Wolfless in Lunaris️
Sloanes Sicht
Dampf legte sich wie ein aufdringlicher Liebhaber um meine Schultern, während ich die Fehler der letzten Nacht den Abfluss hinunterspülte. Der Duschkopf spuckte nur lauwarmes Elend aus. Seit drei Jahren teilte ich mir dieses Drecksloch schon mit Weslie, und wir konnten uns immer noch keinen ordentlichen Klempner leisten.
„Nichts schreit so sehr nach Romantik wie Schimmelsporen“, murmelte ich und schäumte meine schwarzen Haare ein. Der Geruch von Gradys Aftershave klebte trotz des heftigen Schrubbens hartnäckig an meiner Haut. Sandelholz und Bullshit – der offizielle Duft von Enforcern in der Midlife-Crisis.
Der Duschvorhang ratterte. „Du weißt, dass ich drei Gefallen einlösen musste, um diese Anzeige wegen Körperverletzung verschwinden zu lassen.“ Gradys Silhouette zeichnete sich durch das vergilbte Plastik ab wie ein besonders hartnäckiges Gespenst falscher Entscheidungen. „Einen Beta vor Zeugen zu schlagen? Selbst für dich ist das...“
„Was? Übertrieben?“, spottete ich und verteilte die Spülung in meinen Spitzen.
„... grenzwertig“, beendete er den Satz in diesem herablassenden Tonfall, bei dem ich am liebsten etwas kaputtgeschlagen hätte. Vorzugsweise sein Gesicht.
Ich spülte mich kurz ab und drehte das Wasser mit einem Quietschen ab, das perfekt zu meinem Gereiztheitslevel passte. „Er hat mir an den Arsch gefasst, Grady. Was hätte ich tun sollen? Einen Knicks machen und mich für die Aufmerksamkeit bedanken?“
Gradys entnervtes Seufzen hallte von den verfärbten Fliesen wider. Sechs Jahre als Betthäschen des Enforcers, und er hatte immer noch nicht gelernt, wann er die Klappe halten sollte.
„Sloane, du weißt, wie Lunaris City läuft. Du bist ein Omega im Vergnügungsviertel.“
„Die Stadt kann mich mal kreuzweise“, knurrte ich und riss den Vorhang auf. Gradys Augen wanderten automatisch über meinen nackten Körper, bevor er mir wieder in die Augen sah. „Nur weil ich mich nicht verwandeln kann, bin ich noch lange kein Gemeineigentum.“
Das war der eigentliche Haken in dieser Stadt – nicht nur, dass ich ein Omega war, was schon schlimm genug war. Ich war wolflos. Ein schlechter Witz der Genetik. Das Einzige, was noch schlimmer war, als am Ende der Lykaner-Hierarchie zu stehen, war, defekte Ware zu sein.
Grady lehnte am Türrahmen des Badezimmers. In seinem maßgeschneiderten grauen Anzug sah er durch und durch wie ein Beta-Enforcer aus – in Lunaris City bedeutete das Richter, Jury und Henker in Personalunion, verpackt in Designerstoff. „Das System funktioniert, Sloane. Ohne die Hierarchie wärst du viel schlechter dran. Besonders mit deinem... Zustand.“
Ich schnaubte und ging in Richtung Schlafzimmer. „Mein Zustand? Du meinst die Tatsache, dass ich in menschlicher Form feststecke, während der Rest von euch den Mond anheulen darf?“
„Sloane, bitte...“
„Hör zu, ich weiß den Gefallen zu schätzen, okay?“ Ich hielt an meiner Zimmertür inne. „Aber nur fürs Protokoll: Wenn noch ein Beta denkt, mein Arsch gehöre allen, breche ich ihm auch die verdammte Nase.“
Gradys Kiefer spannte sich an, aber er widersprach nicht. Sogar er wusste, dass die Unterwerfungsgesetze Bullshit waren, auch wenn er das nie zugeben würde. Nicht, solange er damit seine Hypothek bezahlte und seine Frau in Designerkleidung steckte.
Ich knallte die Schlafzimmertür zu und lehnte mich dagegen. Wasser tropfte von meinen Haaren auf den abgenutzten Teppich. Durch die dünnen Wände hörte ich Weslie in der Küche hantieren. Wahrscheinlich kochte er gerade seinen Nobel-Kaffee und verurteilte meine Lebensentscheidungen.
Ein weiterer Tag im Paradies. Ich versuchte einfach nur, in einer Stadt zu überleben, die von Alphas für Alphas gebaut worden war.
Und da wunderten sie sich noch, dass ich Aggressionsprobleme hatte.
Zwanzig Minuten später kam ich aus meinem Zimmer und fühlte mich ein kleines bisschen mehr wie ein Lykaner – oder zumindest so sehr, wie man sich als wolfloser Omega eben fühlen konnte. Ich hatte mein feuchtes, rabenschwarzes Haar zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden. Mit gerade genug Eyeliner brachte ich meine eisblauen Augen zum Leuchten und trug meinen Lieblingslippenstift in Knallrot auf. Mein bauchfreies Top rutschte genau so weit hoch, dass man meine Bauchmuskeln sah, die ich mir durch das Tanzen hart erarbeitet hatte. Meine Skinny Jeans schmiegten sich an jede Kurve.
Grady hockte an unserer Küchentheke und starrte auf sein Handy. Weslie lehnte am Kühlschrank und trank seinen dritten Kaffee. Der schwarze Eyeliner meines Mitbewohners saß wie immer perfekt. Sein ärmelloses Shirt gab den Blick auf seine tätowierten Arme frei, die er sich in seiner, wie er es nannte, „Phase der Fehlentscheidungen“ zugelegt hatte.
„Wo wir gerade von Gefallen sprechen“, sagte Weslie gedehnt und stellte seine Tasse ab. „Ich habe gestern Abend diesen lästigen Strafzettel bekommen. Die Polizessen in der Innenstadt sind echt anstrengend.“ Er klimperte Grady mit den Wimpern zu. „Ich würde dir liebend gerne einen blasen, wenn du ihn verschwinden lässt. Du weißt schon, weil das hier ja anscheinend der gängige Tarif für Rechtsbeistand ist.“
Grady verschluckte sich an seinem Kaffee. „Remus und Lupin, Wes!“
Ich kicherte und ging zur Kaffeekanne. „Tu nicht so geschockt. Wir kennen alle deine Preisliste.“
Grady rollte mit den Augen, aber ich bemerkte die leichte Röte, die seinen Hals hochstieg. „Ich kümmere mich darum, Weslie. Keine... Zusatzleistungen erforderlich.“
Weslie klatschte langsam Beifall. „Die Helden, die diese Stadt verdient.“
Grady funkelte uns beide böse an. „Ihr zwei seid echt unmöglich.“
„Und trotzdem hängst du hier rum“, sagte ich und deutete in der Wohnung umher. „Schon wieder.“
Weslie warf einen alten Donut nach mir. „Beleidige unseren Gast nicht, Sloane. Wie geht’s der Ehefrau, Grady? Denkt sie immer noch, dass du jeden Dienstag und Donnerstag Überstunden im Revier machst?“
Gradys Kiefer mahlte. „Clara geht es gut.“
„Das glaube ich gern“, warf ich ein und schüttete Zucker in meinen Kaffee. „Sie ahnt ja nichts davon, dass ihr Beta-Göttergatte sich mit einer Omega im Dreck wälzt. Skandal des Jahrhunderts.“
„Wisst ihr“, sagte Grady und rückte seine Krawatte zurecht, „manche fänden es vielleicht unpassend, über meine Frau zu reden, nachdem wir gerade...“
„Gefickt haben?“, half ich hilfsbereit aus. „Mittelmäßigen Sex hatten? Uns gegenseitig benutzt haben?“
Weslie hätte fast seinen Kaffee ausgespuckt. „Remus, Sloane!“
„Was denn? Es ist ja kein Geheimnis. Also, außer für Clara.“
Grady sah auf seine Uhr, sichtlich bemüht, zu verschwinden. „Ich sollte gehen. Echte Enforcer-Arbeit erledigen.“
„Im Gegensatz zur inoffiziellen Art?“, fragte ich zuckersüß und klimperte mit den Wimpern.
„Irgendwann bringt dich dein loses Mundwerk in Schwierigkeiten, aus denen ich dich nicht mehr raushauen kann“, warnte Grady, aber es klang nicht wirklich böse.
Ich beugte mich vor, nah genug, um den Duft seines Aftershaves zu riechen. „Versprochen?“
Er schnappte sich seine Jacke von der Lehne unseres Secondhand-Stuhls.
„Glaub nicht, dass du nächstes Mal so billig davonkommst“, rief ich ihm hinterher, als er zur Tür ging. „Ich erwarte mindestens ein Abendessen vorher.“
„Träum weiter, Sloane“, rief Grady zurück, doch das leichte Zucken seiner Mundwinkel verriet ihn. Die Tür klickte hinter ihm ins Schloss, und ich hörte seine Schritte im Flur verhallen.
Ich drehte mich um und sah, dass Weslie mir seinen typischen „Du-bist-eine-Katastrophe“-Blick zuwarf. Eine seiner perfekt gezupften Augenbrauen war so hochgezogen, dass sie die Schwerkraft zu besiegen schien.
„Was?“, fragte ich und tat unschuldig.
„Du weißt ganz genau, was.“ Er nippte an seinem Kaffee. Die silbernen Ringe an seinen langen Fingern glänzten im fahlen Morgenlicht, das durch die schmutzigen Fenster unserer Wohnung fiel. „Irgendwann kriegt Clara das raus. Und ich werde dir nicht aus der Klemme helfen, wenn sie dir an die Gurgel will.“
Ich seufzte und sah mich in unserem engen Wohnzimmer um. Die Wohnung war nicht viel – zusammengewürfelte Möbel vom Sperrmüll und aus dem Gebrauchtwarenladen. Die Wände waren so dünn, dass man jeden Streit der Nachbarn (und andere Aktivitäten) hörte. In der Ecke tropfte es ständig, und kein Eimer der Welt half dagegen. Aber es war unser Zuhause, ein Zufluchtsort in einer Stadt, in der wir nur Statisten waren.
„Was steht heute bei dir an? Noch mehr Tabellen ausfüllen und über den Getränkebestand brüten?“, fragte ich, um vom Thema abzulenken, und sprang auf die zerkratzte Küchentheke.
Weslie zeigte mir den Mittelfinger, inklusive abgeblättertem schwarzen Nagellack. „Manche von uns nehmen ihren Job im Club Rogue ernst. Nicht jeder kann sich einfach ausziehen und Feierabend machen.“
„Vergiss nicht die Tricks an der Stange. Das ist harte Arbeit.“
„Mhm.“ Weslies große Gestalt bewegte sich mit routinierter Effizienz durch unsere winzige Küche. „Denn genau dafür zahlen unsere Kunden. Wie auch immer, Vladimir trifft sich heute mit mir zum Mittagessen. Danach gehe ich zum Inventur machen.“
„Oh, ‚Mittagessen‘, natürlich, Weslie“, ich wackelte mit den Brauen. „Wie geht es dem Gangster-Sexgott heutzutage?“
Ein Lächeln stahl sich auf Weslies Lippen. „Ihm geht’s gut. Er ist beschäftigt mit der Kampagne seines Alpha-Daddys. Er spielt den braven Untergebenen für die Kameras.“
„Oh, während er heimlich einen Omega datet? Skandalös.“ Ich baumelte mit den Beinen.
„Eigentlich ist es politisch geschickt. Anscheinend wirbt Vlads Vater mit dem Versprechen einer Reform. Es geht darum, ‚schutzbedürftige Gruppen‘ zu schützen und die ‚Kluft in der Hierarchie zu überbrücken‘.“
Ich rollte mit den Augen. „Alphas versprechen der Welt liebend gerne, dass sie die Straßenköter und Menschen für ihre Stimmen brauchen. Sobald sie im Amt sind, gibt es wieder nur Leine und Maulkorb. Ist die Wahl nicht sowieso nur reine Formsache?“
„Nun ja, es geht um den unteren Bezirk. Anscheinend macht uns das Fehlen eines Alphas anfällig für Gebietsansprüche“, korrigierte Weslie.
„Seit wann interessierst du dich für Politik?“
„Seit ich den Sohn unseres aktuellen Alphas date. Jedenfalls weißt du doch von diesem einen Alpha und der ganzen Familie, die vor zwei Jahrzehnten ermordet wurde. Scheinbar war diese Familie die rechtmäßigen Alphas vom Howl und den unteren Bezirken. Die Lykostellos wurden gewählt, um diesen Bezirk zusammen mit ihrem eigenen zu verwalten.“
Bei der Erwähnung von Mord zog sich mir alles im Magen zusammen. „Ja, nun, vielleicht kriegen manche Alphas auch einfach, was sie verdienen.“
Weslie warf mir einen scharfen Blick zu. „Sloane...“
„Was? Denkst du, ich vergieße Tränen wegen toter Alphas, wenn meine Eltern –“ Ich hielt inne. Der vertraute Schmerz breitete sich in meiner Brust aus. Acht Jahre war es her, und es fühlte sich immer noch wie gestern an. Die aufgebrochene Wohnungstür. Das Blut. Der Geruch. Zwei Omegas, die niemandem etwas getan hatten, abgeschlachtet wie Vieh, und kein einziger Beta-Enforcer gab einen Scheiß darauf, wer es war.
„Tut mir leid“, sagte Weslie leise. „Ich habe nicht nachgedacht. Ich wollte das nicht aufwärmen...“
„Schon gut.“ Ich winkte ab und rutschte von der Theke. „Erwarte nur nicht, dass ich bald ‚Wählt Lykostello‘-Buttons trage.“
Der Gedanke an meine Eltern hinterließ dieses hohle Gefühl. In einem Moment war ich eine normale Fünfzehnjährige mit liebenden Eltern, im nächsten war ich obdachlos, schlief in Ruinen und stahl Essen, um zu überleben.
„Mist“, murmelte ich und blickte auf die kaputte Uhr an der Wand. „Apropos unangenehme Treffen: Ich soll Tasha, Lex und Kira in einer Stunde zum Mittagessen treffen.“
Weslie zog eine Augenbraue hoch. „Die Truppe aus dem Corporate District? Hat Tasha letztes Mal nicht versucht, dich verhaften zu lassen?“
„Sie hat es nicht nur versucht“, korrigierte ich ihn und schnappte mir meine Kunstlederjacke vom Haken. „Sie hat es geschafft. Und war dann ganz schockiert, dass ich am nächsten Tag trotzdem zu ihrer Paarungszeremonie aufgetaucht bin.“
„Stimmt, hast du dort nicht sogar auf den Beta-Bräutigam angestoßen?“, grinste Weslie.
Ich lachte kurz auf. „Ja, ich habe ihm für sein großzügiges Trinkgeld im Club gedankt.“
„Und trotzdem seid ihr alle noch befreundet.“
„Was soll ich sagen? Ich bin wohl Masochistin.“
„Bist du nicht!“, rief Weslie mir hinterher, als ich die Wohnung verließ.
Im Treppenhaus stank es nach Pisse und vietnamesischem Essen vom Restaurant darunter. Der Vermieter nannte diese Mischung „urbanen Charakter“, wenn wir uns beschwerten. Drei Stockwerke tiefer stand ich auf der Straße. Das Chaos des Unteren Bezirks schlug über mir zusammen wie eine vertraute, wenn auch leicht giftige Decke.
Ein obdachloser Lykaner schlief im Eingang des verlassenen Waschsalons gegenüber. Seine Wolfsohren zuckten sogar im Schlaf. Zwei Gamma-Teenager besprühten die Wand des Kiosks, während der Besitzer sie auf Spanisch beschimpfte. Die Luft roch nach Müll, Streetfood und diesem unbestimmbaren Geruch von zu vielen Menschen auf zu engem Raum.
Trautes Heim, Glück allein.
Morgans Sicht
Vor drei Monaten war der Bus mit zischenden Türen zum Stehen gekommen. Als ich von meinem Sitz gehüpft war, klackten meine flachen Schuhe auf dem Asphalt zum Rhythmus in meinem Kopf. Die schwüle Luft aus Mississippi, die ich neunzehn Jahre lang geatmet hatte, wurde gegen Dieselabgase und glühenden Asphalt eingetauscht. Ich umklammerte meinen Gitarrenkoffer wie einen Schutzschild. Den hatte Mama mir gekauft, nachdem sie ihren Ehering versetzt hatte.
Zuhause nannten sie es die Stadt der zweiten Chancen, wo Talent mehr wert ist als Blut. Alles Lügen von Talentsuchern, die über unsere kleinen Jahrmärkte zogen und deren Goldzähne im Neonlicht blitzten.
Die Erinnerung wurde bitter, während ich an Pfandleihern vorbeischlich, deren Leuchtschilder verzweifelte Versprechen blinkten. Drei Monate lang „Hilfe gesucht“-Schilder. Zweiundsechzig Tage lang „Wir stellen keine Menschen ein“. Siebenundzwanzig Nächte, in denen ich in ein Kissen weinte, das noch nach dem Geißblatt von zu Hause roch.
„Nur vorübergehend“, versprach ich mir selbst und starrte auf den zerknitterten Flyer in meiner Hand.
Tänzerinnen gesucht – alle Spezies willkommen, stand darauf. Mama würde einen Nervenzusammenbruch kriegen, wenn sie das wüsste. Aber Mama war nicht hier und musste achthundert Dollar im Monat für ein Motelzimmer voller Wereratten zusammenkratzen.
Die Neon-Klaue des Club Rogue summte über einer Stahltür, die aussah wie von einem Tresor. Mein Spiegelbild verschwamm auf dem glänzenden Metall – blondes Kräuselhaar entwich Mamas Haarspange, die Blusenknöpfe spannten, weil ich vor Stress nur süßes Zeug gegessen hatte. Hinter mir lachte ein Gamma gehässig in seine Faust.
„Sucht ihr noch Leute zum Vortanzen?“, krächzte ich den Türsteher an und hielt den Flyer hoch wie eine heilige Reliquie.
Er schnupperte mit bebenden Nasenflügeln. „Treppe. Links.“
Im Keller dröhnte der Bass so tief, dass mir die Zähne wehtaten. Sechs Mädchen saßen auf einer Samtcouch – alle mit hervorstehenden Schlüsselbeinen. Bei manchen zuckten die Schwänze träge hinter ihnen.
Omegas.
Echte.
Meine Oberschenkel quietschten auf dem Kunstleder, als ich mich setzte.
„Das erste Mal hier?“, grinste mich die Rothaarige neben mir an. Ihre krallenartigen Nägel spielten mit ihrem Nasenring.
„Ja, Ma’am.“ Das Höflichkeitsfloskel rutschte mir raus, bevor ich es verhindern konnte. Sie schnaubte wie ein pfeifender Teekessel. „Morgan Anne Martin. Schön, euch kennenzulernen.“
Die Omegas starrten meine ausgestreckte Hand an, als wäre sie eine Klapperschlange. Aber dann stellten sich zwei von ihnen vor, Jaz und Marcie.
Gott segne sie, sie waren freundlich, als ich sie erst einmal zum Reden gebracht hatte. Marcie kam aus den ländlichen Gebieten nach Lunaris City, um Architektur zu studieren. Jaz fuhr sich durch ihre roségoldenen Locken und erzählte, dass man ihr den Zugang zum College verwehrt hatte, nur weil sie eine Omega war.
„Ich habe im letzten Mondzyklus siebenundfünfzig Bewerbungen geschrieben“, gestand ich und strich meinen Rock glatt. „Ich hab’s sogar in dem neuen Café an der Crescent versucht, aber der Chef meinte, Menschen dürften nicht an die Espressomaschinen.“
Das Mädchen mit den neonpinken Strähnen zuckte mit den Schultern. Ihre Krallen tippten auf eine Handyhülle, die mit glitzernden Monden beklebt war. „Es gibt andere Wege, in der Stadt Geld zu verdienen.“
Marcies Ohr zuckte – echtes, samtiges Fell. „Such dir einen netten Gamma oder Beta und lass dich von ihm aushalten.“
Mir wurde schwindelig. „Ihr meint... so wie zusammen sein?“
Die ganze Gruppe wechselte mitleidige Blicke.
Jaz peitschte mit dem Schwanz. „Mein Beta hat ein Penthouse an der Crescent. Drei Omegas, zwei Schlafzimmer. Er lässt uns die Einkäufe liefern, solange wir...“ Ihre Augen verengten sich. „Na ja. Du weißt ja, wie Betas sind.“
Mir wurde flau im Magen. „Aber... gibt es da keine Gesetze?“
Alle sechs Mädchen brachen in ein schallendes Lachen aus.
„Unterwerfungsgesetze“, spie Marcie aus. „Das heißt, wenn ein Beta mit den Fingern schnippt...“ Sie machte es mit ihrer bekrallten Hand vor. „... machen wir die Beine breit.“
Das Quietschen einer Tür schnitt durch meine Übelkeit. Ein Mann trat ein, der nach Bourbon und Geld roch. Sein angegrautes Haar war perfekt frisiert, sein Anzug kostete sicher mehr als das Farmhaus meiner Mutter. Sein goldener Siegelring klackerte gegen ein Klemmbrett, während er auf uns zukam.
„Showtime, meine Damen.“
Der Blick des Mannes streifte über uns wie der eines Metetzgers über Fleischstücke. „Lennix Kane“, verkündete er und strich über seine protzige Anstecknadel – ein heulender Wolf aus billigen Straßsteinen. „Ihr seid jetzt in meinem Haus. Aufstehen.“ Er schnippte mit Fingern, die nach Zigarrenrauch und Arroganz stanken.
Marcie sprang als Erste auf, kerzengerade, als hätte jemand an ihren Fäden gezogen. Wir erhoben uns unter dem Rascheln nervöser Kleidung. Meine Oberschenkel lösten sich vom Kunstleder mit einem Geräusch, das Jaz zum Kichern brachte. Lennix umkreiste uns, seine polierten Schuhe klackten in einem räuberischen Rhythmus auf dem Beton.
„Umdrehen.“ Seine Stimme klang gelangweilt, aber gefährlich – wie bei einem Mann, dem seine Arbeit zu viel Spaß macht.
Die Rothaarige drehte sich zuerst um, ihr Schwanz wedelte routiniert. Meine Knie zitterten, als Lennix hinter mir stehen blieb – sein Atem war feucht in meinem Nacken.
„Ein Mensch?“ Das Wort klang fast schon neugierig.
Mein Mund war staubtrocken. „J-ja, Sir.“
Der Clubbesitzer umkreiste mich langsamer als ein Geier sein Aas. „Ein interessantes Exemplar. Hast du schon mal ein Lamm mit der Flasche aufgezogen, bevor es geschlachtet wurde?“
Mir lief es eiskalt den Rücken runter. „Nein, Sir.“
Sein Lachen roch nach Zigarren und Grausamkeit. „Perfekt. Wölfe lieben es, mit ihrem Essen zu spielen.“ Er deutete auch auf Jaz und Marcie. „Ihr drei kommt heute Abend um neun wieder. Nebenbühne. Zeigt mir, was ihr könnt. Der Rest von euch kommt morgen Abend zur gleichen Zeit. Wenn ihr die Nacht überlebt, werdet ihr fest eingestellt.“
Jaz fing meinen Blick auf. Ihr Grinsen war messerscharf. Willkommen im System, sagte dieser Blick.