Kapitel 1
Die Vergangenheit
Ich knallte mein Lehrbuch zu und stopfte es in meine Tasche. Das musste schnell gehen, bevor die Glocke das Ende der Stunde und damit mein drohendes Verderben einläutete. Ich hasste es, aus dem Klassenzimmer zu gehen. Es war, als würde ich eine Sicherheitszone verlassen. Über mir schwebte ständig diese gefährliche Wolke, die ich einfach nicht loswurde.
„Also Klasse, denkt daran, eure Hausaufgaben bis morgen abzugeben. Das macht fünfzehn Prozent eurer Note aus“, sagte Mr. Carlton. Seine braunen Augen trafen meine. Er sah aber sofort wieder weg. Es war, als würde ich verschwinden, wenn er nur fest genug so tat, als wäre ich gar nicht da. So lief das mit ihnen allen.
Ehrlich gesagt, war mir das scheißegal. Wenn sie so tun wollten, als gäbe es mich nicht, sollten sie nur. Ich hatte genauso wenig Lust hier zu sein wie sie mich hier haben wollten. Dumme, eingebildete Elitisten; alles, was für sie zählte, war ihr Geld. Als ob das reichen würde, damit ihre eigene Scheiße nicht mehr stinkt.
Ich schwang mir die Tasche über die Schulter und hielt direkt auf den Ausgang zu. Prompt stand ich Nina und ihrer Clique gegenüber. Drei Jungs und zwei Mädchen, Nina inklusive. Sie waren die Reichsten der ganzen Schule. Ich hasste diese Leute mit einer Wut, die ich kaum erklären konnte. Nicht, dass sie es nicht verdient hätten. Das hatten sie alle. Die gesamte Oberschicht hatte es verdient, gehasst zu werden.
„Na sieh mal einer an“, sagte Nina. Sie musterte mich von oben bis unten. Abscheu stand in ihrem operierten Gesicht geschrieben. „Wenn das mal nicht der Schulabfall ist, der so tut, als würde er hierhergehören.“
„Kannst du zur Seite gehen? Ich muss zum nächsten Unterricht“, sagte ich tonlos. Eigentlich hatte ich die nächsten zwei Stunden frei. Aber das musste ja keiner wissen. Es würde ihnen nur die Chance geben, mir zu zeigen, dass ich hier nichts zu suchen hatte.
Sie zog eine blonde Augenbraue hoch – mit dieser typischen Arroganz, die man sich nur mit viel Geld kaufen kann. Dann gab sie mir einen heftigen Stoß. Ich krachte mit der Seite gegen die Metallspinde. Ein stechender Schmerz schoss durch meine Rippen. Bevor ich mich aufrichten konnte, traten Evan und Thompson vor. Sie standen erst hinter Nina, packten mich nun aber und knallten mich erneut gegen die Spinde. Diesmal schlug mein Kopf gegen die Metalltüren. Vor meinen Augen explodierten Sterne. In diesem Moment riss Evan mir die Tasche weg und feuerte sie ans Ende des Flurs.
Ich blinzelte so schnell ich konnte, um wieder klarzusehen, aber es half nichts. Die Sterne tanzten vor meinen Augen. Ich schaffte es nicht, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Ganz zu schweigen von dem brennenden Schmerz in meiner Seite. Ich versuchte aufzustehen, verlor aber das Gleichgewicht.
„Gott, wie erbärmlich. Aber eigentlich nicht anders zu erwarten“, bemerkte Nina. Ich lag am Boden auf dem Marmor. Andere Schüler liefen an mir vorbei, als wäre ich Luft.
„Du meinst wohl: Der Müll wurde dorthin gebracht, wo er hingehört?“, sagte Marina mit einer zuckersüßen Stimme. Ich hätte ihr am liebsten das Gesicht zerkratzt. Nur um die Schichten aus Make-up abzureißen und der Welt ihre hässliche Fratze zu zeigen.
„Ach was, ich glaube, ihre Mutter wird sie wieder in den Container stecken, aus dem sie sie rausgezogen hat. Gehen wir. Wir sollten ihr sagen, dass sie beim Bodenwischen eine Stelle vergessen hat“, antwortete Nina. Ein Chor aus herablassendem Lachen folgte ihr, während sie und ihre Freunde davonstolzierten.
Ich hasse Reiche wirklich abgrundtief, dachte ich mir. Ich zwang mich hoch und stützte mich dabei am Spind ab. Ich wusste, dass ich morgen früh neue blaue Flecken haben würde. Das war der Wahnsinn, wenn man bedachte, dass ich erst vor zwei Tagen einen Haufen davon abbekommen hatte.
Zu so etwas waren die Reichen fähig. Sie dachten, sie wären etwas Besseres als wir, die nicht so viel Kohle hatten. Deshalb behandelten sie uns wie Ungeziefer – oder noch schlimmer. Sie taten so, als hätten wir kein Recht zu leben oder dieselbe Luft zu atmen. Und egal wie sehr wir uns wehrten, wir verloren immer. Denn die Reichen hatten die Macht. Jeder war käuflich, und die Reichen konnten sich den Preis locker leisten.
Deshalb war es für Nina und ihre Freunde ein Leichtes, zu tun, was sie wollten. Sie hatten die Schulleitung in der Tasche. Der Direktor wusste ganz genau, was hier abging, aber er tat nichts dagegen. Zumindest nicht, wenn es um mich ging.
Sobald die Welt aufhörte sich zu drehen, stand ich auf wackeligen Beinen auf. Ich schleppte mich den Flur entlang und hielt mich an den Spinden fest. Am Ende des Ganges lag meine Tasche. Der Reißverschluss war offen und der Inhalt wahllos verstreut.
Ich ließ mich auf die Knie fallen und seufzte erleichtert. Dann sammelte ich mein Notizbuch, mein Tagebuch und das Lehrbuch ein und stopfte alles zurück in die Tasche. Ich hob meine Stifte auf, als plötzlich ein Schatten auf mich fiel. Ein Junge, der sicher eine Klasse über mir war, hockte sich vor mich hin. Er sammelte den Rest meines Schreibzeugs vom Boden auf.
„Hier, lass mich dir helf–“ Ich riss ihm meine Sachen aus der Hand und warf ihm einen giftigen Blick zu.
„Verpiss dich!“, herrschte ich ihn an. „Ich brauche deine verdammte Hilfe nicht!“
Er blinzelte. Ich konnte nicht umhin zu bemerken, wie krass blau seine Augen waren. So ein Blau hatte ich noch nie gesehen.
Wahrscheinlich hat er einen Haufen Geld bezahlt, damit seine Augen diese Farbe haben.
Ich wusste nicht, ob man Augen mit Geld verändern konnte, aber bei den Schülern hier hielt ich alles für möglich.
„Ich will nur helfen. Du siehst nicht gut aus. Ich bringe dich zur Krankenschwester“, sagte er. Seine sanfte, tiefe Stimme machte mich nur noch wütender.
„Zieh Leine, bevor ich dir deine operierte Luxusnase breche“, drohte ich. Es kotzte mich an, dass meine Sicht immer noch nicht ganz klar war. Ich musste ständig blinzeln, um ihn scharf zu sehen. Hätte ich das Geld gehabt, wäre ich selbst zum Arzt gegangen. Aber meine Mom arbeitete hier als Putzfrau. Sie konnte sich keine teuren Untersuchungen für mich leisten.
Der Junge war völlig perplex wegen meines Ausbruchs. Ich unterdrückte ein Grinsen. Geschieht ihm recht. Ich wettete, ihm hatte noch nie jemand gesagt, dass er sich ficken gehen soll. Das war das Problem mit den Reichen: Sie dachten immer, die Welt müsste vor ihnen im Staub kriechen. Sie hielten Respekt und Gehorsam für ihr gottgegebenes Recht, als würden sie uns füttern. Aber nein, sie nahmen nur. Sie nahmen es den Armen weg – saugten sie aus und gaben ihnen dann die Schuld an ihrer Armut. Ich hasste sie alle. Wenn ich könnte, würde ich sie eigenhändig würgen, bis sie alles wieder ausspucken, was sie uns gestohlen haben.
„Hey, kein Grund, so unhöflich zu sein. Ich will wirklich nur helfen“, sagte er und rückte näher. Mein Blick ließ ihn jedoch wie angewurzelt stehen bleiben.
„Habe ich dich um Hilfe gebeten?“, fragte ich mit gefährlich leiser Stimme. Jeder, der mich kannte, wusste, dass er rennen sollte, wenn ich diesen Ton anschlug. „Ich will nichts von dir. Aber falls du wie der Rest in dieser Drecksschule an einem Gottkomplex leidest, dann tu mir einen Gefallen und spring von einer Klippe. Genau da gehörst du hin – auf den Grund des Ozeans.“
Sein perfekt geformtes Gesicht spannte sich an. Wut verdunkelte seine Augen. Ich wusste, dass ich verschwinden musste, bevor er ausrastete. Sonst hätte ich noch mehr blaue Flecken als die, die Nina und ihre Truppe mir verpasst hatten. Also stand ich auf. Ich war froh, dass meine Beine nicht mehr so zitterten. Ich rannte weg von dem Jungen, der dort am Boden hockte, während einige Schüler ihn umringten.
Ich rechnete halb damit, dass eine ganze Meute wütender Schüler hinter mir herjagen würde, um mich vom Gelände zu treiben. Aber zum Glück war da niemand. Ich fand mich allein im riesigen Innenhof wieder, der eigentlich eines der Aushängeschilder der Schule war.
Mein Blick schoss nach links und rechts. Ich suchte einen Platz, um mich hinzusetzen und mich um meine Schmerzen zu kümmern, die förmlich nach Aufmerksamkeit schrien. Nach ein paar Minuten entdeckte ich meinen Lieblingsbaum. Es saßen keine Schüler dort. Ich eilte hin, bevor ihn mir jemand wegschnappen konnte. Ich ließ meine Tasche fallen, sackte zusammen und lehnte meinen Rücken und Kopf gegen den dicken Stamm. Dann schloss ich die Augen.
Ein vertrauter Schmerz hämmerte in meiner Schläfe. Ich war froh, die nächsten zwei Stunden frei zu haben. So konnte ich mich ausruhen und hoffen, dass der Schmerz nachließ.
Ich liebte es hier draußen. Vor allem, wenn alle drinnen beschäftigt waren. Den meisten Schülern waren ihre Haut und ihre Klamotten zu wichtig, deshalb blieben sie lieber im Gebäude. Sie hockten dann in der Lounge oder in der Bibliothek. Bei dem herrlichen Sonnenschein konnte ich mich entspannen. Ich wusste, dass hier niemand herkam, um mich zu quälen.
Als mein Kopf aufhörte zu schwanken, öffnete ich die Augen. Ich atmete erleichtert auf, als ich keine Sterne mehr sah. Ich setzte mich gerade hin, griff nach meiner Tasche und holte mein Tagebuch heraus. Gott sei Dank hatten Nina und ihre Freunde es nicht gelesen. Aber warum sollten sie auch? Wahrscheinlich würden sie jemanden bezahlen, der das für sie erledigte. Lesen war sowieso etwas, wofür sie ihre zwei kostbaren Gehirnzellen nicht verschwenden würden.
Verdammte reiche Säcke.
Ich schlug eine neue Seite auf, nahm meinen Stift und fing an zu schreiben. Es gab nichts Neues. Es war dieselbe Qual, die ich jeden Tag erlebte. Die gleichen Gedanken: Es jemandem zu erzählen, aber genau zu wissen, dass die Welt gegen mich war. Ich war eben nicht reich genug, um mir Loyalität oder Mitgefühl zu kaufen.
Mein Stift tanzte über das Papier. Ich ließ meine ganze Wut und den Frust raus. Meinen Schmerz, von dem die Leute dachten, ich würde ihn gar nicht spüren. Geld bewirkte so etwas. Man sah andere nicht mehr als Menschen an, die Schmerz empfinden können.
Aber okay, vielleicht waren nicht alle Reichen so. Es gab sicher auch großzügige Seelen da draußen. Ich traf bloß immer auf die Arschlöcher.
Ich wollte niemals so sein wie sie. Ich wollte nicht reich sein. Ich wollte keine reichen Freunde oder einen reichen Freund. Wenn ich jemals jemanden daten würde, dann jemanden, der aus denselben Verhältnissen kam wie ich. Ich war nicht wie diese Mädchen, die von einem reichen Typen träumten, der all ihre Probleme mit Geld löst und sie nebenbei noch liebt. Oh nein. Ich blieb lieber in der Realität. Ich wollte jemanden, der seinen Reichtum nicht unter dem Deckmantel der Liebe als Machtmittel gegen mich einsetzte.
Die Reichen machten mich fertig. Ich hasste sie. Und ich hasste Geld. Wenn man es nicht zum Überleben bräuchte, würde ich lieber ohne leben. Leute taten verrückte Dinge für Geld und verbrachten den Rest ihres Lebens damit, ihre Taten zu rechtfertigen. So wollte ich nicht sein. Ich wollte kein Sklave des Geldes sein.
Nach einer halben Stunde legte ich den Stift weg. Ich schloss das Tagebuch und verstaute es schnell in der Tasche. Ich sah ein paar Schüler aus dem Gebäude kommen und war froh, dass mich niemand beim Schreiben beobachtet hatte.
Ich holte mein Mittagessen aus der braunen Papiertüte. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als ich das Sandwich sah, das meine Mom mir eingepackt hatte. Thunfisch und Pute mit Tomaten, Gurken und Salat. Ich riss die Folie ab und nahm einen riesigen Bissen. Ich seufzte genüsslich und biss gleich nochmal ab. Ich war hungrig. Aber vor allem wollte ich fertig sein, bevor Nina oder ihre Freunde mich erwischten und es mir wegnahmen. Das war schon mal passiert. Ich fragte mich echt, warum die mein Essen klauten, obwohl sie sich ein ganzes Festmahl leisten konnten.
Reiche Leute wird man nie verstehen.
Gut so, ich wollte es auch gar nicht. Ich wollte einfach nur den Abschluss an dieser arroganten Schule machen. Danach würde ich ans örtliche Community College gehen und mir später einen Job suchen, genau wie meine Mom. Ich hatte kein Interesse daran, Zeit mit Reichen zu verbringen, um sie zu verstehen.
Als das Sandwich weg war, lehnte ich mich wieder an den Baum. Ich hoffte, dass das Pochen im Kopf aufhörte. Die ganze rechte Seite meines Gesichts tat weh, und ich wusste nicht mal genau, warum das so schlimm war.
Als ich merkte, dass der Schmerz nicht von allein verschwand, holte ich mein Handy raus. Ich öffnete die Kamera und erschrak. Die rechte Seite meines Gesichts war knallrot und geschwollen.
„Ugh, kein Wunder, dass das so wehtut“, stöhnte ich. Ich zuckte zusammen, als ich mit den Fingerspitzen mein lädiertes Gesicht berührte. „Mom bringt mich um.“
Natürlich würde sie das nicht tun. Aber sie würde sich Sorgen machen. Ich hasste diesen hilflosen Blick in ihren Augen. Sie wollte mir die Welt zu Füßen legen, konnte mich aber nicht davor bewahren, dass ich für unsere Armut büßen musste. Nein, sie durfte den blauen Fleck nicht sehen. Ich musste zur Krankenschwester oder sonst einen Weg finden, die Rötung wegzubekommen.
Ich wollte keine Sekunde verschwenden und stopfte das Handy in die Tasche. Aber gerade als ich aufstehen wollte, erstarrte ich vor Schreck. Neben mir stand ein Junge.
War der die ganze Zeit schon hier und ich habe es nicht gemerkt?
Das war aber kein Fremder, der da vor mir stand. Diese stechend blauen Augen gehörten nicht irgendwem. Nein, es war derselbe Typ, der mir vorhin helfen wollte. Ich spottete innerlich. Als ob ich jemals Hilfe von den Reichen annehmen würde. Aber ich war geschockt, dass er wieder auftauchte. Und das konnte nur eines bedeuten.
Er wollte sich rächen.
Und ich steckte bis zum Hals in der Scheiße.