Prolog: Der Raum zwischen ihnen
Amara Blake war schon immer eine Beobachterin gewesen.
Nicht von der Sorte, die am Rand steht und darauf wartet, bemerkt zu werden. Sie war jemand, der genau hinsah. Sie merkte sich jedes Detail, jedes Zucken im Gesicht und jedes Wort, das nicht ausgesprochen wurde.
Darin war sie gut. Sie hatte es über Jahre perfektioniert, weil sie sich oft wie eine Außenseiterin fühlte. Wie ein Puzzleteil, das fast passte, aber eben nicht ganz.
Sie war kein Mädchen für laute Räume, Blitzlichtgewitter oder überfüllte Flure.
Sie war wie gemacht für leise Bibliotheken und nächtliches Lernen. Das beruhigende Rascheln von Buchseiten war ihre Welt.
Das Uni-Leben war vieles: chaotisch, anstrengend und aufregend. Aber Partys? Nein danke.
Amaras Welt drehte sich um Psychologie-Vorlesungen und Hausarbeiten über den menschlichen Geist. Sie hatte Träume, die viel größer waren als die kleine Stadt, die sie hinter sich gelassen hatte.
Sie war nicht naiv. Sie wusste genau, wer Jace Knight war, noch bevor sein Name zum ersten Mal durch die Wohnheimflure geflüstert wurde.
Er war der Typ Bad Boy, den jedes Mädchen kannte. Er war auf eine Art gefährlich, die einem flauen Magen und Herzrasen bescherte.
Lederjacken, ein freches Grinsen und ein Ruf, der ihm wie ein Lauffeuer vorauseilte.
Er war der Junge, der Regeln brach und Herzen zertrümmerte. Er blieb nie lange genug, um den Schaden wieder gutzumachen.
Amara machte sich keine Illusionen über ihn.
Er bedeutete Ärger. Und Ärger war das Letzte, was sie gebrauchen konnte.
Und trotzdem fiel er ihr auf.
Wie hätte sie ihn auch übersehen können?
Jace hatte etwas Magnetisches an sich. Das spürte man sogar am anderen Ende des Hörsaals oder wenn sein Lachen im Campus-Café ein bisschen zu laut dröhnte.
Er betrat einen Raum nicht einfach nur – er nahm ihn für sich ein.
Doch trotz seiner großen Klappe und seinem arroganten Charme lag ein Schatten in seinen Augen.
Da war ein kurzes Flackern, etwas Abweisendes. Als würde er eine Last mit sich herumtragen, die sonst niemand sah.
Amara erwischte sich oft dabei, wie sie überlegte, welche Geschichten unter dieser harten Schale steckten.
Spielte er nur die Rolle des Bösewichts?
Oder war er wirklich so kaputt, wie die Gerüchte sagten?
Sie ermahnte sich, damit aufzuhören.
Er war nicht ihr Problem.
Sie hatte ihre eigenen Kämpfe auszufechten.
Sie hatte ihre eigenen Träume, die sie verfolgte.
Psychologie war für sie nicht nur ein Studienfach. Es war ein Wegweiser, um Menschen wie Jace zu verstehen.
Menschen, die nach außen hin wild und rücksichtslos wirkten, im Inneren aber litten.
Diese Faszination behielt sie streng für sich.
Denn sie war vorsichtig.
Vorsichtig mit ihrem Herzen.
Vorsichtig damit, wem sie vertraute.
Vorsichtig mit der Art von Ärger, die Jace Knight magisch anzog.
Amaras Alltag war ein Spagat zwischen Vorlesungen, dem Nebenjob in der Bibliothek und Abenden über dicken Lehrbüchern.
Sie hatte keine Zeit für Ablenkungen.
Schon gar nicht für solche, die in Lederjacken steckten und nach Gefahr rochen.
Aber das Schicksal liebt es, eine ordentlich aufgebaute Welt auf den Kopf zu stellen.
Es fing ganz klein an.
Ein zufälliges Treffen in der Bibliothek.
Jace lehnte an den Regalen und spielte mit einem Buch in seinen Händen. Es wirkte wie eine Requisite in einem Theaterstück, für das er nie vorgesprochen hatte.
Sie war erschrocken, ihn dort zu sehen. Er passte dort überhaupt nicht hin, und doch schlich er sich ein wie ein Schatten.
Ihre Blicke trafen sich für einen kurzen Moment.
Er grinste frech.
Sie schaute weg.
Der Moment hielt jedoch an, wie ein stummes Versprechen.
Der Campus war wie eine Bühne, auf der Gerüchte und Geheimnisse tanzten.
Jaces Name fiel ständig, mal mit Bewunderung, mal als Warnung.
Die Mädchen, die ihm hinterherliefen, tuschelten über seinen Charme und seine Narben.
Die Jungs beneideten ihn um sein lockeres Selbstbewusstsein.
Und Amara?
Sie war froh, ihn auf Abstand zu halten.
Zumindest bis zu jenem Tag.
An einem kühlen Herbstnachmittag saß Amara in der Student Lounge. Sie hatte Kopfhörer auf und konzentrierte sich auf eine Aufnahme.
Sie hörte ihn nicht kommen.
„Blake.“
Seine Stimme klang rau, aber gleichzeitig sanft – wie Kies und Seide.
Sie erstarrte, ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Sie nahm die In-Ear-Hörer heraus und blickte auf.
Da stand er.
Er war so nah, dass sie die feine Narbe über seiner Augenbraue sehen konnte.
In seinen Augen blitzte eine Verletzlichkeit auf, die er hinter einem arroganten Lächeln zu verstecken suchte.
„Hey, Knight.“
Ihre Stimme blieb ruhig und kontrolliert.
„Was willst du?“
„Nichts“, sagte er und hob abwehrend die Hände. „Ich wollte nur mal Hallo sagen.“
Amara blinzelte. Sie war überrascht, wie eng sich ihre Brust anfühlte.
„Hallo.“
Das Wort fühlte sich seltsam an, als würde sie über dünnes Glas laufen.
Er lachte – ein tiefes, ehrliches Geräusch, das so gar nicht zu dem Bad-Boy-Image passte, das sie im Kopf hatte.
„Journalismus im Hauptfach, oder?“
Sie nickte, obwohl sie eigentlich gar nicht neugierig sein wollte.
„Überlegst du dir oft, wie die Leute so ticken?“
„Darum geht es in dem Fach ja irgendwie.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Ich schätze, das interessiert mich auch ein bisschen.“
Amara starrte ihn an. Sie wollte glauben, dass da mehr unter der Oberfläche war.
Gleichzeitig wusste sie, dass es besser war, sich nicht darauf einzulassen.
Die Tage vergingen. Die beiden liefen sich immer wieder in den Fluren und Cafés über den Weg. Sie tauschten kurze Worte, verlegene Lächeln und kleine Neckereien aus.
Jace war wie ein Rätsel, das Amara unbedingt lösen wollte. Und wie bei jedem Rätsel gab es Teile, die kantig und scharf waren.
Er war anstrengend und machte sie wütend, aber er war auch seltsam... faszinierend.
Er stellte alles infrage, was sie über ihn – und über sich selbst – zu wissen glaubte.
Sie redete sich ein, es sei nur ein Spiel.
Eine kurze Ablenkung vom Alltag.
Aber Spiele konnten gefährlich werden.
Eines Abends saß Amara auf ihrem Balkon im Wohnheim. Sie hatte sich zum Schutz gegen die Kälte in eine Decke eingekuschelt.
Ihr Handy vibrierte – eine Nachricht von Jace.
„Bis morgen.“
Ihr Herz flatterte.
Sie wusste nicht, ob es Hoffnung oder Angst war.
Vielleicht ja beides.
Denn obwohl sie ihn auf Abstand halten wollte und alle Warnsignale wie Neonlicht vor ihr aufleuchteten –
Es gab kein Zurück mehr. Der Raum zwischen ihnen wurde immer kleiner.
Und manchmal, wenn man direkt am Abgrund steht, ist der Fall unvermeidlich.
Der Bad Boy.
Das brave Mädchen.
Die Grenze zwischen ihnen war dünner, als jeder von ihnen zugeben wollte.
Und die Nacht fing gerade erst an.