Kapitel 1
Kylie
Ich war kein Mauerblümchen; ich war schon immer die Erste auf der Tanzfläche. Ich liebte Partys. Ich liebte es zu lieben, zu trinken, abzugehen, verrückte Dinge zu tun und wenig Stoff zu tragen ... zumindest war es das, was alle glauben sollten. Alleine am Valentinstag in der St. Marks Brewery and Tavern zu sitzen, war also kein Mauerblümchen-Dasein. Es war ein handfester Fluchtplan. Ich musste einfach mal durchatmen. Mein letztes „Date“ ging auf allen Social-Media-Plattformen so extrem viral, dass ich langsam keine Luft mehr bekam.
„Kylie Morgan trennt sich nach nur wenigen Monaten von Dane Wynters.“
„Kylie mit mysteriösem Mann gesichtet.“
„Kylie Morgan verlässt Starbucks mit neuem Freund.“
Meine Modelagentur hielt die Gerüchteküche am Brodeln ... ich musste nur auftauchen. Dane Wynters war in Wirklichkeit schwul ... seine PR-Firma verfolgte da eine ganz andere Strategie. Ich mochte Dane wirklich sehr; wir hatten viel Spaß während unserer „Beziehung“. Die Bilder im Netz, auf denen wir herumalberten und durch Manhattan zogen, waren also echt. Die Beziehung war es nicht ... und war es auch nie gewesen, kein einziges Mal. Eigentlich war ich noch nie in einer richtigen Beziehung. Mit dreiundzwanzig hatte ich ein paar Dates mit Leuten, von denen ich dachte, sie könnten ganz lustig sein. Meistens wollten sie aber nur das wilde Mädchen, für das die Welt mich hielt ... und das war ich einfach nicht. Ich mochte ruhige Abende, Bücher, Videospiele, ein gutes Craft-Bier und Wandern. Meine Vorstellung von Spaß war eine lange Nacht, in der man darüber redete, wie man die Weltprobleme lösen könnte. Dass ich eine nymphomanische Sexgöttin und eine leicht bekleidete Vorzeige-Hure war, war reines Geschäft … meine One-Night-Stands mit Playboys und Influencern waren nur für die Presse inszeniert.
Aus irgendeinem Grund war der Valentinstag schwer für mich. Es hätte mir egal sein sollen, aber es war die einsamste Zeit des Jahres. Er erinnerte mich daran, wie wenig Leute mich überhaupt kannten. Ich wurde von allen vergöttert, aber nur von einer Handvoll enger Freunde wirklich geliebt. Nur meine Mitbewohnerinnen kannten mein wahres Ich. St. Marks lag gleich um die Ecke von dem Loft, das wir uns teilten. Es war ein cooles Teil, das wir uns kaum leisten konnten. Obwohl ich viel Geld verdiente, wusste ich, dass das Modeln nicht ewig halten würde. Deshalb sparte ich den Großteil meiner Einnahmen.
Avery und Madison machten es genauso. Wir gingen aus, hatten Spaß und gaben Geld für Dinge aus, die wir mochten. Aber wir teilten uns das Loft, damit die Kosten überschaubar blieben. Ich vertraute nicht vielen Leuten, aber meine Mädels? Die waren meine Welt.
„KYLIE!“, schrie Avery völlig betrunken ins Telefon. „Wo steckst du? Du solltest hier sein, die Musik dröhnt! Die Leute vögeln praktisch auf der Tanzfläche.“
„Ich habe jemanden kennengelernt. Kannst du das nach all der Zeit glauben? Es ist noch ganz frisch, deshalb halten wir den Ball flach. Wir sind im St. Marks und trinken ein paar Bier, nichts Wildes. Habt Spaß, du und Maddy. Wir sehen uns morgen irgendwann.“ Ich wollte gerade auflegen und hoffte, dass mein Bluff funktionieren würde, als sie mich unterbrach.
„Was? Ist das dein Ernst? Kylie, das ist ja episch! Du hast einen Typen gefunden?“ Averys Stimme schoss zwei Oktaven nach oben.
„Wir sind definitiv noch nicht bei ‚episch‘ ... es ist eher interessant mit einer Prise Spaß.“ Ich kicherte passend ... ich musste sie nur vom Telefon kriegen, dann wäre ich in Sicherheit.
„Maddy und ich kommen dann rüber zu euch. Die Party hier ist scheiße ohne dich, weil uns sonst keiner beachtet.“ Ich konnte förmlich sehen, wie sie die Augen verdrehte.
„Ich bin sicher, sobald sie euch erst mal kennenlernen ...“, versuchte ich sie zu ermutigen. Avery war wunderschön und hatte sogar mehrere Modelverträge abgelehnt, um sich auf ihre Modekarriere zu konzentrieren, hatte aber selbst ihre Probleme mit Männern.
„Und wenn die Leute merken, dass du nicht da bist ... dann ziehen sie weiter. Das passiert ständig, Kylie.“ Einen Moment lang klang sie sauer.
„Kommt wirklich nicht“, platzte ich heraus, in Panik, dass sie und Maddy tatsächlich in der Bar auftauchen könnten.
„Bis gleich“, drohte Avery. Ich wusste, dass die Chance verdammt gut stand, dass sie und Madison gleich hier in der Bar aufkreuzen würden.
Ich geriet in Panik. Jetzt war mein ruhiger Valentinstag, an dem ich in meinem eigenen Selbstmitleid schwelgen wollte, komplett ruiniert. Dabei sah ich gerade wirklich aus wie das blühende Elend. Ich trug zerrissene, weite Jeans, eine Beanie und ein zufälliges Shirt der University of Oregon aus dem Secondhand-Laden. Ich war mir ziemlich sicher, dass niemand in dieser Bar wusste, dass ich Kylie Morgan war. Jetzt musste ich meine Tarnung auffliegen lassen, nur um meine Mitbewohnerinnen loszuwerden.
Sie waren zwar aufdringlich und distanzlos, aber sie hielten mir immer den Rücken frei. Wir waren füreinander da. Das war schon seit der Grundschule so. Avery hatte damals bemerkt, dass das einzige andere hübsche Mädchen in der Schule unter derselben unerwünschten Aufmerksamkeit litt wie sie selbst. Madison war so süß ... einfach zum Knuddeln, das rettete sie. Avery und ich waren für die siebte Klasse schon ein bisschen zu sexy. Wir wurden zu einem Trio ... das Trio ... die Einzigen, die wir brauchten. Wir machten alles zusammen und überlebten so nicht nur die Mittelstufe, sondern auch die Highschool und das College. Sie waren meine Familie. Meine echte Familie ... wer weiß das schon? Ich wurde von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht. Mit achtzehn war ich endlich frei. Ich hatte nur einen Wunsch: bei meinen Mädels zu bleiben. Es war mir egal, zu welcher Pflegefamilie ich kam, und so landete ich in einem Heim für Mädchen. Es war nicht schrecklich ... meistens jedenfalls, bis es eben doch schrecklich wurde.
An den Feiertagen war ich immer bei Averys Familie, und Madisons Eltern nahmen mich mit in den Urlaub. Dass meine Mädels jetzt wahrscheinlich sturzbetrunken und gelangweilt auf dem Weg hierher waren, war also keine Überraschung. Jetzt musste ich entweder vor ihnen klein beigeben und beichten, dass das Date erfunden war, oder jemanden in der Bar überreden, für mich einzuspringen. Ich konnte niemanden anrufen; meine Mädels kannten all meine falschen Dates. Also suchte ich die Bar nach einem Typen ab, den ich anbetteln konnte, für eine Minute mein Freund zu sein. Ich war Kylie Morgan, das heißeste Supermodel aller Zeiten ... zumindest laut dem Time Magazine ... ich würde das schon hinkriegen. Eigentlich wollte ich heute Abend von all dem weg, aber wen machte ich hier eigentlich was vor?
Ich schaffte das; ich gab mir einen Ruck. Ich musste nur lange genug mit ihm zusammenbleiben, um die Mädels davon zu überzeugen, dass ich keine Rettungsaktion oder ein Verhör brauchte. Ich musterte die Einzeltische im Raum auf der Suche nach dem perfekten „Date“. An einem Tisch saß ein adretter Herr mit Schiebermütze, der wohl Ende neunzig war. Mein Herz versetzte mir einen kleinen Stich, als ich ihn da so alleine an seinem Bier nippen sah. Es wurde mir etwas leichter ums Herz, als die Kellnerin vorbeikam und ihm ein Lächeln schenkte. Er musste ein Stammgast sein. Soweit ich das Gespräch mitbekam, kam er immer mittwochs und bestellte ein Guinness. Er wusste wahrscheinlich nicht mal, dass Valentinstag war.
Am nächsten Einzeltisch saß eine wunderschöne Frau in einem saphirblauen Satinkleid. Es gab zwar Gerüchte, dass ich auf Frauen stünde, weil man mich mit ein paar gesehen hatte, aber das stimmte nicht. Meine Küsse mit Frauen, meistens mit anderen Models, waren alle nur inszeniert, um mich sexuell experimentierfreudig wirken zu lassen. In Wirklichkeit stand ich nicht auf Frauen. Es brachte mich ein wenig zum Lachen, denn die Frau am Tisch vor mir war wirklich heiß. Vielleicht wäre alles einfacher gewesen, wenn ich auf Mädchen stünde. Aber so wie sie auf ihre Uhr schaute, wartete sie auf jemanden, der wohl zu spät war. Ich suchte weiter.
Der einzige andere Gast, der alleine an einem Tisch saß, war ein Mann, der etwas älter zu sein schien als ich und einen sehr teuren Anzug trug. Sein Outfit aus feinster Wolle und die Designer-Lederschuhe schrien förmlich nach Geld. Normalerweise war das für mich ein Grund, so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Denn Geld bedeutete, dass sich ständig Leute in dein Leben einmischten. Um die Sache aber schnell hinter mich zu bringen, musste das Geld eben herhalten. Er war kein Muskelprotz, hatte aber die Art von Körperbau, in der ein Designeranzug verdammt gut aussah.
Da er mir den Rücken zudrehte, konnte ich sein Gesicht nicht sehen. Es war mir auch egal, wie er aussah; es sollte ja nur für eine Minute sein, um meine Mitbewohnerinnen abzuschütteln. Ich hatte fest vor, danach wieder in meine kleine Nische in der Ecke zurückzukehren und den Rest des Basketballspiels zu schauen, das auf allen Bildschirmen lief. Eigentlich mochte ich Basketball nicht mal besonders, aber während ich mit meinem IPA da saß, hatte es mich irgendwie gepackt. Mein Herz raste vor Nervosität bei dem Gedanken, einen Fremden anzusprechen. Aber die Vorstellung, von meinen Freundinnen fertiggemacht zu werden, weil ich mal wieder „nicht unter Leute gehe“, war unerträglich. Ich zog meine gammlige Jeans hoch und legte los.
„Hi“, fing ich an. Das klang unverfänglich genug.
Der Typ erschrak ein wenig, als er von seinem Handy aufsah, aber ich war noch überraschter als er. Bei seinen fein geschnittenen Zügen und dem markanten Dreitagebart zog sich in meinem Inneren alles zusammen. Er sah mich mit verführerischen, hellbraunen Augen und einem wissenden Grinsen an, und ich vergaß fast, wie man spricht. Sein kurz geschorenes Haar war perfekt gestylt, und ich konnte das feine Aroma von Versace Eros in der Luft riechen.
„Es tut mir so leid, dich zu stören.“ Ich bin sicher, ich stammelte, verdammt, ich wusste, dass ich stammelte. „Ich bin Kylie Morgan.“ Dumm, ich bin so dumm.
„Ich weiß, wer du bist“, sagte er mit einer tiefen Baritonstimme, die direkt in meinem Schritt kribbelte ... verdammt.
„Wirklich? Und ich dachte, ich wäre mit der Beanie und der weiten Jeans so schlau gewesen ...“ Oh Gott, ich war heute echt völlig von der Rolle.
„Du bist ziemlich unverwechselbar, egal was du trägst ... oder nicht“, fügte er hinzu, als würde er mich mit seinen Worten ausziehen. „Ich habe dich reinkommen sehen. Brauchst du was?“ Jetzt klang er eher genervt.
„Ja, eigentlich schon. Es ist ein bisschen peinlich ...“ Ich biss mir auf die Lippe und versuchte zu atmen, während mein Herz wie ein Pingpongball in meiner Brust hüpfte.
„Peinlicher, als einfach herzukommen und meinen Abend zu unterbrechen?“ Wenn in seiner Stimme nicht ein Funken Amüsement mitgeschwungen hätte, hätte ich ihn für unglaublich unhöflich gehalten. Aber wahrscheinlich war er irgendjemand Wichtiges; ich konnte ihn nur gerade nicht einordnen. Ich war einfach auf ihn zugegangen, und plötzlich verließ mich der Mut.
Er muss den verletzten Ausdruck in meinem Gesicht gesehen haben. „Warum setzt du dich nicht?“
Ich nahm auf dem Stuhl gegenüber Platz und schluckte tief. Ich hatte keine Ahnung, warum er mich so nervös machte; ich war schon von so vielen gutaussehenden Männern umgeben gewesen, zu vielen. Ich musste mich zusammenreißen.
„Was wolltest du fragen?“ Wieder war seine Stimme wie ein tiefes Schnurren, und ich stellte mir vor, wie er mir ins Ohr hauchte, während er mir sanft die Kleider auszog.
Ich presste meine Knie zusammen, um das Pochen in meiner Pussy zu bändigen. „Ich brauche ein Date.“ Ja ... das kam völlig falsch rüber.
Zum Glück brach er in Lachen aus.
„Sagt die Frau, die gerade ... was, drei Männer gleichzeitig datet? Ich verliere da den Überblick.“ Verfolgt er das etwa? Dieser Moment traf mich hart.
„Nicht wirklich ...“ Ich starrte in seine bernsteinfarbenen Augen, die wie Edelsteine in kristallklarem Wasser wirkten, und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen ... Alec Blair.
Ich saß hier mit Alec Blair. Er sah ein bisschen verwegener aus als auf dem Cover des Forbes-Magazins, aber er war es ... mit all seinen Milliarden. Ich glaube, er sah den Schock in meinem Gesicht, denn sein Lächeln wurde breiter.
„Nicht wirklich auf der Suche nach einem Date?“ Seine Augen funkelten, als er mich aufzog.
„Ich hatte keine Ahnung, wer du bist“, gestand ich kopfschüttelnd und kam mir vor wie eine Idiotin.
„Ah, und ich dachte schon, du wärst hergekommen, weil du ganz genau wusstest, wer ich bin.“ Seine Stimme klang jetzt etwas hämisch ... aber ich ließ es durchgehen, die Situation wurde ohnehin schon schnell verdammt unangenehm.
„Ich bin hergekommen, weil meine Mitbewohnerinnen auf dem Weg von der Dana-Planet-Party hierher sind. Ich habe ihnen abgesagt und behauptet, ich hätte ein Date. Jetzt kommen sie vorbei, um nach mir zu sehen. Ich hatte eigentlich gehofft, du wärst nur irgendein Typ ...“
„Zum Flachlegen?“
„Nein, ich schlafe nicht mit Typen.“ Nein ... das war nicht das, was ich sagen wollte.
„Mit Frauen dann?“ Seine Augen verengten sich und bekamen diesen seltsamen, lüsternen Glanz.
„Oh Gott, nein … ich meine, nein ... einfach ein ganz normales Nein, ist ja auch egal ...“ Ich fing an zu hecheln.
„Warum fragst du mich nicht einfach, was du fragen wolltest?“ Er lehnte sich mit einer lässigen Leichtigkeit in seinem Stuhl zurück, und ich krallte mich an der Armlehne fest, um nicht umzukippen.
„Kannst du so tun, als wärst du mein Date, solange sie hier sind? Und wenn sie weg sind, lasse ich dich wieder in Ruhe und trinke noch ein Bier und beklage mich darüber, wie pathetisch das alles hier ist“, sprudelte es aus mir heraus. „Sie müssten jeden Moment hier sein.“
„Ist es nicht ein bisschen gefährlich, so zu tun, als würdest du mich daten?“ Sein lüsterner Blick wich einem verführerisch dominanten.
„Gefährlich?“, schluckte ich.
„Naja, ich stehe auch in den Nachrichten. Es werden Gerüchte die Runde machen ...“ Sein Grinsen machte mich völlig fertig.
„Nicht durch meine Mädels, die sagen kein Wort, versprochen. Den Rest regel ich schon. Wir tun einfach so. Dann trennen wir uns freundschaftlich, keine große Sache. Es hat halt nicht gepasst. Und dann habe ich für den Rest des Jahres meine Ruhe vor ihnen.“ Ich schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, mein Markenzeichen.
„Klingt nach Spaß.“ Seine ganze Art änderte sich schlagartig. „Was trinkst du?“