Der Wahnsinn im Innern
Die letzten Sonnenstrahlen kämpfen sich mühsam durch die schwer zu durchdringende Decke aus Blättern. Der Wald füllt sich langsam, aber stetig mit einer Aura aus Angst und Beengung, welche wie dicker, schwerer Qualm aus der Erde hochzukriechen scheint, während sich die Sonne versteckt und die elendige Kälte der Nacht zurücklässt. Es verfolgt mich, versucht mich zu finden. Ich habe Spuren gesehen. Ich muss wachsam bleiben. Äste streifen meine vernarbten Arme, während ich laufe, aber ich bin es inzwischen gewöhnt. Die spitzen Dornen und peitschenden Äste der Bäume machen mir nichts mehr aus. Das Laub und die Äste knirschen unter meinen nackten Füßen. Doch ich bin mir sicher, dass mich mein Verfolger nicht hören kann.
Einst war ich normal, einst war ich glücklich, aber all das scheint mir so lange zurückzuliegen, dass ich es nie erreichen kann, egal wie sehr ich auch gegen die Strömung des Schmerzes anzukämpfen versuche, der mich jeden Tag ereilt. Inzwischen bin ich verkommen. Von innen heraus zerfressen. Eine Masse bin ich, die jeden Moment zu zerfallen droht, nur zusammengehalten von dem Trieb, zu leben. Verzweiflung, Angst und Schlafentzug sind schreckliche Begleiter meiner morbiden Existenz. Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin. Jedenfalls lang genug, dass es mir so vorkommt, als wäre es nie anders gewesen. Als wäre der Wald alles, was ich je gekannt hätte. Meine Vergangenheit ist wie die andere Seite eines Flusses, welchen ich aufgrund der Strömung nicht überqueren kann.
Eine hässliche, degenerierte Abscheulichkeit starrt mir in meine grauen Augen. Sein Gesicht ist vernarbt und ihm fehlt ein Vorderzahn. Seine langen Haare sind verfilzt und durchsetzt mit lauter Blättern und Dreck. Ich trinke aus dem sich im letzten Sonnenlicht spiegelnden Wasserloch, solange ich kann, bis ich wieder aufbrechen muss.
Der Wald ist unendlich, und ich bin mir sicher, dass er sich ausdehnt, immer mehr, je näher ich an die Grenzen zu stoßen drohe. Es gibt niemanden in diesem Wald. Ich bin der letzte Überlebende in einer Welt, welche sich meinen Tod wünscht. Ich akzeptiere dies. Es ist meine Bestimmung zu fliehen. Es ist nur natürlich für mich. Alles, was ich bin, alles, was in mir ist, ist auf eine Weise geschaffen worden, sodass alles seine Richtigkeit besitzt. Ich erfülle das, wozu ich gemacht worden bin. Es ist nicht schwer zu begreifen. Es ist das einzig Richtige. Ich tue das, was es mir zu tun gebührt.
Ich laufe und laufe, immer weiter. Meine Augen passen sich der Dunkelheit an. Meine Pupillen werden größer, sodass jegliches Restlicht eingefangen werden kann. Mein Gehörsinn schärft sich wie ein Messer an einem Stein. Ich rieche das feuchte Laub und höre das Rauschen der Bäume im sachten Wind, während ich laufe. Im Wald gibt es nur mich und es, abgesehen von den Vögeln. Die Vögel. Ich höre sie nicht oft, aber sie singen für mich. Die wunderschöne Melodie, welche mich zu ihnen zieht. Die Melodie, wie sie in meinen Geist dringt und die Schwere davonträgt, welche auf meinen kaputten Schultern lastet. Die Melodie durchdringt selbst die Verwesung in mir und streichelt sanft mit einer heilenden Hand über die Wunden, welche die Korrumpierung verursacht hat. Ich höre sie jedoch nicht oft. Ich höre sie immer dann, wenn ich sie hören muss. Wie auch ich, das tue, was ich tun soll, erfüllen die Vögel ihren Teil und tun, was sie tun müssen. Die Vögel, sie leiten mich. Leiten mich aus der Unendlichkeit, und irgendwann werde ich frei sein.
Ich komme an einer Lichtung an. Die sonst so grausamen Bäume gewähren mir einen seltenen Blick auf den Mond. Kalt starrt er auf mich, während ich seinem urteilenden Blick ausgesetzt bin. Ich blicke in sein mir gegenüber gleichgültiges Gesicht und ich sehe, dass ich ihm egal bin. Widerlich grinsend, spüre ich, dass er mich insgeheim verhöhnt. Meine Schmerzen sind ihm egal, mein Leid und meine Pein. Wut steigt in mir hoch. Blut rinnt aus meinen geballten Fäusten, als meine Fingernägel ins Fleisch meiner Hände schneiden. Ein Außenstehender urteilt über mich und erkennt meinen Schmerz nicht an. Es ist vernichtend, und meine Unfähigkeit, dieser Ungerechtigkeit etwas entgegenzusetzen, schürt den Hass in mir nur noch mehr an. Die Bäume lachen über mich wegen des Urteils des Mondes, während ich wutentbrannt und mit gesenktem Kopf im brennenden Mondlicht stehe. Die Bäume tuscheln, glucksen und erfreuen sich an meinem Leid. Bastarde aus einer fremden Welt lachen über etwas, das sie nicht verstehen können.
Bleich ist meine Haut und die langen Finger meiner Hand sind verdreckt und geschunden. Dort, wo sich meine langen Fingernägel in die Haut gegraben hatten, waren die Wunden von Blut und lilafarbiger Haut umringt. Doch ich halte den Schmerz aus und laufe weiter. Atemzug um Atemzug laufe ich. Ich habe kein Gespür mehr dafür, wie weit ich laufe. Ich kann nicht sagen, ob ich in der letzten Stunde zehn oder einhundert Kilometer gelaufen bin. Das Einzige, was ich spüre, ist, wenn ich der Grenze des Waldes näher komme. Es ist ein Gefühl, das meine Adern und Nerven durchzieht. Als würden die Stränge und Fäden meines Körpers von einem Kribbeln der Aufregung durchzogen werden.
Es ist bleich und seine Knochen schimmern unter seiner weißen Haut hervor. Ich habe es schon einige Male gesehen, als es mir gefährlich nahegekommen ist. Schlaf ist genauso kostbar wie riskant er ist. Wenn ich zu lange schlafe, holt es mich ein, ehe ich davonlaufen kann. Schlafe ich zu wenig, komme ich nicht weit genug von ihm weg und es schließt die Distanz zwischen uns. Ich sah es einmal, wie es im Mondlicht tanzte. Seine langen, dürren Arme, an denen seine Klauen hin und her wackelten, als es sie zu einer verzehrten Symphonie des Mondes schwang. Es summte verzehrt die Melodie, welche wie eine schreckliche, falsche, korrumpierte Version meines geliebten Vogelgesangs klang. Seine Wirbel reckelten sich unter der bleichen Haut, während es sein Kunststück für den Mond aufführte, die gelblichen Narben auf seinem Rücken schimmernd, hin und her gleitend, im Licht meines verhassten Richters. Ich konnte sein Gesicht nie sehen, da es unter der Mähne der Kreatur verborgen liegt, aber es muss eine Schnauze voller Reißzähne sein. Ja, so muss es sein, so ist es nur natürlich. Es wird niemals sterben, es wird mich immer jagen. Ich weiß nicht, was es ist, ich weiß nicht, was es will. Es ergötzt sich nicht an meinem Leid wie all die anderen, aber es lässt auch nicht von mir ab.
Ich höre sie auf einmal. Meine Erlösung, meine Muse, mein Retter, der mich ins Elysium führt, frei von jeder Last. Ich richte mich auf und lasse die Pilze fallen, welche ich so gierig heruntergeschlungen hatte. Der Klang streckt seine Hände nach mir aus und streicht mit seinen weichen Fingern über meine zerfurchten Wangen. Die Wärme, welche die Melodie in mich trägt, löst den Schmerz in meiner Brust, der sich seit dem letzten Mal, als ich sie hörte, aufgebaut hat. Ich möchte nicht loslassen, aber die weichen Hände entgleiten den meinen. Sie wird leiser und ich weiß, dass ich laufen muss. Ich folge ihr. Die Leichtigkeit, mit der meine Füße über den Boden des dunklen Waldes gleiten, fühlt sich wie Fliegen an. Ich fühle mich frei und das Gefühl der Aufregung steigt freudig in den Strängen meiner Selbst auf. Ich bin so glücklich, dass ich lachen muss. Solange mein Vögelchen bei mir ist, kann mir niemand etwas anhaben. Die Blicke der mürrischen und verärgerten Bäume, darüber, dass die mich nicht aufhalten können, sind mir einfach egal. Ich laufe, als könnte ich ewig so weitermachen, doch der Vogel kann es nicht.
Die Melodie verschwimmt in einer Symphonie unendlicher Trauer. Mein Lächeln entgleitet mir und Laufen fühlt sich mit jedem Schritt schwerer an. Was hat er nur, wieso weint er denn? Tränen gleiten über meine geschundenen Wangen und auch ich weine nun. Verzweiflung verdrängt das Gefühl der Euphorie, und all das, von dem die Melodie es mir versucht hatte abzunehmen, fällt erdrückend auf mich nieder. Die Melodie wird immer leiser, doch sie läuft nicht mehr vor mir her und leitet mich aus dem Wald, sondern sie ist stehen geblieben. Leise singt der Vogel seine letzten Verse und verstummt, ehe ich ihn finde. Ich knie nieder und sehe, wie dicke rote Tropfen das glänzend blaue Gefieder meines Erlösers bedecken. Sein Federkleid glitzert noch schwach im Licht des Mondes, welcher boshaft anfängt zu grinsen, ehe jedes Leben in ihm erlischt. Ich halte es nicht aus, der Schmerz ist zu groß. Ich kann mich kaum auf den Beinen halten. Ich taumle, mir wird schwarz vor Augen und ich schlage heftig mit dem Kopf gegen einen Baum. Ich werde bewusstlos und falle schlaff in ein Erdloch, welches die Wurzeln eines umgestürzten Baumes zurückließen.
Ich wache auf und weiß, dass es einen hohen Preis hatte, der Trauer erlegen zu sein. Ich bin leer. In mir sind nur noch Schmerz und Verzweiflung übergeblieben. Der Verlust des Vogels wiegt schwer und die Stricke meiner Existenz drohen zu reißen. Es ist hier. Es ist so nah wie noch nie zuvor. Mein Rücken ist gegen die Wurzeln in der feuchten Erde gepresst und ich wage es nicht, zu atmen. Ich höre es, wie es wenige Meter von mir entfernt nach mir sucht. Es weiß, dass es nah ist, das zu erreichen, was es anscheinend so sehr begehrt.
Ein Trieb überkommt meinen ganzen Körper. Die Gewissheit, was ich tun muss, von dem ich weiß, dass ich es tun muss. Der Urtrieb, um des eigenen Lebens willen zu töten oder getötet zu werden. Zerrissen, zerfleischt, in Gänze verschlungen. Der Zenit der Vernichtung. Ich höre die Musik jetzt. Stetig wird sie lauter, bis ich nur noch das Eine hören kann. Die Melodie der Monomanie meines gänzlichen Hasses. Aller Gewalt, die mein Verstand irgendwo versteckt gehalten hatte. Das Hervorkommen des Dunklen, welches unter der Hölle liegen muss. DAS IST ES. DAS ABSOLUTE, WAS DER GEIST AUFBRINGEN KANN, UM SICH SELBST ZU RETTEN. ICH SPÜRE ES. ICH HÖRE NICHTS ANDERES MEHR ALS DAS EINE. Mein Gesicht zuckt und ich offenbare mich.