Mein Retter, der Schmied

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Zusammenfassung

Obwohl Sorsha Quinn gelernt hat, ihr Schicksal zu akzeptieren, ist sie alles andere als ein Leichtgewicht. Unter der Last ihres Nichtsnutz-Vaters und ihres Bruders zu leben, ist schon schwer genug – bis zu dem Tag, an dem ihr mitgeteilt wird, dass sie verheiratet werden soll. Als Realistin und oft auch Pessimistin erwartet Sorsha das Schlimmste… und wartet nur darauf, dass ihre Welt vollends in sich zusammenbricht. Callum Sullivan hat sie jahrelang an seinem Haus vorbeigehen sehen, heimlich in sie verliebt. Doch ein gefährliches Gen in seiner Blutlinie hält ihn von anderen fern, immer auf Distanz. Als er belauscht, was Sorshas Vater mit ihr vorhat, trifft Callum die eine Entscheidung, von der er schwor, sie niemals zu treffen: Er heiratet sie. „Warum hast du mich geheiratet? Ich bin nutzlos – ich kann nicht einmal lesen“, flüstert Sorsha mit feuchten Augen. „Weil…“ „Bitte sag mir, dass es kein Mitleid ist.“ „Kein Mitleid“, presst Callum hervor, obwohl die Worte, nach denen er sich sehnt, gefangen bleiben. Verfolgt vom Schweigen seines Vaters und dem Fehlen der sanften Berührung seiner Mutter, kämpft Callum darum, die Wahrheit in seinem Herzen auszusprechen. Doch manche Geheimnisse können nicht ewig begraben bleiben.

Genre:
Romance
Autor:
Suze Wilde
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
30
Rating
4.9 59 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

POV: Sorsha

Die Sonne ging gerade unter, als Mabel sich ein Hufeisen verbog.

Ich tätschelte liebevoll ihren Hals. Mir war klar, dass ich das reparieren lassen musste. Aber der Gedanke, ohne Geld nach Hause zu kommen, machte mir noch mehr Angst.

Mein Vater und mein Bruder kannten kein Pardon. Sie erwarteten von mir, dass ich das Geschäft ausbaute, was einfach lachhaft war. Mabel war ein einfaches Karrenpferd. Jeden Tag wartete ich auf dem Marktplatz auf jemanden, der Waren geliefert oder transportiert haben wollte.

Der Karren war auch nicht mehr im besten Zustand. Ich hatte Angst, dass bald eines der Räder abfallen würde. Selbst wenn mich jemand für einen Transport buchte – wie heute für die Düngersäcke –, brauchte ich ewig für das Be- und Entladen. Es blieb nie genug Zeit für mehrere Touren.

Dazu kam, dass ich einen Penny für einen frischen Laib Brot ausgegeben und ihn über den Tag verteilt verschlungen hatte. Für die körperliche Arbeit brauchte ich Kraft. Aber weder mein Vater noch mein Bruder schienen das zu begreifen.

Der Schmied kam in Sichtweite und ich zögerte. Stattdessen sah ich ihm dabei zu, wie er auf ein Stück Stahl einschlug und die Funken flogen. Sully hieß er – genau wie sein Vater vor ihm.

Es war ein schöner Anblick, ihn jeden Tag beim Vorbeigehen zu beobachten. Er blickte nie auf und war immer voll auf seine Arbeit konzentriert. Er trug eine Lederschürze mit schwarzen Brandflecken, die an manchen Stellen glänzte. Das ließ ihn nur noch männlicher wirken.

Man konnte sehen, wie seine Bizeps spielten, wenn er den Stahl bearbeitete. Mir stockte dabei jedes Mal der Atem. Aber ich war nicht dumm; ich wusste, dass Männer wie er nicht auf Mädchen wie mich standen.

Als er aufblickte, hielt ich überrascht inne – nur um zu merken, dass ich sowieso schon stehen geblieben war.

„Ähm, wie viel kostet es, ein verbogenes Hufeisen zu richten?“, stammelte ich hastig.

Er blinzelte mich ein paar Sekunden lang verständnislos an. Dann legte er schnell sein Werkzeug beiseite und kam näher.

Er sah das verbogene Eisen sofort, kontrollierte aber trotzdem alle Hufe von Mabel.

„Diese Hufeisen sind so verrostet, die müssen alle ersetzt werden“, sagte er. Er streichelte Mabel am Hals und mied den Blickkontakt.

„Wie viel würde das kosten?“, fragte ich beklommen.

Unsere Blicke trafen sich. Zum ersten Mal sah ich, dass seine Augen blaugrün waren, was ihn noch attraktiver machte.

Ich hatte oft gesehen, wie bewundernd man ihm hinterhersah, wenn er durch Bridgeford ging. Aber niemand schien ihm nah genug zu kommen, um auch nur eine Freundschaft aufzubauen, geschweige denn etwas Intimeres.

„Drei Pennies pro Eisen“, sagte er, und mir sank das Herz in die Hose.

Ich hatte heute sechs Pennies verdient und einen ausgegeben. Wenn ich mit nur zwei Pennies nach Hause käme, würde mein Vater mich wahrscheinlich totschlagen.

„Könntest du es für Mabel vielleicht nur ein bisschen angenehmer machen?“, bat ich mit flehender Stimme und streichelte Mabels Nüstern.

Sein Blick fiel auf mein Handgelenk. Der blaue Fleck, der es wie ein Ring umschloss, war deutlich zu sehen. Hastig zog ich den Arm zurück und schaute verlegen weg.

Er nickte und ging zur Esse. Er nahm ein Werkzeug, das wohl dazu da war, Hufeisen abzuziehen. Dann bückte er sich neben Mabel. Eine seiner breiten Hände hielt ihr Bein fest, während er ihren Huf routiniert anhob. Er war vorsichtig, obwohl viel Kraft in seinen Bewegungen steckte.

Seine Ärmel waren bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Man sah seine muskulösen Unterarme, die mit Ruß und feinen Härchen bedeckt waren.

Als er in die Hocke ging, sah ich erst, wie groß er wirklich war. Wenn er aufrecht stand, überragte er die meisten Männer in Bridgeford locker um einen Kopf. Mit einem kräftigen Ruck löste er das verbogene Hufeisen. Dabei spannten sich die Muskeln in seinen Schultern und seinem Rücken an.

Ich hielt Mabel am Zaumzeug fest und beruhigte sie, während Sully das verbogene, rostige Eisen ins Feuer legte.

Ich beobachtete ihn fasziniert. Das war neuer Stoff für meine Tagträume.

„Sorsha!“ Vor Schreck fuhr ich herum. „Was zum Teufel treibst du da?“, brüllte mein Bruder Ryan.

Ich rückte näher an die Schmiede heran und sagte verteidigend: „Mabel hat sich ein Eisen verbogen. Ich kann sie so nicht laufen lassen.“

„Dafür haben wir kein Geld“, sagte er. Er stapfte mit zusammengekniffenen Augen auf mich zu. Er schien vor Wut fast zu platzen.

Nein, wir hatten nur Geld für das Nötigste, und damit meine ich wirklich das absolute Minimum. Mein Kleid hatte Löcher an der Taille, die ich geflickt hatte. Aber der Stoff war dünn und riss immer wieder auf.

Er nickte in Sullys Richtung. „Und was macht der da?“

„Ich versuche, es geradezubiegen“, antwortete Sully sachlich. Er packte das Hufeisen mit einer Zange und legte es auf den Amboss.

„Lass das bleiben.“

„Ryan“, presste ich durch zusammengebissene Zähne hervor. „Was machen wir denn, wenn Mabel ausfällt?“

Ich zischte vor Schmerz auf, als er mein blaues Handgelenk packte und mich zu sich riss.

Das laute Scheppern des Hammers ließ mich zusammenzucken – aber Ryan rührte keine Wimper. Er hielt mein Handgelenk fest umschlungen, sein Gesicht war vor Wut verzerrt.

„Lass los“, flüsterte ich und versuchte mich zu befreien. Aber seine Finger gruben sich nur noch tiefer ins Fleisch.

Dann trat Sully vor. Nicht laut. Nicht hastig. Einfach eine ruhige, entschlossene Bewegung. Er legte den Hammer neben den Amboss, wischte sich die Hände an einem Lappen ab und stellte sich zwischen uns.

„Es reicht jetzt“, sagte er leise.

Ryan wich nicht zurück, aber sein Griff lockerte sich ein wenig. „Das ist meine Schwester.“

Sully blinzelte nicht einmal. „Und das ist meine Schmiede.“ Sein Tonfall war unverändert, aber darunter schwang etwas Gefährliches mit, das Ryan stutzen ließ. „Hier legt niemand Hand an andere.“

Einen Moment lang bewegte sich niemand. Mabel schnaubte unruhig hinter mir.

Dann ließ Ryan mich mit einem Stoß los, sodass ich einen Schritt zurückstolperte. Er machte auf dem Absatz kehrt und stapfte davon. Er murmelte Flüche vor sich hin, drehte sich dann aber noch einmal um und hielt die Hand auf.

Ich starrte auf den Boden, mein Herz hämmerte und mein Handgelenk pochte.

Ich wusste, was er wollte.

Das Geld, das ich verdient hatte.

Ich kramte die fünf Pennies aus meiner Kleidertasche und klatschte sie ihm in die Handfläche. Sully schaute zu, sagte aber nichts. Als Ryan weg war, griff er einfach wieder zur Zange und kehrte zum Amboss zurück.

Es dauerte nicht lange, bis er das Hufeisen gerade gebogen und vorsichtig wieder angepasst hatte. Mabel war fast so alt wie ich. Ohne Hufeisen zum Schutz ihrer Hufe könnten diese brüchig werden.

„Danke“, sagte ich. „Ich bezahle dich morgen oder übermorgen dafür.“

„Hm“, machte er nur. Ich wusste nicht recht, was ich davon halten sollte. Wollte er das Geld nun oder nicht?

„Tschüss“, sagte ich so leise, dass er es wahrscheinlich gar nicht hören konnte. Dann führte ich Mabel nach Hause. Vor dem Abend graute mir jetzt schon.

Je näher ich dem Haus kam, desto langsamer ging ich. Unser Zuhause war nicht mehr als eine baufällige Hütte, die dringend repariert werden musste. Aber dazu würde es nicht kommen – weder jetzt noch jemals.

Meine Mutter wurde regelmäßig von meinem Vater verprügelt. Eines Tages legte sie sich schlafen und rachte nie wieder auf. Tief im Inneren wusste ich, dass er schuld war.

Schon bald fing er an, auf mich einzuschlagen. Und Ryan, statt mich zu beschützen, eiferte ihm nach.

Ich träumte davon wegzulaufen und sie hinter mir zu lassen. Aber Bridgeford war zwar keine riesige Stadt, hatte aber eine Brückenzollstelle. Man brauchte Papiere, um den Stadtbezirk zu betreten oder zu verlassen.

Die Papiere waren irgendwo im Haus versteckt. Aber solange mein Vater und Ryan nicht beide sturzbetrunken waren, hatte ich keine Chance, danach zu suchen.

Einmal hatte ich die Anfrage, Töpferwaren in die nächste Stadt zu bringen. Aber mein Vater lehnte sofort ab. Er sagte, es sei zu gefährlich, die Gegend allein zu verlassen. Ich vermutete, er hatte Angst, dass ich nie zurückkehren würde. Und ich glaube, genau das hätte ich getan.

Als ich vorschlug, dass Ryan mich begleiten könnte, schüttelte mein Bruder nur den Kopf. Arbeit war unter seiner Würde.

Ich atmete scharf ein, als ich sah, dass beide auf der Veranda saßen und auf mich warteten.

Ich wusste, was jetzt kam – aber zuerst würde ich mich um Mabel kümmern.

Das hätte Ryan leicht erledigen können. Stattdessen sah er nur tatenlos zu. Als die Arbeit getan war, ging ich langsam zur Veranda und wappnete mich für das, was kommen würde.

„Fünf Pennies?“, fragte mein Vater spöttisch. Er streckte die Beine aus und kreuzte die Knöchel, als würde er nur ein lockeres Pläuschchen halten.

Aber ich wusste, wozu er fähig war – er konnte verdammt schnell sein.

„Was zum Teufel soll ich damit anfangen? Wie viel hast du Sully gegeben?“

„Nichts. War umsonst.“

„Warum dann so wenig Geld?“

Innerlich seufzte ich. Ich würde ihn das Seufzen nie hören lassen – denn das war der sicherste Weg, eine Backpfeife zu kassieren.

„Ich hatte nur eine Fuhre Dünger, aber das Be- und Entladen hat den ganzen Tag gedauert“, gab ich zu. Ich hoffte, dass dieses Geständnis ihnen wenigstens einen Funken schlechtes Gewissen einflößen würde.

„Lächerlich“, warf Ryan lautstark ein. Er schnappte sich die Flasche hinter sich und nahm einen kräftigen Schluck.

Der Geruch von Alkohol wehte zu mir herüber und ich rümpfte angewidert die Nase.

Mein Vater hielt die Hand auf und Ryan reichte ihm die Flasche. Er nahm einen langen Zug. Ich wusste nicht, wie sie das Zeug runterkriegen konnten. Aber sie brauten es jede Woche religiös aus Kartoffeln und Gemüseresten.

Jeden Freitag musste ich Abfälle von Speiselokalen und Gasthäusern abholen.

Ich war mir sicher, dass jeder in Bridgeford über meine Familiensituation Bescheid wusste, aber niemand mischte sich ein.

Es galt als unhöflich, sich in Familienangelegenheiten einzumischen.

Der Mann war das Oberhaupt des Hauses. Wenn er seine Frau totschlagen wollte, dann würde er schon einen Grund dafür haben.

Das Gleiche galt für seine Tochter.

„Ich bin müde“, sagte ich. Aber solange sie die Haustür versperrten, kam ich nicht rein.

„Hm“, sagte mein Vater und klatschte meinem Bruder aufs Bein. „Hast du das gehört? Sie ist müde. MÜDE… nicht hungrig. Das heißt, sie hat Geld für Essen ausgegeben.“