Kapitel 1: Ordnung & Obsession
Die späte Nachmittagssonne fiel durch die hohen Fenster der Eastborough High wie geschmolzener Bernstein und tauchte den langen Korridor in warmes Gold. Die letzte Glocke hatte schon vor fast einer halben Stunde geläutet. Jetzt atmete die Schule die Stille eines fast verlassenen Ortes aus. In der Ferne hallten Schritte wider – der Hausmeister vielleicht oder ein paar Sportler, die noch da waren. Aber hier oben, im zweiten Stock beim Ostflügel, war Lila Hart allein unterwegs.
Ihre Lackschuhe klickten in einem gleichmäßigen Rhythmus. Das Geräusch war sanft und scharf zugleich. Es passte perfekt zu den ordentlichen kleinen Checklisten in ihrem Kopf. Alle Spindtüren waren zu. Der Flur war leer. Niemand kaute verbotenerweise Kaugummi, schlich zurück in die Klassenzimmer oder lungerte verdächtig herum. Die Ordnung hielt stand, und die Stille war herrlich.
Lila lächelte vor sich hin. Es war nicht das steife, höfliche Lächeln, das sie Lehrern schenkte oder wenn sie Nachsitzen verteilte. Es war diese entspannte, geheime Art, die nur zum Vorschein kam, wenn niemand zusah.
In der Nähe ihrer Lieblingsnische beim Fenster wurde sie langsamer. Es war ein kleiner Vorsprung mit Blick auf den Lehrerparkplatz. Das Fensterbrett war breit genug, um darauf zu sitzen, wenn sie die Beine passend anwandte. Sie warf einen Blick den Flur entlang, um sicherzugehen, dass niemand da war. Dann zog sie das abgewetzte Notizbuch unter ihrem Cardigan hervor. Sie presste es fest gegen ihre Rippen, als wäre es ein zweiter Herzschlag.
Das Schloss war ein einfaches Messingding, eher Symbol als Schutz. Aber sie drehte es mit geübter Leichtigkeit auf. Die Seiten im Inneren rochen schwach nach Lavendel von dem Duftsäckchen in ihrem Schreibtisch. Ihr Stift glitt wie von selbst in ihre Finger, und ihre Gedanken kamen bereits in Schwung.
Sie schlug den neuesten Eintrag auf – Szene 6: Der Kunstraum, nach Einbruch der Dunkelheit – und ließ ihrer Fantasie freien Lauf.
„Er beobachtet sie aus dem Schatten heraus. Das gefährliche Funkeln in seinen Augen wirkt wie der Blitz einer Klinge. ‚Du hast deinen Pinsel vergessen‘, sagt er mit tiefer, rauer Stimme. ‚Oder vielleicht wolltest du nur einen Grund haben, um zurückzukommen.‘“
Lila schrieb in langen, geschwungenen Zügen. Ihr Stift glitt wie eine Liebkosung über das Papier. Die reale Welt verblasste. Die Spannung in ihrem Rücken löste sich. In Gedanken spürte sie bereits den Druck von Händen auf der Haut und die atemlosen Pausen zwischen den Worten. Dieser Ort in ihrem Inneren gab ihr Kraft. Es war ein heiliger Raum, in dem sie nicht die Fluraufsicht, die Musterschülerin oder das brave Mädchen war, dem alle vertrauten.
Hier war sie mutig, begehrt und frei.
Die späte Sonne warf Streifen auf den Boden. Staub tanzte wie Glühwürmchen in der Luft. Irgendwo am Ende des Flurs klickte eine Tür ins Schloss. Lila zuckte nicht einmal zusammen. Sie kannte den Rhythmus des Gebäudes in- und auswendig. Sie hatte noch mindestens fünf Minuten, bevor der nächste Erwachsene auftauchen würde. Ihr Stift setzte seinen langsamen, sinnlichen Weg über das Papier fort.
Sie biss sich sacht auf die Unterlippe, während sie die nächste Zeile schrieb. „Sie antwortet nicht – zumindest nicht mit Worten. Ihre Antwort ist das leise Geräusch der Hingabe, während seine Finger über die Knöpfe ihrer Bluse gleiten, einen nach dem anderen...“
Ihr stockte der Atem, nur ein kleines bisschen.
Dann –
Ein Geräusch. Das klang nicht weit weg und auch nicht nach dem Hausmeister.
Es klang wie das Scharren eines Schuhs, und es war ganz nah.
Lila blinzelte. Der Stift hielt inne. Ihr Herz schlug schneller – diesmal nicht wegen der Geschichte, sondern wegen der plötzlichen, elektrisierenden Gewissheit, dass jemand da war.
Langsam und vorsichtig drehte sie den Kopf, immer noch in der Fensternische hockend, umrahmt vom goldenen Licht.
Der Flur sah leer aus.
Trotzdem ließ sie das Notizbuch zuschnappen. Sie schloss es ab und schob es zurück unter ihren Pullover, gegen die Wärme ihrer Brust. Und als sie wieder in ihre Rolle schlüpfte – Fluraufsicht, das Vorzeigemädchen der Eastborough High – war ihr Gesichtsausdruck bereits wieder zu diesem vertrauten, beherrschten Lächeln erstarrt.
Aber tief in ihr drin, unter der weichen Baumwolle ihres Cardigans und der perfekt aufrechten Haltung, brannte die Geschichte noch immer.
Sie blieb ganz still stehen und hielt den Atem an, während das leise Schaben von Gummisohlen näher kam. Im Flur herrschte weiterhin Stille, aber das Geräusch war jetzt unverkennbar. Es waren vorsichtige, gezielte Schritte, die vom nördlichen Treppenhaus auf sie zukamen.
Lila Hart schob sich mit ruhiger Hand eine Haarsträhne hinter das Ohr. Doch ihr Puls verriet sie; er pochte gegen das abgeschlossene Notizbuch, das sie eng an ihre Rippen presste.
Es war kein Schüler.
Dafür waren die Schritte zu sicher. Zu autoritär.
Dann bog die vertraute dunkelblaue Uniform um die Ecke – gebügelte Hose, Funkgerät am Gürtel, schwarze Stiefel, die auf dem gewachsten Boden stumpf wirkten. Mr. Dunley. Einer der Nachtwächter. Mitte fünfzig, auf eine müde Art geduldig, mit der Angewohnheit, vor sich hin zu summen, wenn er sich unbeobachtet fühlte.
Lila atmete langsam aus.
Sie zog ihren Cardigan enger und rückte das Schlüsselband um ihren Hals zurecht. Ihr offizieller Ausweis der Fluraufsicht schwang leicht hin und her, als wollte er der Welt zeigen, wer sie war.
„Guten Abend, Mr. Dunley“, sagte sie mit ihrer kühlen, geübten Stimme.
Der Wachmann hielt inne. Er entspannte sich sofort, als er sah, wer vor ihm stand.
„Miss Hart.“ Er nickte ihr respektvoll zu und hob eine Braue. „Immer noch auf Streife?“
Sie schenkte ihm das gleiche knappe Lächeln, das sie seit der neunten Klasse perfektioniert hatte. „Ich sehe nach dem Rechten, damit sich niemand in die Klassenzimmer schleicht. Sie wissen ja, wie das ist.“
Er nickte und warf einen Blick den langen Flur hinunter. „Sie sind eine von den Guten. Ich wünschte, wir hätten mehr von Ihrer Sorte.“ Seine Stimme klang rauchig und freundlich, hallte aber in der Stille fast ein bisschen zu laut wider.
„Ich wollte gerade Schluss machen“, fügte sie hinzu. Beiläufig trat sie zur Seite und lehnte sich mit der Hüfte gegen das Fensterbrett, um die leichte Wölbung ihres versteckten Notizbuchs zu verdecken. „Ich habe gar nicht gemerkt, wie spät es geworden ist.“
Mr. Dunley lachte leise. „Das kenne ich. Ich drehe meine letzte Runde – ich mache im zweiten Stock alles dicht, bevor ich nach unten gehe. Hier oben ist alles in Ordnung. Ich schaue noch im Erdgeschoss nach dem Rechten und sperre dann ab.“
Lila nickte und setzte diesen dankbaren Blick auf, der signalisierte: Ich bin vertrauenswürdig, ich darf hier sein und Sie müssen keine Fragen stellen.
Er warf noch einen letzten Blick zum Treppenhaus, bevor er den Korridor weiterging. Seine Schritte hallten wieder und entfernten sich langsam. Als er um die Ecke bog und leise vor sich hin summte, traute sie sich endlich, richtig durchzuatmen.
Erst jetzt krallten sich ihre Finger fest in den Saum ihres Cardigans. Sie presste das versteckte Buch noch enger an ihren Körper, als wollte sie es darin verschwinden lassen.
Niemand durfte es erfahren.
Nicht die Lehrer. Nicht die anderen Schüler. Und schon gar nicht Mr. Dunley, der in ihr immer noch das Paradebeispiel für Verantwortungsbewusstsein und Regeln sah. Wenn er – oder sonst jemand – auch nur eine einzige Zeile von dem lesen würde, was sie geschrieben hatte…
„Sein Atem, raunend an ihrem Hals, ließ ihre Beine zittern, während seine Hände unter ihren Rock glitten...“
Lila kniff die Augen fest zusammen.
Das Notizbuch war aus gutem Grund abgeschlossen.
Denn das, was sie schrieb – was sie sich vorstellte – war nicht für fremde Augen bestimmt. Es war chaotisch, sehnsuchtsvoll und viel zu intensiv. Es war eine geheime Welt ohne Noten, ohne Regeln und ohne Urteile. Eine Welt, in der sie begehren durfte. Wo sie nicht lächeln musste.
Das Geräusch der Schritte verblasste ganz, und weit unten wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen.
Sie blieb noch einen Moment stehen, bis sich ihr Herzschlag beruhigt hatte.
Dann drehte sie sich um. Ihre Silhouette war kurz im Lichtschein des Fensters zu sehen. Dann ging sie in die entgegengesetzte Richtung davon. Ihre Schritte waren jetzt lautlos, und jeder Tritt fühlte sich schwerer an als bloße Pflicht.
Ich möchte mich bei allen bedanken, die sich die Zeit nehmen, dieses Buch zu lesen. Viel Spaß und danke für eure großartige Unterstützung.
P.S. Alle Kapitel dieses Buches sind jetzt auf meinem Patreon verfügbar:
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