Dein Leben im Austausch
Man sagt, das Herz sei das kostbarste Organ, weil es uns am Leben hält. Doch was passiert, wenn das Herz Stück für Stück gestohlen wird und das Leben dabei ist außer Kontrolle zu geraten? Ich verlor die Kontrolle über mein Leben, als ich Damian begegnete. Einem Mann der sich zu jeder grausamen Methode hinreißen ließ, um an sein Ziel zu kommen. Einem Mann von dem behauptet wurde, dass sein Herz mit schwarzem Gift überzogen war. Ein Mann der den Diamanten, den er als zu kostbar für die Welt empfand, nicht mehr bereit war gehen zu lassen.
Mein Herz setzte einen kurzen Moment aus, bevor es wieder anfing zu schlagen. Wie konntest du nur so dumm sein, in eines der Geschäfte von Damian Masero einzubrechen? Dem gefährlichsten und tödlichsten Killer der gesamten Bostoner Unterwelt. Tödlicher Killer – unterstrichen, erinnerte ich mich nochmals. Man hörte so einige Geschichten von ihm, bei denen man nicht mal Zuschauer sein wollte. Ein Leben hing schon alleine nur am seidenen Faden, wenn man in seiner Nähe war. Doch hey, so einem Adrenalinjunkie wie mir, schien nicht mal das genug zu sein. Juliets Stimme zeterte in meinem Kopf: „Glee, ich habe es dir von Anfang an gesagt. Dieses Geschäft auszurauben, ich habe da kein gutes Gefühl bei."
Jedoch vergessen, mir zu sagen hatte sie, dass es Masero gehörte. Gewarnt hat sie dich, sagte eine innere Stimme, doch die konnte mir jetzt auch nicht mehr helfen. Ich war erwischt worden!
Damian Masero fuhr es mir abermals durch den Kopf und erneut setzte mein Herz einen Schlag aus. Persönlich war ich ihm noch nie begegnet, doch gehört hatte ich so einiges. Er war der Schrecken in der Nacht und das Übel am Tag. Eiskalt, psychopathisch und grausam. Gerüchten zufolge sollte er umwerfend gut aussehen - die Heißen sind bekanntlich immer die Verrückten! Des Weiteren sollte er auch nichts von Beziehungen halten. Ebenfalls hielt er auch nichts davon ausgeraubt zu werden, erinnerte mich mein Gehirn nochmals und versuchte den Kerl von einem Schrank, der mich finster anstarrte anzulächeln.
Vielleicht bekam ich ja dadurch einen Bonuspunkt von Masero? Wem machte ich etwas vor? Ich wusste jetzt schon, dass mein letztes Stündlein geschlagen hatte und er mich ausbluten lassen würde, wie eine verdammte Maus. Er war die Katze, ich war die Maus!
Die Tür zudem hinteren Raum wurde geöffnet, in dem mich der Schrank – nachdem er mich erwischt hatte – gebracht hatte. Vor lauter Aufregung zitterte ich und meine Hände waren schweißnass. Der Versuch, meinen Blick von den hereinströmenden Männern abzuwenden, scheiterte kläglich.
Zuerst betrat ein großer, jedoch weniger breiter Mann den Raum. Dicht gefolgt von einem kleineren, muskulöseren und zu guter Letzt betrat – wie ich annahm – Masero ihn.
Damian Masero – augenblicklich verfiel mein Körper in Panik und mir wurde richtig schlecht. Ich konnte ebenfalls offiziell bestätigen, dass er umwerfend aussah. Genau genommen nicht einfach nur umwerfend. Er war wirklich einer der schönsten Männer, die ich je gesehen hatte. Groß, gut gebaut, muskulös und perfekt ansehnlich in seinem maßgeschneiderten Anzug. Er wirkte ruhig, aber durch seine enorme Größe wie ein gefährliches Raubtier. Während der Schrank ihm leise etwas ins Ohr flüsterte, suchten seine Augen den Raum ab und blieben an mir hängen.
Maseros Blick war einschüchternd und viel zu intensiv. Ich spürte ihn überall auf meiner Haut. Augenblicklich wurden meine Knie weich. Die Intensität seiner eisblauen Augen ließen mich frösteln. Tief wie der Ozean und kühl wie der kälteste Winter. Er wirkte, als sei er leicht verrückt. Nun, das war er ja auch – zumindest wenn man den Gerüchten Glauben schenken durfte. Seine Mundwinkel hoben sich langsam zu einem spöttischen Lächeln. Einem teuflischen Lächeln. Einen Lächeln, das mich wissen ließ: »Ich habe dich erwischt!«
Ich traute mich kaum noch zu atmen, als er kaum merklich nickte und dann geradewegs auf mich zukam. Die Couch auf der ich saß, wirkte mit einem Mal viel zu klein, obwohl mindestens vier Leute darauf Platz hätten. Vor der anderen mir gegenüberliegende Ledercouch blieb er stehen, zog seelenruhig seine Anzugjacke aus und legte sie sorgfältig über die Lehne, bevor er sich setzte. Zwischen uns war nur ein kleiner viereckiger schwarzer Tisch und die unsichtbare Luft, die ihn nicht davon abhalten würde, mir ein Messer ins Herz zu rammen.
Ich konnte meine Augen einfach nicht von ihm nehmen. Obwohl ich wusste, dass er mich töten würde, fand ich ihn faszinierend. Ohne mich aus den Augen zu lassen, begann er die Ärmel seines weißen Hemdes hochzukrempeln. Zum Vorschein kamen sonnengebräunte, muskulöse, sehnige sowie mit Triple tätowierte Arme. In seinem stattlichen Anzug würde man nie davon ausgehen, dass er tätowiert war.
Erneut erinnerte ich mich daran, warum ich hier war und räusperte mich. »Es tut mir leid, Mr. Masero. Wenn ich gewusst hätte, dass es Ihr Geschäft ist, dann hätte ich es nicht versucht auszurauben.«
Sein spöttisches Lächeln verzog sich weiter zu einer missbilligenden Maske, die mich wissen ließ, dass ich das nicht hätte tun sollen.
»Ansonsten hätten Sie den Laden eines anderen ausgeraubt?«, fragte er mit einer perfekten Mischung aus rauchigem Whiskey und dunkler Schokolade. Sie ließ mich noch unruhiger werden. Verdammt, Glee, er tötet dich! Hör auf ihn so anzuglotzen! Flehe lieber um dein Leben!
Ich nickte wortlos. Wieso nickte ich?
Er hob eine Braue. »Wie heißen Sie?«
»C-Candy«, brachte ich hervor und fragte mich, warum mir nicht ein coolerer Name, wie Tate oder Rose eingefallen war? Jetzt war es auch egal, ich würde als Candy sterben.
»Nein«, sagte er und betrachtete mich ruhig von oben nach unten. Als er bei meinem Gesicht ankam, stellte er fest: »Sie heißen nicht Candy.«
Konnte er Gedanken lesen? War er ein Zauberer? Ich hätte ihm jeden Namen nennen können. Woher wollte er wissen, wie ich heiße?
»Verraten Sie mir ihren Namen!«
»Den sagte ich bereits«, gab ich zurück.
Sein Lächeln, auch wenn es nur ein Spott-Lächeln war, erstarb – ganz langsam. Ein eiskalter Blick, der mich so einschüchterte, dass ich bestimmt um ein paar Zentimeter in die Kissen der Couch einsank, durchbohrte mich. »Okay Caaandyyyy«, betonte er meinen Namen, indem er ihn in die Länge zog.
»Ich besitze zwei Nachtclubs, drei Restaurants, einen Juwelierladen, zwei Etablissement zum Vergnügen und fünf der großen Stadthallen.«
Musste er mir jetzt auch noch aufzählen, was für Dinge er besaß, an die ich kleine gewöhnliche Diebin nicht in zwanzig Leben heran reichen konnte? Vielen Dank auch, Mister, ich bin ja so reich!
Er hob einen Finger. »Nicht ein einziger hat es je gewagt, mich zu bestehlen. Nicht ein einziger hat es je gewagt, mich anzulügen. Doch Sie Caaandyyyy...«, wieder zog er den Namen in die Länge »...wagen beides an nur einem Abend.«
Ich schluckte den Kloß in meiner Kehle herunter. Mein Hals war völlig trocken als er den Finger herunternahm und sich leicht vorbeugte. »Sie heißen nicht Candy«, sagte er und ich stieß gepresst hervor: »Gloria!«
Verdammt! Ich hatte ihm meinen wahren Namen verraten. Wieso zum Teufel tat ich so etwas? Zugegeben, Gloria nannte mich so gut wie niemand mehr. Es war der Zweitname meiner Großmutter und meine Mutter fand es wahnsinnig einfallsreich mir diesen Namen zu geben – Gloria Eve Zurendo. Kurzform Glee. So nannten mich meine Vertrauten.
»Ja«, fügte er leise hinzu und musterte mein Gesicht eindringlicher. »Das ist Ihr Name«, stellte er fest und verzog sein Mund wieder zu einem Lächeln. Diesmal lag kein Spott darin. Für einen Moment vergaß ich wieder, dass ich nicht auf einem Date, sondern bei meiner eigenen Hinrichtung war.
»Sie sind Italerin?«, bemerkte er.
Wenn er noch meinen Familienstammbaum mit mir durchgehen wollte, bevor er mir eine Kugel in den Kopf jagte – okay, fein.
Ich nickte.
»Lassen Sie mich raten. Ihre Mutter ist Amerikanerin und Ihr Vater Italiener?«
Vielleicht sollte er sein Glück, als Wahrsager versuchen, obwohl es nicht unheimlich schwer war das zu erraten. Welcher Immigrant in den fünfzigern suchte nicht nach einer hübschen Amerikanerin? Ich nickte wieder.
Sein Blick wurde so eindringlich, dass ich mich vor Nervosität fast übergab. Ich neigte zu einem unruhigen Magen, das hatte ich schon als kleines Kind.
Er redete nicht mehr. Warum war es plötzlich so unglaublich still hier? Okay, ich musste irgendwas sagen, denn er hatte seit ungefähr fünf Minuten nichts mehr gesagt.
»Es tut mir leid! Wenn ich das rückgängig machen könnte, dann...«
»Dann was?«, fuhr er mir über den Mund und sein Lächeln nahm erneut ab. »Lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen, Gloria.« Er zeigte auf den Schranktypen. »Wenn Franko Sie nicht hierbei erwischt hätte und Sie hinterher erfahren hätten, wem die Juwelen gehören, hätten Sie, sie mir zurückgebracht?« Er legte den Kopf schief und begann mich wieder zu mustern.
War er irre? Was bitte sollte ich darauf antworten? Was war das überhaupt für eine Frage? Natürlich hätte ich sie ihm nicht zurückgebracht. Ich hätte die Stadt verlassen und mich irgendwo verkrochen. Vermutlich hätte ich mein restliches Leben in Angst und Schrecken verbracht, in der Illusion, dass er mich niemals fand.
Langsam schüttelte ich den Kopf. »Nein, vermutlich nicht«, antwortete ich ehrlich, weil ich ihn nicht noch mal anlügen wollte. Wahrscheinlich hätte er dann gleich einen Hasen aus seiner Tasche gezogen.
Seine Augen sahen mich eindringlicher als zuvor an. »Sie sind genauso wunderschön wie gerissen, nicht wahr?«
Er fand mich wunderschön? Das gefiel mir nicht - ganz und gar nicht!
Ich war nicht unbedingt eine auffällige Frau und blieb gerne unter dem Radar. Mein langes, tiefbraunes, gelocktes Haar, band ich meistens in einen Dutt und meine grünen Augen schminkte ich nur zu besonderen Anlässen. Mein Körper war zwar gut trainiert, jedoch recht schlank und deshalb nicht kurvenreich. Das war gleich für zwei Dinge gut. Erstens - passte ich durch kleine Öffnungen, die mir den Zugang zu verschlossenen Räumen ermöglichten und zweitens - erwies sich ein sportlicher Körper in brenzlichen Situationen als äußerst nützlich.
Heute jedoch nicht! Die große breite Gestalt, die aus dem Nichts gekommen war und mich gepackt hatte, hatte ich nicht kommen sehen.
»Was mache ich nur mit Ihnen?« Er strich sich über das Kinn, während er zu überlegen schien.
»Mich gehen lassen? Gnade walten lassen?«, fuhr es aus mir heraus und ich schlug mir die Hand vor den Mund.
Wenn man eines über Masero wusste, dann, dass er einen nie davon kommen ließ. So was wie Gnade existierte in seinem Wortschatz nicht. Ich war definitiv geliefert.
»Im Mittelalter hat man Dieben die Hand abgehackt. Was denken Sie, Gloria? Sollte ich Ihnen die Hand abhacken?«
Mein Puls beschleunigte sich und ich sah auf meine Hände. Keine meiner Hände wollte ich abgehackt vor mir liegen sehen. Ich sah wieder zu ihm hinauf und schluckte. »Bitte ich...«
»Was dann? Bieten Sie mir etwas«, überging er mich erneut. Eine Sekunde dachte ich, dass ich ihm mich anbieten könnte, doch ich verwarf den Gedanken wieder schnell.
»Ich könnte für Sie arbeiten.«
Ja sicher! Noch eine bescheuerte Idee ist dir nicht in den Sinn gekommen. Ich, für ihn arbeiten! Na klar, er hat nur auf dich gewartet!
»Ich beschäftige keine Frauen, außer in meinem Etablissement und da will ich Sie sicher nicht sehen.«
Das war eindeutig. Er fand mich nicht mal gut genug, für einen seiner Stripp-Schuppen. Mein Leben schwand dahin.
»An sowas hatte ich auch nicht gedacht. Ich könnte Dinge für Sie beschaffen.«
»Dinge? Sie meinen so wie Sie heute Dinge beschaffen wollten?«
Er konnte verdammt hartnäckig sein. »Ich ... ich kann eine Menge beschaffen.«
»Und das glaube ich Ihnen aufs Wort. Dennoch ist mein Imperium das ich mir aufgebaut habe, nicht durch kleinkriminelle Aktivitäten zustande gekommen und damit werde ich jetzt nicht anfangen. Meine Geschäfte laufen sauber, bis auf das Blut, das hier und da an meinen Händen klebt«, erklärte er ruhig.
Na klar, dass er Leute umbrachte, war völlig in Ordnung. Aber ich sollte dafür bestraft werden, weil ich in sein Laden eingebrochen war?
»Mir schwebt da etwas anderes vor«, reißt seine Stimme mich aus meinen Gedanken.
Hoffnungsvoll nickte ich. »Alles!«
»Verbringen Sie Zeit mit mir!«
Was? Hatte ich mich verhört? Er wollte, dass ich...was?
»Wie bitte?«, fragte ich. Zum ersten Mal lächelte er voll, auch wenn es nicht ganz seine Augen erreichte.
Er dachte doch nicht, dass ich mich auf seinen Deal einließe?! Die Tatsache, dass er Damian Masero war, ermöglichte ihm solche Dinge. Er konnte mich entweder jetzt töten oder ich verbrachte Zeit mit ihm. Keine dieser Optionen gefiel mir.
»Ich mache so was nicht. Ich schlafe nicht einfach mit irgendwelchen Männern.«
»Nein, das tun Sie nicht. Sie beklauen sie nur richtig, Gloria?«, fragte er.
Oh, das schien ihm Spaß zu machen.
»Ich dachte dabei eher an etwas Festeres. An sowas wie ein paar Dates bei denen man sich kennenlernt. Und irgendwann entsteht daraus etwas wie Liebe. Sie werden meine Frau, ich werde Ihr Ehemann«, sagte er und mir fiel buchstäblich alles aus dem Gesicht.
Das war ein Scherz! Natürlich war das ein Scherz! Warum sollte er das ernst meinen? Damian Masero hatte mir nicht eben verklickert, dass er sich vorstellte, mit mir vor den Altar zu treten. Ich lachte knapp. »Netter Witz!«
Er verengte die Augen. »Oh, das war kein Witz, Gloria. Das ist mein voller Ernst. Sie haben nichts, dass Sie mir bieten können, also nehme ich mir Ihr Leben.« Er zeigte auf mich. »Sie werden die Frau an meiner Seite sein. Meine Frau sein, das ist Ihre Schuld, die Sie begleichen«, faselte er und mir wich jedes Blut aus dem Gesicht. Für einen kurzen Moment hielt ich sogar die Luft an.
»Ich will, dass Sie morgen Abend mit mir essen gehen. Um sieben Uhr hole ich Sie von zu Hause ab«, fügte er noch hinzu, dann erhob er sich und griff nach seiner Anzugjacke.
Nein, das konnte nicht sein. Damian Masero konnte doch kein Interesse an mir haben. Viel zu überrumpelt von seiner Aussage verschlug es mir buchstäblich die Sprache. Ich blinzelte einige Male, ließ meine Luft entweichen, doch Worte kamen nicht mehr aus mir heraus.
»Stevens bringt Sie nach Hause.«
Er winkte den großen Mann heran, der als Erstes den Raum betreten hatte.
»Miss, hier entlang«, forderte dieser mich auf, als er bei mir stand.
Ich war nicht in der Lage mich aufzuraffen, geschweige denn in irgendeiner Art und Weise zu protestieren. Meine Augen blickten dem Mann hinterher, der mir gerade erklärt hatte, dass er sich mein Leben nehmen würde, indem er mich zu seiner Frau machte. Warum hatte ich nur dieses ungute Gefühl, welches mir sagte, dass genau das auch passieren würde?
»Ich freue mich auf unser Essen und auf Sie. Schlafen Sie gut, Gloria«, ließ er verlauten, bevor er den Raum verließ. So schnell wie er gekommen war, war er auch wieder verschwunden. Fast wie ein Schatten in der Nacht, der nicht wirklich existierte.
Ein fester Griff legte sich um meinen Oberarm und sein Handlanger, der mich eben schon aufgefordert hatte aufzustehen, zog mich von der Couch. Das ließ mich aus meiner Starre erwachen. Ich riss mich von ihm los und zischte: »Fassen Sie mich nicht an!«
Sofort legte der Mann – den Masero Stevens genannt hatte – seine Hände auf den Rücken und nickte. »Dann gehen Sie! Damit ich Sie nach Hause bringen kann.«
Ich ließ mich doch nicht von ihm nach Hause bringen. Damit sein irrer Boss, tatsächlich wusste, wo ich wohnte. Bestimmt nicht! Trotzdem setzte ich mich in Bewegung, um endlich hier rauszukommen. Als wir auf die Straße traten und ich an die frische Luft kam, dachte ich kurz darüber nach einen Sprint hinzulegen. Doch Mister „Ich kann nicht Lächeln" sah jetzt nicht so aus, als wäre er unsportlich. Vielmehr sah er wie ein erfahrener Soldat aus, einer von der üblen Sorte. Der Anzug war nur Tarnung, genau wie bei Masero. Viele Kriminelle trugen Anzüge, sie dachten, das ließe sie weniger gefährlich aussehen. Wahrscheinlich würde der Kerl mir nur mit einem Finger mein Genick brechen.
Er hielt mir die Tür eines schwarzen Geländewagens auf und ich stieg ein. Als er sich ans Steuer des Wagens setzte, tippte er auf das Display für die Navigation und fragte: »Wo wohnen Sie?«
Ich gab ihm eine falsche Adresse. Er tippte sie ein und fuhr los. Weder konnte ich glauben, dass Masero mich erwischt hatte, noch dass er das wirklich ernst meinte.
Nach zwanzig Minuten hielt der Wagen bei der Adresse, die ich ihm gegeben hatte.
»Soll ich Sie zur Tür bringen, Miss Gloria?«
Erschrocken darüber, dass er meinen Namen kannte, drehte ich meinen Kopf, sodass ich ihn ansehen konnte. Seine Augen musterten mich im Innenspiegel.
»Nicht nötig«, gestand ich und stieg aus dem Wagen. Erleichtert, dass er mich wirklich aussteigen ließ, blieb ich kurz stehen, bevor ich so tat, als würde ich zu der Haustür gehen. Der Wagen setzte sich nicht in Bewegung. So ein verfluchter Mist! Mir blieb nichts anderes übrig, als wahllos auf irgendwelche Namen zu drücken in der Hoffnung, dass irgendeiner aus dem Haus mir seine Tür öffnete.
»Wohnen Sie denn wirklich hier, Miss?«, hörte ich Stevens gedämpfte Stimme fragen. Er saß immer noch im Auto und hatte das Fenster heruntergekurbelt.
»Ja, ich habe meinen Schlüssel nicht dabei. Meine Mitbewohnerin schläft bestimmt.«
Ganz gelogen war es nicht, ich hatte tatsächlich eine Mitbewohnerin – nur eben nicht hier.
»Wollen Sie ihre Entscheidung noch mal überdenken?«, hörte ich ihn fragen, als ein Summen ertönte.
Zum Glück öffnete mir jemand die Tür. Ohne auch nur noch mal einen Blick in seine Richtung zu riskieren, trat ich in den Flur. Nach ungefähr zehn Minuten fuhr der Mistkerl erst weg. Zehn Minuten in denen ich in diesem verflixten Flur verharrte. Als ich wenig später endlich zu Hause ankam, war meine Mitbewohnerin Juliet noch wach.
»Gott sei Dank!«, rief sie. »Ich dachte schon, man hätte dich erwischt.«
Genervt verdrehte ich die Augen und zog mir meine Schuhe aus.
»Das wurde ich«, gestand ich.
»Was?«, quiekte sie und eilte zu mir. »Ich habe dir gleich gesagt, dass ich kein gutes Gefühl dabei habe. Das ist zu nahe an Maseros Gebiet«, belehrte sie mich erneut. Na, das wusste ich jetzt auch!
»Es war sein Laden«, erklärte ich. Sie riss ihre Augen weit auf. »Was? Was hat er dir angetan?« Juliet ergriff mein Kinn und schwang meinen Kopf leicht hin und her, um mich zu begutachten.
»Lass das«, knurrte ich und entzog mich ihrem Griff. Ich lief in die Küche, um Mr. Proper meinen Kater zu füttern. Juliets Blick bohrte sich tief in mich.
»Was hat er getan? Sag schon!«
»Nichts«, gab ich zurück und befüllte den Napf mit Katzenfutter.
Dass er beschlossen hatte, dass ich seine Frau werden sollte, ließ ich weg. Ich fand, das war einfach zu verrückt und dass es wahr sein konnte, war es ebenfalls.
»Bist du sicher, dass es Masero war?«, hakte sie nach. »Weil, wenn er es gewesen wäre, wärst du jetzt nicht hier.«
»Ja, ich bin sicher«, entgegnete ich genervt. »Er wollte mir die Hand abhacken. Er hat mich mit einer Verwarnung gehen lassen.«
»Wow«, gab Juliet von sich und verschränkte die Arme. »Kaum zu glauben.«
»Ja«, pflichtete ich ihr bei. »Ich bin müde.«
Ich schob mich an ihr vorbei. Dringend musste ich verarbeiten, was passiert war. Das konnte ich am besten unter einer heißen Dusche und in meinem überaus gemütlichen Bett. Als ich unter dem heißen Wasserstrahl stand, kam mir der Satz von Maseros Handlanger Stevens wieder in den Sinn: „Wollen Sie ihre Entscheidung nochmal überdenken?"
Ahnte er etwa, dass ich dort nicht wohnte? Vermutlich. Ich wusste nicht, ob es klug gewesen war, seinen Aufpasser in die Irre geführt zu haben und somit auch Masero selbst. Aber ich konnte doch nicht mit einem Mann zusammensein, vor dem ich Angst haben musste. Mit einem Mann, von dem behauptet wurde, dass er ein Psychopath war. Einen blutrünstigen Killer, der dafür bekannt war, sich zu nehmen, was er wollte. Ich entschied vorerst die Füße stillzuhalten und sein Gebiet zu meiden. Dabei konnte ich nur hoffen, dass er nicht herausfand, wo ich wirklich wohnte.