Magen knurrte.
„Hunger? Gut, dass du dich entschieden hast mitzukommen“, neckte Ben, während er den Schlüssel aus der Zündung zog.
Wir gingen den Weg um das Haus herum. Claire stand am Grill und ein paar andere Freunde saßen am Picknicktisch, tranken Wein und lachten. Von Jordan war nichts zu sehen.
„Hey Claire“, murmelte ich, als ich zum Grill ging. Ich umarmte meine hochschwangere Schwägerin. „Oh Lila, ich freue mich so, dass du gekommen bist.“
Sie wandte sich ihrem Mann, meinem Bruder, zu und lächelte sehnsüchtig. Er nahm ihr den Pfannenwender aus der Hand und küsste sie zärtlich.
„Setz dich, mein Schatz.“
Claire nickte und ging zum Tisch. Ich sah Ben an und deutete in Richtung Haus.
„Ich muss nur kurz aufs Bad“, murmelte ich.
„Alles klar, bring mir ein Bier mit, wenn du zurückkommst.“
Ich ging hinein und dachte, ich wäre allein. Stattdessen lief ich direkt in die Brust von Jordan Cole. Er war größer, als ich ihn in Erinnerung hatte, oder vielleicht einfach kräftiger. Er trug eine schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt, und seine Tattoos schmückten beide Arme.
Ich blickte in sein Gesicht. Seine grünen Augen trafen meine. Sein Haar, länger und struppiger als damals, fiel ihm lässig in die Stirn. Er lächelte leicht und hob eine Augenbraue.
„Lila Bennett“, säuselte er, und mein Name tropfte von seinen Lippen wie Diamanten. Er hatte offensichtlich einiges über Charme gelernt, seit er auf Tour war. Aber ich hatte nicht vor, darauf reinzufallen. Ich hatte zu viel gesehen, um in diese Falle zu tappen.
„Jordan“, antwortete ich. Ich ging an ihm vorbei Richtung Bad, ohne den harten Schlag meines Herzens zu beachten.
Sei nicht dieses Mädchen, dachte ich, als ich die Tür schloss und verriegelte. Lass dich nicht noch mal auf eine dämliche Schwärmerei ein.
Auf dem Rückweg schnappte ich mir ein Bier für Ben und stellte es an den Rand des Grills. Er und Jordan unterhielten sich, und ich wollte kein Gespräch zu dritt anfangen. Ich ging zum Tisch und setzte mich gegenüber von Claire. Ein Freund wollte mir ein Weinglas einschenken, aber Claire schüttelte den Kopf.
„Lila trinkt nicht.“
Ich schluckte schwer. Heute Abend musste sich das ändern, wenn ich das hier durchstehen wollte, ohne wie eine Idiotin dazustehen.
„Eigentlich nehme ich vielleicht doch eines“, flüsterte ich.
Claire jubelte und ihr Freund schenkte mir ein. Ich nahm einen Schluck. Der Wein war trocken und süß zugleich. Claire hatte recht: Nach dem Tod meiner Eltern hatte ich jedes Interesse am Feiern verloren. Ich konnte die alkoholischen Getränke, die ich in meinem ganzen Leben getrunken hatte, an einer Hand abzählen. Fünf.
Das Gespräch ging weiter und ich trank meinen Wein langsam aus. Ben und Jordan brachten das Essen und alle griffen zu. Die Unterhaltung floss dahin, während ich meist nur zuhörte. Je dunkler es wurde, desto mehr floss der Alkohol. Ich hatte das dritte Glas Wein, als Ben aufstand und eine Rede über alte Freunde und Neuanfänge hielt.
Ich spürte Augen auf mir, während Ben sprach – sie brannten sich von der anderen Seite des Tisches in meine Haut. Ich sah zu Jordan und entdeckte, dass er mich anstarrte.
Es war intensiv, und ich wusste nicht warum. Ich sah weg und zwang mich, mich auf meinen Bruder zu konzentrieren, der zum Ende seiner Rede kam und über Claire, ihr Baby und sein Glück sprach. Wir klatschten alle, dann schaltete Claire die Musik auf ihrem Handy über die Bluetooth-Lautsprecher ein.
Jordan meldete sich endlich zu Wort. Er war still gewesen, seit sie sich mit dem Essen zu uns gesetzt hatten.
„Hey Claire, hast du was von Mystic Muse auf deiner Playlist?“
Ich fühlte, wie ich erstarrte. Jordan hatte von Mystic Muse gehört?
„Ja klar, ich muss doch die lokalen Talente unterstützen!“ Claire nahm ihr Handy und fing an zu scrollen. Ich hob mein Weinglas und trank den Rest aus.
„Aber wer ist das lokale Talent?“, rief Jordan aus. „Wie hat es noch niemand herausgefunden?“ Ich spürte Jordans Blick wieder auf mir und dachte einen Moment, er wüsste es. Stattdessen sprach er weiter.
„Auf ihrer Seite steht, sie ist 22. Also müsste sie mit euch zur Schule gegangen sein. Irgendwelche Ideen?“
Ich zuckte mit den Schultern. Der Wein gab mir genug Mut für die Lüge meines Lebens.
„Tja, da ich keine Ahnung habe, von wem du redest, nein. Ich habe keine Idee.“
Jordan spottete und schüttelte den Kopf.
„Du hast noch nie von Mystic Muse gehört?“
Ich zuckte mit den Schultern und griff nach der nächstgelegenen Weinflasche, um mein Glas erneut zu füllen. „Nein, habe ich nicht.“
„Leicht zu ändern!“, rief Claire. Das Lied endete abrupt und ein neues begann. Ich ballte die Hände zu Fäusten, um nicht im Takt mitzuklopfen und mich zu verraten. Dann sang sie. Mystic Muse. Ihre Stimme, gezeichnet von einer Vergangenheit, die sie als Ausrede benutzt hatte, um im Verborgenen zu bleiben. Ich wollte vom Tisch weglaufen, direkt nach Hause, ins Bett kriechen und mich verstecken. Ich fühlte mich nackt vor allen Leuten, meine ganzen Geheimnisse lagen offen da.
Es war zu viel, ihr zuzuhören. Denn ich hörte mir selbst zu.
Ich war sie.
Ich war Mystic Muse.









The story is incompletely 🥺👎🏼
Die Geschichte geht nur bis Kapitel 5. Schade!