Kapitel 1
Jahr 1997
Die Glocken der Universität von Bologna schlugen Mittag. Ihr tiefer, würdevoller Klang hallte von den jahrhundertealten Bögen wider, die den großen Innenhof krönten. Die Sommersonne strahlte unbarmherzig hell. Sie tauchte jeden verwitterten Backstein und jeden lachenden Absolventen in goldenes Licht. Es war eine Wärme, die sich älter als die Zeit anfühlte. Ein Tag für Abschiede, sicher – aber vor allem ein Tag des Neuanfangs.
Jungkook, ein dreiundzwanzigjähriger junger Mann, stand am Rand der Bühne im sanften Schatten der Säulen. Seine Finger umklammerten locker den Saum seines Gewandes. Sein Herz schlug ruhig, war aber voller Emotionen.
Er trug einen roten Talar. Es war kein Weinrot oder Kastanienbraun, sondern ein Rot, das die Sonne herausforderte. Scharf geschnitten, schlicht und doch unglaublich gewagt. Der Stoff schmiegte sich an seine große, wohlgeformte Figur. Er strahlte die Sicherheit von jemandem aus, der sich in seiner eigenen Haut wohlfühlte. Die jungenhafte Weichheit der vergangenen Jahre war der eleganten Haltung eines Mannes gewichen, der seinen Weg gegangen war und sich entschieden hatte, zu erblühen.
Er blickte in die Menge. Die Reihen der weißen Stühle breiteten sich wie ein Sternenmeer im gepflasterten Hof aus und warteten auf den Sonnenaufgang. Und in der ersten Reihe, genau dort, wo seine Augen immer Halt fanden, saß seine Familie.
Suga – sein Vater – war leicht zu erkennen. Er trug einen weichen grauen Blazer mit leicht zerknitterten Ärmeln. Die Kamera lag griffbereit auf seinem Schoß. Sein dunkles Haar war an den Schläfen inzwischen leicht ergraut, aber seine Augen waren wachsam. Sie glänzten von etwas, das verdächtig nach Rührung aussah. Er war ein Mann, der eher durch Blicke und Schweigen sprach. Doch heute sagte sein Blick allein alles.
Neben ihm saß Jungkooks Mutter Jin. Er hielt einen Strauß blassrosa Pfingstrosen und nestelte nervös am Band herum. Dabei flüsterte er seinem Ehemann etwas zu und lächelte zur Bühne hinauf.
Ein paar Plätze weiter beugte sich Jungkooks jüngere Schwester Nabi vor. Sie gab ihm heimlich ein Daumen-hoch-Zeichen und grinste über das ganze Gesicht. „Nicht stolpern“, formte sie dramatisch mit den Lippen.
Und dann war der Moment da.
Die Dekanin rückte das Mikrofon zurecht. Ihre Stimme klang festlich und klar über den Hof:
„Min Jungkook.“
Die Silben hallten durch die Torbögen. Es war ein klarer Klang, der für einen heiligen Moment die Zeit anzuhalten schien.
Applaus brandete auf – höflich, aber begeistert. Irgendwo in den hinteren Reihen johlte ein Freund schamlos laut. Doch Jungkook hörte nur das leise Klicken der Kamera.
Denn genau in diesem Augenblick hob Suga sie an – ruhig und geübt. Als Jungkook den Kopf drehte, stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht wie ein süßes Geheimnis.
Klick.
Eingefangen.
Sein Name hing noch wie ein Duft in der Luft. Sein Lächeln – breit, warm und offen – strahlte direkt in die Linse seines Vaters, hinein in die Geschichte, die gerade geschrieben wurde.
Er trat vor. Jeder Schritt hallte unter der Sonne wider, während er die kleinen Stufen zur Urkunde hinaufstieg. Das Rot seines Talars leuchtete wie eine Siegesfahne vor der hellen Steinkulisse. Er verbeugte sich, eine Hand ruhig an der Seite, die andere fest um das Zeugnis geschlossen. Sein Name stand nun schwarz auf weiß darauf – ein Name, der einen weiten Weg von der Kindheit bis hierher zurückgelegt hatte.
Er drehte sich um und sah zurück zu seiner Familie. Jins Augen schimmerten jetzt feucht, die Finger an die Lippen gepresst. Seine jüngere Schwester wirkte fast ehrfürchtig. Und Suga…
Suga lächelte einfach nur.
Es war dieses seltene Lächeln – sanft und echt. Die Sorte, bei der sich Jungkooks Kehle ohne Vorwarnung zuschnürte.
Hier stand er. Min Jungkook. Absolvent der Universität von Bologna.
In Rot gekleidet, von der Sonne geküsst. Geformt von jedem Traum und jedem Umweg, der ihn hierher geführt hatte.
Und er hatte nie lebendiger gewirkt.
„Glückwunsch, Koo!“
Jungkook war kaum zwei Schritte von der Bühne heruntergekommen, als ein kleiner Wirbelwind auf ihn zustürmte. Nabi, mit flatterndem Haar und funkelnden Augen, warf ihm die Arme um die Taille, noch bevor er reagieren konnte. Sie hielt ihn fest umschlungen, ein Griff voller Stolz und Zuneigung.
Jungkook lachte leise und hauchzart auf. Er legte einen Arm um ihre Schultern und nickte ihr sanft zu, während seine Augen im goldenen Sonnenlicht strahlten.
„Das hast du toll gemacht. Ich könnte nicht stolzer auf dich sein“, sagte Sugas Stimme, ruhig und warm.
Jungkook drehte sich gerade rechtzeitig um, um von seinem Vater in den Arm genommen zu werden. Suga hielt ihn fest an den Schultern und zog ihn an sich. Jungkook ließ seinen Kopf für einen kurzen Moment an Sugas Brust ruhen.
Der Herzschlag seines Vaters war der Rhythmus seiner Kindheit gewesen und fühlte sich immer noch nach Zuhause an. Er mochte inzwischen größer geworden sein, aber in diesem Moment, in Sugas Armen, war er wieder der kleine Junge. Der Junge, der früher auf dem Sofa im Atelier einschlief, während er darauf wartete, dass sein Vater ein weiteres Meisterwerk fertig skizzierte.
„Mein Baby sieht einfach umwerfend aus“, warf Jin von der Seite ein. Seine Stimme klang so theatralisch und stolz, wie es nur Jin konnte. Er streckte die Hand aus und drückte Jungkooks Hand sanft. Sein Lächeln bildete kleine Fältchen um die Augen. „Rot steht dir wirklich ausgezeichnet.“
Jungkook kicherte und wurde rot im Gesicht. „Du bringst mich immer dazu, das zu tragen, Mama.“
Jin lachte kurz auf; das stimmte. Für Jungkook gab es immer nur Rot oder Rosa.
„Schon gut, schon gut“, sagte Suga grinsend und beendete die Szene. „Lasst uns ein Familienfoto machen, bevor dich jemand für ein Dutzend andere Fotos wegschnappt.“
Er reichte seine Kamera – die alte schwarze Leica, die er immer für besondere Anlässe dabeihatte – einem Studenten, der gerade von der Bühne kam. „Nur ganz vorsichtig drücken“, sagte er mit dem Kennerblick des Fotografen. „Ein Foto. Den Rest machen wir zu Hause.“
Die Familie stellte sich instinktiv zusammen. Jungkook stand in der Mitte und hielt seine Urkunde fest. Flankiert wurde er von seiner Mutter Jin auf der einen Seite, während seine Schwester sich wie eine Ehrenmedaille an seinen anderen Arm klammerte. Suga trat neben sie und rückte Jungkooks Doktorhut zurecht. Er war in der ganzen Aufregung ein wenig verrutscht.
„So“, sagte Suga leise und strich die Quaste glatt. „Perfekt.“
Jungkook lächelte erneut, diesmal etwas sanfter, etwas tiefer – ein Moment zwischen Lachen und purer Liebe.
Klick.
Der Auslöser schnappte zu und hielt den Anblick von Min Jungkook fest. Großgewachsen in Purpur und Gold, umgeben von den Menschen, die ihn geformt, gestützt und geliebt hatten.
Nur die Ihren.
Und in diesem Bild hielten sie nicht nur einen Abschluss fest.
Sie hielten alles fest, was den Weg dorthin wertvoll gemacht hatte.
Kurz nachdem sich die Zeremonie in Fotos und herzlichen Abschieden aufgelöst hatte, machte sich die vierköpfige Familie auf den Weg zum Parkplatz hinter dem Hauptplatz der Universität. Die Stadt Bologna mit ihren sonnenwarmen Steinen und der leisen Brise sah ihnen nach wie eine stolze Familie, die zum Abschied winkt.
Suga öffnete den Wagen mit einem leisen Klicken.
Es war sein ganzer Stolz – ein dunkelblauer Rolls-Royce Silver Cloud. Die Chromdetails glänzten unter der italienischen Sonne. Das liebevoll gepflegte Oldtimer-Modell schnurrte mit einer würdevollen Eleganz, die Suga selbst widerspiegelte. Er war nicht protzig, aber er erzwang Respekt. Ein Stück stilles Erbe, das über den Asphalt rollte.
Jin gleitete auf den Beifahrersitz und rückte den Blumenstrauß zurecht, den sie bei der Feier bekommen hatten. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass es vorbei ist“, murmelte er und blickte zurück zum Campus, während der Wagen langsam vom Parkplatz rollte.
Auf dem Rücksitz lehnte Jungkook seinen Kopf leicht gegen das Fenster. Sein roter Talar war nun etwas zerknittert, der Hut lag auf seinem Schoß.
Nabi hatte neben ihm ihre Schuhe von den Füßen gestreift. Ein Bein hatte sie unter sich angewinkelt, während sie durch die Fotos auf der Kamera scrollte. Jedes Mal, wenn sie einen besonders spontanen Schnappschuss fand, grinste sie breit.
„Wir feiern heute Abend eine kleine Party“, verkündete Suga, während er den Wagen die baumgesäumte Straße entlangsteuerte. Der Duft von Flieder wehte durch die offenen Fenster herein.
„Ja“, fügte Jin liebevoll hinzu. „Das muss gefeiert werden. Ich weiß noch genau, wie er in sein Wohnheim eingezogen ist.“
Jungkook lächelte und suchte im Rückspiegel den Blick seiner Mutter. „Ich weiß noch, wie du im Flur geheult hast.“
„Ich habe nicht geweint. Ich hatte nur was im Auge“, verteidigte sich Jin dramatisch. Das brachte ihm ein herzliches Lachen vom Rücksitz ein – ein leichtes, befreites Lachen, wie man es nur lacht, wenn der Weg vor einem frei ist.
„Ich weiß gar nicht, wie diese acht Jahre so schnell vergehen konnten“, fügte Jin leiser hinzu. Seine Stimme klang jetzt weicher, tiefer – nicht wirklich traurig, eher erfüllt von der Melancholie der verflossenen Zeit.
Suga nickte schweigend. Eine Hand lag am Steuer, die andere ruhte auf Jins Hand in dessen Schoß. Er sagte nicht viel – das tat er selten. Aber seine Finger trommelten sanft einen leisen, eigenen Rhythmus auf den polierten Rand des Lenkrads. Es war die Art von Rhythmus, die man nach Jahren findet, in denen man ein Kind großzieht, ihm beim Stolpern zusieht, beim Aufstehen und schließlich beim Fliegen.
Sie fuhren an den weiten grünen Feldern und den rustikalen Bäckereien der Altstadt vorbei. Die Häuser standen weiter auseinander, je näher sie dem Land kamen. Dort lag ihr Zuhause – eingebettet zwischen Olivenbäumen, mit großen Balkonen und einem Garten, in dem Jungkook schon oft eingeschlafen war.
Als der Wagen um die letzte Kurve bog, fiel das frühe Abendlicht auf die Windschutzscheibe. Es erfasste die Ränder von Jungkooks rotem Talar und ließ ihn warm aufleuchten.
In der Stille, die nur vom leisen Summen des Motors und dem Zirpen der Grillen unterbrochen wurde, lag ein tiefer Frieden.
Das Gefühl, dass vielleicht, aber auch nur ganz vielleicht, alles genau so war, wie es sein sollte.
„Zuhause“
Jungkook holte tief Luft, als er über die vertraute Schwelle trat. Die schweren Eichentüren fielen leise hinter ihm ins Schloss. Die kühle Luft im Inneren empfing ihn mit dem Duft von Sandelholz und einem Hauch von Parfum.
Auf den Marmorböden hallten Schritte wider. Das Personal bewegte sich flink und effizient, fast so, als hätten sie diesen Moment geprobt. Ein Dienstmädchen eilte herbei, um Jin mit einer höflichen Verbeugung den Blumenstrauß abzunehmen. Eine andere ging bereits nach draußen zum Rolls-Royce, um das Gepäck aus dem Kofferraum zu holen.
Jin löste das Tuch aus seinem Haar und streckte sich. „Dann lasst uns erst mal essen“, sagte er und steuerte auf die Küche zu. „Wir brauchen die Energie. Es wird eine lange Nacht.“
Jungkook nickte langsam, während sein Blick nach oben glitt.
Dort – direkt neben der großen Treppe, über der Anrichte mit den gerahmten Familienfotos – stand Suga. Er trug immer noch seinen Blazer.
Mit ruhiger Präzision hängte er Jungkooks Abschlusszeugnis auf. Es hing nun stolz neben seinen eigenen Auszeichnungen: einer Ehrendoktorwürde, einem Preis für sein Lebenswerk in der Malerei und einem staubigen Foto aus alten Tagen.
Jungkook hielt am Fuß der Treppe inne, überrascht von diesem Anblick. Es lag eine Zärtlichkeit darin, wie Suga die Ecke des Rahmens glattstrich. Er hängte nicht nur ein Stück Papier auf – er gab einem ganzen Lebensweg einen Ehrenplatz.
Und in seinem Gesicht schimmerte unter der gewohnten Ruhe dieser seltene, unbeschreibliche Stolz.
Bevor Jungkook etwas sagen konnte, erklang hinter ihm eine helle, neckende Stimme.
„Und… wirst du deine Uni vermissen?“
Seine Starre löste sich. Er drehte sich um und sah Nabi. Sie lehnte am Treppengeländer, das Haar locker hochgesteckt. Auf ihrer Unterlippe klebte noch ein kleiner Lippenstiftfleck von all den Fotos bei der Zeremonie.
Er schüttelte den Kopf und stieg die große Treppe hinauf. Dabei strich seine Hand über das polierte Geländer. „Nein“, sagte er schlicht.
Sie schnappte empört nach Luft, als wäre sie schockiert. „Echt jetzt? Acht Jahre weg und nicht mal eine einzige Träne?“
Er lächelte sanft. „Die Tränen sind alle aufgebraucht. Da ist nichts mehr übrig.“
Nabi verdrehte die Augen und lief hinter ihm her. „Weißt du, ich habe hier gelebt wie eine Prinzessin, während du weg warst. Alles drehte sich nur um mich. Du glaubst gar nicht, was ich mir alles erlauben konnte, weil du nicht da warst.“
Jungkook lachte – ein helles Geräusch voller Zuneigung. „Das glaube ich dir sofort.“
Oben an der Treppe blieb er stehen. „Ich ziehe mich kurz um und komme dann runter. Ich will nur schnell unter die Dusche.“
„Jetzt schon?“, schmollte Nabi und folgte ihm noch ein paar Schritte. „Können wir uns nicht kurz hinsetzen und quatschen? Ich habe dich vermisst... wirklich.“
Sein Blick wurde weich. Er drehte sich leicht zu ihr um.
„Ich habe dich auch vermisst“, sagte er ehrlich. „Gib mir nur einen Moment. Ich fühle mich noch so, als würde ich mitten in der Zeremonie stecken.“
Nabi seufzte, aber sie nickte. „Na gut. Aber lass dir nicht länger als eine Stunde Zeit. Ich stoppe die Zeit.“
Jungkook schmunzelte und ging zu seinem Zimmer. Das vertraute Quietschen der Tür klang wie Musik in seinen Ohren.
Jungkook betrat den Raum und ließ die Tür mit einem leisen Schlag ins Schloss fallen. Das goldene Licht fiel durch die dünnen Vorhänge. Es warf lange Schatten auf den Holzboden.
Sein Zimmer sah noch genau so aus wie früher – sauber, ordentlich und unberührt. In den Regalen standen seine alten Skizzenbücher und eine Reihe staubiger Bücher. Auch ein handgeschriebener Brief von Suga lag noch auf seinem Schreibtisch. Er legte seinen Doktorhut vorsichtig auf den Nachttisch.
Er war zu Hause.
Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte es sich nicht mehr so schwer an.
Jungkook bewegte sich lautlos. Er öffnete einen Knopf nach dem anderen an seinem purpurroten Talar. Schließlich rutschte der Stoff von seinen Schultern und fiel wie Seide zu Boden.
Stück für Stück legte er die Kleidung des Tages ab – die Feier, den Applaus und die Erwartungen. Am Ende blieb nur seine nackte Haut übrig.
Er ging ins Badezimmer. Die kühlen Fliesen unter seinen Füßen gaben ihm Halt. Dampf stieg aus der Dusche auf, aber bevor er hineinging, hielt er inne.
Sein Blick fiel in den Spiegel.
Dort stand er im sanften Licht der Stille. Er betrachtete sein Spiegelbild nicht aus Eitelkeit, sondern mit Staunen – und vielleicht einem Hauch von Trauer.
Er war nicht mehr dieser sechzehnjährige Junge.
Er war nicht mehr der nervöse Teenager, der vor acht Jahren das Haus verlassen hatte. Damals hatte er nur einen Koffer voller Vorwürfe und stiller Tränen dabei. Er war nicht mehr der Junge, der an sich zweifelte und seine zitternden Hände in den Ärmeln versteckte. Der Junge, der nachts zu Hause anrief und weinte, weil der Druck zu groß war.
Nein.
Er war gewachsen und schöner geworden – nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Seine Schultern waren breiter, sein Kiefer markanter und seine Schlüsselbeine zeichneten sich scharf ab. Sein Körper wirkte wie ein Kunstwerk. Er war mit der Zeit und den Erfahrungen stärker geworden. Es war eine stille Kraft, die man nicht lernen kann, sondern die man sich verdienen muss.
Fast wie von selbst fuhren seine Finger über seine Brust und seine Arme. Er spürte die Muskeln, die er sich durch jahrelange Disziplin erarbeitet hatte. Dann hielten seine Hände inne und ruhten sanft über seinem Herzen.
Er atmete tief aus.
Und dann passierte es – ganz leise.
Eine einzelne Träne stahl sich aus seinem Augenwinkel. Sie lief seine Wange hinunter wie eine Erinnerung, die nicht vergessen werden wollte.
Er wischte sie nicht weg.
Es war keine Träne aus Traurigkeit.
Es war etwas anderes – eine Befreiung. Ein Abschied von dem Jungen, der er einmal war. Eine Ehre für den Weg, den er hinter sich hatte. Für die Nächte ohne Schlaf und die Morgen, an denen er fast aufgegeben hätte.
Er holte noch einmal tief Luft.
Dann stieg er unter die Dusche. Das warme Wasser spülte den Staub der Vergangenheit und den Applaus der Gegenwart von seiner Haut.
Morgen würde die Welt wieder Neues von ihm erwarten.
Aber jetzt gönnte er sich diesen Moment – ehrlich und ganz für sich.
Nach der Dusche ging Jungkook zurück in sein Zimmer. Die Wärme seines Zuhauses tat ihm gut. Er zog sich etwas Einfaches an – ein weiches weißes Nachthemd mit Rüschen. Es klebte am Nacken noch etwas an seiner Haut, weil seine Haare nass waren.
Der Duft von selbstgekochtem Essen zog durch das Haus. Es roch nach Knoblauch, Sesamöl und gebratenem Gemüse. Es war der Geruch von Heimat.
Doch Jungkook rührte sich nicht. Er legte sich auf das Bett und vergrub sein Gesicht tief im Kissen. Es sollte den Lärm der Welt dämpfen – oder zumindest das Klappern der Teller und Jins fröhliche Stimme, die zum Essen rief.
Er hatte die Schritte vor seiner Tür gehört und das sanfte Klopfen.
„Das Essen ist fertig, Koo.“
Aber er antwortete nicht.
Es war kein Hunger, den er spürte. Selbst der leckere Duft aus dem Flur konnte ihn nicht aus seinem Tief herausholen. Er wollte kein warmes Essen und kein Lachen am Tisch.
Er wollte Stille.
Ruhe.
Vergessen.
Sein Kopf war zu laut. Die Gedanken überschlugen sich wie wilde Wellen. Sein Herz fühlte sich schwer an – eine Mischung aus Erschöpfung und Schmerz. Jeder Muskel in seinem Körper schrie nach einer Pause.
Er musste das alles ausschalten.
Nur für eine kleine Weile.
Er kniff die Augen fest zu und atmete zittrig aus. Das Licht, das durch die Vorhänge drang, störte ihn. Er drehte sich weg und zog die Decke über den Kopf.
Schlaf war der einzige Ausweg, dem er jetzt traute. Kein Essen. Keine Gespräche.
Nur Schlaf. Also schlief er ein.
Stunden später.
Jungkook wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte.
Die Zeit war ihm wie Sand durch die Finger geronnen. Er hatte nicht gemerkt, wie Nabi vorhin die Tür geöffnet hatte. Sogar Jin war an der Tür gewesen. Er hatte extra seine Lieblingsgerichte gekocht, wollte ihn aber nicht wecken.
Draußen ging das Leben weiter, aber in diesem dunklen Zimmer blieb die Zeit stehen.
Bis jetzt.
Er öffnete langsam die Augen. Das sanfte Licht der Nacht schien durch die Vorhänge. Er lag einen Moment lang da und blinzelte in die Dämmerung. Die Luft war still. Der Geruch nach Essen war weg. Stattdessen roch es nach Lilien aus der Vase am Fenster.
Mit einem leisen Seufzer setzte er sich auf. Die Decke rutschte von seinen Schultern. Sein Körper fühlte sich schwer an, als käme er gerade aus einem tiefen Traum zurück.
Sein Blick fiel auf eine Einkaufstüte am Ende des Bettes. Es war eine Papiertüte mit eleganten goldenen Henkeln. Er zog sie zu sich heran und schaute hinein. In feinem Seidenpapier lag ein smaragdgrünes Kleid. Satin. Schulterfrei. Es war ordentlich zusammengelegt wie ein Geheimnis.
Er legte die Stirn in Falten. Seine Mutter hatte es wohl für die Party ausgesucht.
Jungkook quälte sich aus dem Bett und lief barfuß zum Spiegel. Er streckte die Arme über den Kopf und gähnte leise. Dann schlüpfte er in das Kleid. Der Stoff fühlte sich kühl auf seiner Haut an.
Er setzte sich vor den Schminktisch und griff nach der Bürste. Sein langes, blondes Haar fiel ihm bis zur Taille. Geschickt steckte er es zu einer edlen Hochsteckfrisur auf – wie die Krone einer Schönheitskönigin. Er schminkte sich schweigend. Jeder Pinselstrich saß perfekt, um seine Müdigkeit zu überdecken.
Doch als er sich die Augen umrandete, blieb sein Blick an etwas hängen.
Oben im Regal stand ein Buch. Auf dem Buchrücken hatte sich Staub angesammelt.
Er streckte die Hand aus und nahm es herunter.
Unmasked by the Marquess
Er hielt es mit beiden Händen fest. Die Ecken waren schon ganz weich. Sein Herz klopfte kurz. Langsam blätterte er durch die Seiten. Alles kam ihm so vertraut und doch so fern vor.
Seite 167.
Eigentlich wollte er dort nicht anhalten, aber seine Finger blieben genau unter einem Absatz stehen.
„Er wollte sich jeden Zentimeter von ihr einprägen. Jede Kurve, die starken Schenkel und die zarten Knochen ihrer Handgelenke. Er sammelte Erinnerungen für ein leeres Morgen. Aber so funktionierte Liebe nicht. Man konnte keinen Schmerz verhindern, indem man das jetzige Glück ausnutzte. Alles, was er tun konnte, war diesen Moment zu genießen und danach irgendwie weiterzumachen.“
Es war nicht der Text, der seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war der Name, der mit Bleistift darunter geschrieben stand.
Taehyung.
Die Schrift war verblasst, aber man konnte sie noch lesen.
Er starrte den Namen lange an. Seine Finger strichen ganz vorsichtig darüber. Seine Augen brannten, aber er blinzelte die Tränen weg.
Der Moment verging.
Er schloss das Buch sanft und stellte es zurück ins Regal, genau in die Ecke, in der es jahrelang gelegen hatte.
„Koo?“
Eine leise Stimme unterbrach die Stille. Er drehte sich um. Nabi stand in der Tür. Sie trug ein blaues Kleid, das im Licht glänzte.
„Mama fragt nach dir“, sagte sie und kam herein. Sie musterte ihn kurz. „Du siehst... gut aus.“
Jungkook nickte nur und schenkte ihr ein kleines Lächeln. Er warf einen letzten Blick in den Spiegel, bevor er aufstand.
Es war an der Zeit, sich der Nacht zu stellen.
Auch wenn ein Teil seines Herzens noch immer auf Seite 167 feststeckte...
bei einem Namen, den er schon lange nicht mehr laut ausgesprochen hatte.
..fortsetzung folgt..