Kapitel 1
Ich höre ein Rascheln. Rufe prallen von den sterilen Wänden ab. Es sind zu viele Stimmen. Alle klingen scharf und voller Panik.
„Schädel-Hirn-Trauma, mögliche Gehirnerschütterung, Risswunde am rechten Bein – geben Sie mir nochmal die Vitalwerte – er braucht sofort ein Röntgenbild vom linken Arm!“
Grelles Licht schneidet durch das Schwarz hinter meinen Augenlidern. Es pulsiert wie ein Stroboskop. Mein Kopf dröhnt – bum-bum-bum – wie eine Kriegstrommel, auf die man mit Stahlfäusten schlägt. Etwas Warmes rinnt mir das Gesicht hinunter, klebrig. Ein metallischer Geschmack liegt auf meiner Zunge. Blut?
„Mein Herr, können Sie mich hören?“
Ein Gesicht taucht über mir auf. Mit Maske. Die Brille ist beschlagen. Die Augen blicken intensiv. Gehetzt.
„Mein Herr, können Sie uns Ihren Namen nennen? Mein Herr – können Sie meine Hand drücken?“
Meine Finger zucken. Es fühlt sich an wie die Hand eines Fremden, wie der Körper eines anderen. Meine Haut ist kalt und feucht. Da ist das leise Zischen von Sauerstoff. Maschinen piepen rhythmisch und klammern sich wie Blutegel an mich.
Mein Name?
Ich öffne den Mund. Luft entweicht zischend, aber es kommt kein Wort heraus. Nur ein Hauch von einem Laut, der in meiner Kehle feststeckt.
Mein Name … verdammt, er ist direkt da, zum Greifen nah. Ich grabe danach und kralle mich durch den Nebel. Wie die Hände eines Ertrinkenden, die nach der Oberfläche suchen – aber ich finde nur Rauschen.
Noch mehr Stimmen. Jemand schneidet Stoff auf – ich spüre, wie die Schere mein Hosenbein hochgleitet. Kühle Luft trifft auf rohe Haut. Direkt danach folgt das Brennen von Desinfektionsmittel. Ich zucke zusammen und ein kehliges Geräusch entfährt meinen Lippen.
„Ganz ruhig – er kommt zu sich.“
„Geben Sie der Orthopädie Bescheid. Ich will Scans vom Arm, bevor wir riskieren, irgendwas einzurenken.“
„Pupillen reagieren – Jesus, seht euch diese Quetschung an.“
Etwas drückt gegen meinen Kopf wie ein Schraubstock. Mein Magen dreht sich um. Bewege ich mich?
Die Trage ruckelt und rollt los. Metallräder kreischen auf den Fliesen. Die Deckenlichter verschwimmen zu weißen Streifen. Das Schreien wird leiser und klingt nur noch wie ein Summen, als hätte ich Wasser in den Ohren.
Wer zur Hölle bin ich?
Ich schlage die Augen ein Stück auf und die Welt dreht sich. Eine Frau rennt neben mir her. Ihre blonden Haare sind zurückgebunden. Ihre behandschuhte Hand liegt fest auf meiner Brust. Hält sie mich fest? Will sie mich am Boden halten?
„Bleiben Sie bei mir“, sagt sie bestimmt und autoritär. Ihre Augen fixieren meine wie ein Anker. „Augen aufbleiben lassen, noch nicht. Sie sterben mir hier nicht weg, okay?“
Sterben?
Dieses Wort schneidet durch den Nebel.
Nein. Jetzt noch nicht. Nicht, bevor ich weiß, wer ich bin. Nicht, bevor ich kapiere, warum mein ganzer Körper sich anfühlt, als wäre er von der Hölle höchstpersönlich zerkaut und wieder ausgespuckt worden.
Aber da ist ein Schatten in einem Winkel meines Verstandes. Ein kurzes Flackern – Hände … geballte Fäuste … Schreie … ein helles Feuer, dann nichts mehr.
Mein Mund bewegt sich wieder. Immer noch kein Name.
Nur das Geräusch meines Herzens, das wie wild hämmert.
Wer zum Teufel bin ich?
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