Der Glanz von damals

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Zusammenfassung

Jason McCoy hatte seine beste Zeit in der Highschool – zumindest behauptet das die Kleinstadt Rockwell. Einst der Star-Quarterback mit einer goldenen Zukunft, zwang ihn eine Verletzung an der Schulter zum vorzeitigen Karriereende und degradierte ihn vom Rampenlicht des Stadions zum Trainerjob an Freitagabenden. Er ist immer noch derselbe Lokalheld. Immer noch charmant. Immer noch ein wenig zu sehr von sich überzeugt. Womit er allerdings nicht gerechnet hat? Ava Sinclair. Seine beste Freundin aus Kindertagen. Das pummelige, brillante Mädchen von nebenan. Diejenige, die er seit dem Abschluss nicht mehr gesehen hat – und definitiv nicht *so*. Zurück in der Stadt für die Hochzeit ihrer Schwester, ist Ava nicht mehr das unbeholfene Anhängsel. Sie ist selbstbewusst, umwerfend und hat diesen Blick drauf, der verrät, dass sie nicht hier ist, um nach den alten Regeln zu spielen. Jason erkennt sie kaum wieder – und was noch schlimmer ist: Er kann nicht aufhören, an sie zu denken. Eine Hochzeit. Eine Woche. Eine Chance, um herauszufinden, ob die Jahre der Trennung alles verändert haben … Oder ob Ava schon immer die Richtige war.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
30
Rating
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Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

Jason McCoy

Ich hole meinen Anzug aus der verdammten Reinigung ab. Ja, ein Anzug. Es steht nämlich eine Hochzeit an – Amanda Sinclairs Hochzeit. Und sie sorgt dafür, dass der ganze gottverdammte Staat davon erfährt. Ich schwöre, sie verteilt Flyer, als würde sie für ein politisches Amt kandidieren. Es würde mich nicht wundern, wenn sie noch eine Marschkapelle und einen Kunstflieger für Werbebotschaften am Himmel engagiert.

Hölle, vielleicht hat sie das sogar schon getan. Ich hinterfrage ihr Chaos gar nicht mehr.

Das einzig halbwegs Erträgliche an diesem ganzen Zirkus aus Glitzer und Zickenterror?

Ava.

Meine beste Freundin. Die einzige Person, die mich wirklich versteht. Seit Jahren schreiben wir uns fast täglich. Wir haben den Kontakt gehalten, selbst als sie Rockwell verließ. Jetzt vollbringt sie irgendeinen Mikrobiologie-Zauber in ihrem Großstadt-Labor. Aber ich habe sie seit dem Abschluss nicht mehr persönlich gesehen. Kein einziges Mal.

Als ich sie das letzte Mal sah, war sie dieses schüchterne, pummelige Ding mit einer viel zu großen Brille. Sie hatte das beste Lachen, das ich je gehört habe. Ihr Blick war meist gesenkt, und sie umklammerte ständig ein Buch. Sie saß immer neben mir auf der Tribüne. Es war ihr völlig egal, dass ich der King der Schule war oder was für einen dämlichen Titel mir die Leute damals sonst noch verpasst haben.

Mein Handy vibriert im Getränkehalter meines Trucks, als ich auf den Schulparkplatz fahre. Ich werfe einen Blick auf das Display.

Ava Sinclair: Sag mir bitte, dass du nicht vergessen hast, dass Amandas Hochzeit dieses Wochenende ist.

Ich grinse. Manche Dinge ändern sich nie.

Ich: Also, in den letzten sechs Monaten wurde es gefühlt alle 3,7 Sekunden erwähnt.

Ein paar Sekunden vergehen, dann schießt sie zurück.

Ava: Du untertreibst maßlos. Sie hat sogar die Anprobe ihres Schleiers gesnapchattet.

Ich: Sie hat die Anprobe an mich gesnapchattet. Ich wusste nicht mal, dass ich Snapchat überhaupt installiert habe.

Ava: Lügner. Du hast garantiert Snapchat.

Ich: Okay, aber ich nutze es für Hundefilter und Trash-Talk über Fantasy Football. Nicht für... Tüll.

Ich lache leise und werfe den Kleidersack auf den Beifahrersitz. Es ist heiß wie in der Hölle draußen. In dem Anzug werde ich ersticken.

Ava: Und was ziehst du an? Bitte sag nicht deine Khakihosen vom Training.

Ich: Du kränkst mich. Habe heute den Anzug abgeholt, danke der Nachfrage.

Ava: Welche Farbe?

Ich: Schwarz. Klassisch. Sexy. Wie ich halt.

Ava: Also… verschwitzt und voller schlechter Entscheidungen?

Ich: Du hast mich vermisst.

Ava: Ich habe es vermisst, mich über dich lustig zu machen, falls du das meinst.

Ich: Ist doch dasselbe.

Ava: Ansichtssache.

Ich: Fliegst du oder fährst du mit dem Auto?

Ich schiebe mein Handy in die Gesäßtasche und gehe Richtung Spielfeld. Die Kids werfen schon mit Bällen um sich. Einer räumt fast die Gatorade-Kühlbox ab. Ich brülle irgendwas Halbwegs-Verständliches über Drills und Einsatzbereitschaft.

Es vibriert. Schon wieder.

Ava: Ich fliege. Komme morgen Abend an. Amanda lässt mich schon den ganzen Mist auf den letzten Drücker erledigen.

Ich: War ja klar. Bridezilla dreht völlig hohl?

Ava: Sagen wir es so: Sie hat den Floristen bedroht und im selben Atemzug wegen der Tischläufer geheult.

Ich: Wunderschön. Ich kann es kaum erwarten.

Ava: Du hältst mir beim Probeessen gefälligst einen Drink bereit.

Ich: Nur wenn du versprichst, nicht zu heulen, wenn du mich siehst. Ich war fleißig trainieren.

Ava: Oh, ich werde heulen – und zwar vor Lachen.

Ich: Nehm ich so an.

Ich verstaue mein Handy wieder, aber ich habe dieses dämliche Grinsen im Gesicht. Das verschwindet wahrscheinlich erst, wenn sie da ist.

Ava war für mich immer wie… Hintergrundrauschen. Vertraut. Wie das Summen des Kühlschranks oder das Surren der Stadionbeleuchtung – konstant, irgendwie beruhigend, aber nichts, was einem wirklich auffällt.

Wir sind Tür an Tür aufgewachsen, unsere Mütter waren eng befreundet, also hingen wir eben zusammen ab. Nicht, weil ich sie mir ausgesucht hätte, sondern weil sie einfach da war. Sie ist immer mitgelaufen, ständig ein Buch in der Hand und irgendeinen schrägen wissenschaftlichen Fakt parat, den sie wahnsinnig lustig fand.

Klar, sie ist verdammt schlau. Und witzig. Diese Art von Humor, die dich eiskalt erwischt, wenn du es am wenigsten erwartest. Aber wir haben nie geflirtet. Wir haben nie eine Grenze überschritten. Zur Hölle, ich glaube, ich habe sie nie länger als ein paar Sekunden angeschaut, außer sie hatte gerade Nachos in der Hand.

Während ich mit Cheerleadern unter der Tribüne rumgemacht habe, war Ava… ich weiß auch nicht. Am Lernen? Hausaufgaben machen? MythBusters schauen?

Sie war nie Teil dieser Welt. Sie hat es nicht mal versucht. Und ich habe im Traum nicht daran gedacht, dass sie mehr sein könnte als nur… Ava.

Meine beste Freundin. Mein Ersatzgehirn. Diejenige, die mich an die Kursanmeldung erinnerte und mir einmal Karteikarten für eine Abschlussprüfung schrieb, die ich dann trotzdem total verhauen habe.

Sie war das Mädchen, dem man um zwei Uhr nachts schreiben konnte und tatsächlich eine hilfreiche Antwort bekam. Nicht das Mädchen, das man am Ende einer Party küsste. Nicht diejenige, an die man dachte, wenn man es sich unter der Dusche selbst machte.

Also ja. Sie fliegt morgen ein, und es wird schön sein, sie wiederzusehen. Wie ein Treffen mit einem alten Teamkollegen oder der Lieblingscousine – nostalgisch und harmlos.

Ava war einfach immer da.

Sie tauchte bei meinen Spielen auf, weil ihre Eltern sie mitschleiften. Sie saß ganz oben auf der Tribüne und las irgendein dickes Lehrbuch, während die ganze Schule meinen Namen schrie. Ich glaube, sie hat ein einziges Mal geklatscht, als ich einen Touchdown gemacht habe. Einmal. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass das ironisch war.

Sie war nicht wie die anderen Mädchen. Sie trug kein Make-up. Sie versuchte nicht zu flirten. Sie kicherte nicht, fragte nicht nach meinem Trikot und klimperte mir auf dem Flur nicht mit den Wimpern zu. Während ich Zettelchen in die Spinde der Cheerleader schob und mich rausschlich, um hinter der Tribüne rumzuvögeln, war Ava wahrscheinlich in der Bibliothek. Oder in meiner Küche, wo sie meiner Mutter beim Abendessen half, weil ich Hausarrest hatte und nicht pünktlich aufgekreuzt war.

Sie hat mir früher bei den Hausaufgaben geholfen – na ja, meistens hat sie sie gemacht. Ich bin oft halb schlafend reingestolpert, stinkend nach Bier und schlechten Entscheidungen, und sie hatte mein Matheblatt schon zur Hälfte ausgefüllt. Sie stellte keine Fragen. Sie verurteilte mich nicht. Sie schüttelte nur den Kopf und reichte mir den Stift.

Eines Nachts kam ich völlig hackedicht nach Hause – so blau, dass ich die Haustür nicht mal fand. Sie war schon da und saß am Küchentisch, als gehöre ihr die Bude. Sie tippte irgendwas für einen Wissenschaftswettbewerb oder so einen Schrott. Meine Eltern wollten mich gerade zur Schnecke machen, da steht sie ganz locker auf und meint: „Es war meine Schuld. Ich habe ihn gezwungen, mich zum Walmart zu fahren, um Glitzer für ein Projekt zu kaufen.“

Ich weiß nicht mal mehr, was das für ein Projekt war. Ich weiß nur noch, wie sie mir ohne Zögern den Arsch gerettet hat. Kein Dankeschön nötig. Kein schlechtes Gewissen. Nur ein gemurmeltes „Du stehst in meiner Schuld“ und eine Tüte Gummibärchen, die sie beim Rausgehen aus meiner Speisekammer klaute.

Sie war nicht der Typ Mädchen, mit dem man ausging. Eigentlich war sie damals nicht der Typ, mit dem irgendjemand ausging. Sie war verlässlich. Schlau. Ziemlich vorlaut. Ein bisschen schräg. Aber auf diese Art, bei der man die Augen rollt und sie trotzdem gern um sich hat, weil sie das Leben irgendwie einfacher macht.

Sie war nie das Mädchen, nach dem man sich zweimal umdrehte. Besonders nicht, wenn man ich war – Kapitän der Mannschaft, Ballkönig, immer mit Mädels am Start, die im Februar bauchfreie Tops trugen und nach Vanille-Lipgloss rochen.

Ava trug keinen Lipgloss.

Sie trug Labello.

Und sie hat mich nie wegen meines dämlichen Verhaltens blöd angemacht. Sie hat nie versucht, mehr zu sein als das, was sie war – meine beste Freundin.

Sie war pflichtbewusst, das muss man ihr lassen. Sie war die Sorte Mädchen, die dich daran erinnerte, wenn eine Hausarbeit fällig war, und trotzdem eine Kopie ausdruckte, falls du es vergessen hattest. Sie war diejenige, die Tylenol in der Tasche hatte, noch bevor man sagte, dass man Kopfschmerzen hatte. Sie war wie ein Ein-Frau-Krisenteam – leise, schnell und ohne Erwartung eines Dankeschöns.

Ich erinnere mich an ein Mal im vorletzten Schuljahr, als ich meine Sporttasche vergessen hatte. Coach hätte mir fast den Arsch aufgerissen, weil ich ohne meine Stollenschuhe zum Training gekommen war. Und Ava? Sie zog sie einfach aus ihrem Rucksack, als hätte sie damit gerechnet, dass ich sie vergesse. Als hätte sie es gewusst. Ich weiß nicht mal mehr, ob ich sie ihr gegeben hatte. Wahrscheinlich hat sie nur gesehen, dass ich sie im Flur stehen gelassen hatte, und sie beim Gehen eingepackt. Solche Sachen hat sie einfach gemacht – ohne zu fragen, ohne Drama, ohne Anerkennung zu wollen.

Sie war nicht aufregend. Sie war nicht wild. Über sie gab es nie ein einziges Gerücht. Ich hatte wegen ihr nie einen Zusammenbruch in der Umkleidekabine, so wie bei Amber oder Chelsea oder diesem einen Mädchen, das eine Schwangerschaft vorgetäuscht hat, nur um eine Chance auf den Titel der Ballkönigin zu haben.

Ava? Ava war langweilig.

Beständig. Berechenbar. Wie ein verdammtes Metronom im Laborkittel.

In unserem Abschlussjahr saß sie oft mit meiner Mutter auf der Tribüne, während ich auf dem Feld stand. Ich sah sie manchmal zwischen zwei Spielzügen lesen. Sie blätterte um, als würde sie sich nicht im Geringsten für das Spiel interessieren. Und ehrlich gesagt, mochte ich das irgendwie. Alle anderen behandelten mich wie einen Gott. Sie behandelte mich wie den dämlichen Nachbarsjungen, der mal in seinem eigenen Baumhaus festsaß, weil er die Leiter mit hochgezogen, aber nicht festgebunden hatte.

Sie sah mich nie so an wie die anderen Mädchen. Sie versuchte nie, mich zu beeindrucken. Es war ihr egal, ob ich jemanden datete, ein neues Auto hatte oder für die Lokalzeitung interviewt wurde. All das war ihr völlig schnuppe – und ich schätze, das gab mir ein sicheres Gefühl.

Es war gemütlich.

Wie ein Paar alte Turnschuhe, bei denen man gar nicht merkt, dass man sie trägt, bis einen jemand darauf anspricht.

Als ich mir im College die Schulter zertrümmerte und die Scouts nicht mehr anriefen, war es Ava, die mir schrieb. Nicht das Mädchen, mit dem ich gerade zusammen war. Nicht die Teamkollegen. Nicht die Fans. Ava. Sie schrieb nichts Dramatisches. Keine aufmunternde Rede oder dieses „Du kommst stärker zurück“-Gelaber. Sie schickte mir einfach ein Meme von einem brennenden Müllcontainer mit den Worten: „Das ist dann wohl deine Karriere, was?“

Ich musste so lachen, dass mir fast das Handy aus der Hand gefallen wäre.

Genau so ist sie einfach.

Nie emotional. Nie schwerfällig. Immer ein blöder Witz im genau richtigen Moment. Sie bemitleidete mich nicht. Sie behandelte mich nicht, als wäre ich aus Glas. Sie schrieb einfach weiter, blieb einfach Ava, als hätte sich nichts geändert.

Und ich schätze, das habe ich gebraucht. Manchmal brauche ich das immer noch.

Unseren Chatverlauf gibt es schon seit Jahren. Dämliche Nachfragen, alberne Memes, ihre nerdigen Fakten aus der Wissenschaft, von denen ich kein Wort verstehe. Wie das eine Mal, als sie mir irgendwas über bakterielle Resistenzen erklären wollte. Ich sagte ihr, sie solle den Mund halten, außer es geht um Pizza oder Football. Sie nannte mich eine evolutionäre Enttäuschung und schickte mir eine Playlist mit Songs namens „Zu dumm zum Leben, zu heiß zum Sterben“.

Das ist typisch Ava.

Mein kleiner Schlaumeier. Mein Ersatzgehirn. Die sarkastische Stimme in meiner Tasche, die mir immer sagt, wenn ich mich wie ein Idiot aufführe – aber die trotzdem da ist, wenn ich sie brauche.

Aber sexy? Nee.

Sie war nie das Mädchen, mit dem man nach dem Training im Truck rummachte. Nie das Mädchen, über das man ein Lied schrieb. Nie diejenige, mit der man vor seinen Freunden angab.

Sie war einfach… da.

Eine Fußnote in jedem großen Moment. Sie existierte leise am Rande meines Lebens, während alles andere hell und laut und schnell verbrannte.

Und jetzt fliegt sie wegen Amandas Hochzeit ein. Wahrscheinlich trägt sie wieder ihre üblichen Jeans und Sneaker, die Haare zu diesem lustlosen Pferdeschwanz gebunden, den sie immer hatte, wenn sie konzentriert war. Wahrscheinlich schleppt sie einen Rucksack statt eines Koffers mit sich herum, weil sie eben praktisch veranlagt ist. Wahrscheinlich wird sie mich wegen meines Wasserhaushalts belehren und mich ans Rasieren erinnern.

Ganz die alte Ava.

Dieselbe Brille. Derselbe Sarkasmus. Derselbe bodenständige Quatsch wie eh und je.

Und wenn ich sie morgen sehe?

Dann werde ich ihr wahrscheinlich durch die Haare wuscheln, einen Witz über ihre Größe machen und ihr anbieten, ihre Tasche zu tragen, wie der Gentleman, den ich manchmal spiele.

Denn so läuft das bei uns.

Wir necken uns. Wir ziehen uns auf. Wir sind füreinander da.

Und dann kehren wir wieder in unser getrenntes Leben zurück, so wie immer.

Ich mache mir keine Sorgen. Nicht im Geringsten.

Denn wenn es eine Sache auf dieser Welt gibt, die sich nie ändert – dann ist es Ava Sinclair.