Kapitel 1
Calypso Hansley starrte an die Schlafzimmerdecke, während ihr die Worte ihres Mannes durch den Kopf rasten. Er hatte die Wohnung vor einer Weile verlassen, frustriert von ihr.
„Ich hasse das. Du bist fehlerhaft, Calypso. Gib es einfach zu. Du kannst nicht schwanger werden. Mit dir Sex zu haben, ist sowieso nur noch lästige Pflicht. Du genießt es nicht. Das hast du nie. Du hättest es wenigstens vortäuschen können“, hatte er sie angeschrien, bevor er ging.
Sie gab es nur ungern zu, aber er hatte recht. Seit achtzehn Monaten versuchten sie nun, schwanger zu werden, aber nichts schien zu funktionieren. Nichts von dem, was sie versucht hatte – einschließlich der Tausenden von Dollar, die sie für Fruchtbarkeitsbehandlungen ausgegeben hatten.
In dieser Zeit war sie besessen davon geworden, ihren Zyklus zu überwachen, das Internet nach Informationen zu durchforsten und absolut alles auszuprobieren. Nichts davon fruchtete.
Auch was den Sex betraf, hatte Gray recht. Es war eine lästige Pflicht. Obwohl sie es nie zugeben würde, erst recht nicht vor ihm, genoss sie es nicht. Das hatte sie noch nie. Für sie war es nur Mittel zum Zweck, ein Weg, um ein Baby zu bekommen. Der Akt an sich war ihr egal. Es bereitete ihr kein Vergnügen. Wenn sie nicht versuchen würde, ein Kind zu bekommen, würde sie sich gar nicht erst die Mühe machen.
Anscheinend wusste Gray ebenfalls, dass sie es nicht mochte, obwohl ihr das bis vor Kurzem nicht klar gewesen war. Sie war nie mit jemand anderem als ihm zusammen gewesen und fragte sich, was an Sex überhaupt so toll sein sollte. Sie empfand dabei keinen Spaß.
Gray schien es zu genießen, als sie frisch verheiratet waren, weshalb sie es über sich ergehen ließ. Aber jetzt genoss selbst er es nicht mehr. Er erfüllte seine Pflicht, wenn sie ihm sagte, dass sie gerade am fruchtbarsten war. Danach rollte er von ihr herunter, ohne sie auch nur zu küssen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann er sie das letzte Mal geküsst hatte.
Und jeden Monat war der Test negativ. Jeden. Einzelnen. Monat. Sie wusste nicht mehr weiter. Sie wusste, dass es an ihr lag. Mit Gray war alles in Ordnung. Er war mehr als einmal untersucht worden. Es lag ganz allein an ihr. Fehlerhaft.
Sie war nun seit zwei Jahren mit Gray verheiratet. Gray war reich und besaß seine eigene Firma. Er hatte sie vor drei Jahren als seine persönliche Assistentin eingestellt. Kurz darauf fingen sie an, sich zu daten, und Gray hatte ihr gemeinsames Leben bis ins kleinste Detail durchgeplant.
Sechs Monate Dating, sechs Monate Verlobung, sechs Monate verheiratet, und dann wollten sie an einem Baby arbeiten. Nur dass sie den letzten Teil vermasselt hatte. Sie hatte seine sorgfältig geschmiedeten Pläne ruiniert und war nicht schwanger geworden, als sie es eigentlich sollte.
In den ersten sechs Monaten, in denen sie es versuchten, war er noch geduldig mit ihr gewesen. Dann fing er an, mit ihr Spezialisten aufzusuchen, und gab Unmengen an Geld für sie aus. Aber es half nichts. Sie bekamen immer noch kein Kind. Im letzten Jahr riss sein Geduldsfaden allmählich, und er war kaum noch zu Hause. Er tauchte zwar zum Sex auf, aber er hatte recht: Es war eine lästige Pflicht. Es war alles streng durchgeplant. Heimlich hasste sie es, aber sie hatte das Gefühl, dass sie für ihn nur dazu gut war – und selbst das vermasselte sie gerade.
Er hatte sie mehr als einmal als fehlerhaft bezeichnet, und sie pflichtete ihm bei. Sie war fehlerhaft. Sie hasste ihren Körper, weil er nicht mitspielte. Sie hasste sich selbst für das Gewicht, das sie zugenommen hatte, für die Depressionen, gegen die sie ankämpfte, und für die Tatsache, dass der Mann, den sie liebte, sich nicht mehr für sie interessierte.
Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie wischte sie weg. Es brachte nichts zu weinen. Sie musste der Realität ins Auge blicken. Gray würde sie wahrscheinlich verlassen. Er brauchte einen Erben, dem er seine Millionen hinterlassen konnte, und sie konnte ihm keinen schenken. Sie war nutzlos für ihn.
***
Einen Monat später
Calypso blickte auf, als eine Mappe auf ihren Schreibtisch gelegt wurde. Gray stand vor ihr, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein blauer Anzug saß wie immer perfekt. Er sah ausgeruht und tadellos aus. Das tat er immer, und aus irgendeinem Grund regte sie das in diesem Moment furchtbar auf.
Er war kein Riese, nur ein paar Zentimeter größer als sie mit ihren ein Meter fünfundsechzig. Er war schlank, und obwohl er gerne joggte, stemmte er keine Gewichte oder Ähnliches. Zu viel Aufwand. Sie wusste, dass er auch von ihr erwartete, in Form zu bleiben, aber das war sie nicht, und sie wusste, dass es ihn störte. Er hatte mehr als einmal bemerkt, wie dick sie geworden war.
Sie passte nicht mehr in das Schema seiner perfekten Ehefrau. Er war seit über einem Jahr nicht mehr mit ihr ausgegangen, hatte sich seit fast zwei Jahren nicht mehr mit ihr in der Öffentlichkeit gezeigt und war kaum noch in ihrer Wohnung. Er hatte das Interesse an ihr verloren, was sie sich fragen ließ, ob er sie überhaupt jemals geliebt hatte.
Im letzten Monat hatte sie ihn kaum gesehen. Er war nicht mehr in ihr Bett gekommen. Es gab geplanten Sex, zu dem er nicht erschienen war. Er hatte es darauf angelegt, nur dann in der Wohnung zu sein, wenn sie weg war. Sie sah ihn nur noch bei der Arbeit, und ihr Verhältnis war extrem angespannt.
„Was ist das?“, fragte sie leise, ihre Stimme voller Bangen.
„Mach es auf. Oh, und Calypso? Du bist gefeuert“, sagte er. „Du hast bis zum Ende des Tages Zeit, deine Sachen zu packen und zu verschwinden. Deine Nachfolgerin wird in Kürze hier sein.“
Sie starrte ihn schockiert an, doch er drehte sich einfach um und ließ sie stehen. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus, als sie die Mappe mit zitternden Fingern öffnete. Es überraschte sie nicht sonderlich, darin Scheidungspapiere zu finden. Sie stieß einen langen, zittrigen Atemzug aus, während sie die Dokumente langsam durchlas.
Er hatte nicht vor, ihr irgendetwas zu hinterlassen. Er behauptete, er habe bereits mehr als genug für ihre Fruchtbarkeitsbehandlungen ausgegeben, und das sei rausgeschmissenes Geld gewesen. Ihr wurde schlecht, als sie sah, dass er genau Buch geführt hatte. Er hatte über hunderttausend Dollar ausgegeben. Sie wusste, dass er gewinnen würde. Sie konnte sich keinen Anwalt leisten, der gegen ihn ankam.
Sie schloss die Mappe und saß einen Moment lang da, ins Leere starrend, bis der Fahrstuhl pingte und eine wunderschöne Frau ausstieg. Sie war groß, blond und perfekt gekleidet. Sie sah Calypso an, grinste hämisch und blickte von oben herab auf sie. „Ich möchte zu Herrn Hansley.“
Calypso nickte. „Er ist durch diese Türen.“
„Oh, ich weiß ganz genau, wo sein Büro ist, Schätzchen“, sagte sie und stolzierte darauf zu.
Einen Augenblick später knallte die Tür zu, was Calypso zusammenfahren ließ. Sie hatte das Gefühl, dass diese Frau nicht nur ihre Nachfolgerin als persönliche Assistentin war.
Calypso holte tief Luft und unterdrückte die Tränen, die drohten, hervorzukommen. Sie hatte etwas Geld, ein bisschen, aber nicht viel. Es würde reichen, um aus New York City wegzukommen und zurück in ihre Heimat zu ziehen. Dort konnte sie hoffentlich eine Wohnung und einen Job finden. Es gab ein Konto auf ihren Namen, das ihr eine Tante hinterlassen hatte. Gray hatte es nie angerührt, er wusste nicht einmal davon, und darüber war sie froh.
Sie stand auf und begann, ihre Sachen zu packen, während sie im Kopf durchging, was sie tun musste. Sie atmete kurz ein, als sie den Karton nahm und das Büro verließ. Mit dem Fahrstuhl fuhr sie ins Erdgeschoss und trat hinaus in den grauen Tag.
Sie nahm ein Taxi zurück zu ihrer Wohnung und ging hinein. Sie musste packen und schnell verschwinden. Sie traute ihm durchaus zu, die Schlösser auszutauschen.
Sie ging zurück ins Schlafzimmer, während ihr die Tränen über die Wangen liefen, und holte einen Koffer hervor. Sie würde nur das Nötigste mitnehmen und den Rest hierlassen. Es gab keinen Grund, die feinen Kleider mit nach Hause zu nehmen. Dort hätte sie keine Verwendung dafür. Den Schmuck würde sie auch hierlassen. Sie sollte ihn eigentlich mitnehmen und verkaufen, aber sie wollte nicht.
Sie legte großen Wert darauf, alles wegzuwerfen, was mit ihren Versuchen, schwanger zu werden, zu tun hatte. Die Notizbücher, die Kalender, die Vitamine, die Fruchtbarkeitsmedikamente. Alles landete im Müll, zusammen mit ihren Hoffnungen und Träumen.
Als sie schließlich alles beisammenhatte, holte sie die Scheidungspapiere hervor. Sie unterschrieb, streifte dann ihren Ehering ab und ließ beides auf dem Tisch liegen. Dann griff sie nach ihren Sachen und ging hinaus. Sie hatte die letzten drei Jahre ihres Lebens verschwendet.
Sie rief sich ein Taxi, um zum Flughafen zu fahren. Sie hatte keine Ahnung, ob heute noch ein Flug in die Heimat ging, aber sie würde warten. Sie hatte kein Bedürfnis, irgendwo anders zu warten. Je eher sie aus New York City weg war, desto besser.
Das Taxi setzte sie am Flughafen ab. Calypso schnappte sich ihre Taschen und ging hinein. Sie fand schnell heraus, dass sie in drei Stunden einen Flug nach Hause nehmen konnte. Das war schneller als erwartet. Sie kaufte ihr Ticket und machte sich auf den Weg durch den Flughafen.
Sie schickte ihrer Mutter eine kurze Nachricht, um sie vorzuwarnen, dass sie nach Hause kam.
Ihre Mutter antwortete so, wie Calypso es erwartet hatte: Wann?
Mein Flug landet um 23 Uhr.
Kommt Gray mit?
Nein.
Okay. Jemand wird da sein, um dich abzuholen. Hab dich lieb.
Bei dem letzten Satz kamen ihr die Tränen. Wenigstens liebte sie noch jemand. Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken, um zu warten. Wie war nur alles so in die Brüche gegangen? Und warum überraschte es sie überhaupt? Weil sie in einer Seifenblase gelebt hatte und so getan hatte, als sei alles in Ordnung, obwohl es das nicht war. Schon lange nicht mehr.