ONE
„Ich frage mich, wer wohl als nächste Braut auserwählt wird“, sinniert Bri gedankenverloren. Sie stützt sich auf ihre Ellenbogen und mustert den Marktplatz vor uns. Die gepflasterten Straßen leeren sich schnell, während die Sonne ihre feurigen Finger über den Himmel streckt.
„Keine Ahnung“, antworte ich knapp. Ich rücke eine Tomate zurecht, die ohnehin schon perfekt lag. Ein Luftzug geht durch die Gasse und ich schließe mit einem zufriedenen Seufzer die Augen. Die Hitze des Tages war erdrückend.
„Aber willst du es nicht wissen?“, drängt Bri. Ich sehe in ihre großen, aufgeregten Augen und zucke mit den Schultern.
„Nein“, antworte ich. „Will ich nicht.“
Trotz meiner gespielten Gleichgültigkeit habe ich in Wahrheit schreckliche Angst. Mein lediger Status macht mich zu einer möglichen Braut für den Vampirkönig, doch das ist fast so, als wäre ich ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Jeden Morgen wache ich auf und blicke zu dem Schloss, das über meinem Dorf thront. Ich frage mich, ob das der Tag sein wird, an dem ich den White Raven fliegen sehe: das Zeichen, dass der Vampirkönig bereit ist, sich eine neue Braut zu nehmen.
Aber das kann ich Bri nicht sagen. Obwohl sie genauso unverheiratet ist wie ich, findet sie Gefallen an all dem. Ich habe ihre Aufregung nie verstanden. Vielleicht ist sie verzweifelt genug, um das Dorf verlassen zu wollen? Wenn das so ist, gibt es dafür sicherere Wege.
„Warum?“, japst Bri. Ich seufze und zucke erneut mit den Schultern. Vielleicht sollte ich genauso neugierig sein wie sie – oder sogar ungeduldig – aber ich bringe es einfach nicht fertig. Alles, was ich fühlen kann, ist Angst. Angst und Verleugnung, so als würde das Schicksal, das einem Mädchen aus meinem Dorf unweigerlich bevorsteht, einfach verschwinden, wenn ich nur nicht daran denke.
„Weil ich Wichtigeres zu tun habe, als über irgendeinen verwöhnten König nachzudenken“, presse ich hervor. Bri lacht nur und schüttelt den Kopf.
„Das ist wichtig, Alissa“, beharrt Bri und schnappt sich eine Tomate, bevor ich sie aufhalten kann. „Das ist unsere Zukunft.“
Sie beißt in die gestohlene Tomate. Saft rinnt ihr über das Kinn, während sie kaut, und schließlich nicke ich.
„Da hast du recht“, gebe ich zu. Mehr bringe ich nicht über die Lippen.
Als der Marktplatz leer ist, packen Bri und ich unsere Waren zusammen und machen uns auf den Heimweg. Selbst als sie mir den Rücken zukehrt, bleibe ich einen Moment stehen, um ihr nachzusehen. Sie ist mein ganzes Leben lang meine liebste Freundin gewesen. Sollte ich ausgewählt werden, weiß ich, dass ich sie nie wiedersehen werde – keine der früheren Bräute ist jemals zurückgekehrt. Also muss ich meine Umgebung und alles, was mir lieb ist, in vollen Zügen genießen.
Als ich auf den Fahrersitz steige, versuche ich mir einzureden, dass ich es nicht sein werde. Es gibt viele heiratsfähige Töchter im Dorf – die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es eine von ihnen trifft. Doch während die Zeit verstreicht und kein White Raven zu sehen ist, greift die schleichende Angst, die ich einst verdrängen konnte, immer fester nach mir. Ich will endlich diesen verdammten Raben sehen. Ich will sehen, wie die diesjährige Braut in der roten Kutsche weggeführt wird, von der meine Tanten immer nur zögernd sprachen. In ihren Worten schwang immer Schuld und Scham mit, wenn sie von ihrer Erleichterung erzählten. Ich frage mich, ob ich dasselbe fühlen werde, wenn ich sehe, wie die Braut abgeführt wird.
Während die Schatten länger werden, kniffe ich die Augen zusammen, um meinen Weg in der Dunkelheit zu erkennen. Capronas Schritte werden vorsichtiger, fast zögerlich, je dunkler es wird. Schließlich bin ich gezwungen anzuhalten und meine Laterne anzuzünden.
Gerade als ich den Docht entzündet habe, bemerke ich eine Bewegung am Rande der Dunkelheit. Ich wirble herum und meine Hand greift nach dem Messer an meiner Hüfte. Banditen lauern auf diesen Straßen; ich mache mir keine Illusionen, dass ich sie im Kampf besiegen könnte, aber ich gehe sicher nicht unter, ohne es versucht zu haben.
Eine Gestalt tritt aus dem dämmrigen Schatten. Er ist schwarz gekleidet und hat die Kapuze seines schwarzen Umhangs tief ins Gesicht gezogen. Trotz meiner Vorsicht gegenüber dem Fremden bewundere ich seine Wahl der Kleidung. Sicher muss die Hitze unter dem Umhang unerträglich sein? Aber warum sollte das einen Banditen kümmern? Langsam weiche ich zum Wagen zurück und scanne jeden Baum und jeden Schatten nach anderen ab. Banditen reisen nie allein.
„Ich bin kein Bandit.“ Seine Stimme ist so sanft, dass ich ihn fast überhöre.
„Ist das nicht genau das, was ein Bandit sagen würde?“, erwidere ich. Meine andere Hand umklammert jetzt die Zügel.
„Ich bin nur ein Reisender, der sich auf diesen Wegen nicht auskennt –“
„– und dafür hast du mein Mitgefühl.“ Mein Fuß steht bereits auf der Trittstufe. Es kostet mich Mühe, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken.
„Ich versichere dir“, sagt der Fremde, und in seiner Stimme liegt Verzweiflung, „ich will dir nichts Böses. Du hast mein Wort.“ Er hebt die Hände und zieht seine Kapuze zurück. Zum Vorschein kommt ein wunderschönes, mondblasses Gesicht, umrahmt von Haaren, so schwarz wie die Schwingen eines Raben. „Ich suche lediglich einen Platz, um für die Nacht auszuruhen.“
Ich runzle die Stirn. Es ist noch nie vorgekommen, dass ein Bandit einem Reisenden so bereitwillig sein Gesicht zeigt. „Na gut, dann komm. Diese Wälder sind nach Einbruch der Dunkelheit gefährlich.“
Der Fremde lächelt erleichtert und steigt zu mir auf den Wagen. Ich vertraue darauf, dass er mir nichts antun will, doch ich werde das ungute Gefühl nicht los, das mein Herz zusammenschnürt. Schon seine Nähe lässt meine Zähne unangenehm aufeinanderbeißen; selbst das Messer an meiner Hüfte spendet mir keinen Trost. Trotzdem erzwinge ich ein Lächeln und lasse die Zügel schnalzen. Das Hufgeklapper des Maultiers und das sanfte Wiegen des Wagens wiegen mich so weit in Sicherheit, dass ich den Fremden an meiner Seite fast vergesse. Der Bann bricht, als sein Oberschenkel gegen meinen streift. Ich verharre bei der Berührung.
„Entschuldige“, platzt es aus dem Fremden heraus. Ich hebe eine Hand.
„Bitte, es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest“, sage ich. Der Fremde rückt zur Seite und ich nehme an, dass er sich zurücklehnt. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Eine Gemüsekiste ist kaum der ideale Schlafplatz. „Wohin gehst du?“, frage ich.
„Den Berg hinauf, wenn ich morgen aufbreche“, sagt er. Ich beiße mir auf die Lippe.
„Nimm Silber mit. Und eine Waffe.“ Das ist die Warnung, die alle Reisenden aus der Fremde bekommen, wenn sie hier durchreisen. Manche tun diese Warnungen als bäuerlichen Aberglauben ab. Das sind die, die nicht zurückkehren. „Ein Zweig Weißdorn wird dir gute Dienste leisten.“
Der Fremde bewegt sich auf seinem Sitz. „Ich habe die Berge schon hunderte Male überquert. Mir wird nichts geschehen.“
„Gut. Aber nur für den Fall –“ Ich krame in meiner Tasche und hole einen Zweig Stechpalme hervor.
„Ich habe meinen eigenen Schutz“, sagt er, und in seiner Stimme schwingt Schärfe mit.
„Wie du meinst.“
Ich krümme meine Finger um die Stechpalme und drücke so fest zu, dass sie in meine Haut sticht, während die Berge in Sicht kommen. Der Anblick allein lässt mich schaudern.
Es gibt noch einen Grund, warum mein Vater mich eine Waffe an der Hüfte und einen Stechpalmenzweig in der Tasche tragen lässt: Vampire. Es heißt, sie seien die Leichen der verfluchten Toten, Männer und Frauen, die schwere Sünden gegen den alten und neuen Glauben begangen haben, und dass sie aus ihren Gräbern kriechen, um nachts Unschuldige zu stehlen. Fänge und Krallen zerreißen die Kehlen menschlicher Opfer, Blut ist ihre einzige Lebensquelle, und wenn der Vampir es so will, kann er einen nichtsahnenden Menschen in seinen Bann ziehen und zu seinem Sklaven machen. Die heiligen Bilder der Göttinnen, die sie verleugnet haben, anzusehen, ist für sie eine Qual. Ein Pflock aus Weißdorn ins Herz ist tödlich. Silber verbrennt ihre Haut. Ich habe auch gehört, dass das Verbrennen des Vampirherzens und das Trinken eines Tranks aus der Asche ein Heilmittel für Gebissene sei, aber der Ursprung dieses Wissens ist längst verloren. Ich hoffe, einem Vampir nie so nahe zu kommen, dass ich diese Theorie testen muss.
Die Abmachung zwischen meinem Dorf und dem Vampirkönig hat mich schon mehr als einmal dazu gebracht, Wahrheit von Fiktion unterscheiden zu wollen – schließlich, warum ein Mädchen als Braut für eines dieser Monster schicken? Nichts davon hat jemals einen Sinn ergeben; vielleicht ist auch der Ursprung dieser Abmachung im Laufe der Zeit verloren gegangen. Ich habe meine Zweifel, aber es ist die Erklärung, mit der ich mich abgefunden habe, um meinen Verstand zu bewahren.
„Was erwartet dich jenseits der Berge?“, frage ich. Das Letzte, woran ich denken will, sind diese Berge, und doch üben sie eine unbestreitbare Anziehungskraft aus.
„Ein Zuhause.“
Es ist nur ein Wort, aber es hallt trotzdem zwischen uns wider, vibriert bis tief in meine Knochen und lässt einen Schauer über meinen Rücken laufen. Ein Kloß bildet sich in meinem Hals und ich schlucke ihn schwer herunter.
„Zuhause“, wiederhole ich flüsternd. Mein Blick wandert zurück zu den gezackten Felsen, deren Umrisse mich schon immer an Zähne erinnerten, die den Himmel über mir zerfleischen.
„Und wo ist dein Zuhause?“, fragt der Fremde. Seine Stimme ist wie Seide, melodisch, und wiegt mich in ein angenehmes Gefühl.
„Hinter dem nächsten Hügel“, höre ich mich sagen.
Wie lange reisen wir schon zusammen? Normalerweise kann ich die vergehenden Minuten meiner Reise gut zählen, aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Allein seine Anwesenheit reicht aus, um meine Gedanken von solchen belanglosen Dingen abzulenken.
Oder vielleicht, versuche ich mich zu rechtfertigen, liegt es daran, dass ich auf diesen Wegen nur selten Gesellschaft habe, außer Caprona. Sie ist ein gutes Maultier, und es war unmöglich, keine Bindung zu ihr aufzubauen, nachdem ich sie rückwärts aus ihrer Mutter gezogen hatte. Aber ich muss zugeben, es ist schön, mit jemandem zu sprechen, der antworten kann.
Ich werfe einen Blick von der Seite auf den Fremden. Seine Wangenknochen sind hoch, scharf genug, um Glas zu schneiden, und seine vollen Lippen haben die Farbe von Beeren. Aber es sind seine Augen, die meine Aufmerksamkeit fesseln. Sie haben die Farbe von flüssigem Gold, hell genug, um den Mond zu überstrahlen, wenn sie die Gelegenheit dazu bekämen. Ich reiße meinen Blick zurück auf die Straße vor mir.
„Wie kannst du dich so leicht in der Dunkelheit zurechtfinden?“, fragt der Fremde. Ich kann mir ein Kichern nicht verkneifen.
„Caprona. Sie hat sich den Weg nach Hause schon vor langer Zeit eingeprägt.“
„Die Intelligenz von Vieh versetzt mich immer wieder in Erstaunen“, sagt er, mehr zu sich selbst. Ich blicke ihn stirnrunzelnd an. Ich schüttle den Kopf und wende mich wieder der Straße zu.
„Caprona war schon immer zu schlau für ihr eigenes Wohl.“ Ein wehmütiges Lächeln huscht über mein Gesicht. „Sie hört nur auf mich. Mein Vater hat schon mehr als einmal gedroht, sie zu Leim zu verarbeiten.“
Das Maultier schnaubt und der Fremde lacht. Der volle Klang verbreitet eine wohlige Wärme in meinem Bauch. Ich lecke mir über die Lippen.
Das Blätterdach über uns öffnet sich und gibt den Blick auf einen dunklen Himmel voller Sterne frei. In der Mitte hängt eine Mondsichel, wie ein Grinsen mitten in der Luft. Ich zeige auf ein Haus, das unten im Tal liegt.
„Dort. Das ist mein Zuhause.“