Kapitel 1
Eins
Es gab keine Pistoleros mehr im Alptraumreich. Heute sah es so aus, als hätte es auch nie welche gegeben, dachte Roderigo, der die Toten anstarrte, die links und rechts der Straße aufgetürmt waren. Er zog den Dreispitz tief ins Gesicht, sodass der immerwährende Regen es nicht erreichen konnte. Dreck und Nässe klebten an seinem langen Mantel, der nur knapp über der gepflasterten Straße nach Morrigan endete. Die windschiefen Hütten des Dorfes begrüßten ihn mit einer Melancholie, die selbst den betrunkensten Barden kein nettes Wort abgerungen hätten. Auf dem dürren Baum seitlich des Wegs saßen derart viele Krähen, dass es Roderigo für einen Moment schien, als ob die Äste schwarze Blätter trügen. Als er an ihnen vorüberging, reckte eine von ihnen ihren dünnen Hals in seine Richtung und ließ ein unzufriedenes Krächzen vernehmen, was angesichts des Festmahls zu ihren Füßen kaum verständlich war.
Roderigo strich prüfend über die Holster seiner beiden Nickel-K2-Frontladepistolen. Die Runen, die in Holz und Eisen der Waffen graviert waren, gaben ihm eine gewisse Sicherheit. Im grauen Zwielicht, das weder Mond noch Sonne erleuchtete, glänzte der Matsch unter seinen Stiefeln ohne Edelmut, während er seine Schritte widerstrebend zu dem Ort lenkte, der ihn gerufen hatte.
Die Tür zu der windschiefen Schenke, vor der nicht ein einziges Pferd angezäunt war, öffnete sich mit einem feuchten Knarren. Draußen stürzte der Regen in Strömen von Häuserkanten und Dachschrägen und bildete Pfützen aus trübem Schleim. Drinnen roch es nach Schweiß und Urin. Ausgemergelte Gestalten drehten sich zu ihm um, und es schien Roderigo, dass er die Stille nicht durch sein Eintreten erzeugt hatte, sondern sie schon vorher, wie ein erstickender Schleier der Verzweiflung, über den versammelten Dorfbewohnern gehangen hatte.
Roderigo war es gewohnt angestarrt zu werden. Er nahm seinen Hut ab, weil sich das so gehörte, wenn man ein Haus betrat – egal wie schäbig – und klopfte den Dreispitz mit betont lässigen Bewegungen aus. Schlammige Fußabdrücke blieben auf seinem Weg zurück. Die Abwesenheit anderer frischer Spuren verriet ihm, dass die Anwesenden schon eine ganze Weile hier zusammensitzen mussten. Schweigend und in stummer Angst, dachte er. Wie immer.
Er legte den Dreispitz auf den speckig glänzenden Tresen. Immer noch bohrten sich Blicke in seinen Rücken. Ohne Hast zog er die grauen Handschuhe aus, denen die Finger wie bei allen Aspiranten abgeschnitten worden waren. Die Gildensymbole auf ihrem Rücken waren mittlerweile verblasst. Ein passendes Zeichen für den Untergang der ganzen Gemeinschaft.
»Grubenwasser?«, fragte der Wirt, der sich einen Schemel untergestellt hatte, um an den Tresen zu gelangen.
»Bitte?«, fragte Roderigo aus seinen Gedanken gerissen.
»Der beste Schnaps der Gegend.« Der Mann hatte einen schwarzen Zauselbart und einen starken Blick, den er furchtlos auf ihn richtete.
»Schmeckt vermutlich immer noch wie Pisse.«
»Aye. Aber die beste Pisse südlich von Kramolfield.«
»Ich bin geschäftlich hier.«
»Aye, der Tourismus in dieser Gegend lässt in letzter Zeit zu wünschen übrig«, stellte der Wirt fest, ohne eine Miene zu verziehen. Er schenkte ihm ein Glas ein.
»Sieht auch aus wie Pisse«, sagte Roderigo, der das Glas nicht anrührte.
Der Wirt füllte ein zweites Glas und stürzte es, die offene Flasche noch in der Hand, seinen breiten Hals hinunter. »Immerhin nicht giftig«, grunzte er.
Vermutlich war es tatsächlich eine Verbesserung zum Wasser aus dem Brunnen, dachte Roderigo und legte die Hände flach auf den Tresen, darauf bedacht, das Glas nicht zu berühren.
»Ihr habt ganz schön viele Leichen vor der Stadt«, sagte er.
»Die Glücklichen.« Der Wirt knallte den Korken in die Schnapsflasche.
»Warum das?«
»Sie haben es hinter sich.«
Roderigo zog eine Augenbraue hoch. »Eine seltsame Art, die Dinge zu sehen.«
»Die einzig Sinnvolle.«
»Was ist mit ihnen geschehen?«
»Die Krähen haben sie geholt.«
»Die auf dem Baum? Schienen mir nicht besonders mordlustig.«
Der Wirt schnaubte. »Die Mörderkrähen von Vicco. Eine Scavenger Bande.«
»Menschen also. Befähigt?«
»Scheint so. Sie haben die Garde des Herzogs, die uns beschützen sollte, zerfetzt.«
Roderigo legte den Kopf schief. Das erklärte einiges. Befähigte Scavenger waren keine Seltenheit. Sie hatten latente Fähigkeiten, unausgebildet und roh. Vermutlich nur ein Anführer und seine Anhänger.
»Mörderkrähen«, murmelte er.
»Aye. Kleiden sich in schwarze Umhänge mit Federn, Krallen, Schnäbeln und allem. Leider haben Sie sich ausgerechnet diese Gegend ausgesucht, um zu plündern und zu morden.«
»Also habt Ihr den Auftrag ausgegeben?«, fragte Roderigo.
»In Brummhaven wurde ein Pistolero gesehen, der einen Oger aus der Kanalisation gejagt und getötet hat. Da dachten wir, fragen schadet nicht.«
»Es war ein Ogerweib.«
Der Wirt zuckte mit den Schultern. »Was macht das für einen Unterschied?«
»Ogerweiber sind intelligent und befähigt. Sie können primitive Blutmagie wirken. Terrorillusionen und Knochenflüche.«
Wieder zuckte der Wirt mit den Schultern. »Also habt Ihr unseren Ruf gehört?«
»Meine Kugeln sind nicht billig.«
»Wir haben Silber.«
»Wie kommt es, dass ihr noch solch einen Schatz habt, wenn ihr von einer Räuberbande geplagt werdet?«
Ein drittes Mal zuckte der Wirt mit den Schultern. Sein Blick wanderte zu den Dorfbewohnern, die bislang schweigend im Schankraum ausgeharrt hatten.
»Das reicht!«, rief einer von ihnen. »Wir haben kein Geld für einen Scharlatan übrig. Wer weiß schon, ob der hier nicht von den Mörderkrähen geschickt wurde, um uns auszuhorchen und unser letztes Hab und Gut an sich zu reißen.«
Roderigo wandte sich nicht um. »Klingt nicht so, als müssten sich eure Scavenger verstecken oder heimlich arbeiten«, meinte er. »Sie könnten einfach die andere Hälfte eures Dorfes niedermetzeln und nehmen, was sie wollen.«
Es wurde still. Die Luft in der stinkenden Taverne schien noch drückender zu werden.
»Tja, wie ich schon sagte«, meinte der Wirt und stemmte die Hände in die Hüften, »die da draußen sind die Glücklichen. Die haben es hinter sich.«
»Wer garantiert uns, dass das nicht irgendein Betrüger ist, der einfach die Belohnung kassieren will und dann verschwindet?«, rief jemand anderes. »Wir haben schon genug Scheiße am Stiefel kleben. Wir sollten einfach verschwinden!«
»Und wohin?«, brüllte der Wirt. »Alles, was wir haben, steckt in der verfluchten Erde hier. Wenn die Ernte nicht eingeholt wird, verhungern wir. Und wenn wir weggehen, werden wir an der nächsten Kreuzung von Wahnsinnigen oder Banditen erschlagen. Sogar der Herzog würde uns jagen.«
Besonders der letzte Satz hinterließ scheinbar Eindruck, denn der Mann spuckte aus, blieb aber sonst still. Roderigo wartete ab.
Als nichts mehr kam, meinte er: »Ich kann auch wieder gehen, wenn euch das lieber ist. Wie gesagt, meine Kugeln sind teuer. Wenn ihr eine Kostprobe braucht, kostet die auch.«
Obwohl er bemüht war, keinerlei Drohung in seine Worte einfließen zu lassen, sprangen zwei Männer auf, lange Messer in ihren Händen. Roderigo warf lässig den Mantel zu seiner Rechten über den Rücken und entblößte eine seiner zwei technoarchaischen Waffen. Ruhe kehrte ein.
Keiner der Anwesenden hatte vermutlich jemals eine Pistole gesehen. Armbrüste, Bögen, ja. Aber eine Pistole? Ein eleganter pfeilgerader Lauf aus kerznischem Silber in Kupfer geschlagen mit einem Griff aus Trakhholz. Runen verzierten die Waffe, teils eingraviert, teils aufgeschweißt und glattpoliert. Eine Scheibe aus physillischer Bronze bedeckte den Abzug und ließ gerade genug Platz, dass eine Hand darunter passte. Zeichen der Macht waren auf der drehbaren Scheibe eingraviert und ließen den Blick jedes Betrachters trübe werden. Irgendwo fiel ein Teller zu Boden und zerbrach scheppernd.
»Pistolero«, sagte der Wirt, »bitte helft uns.« Er legte einen prallen Beutel vor sich auf den Tresen. Roderigo ließ den Mantelumhang zurückgleiten. Er blickte den Beutel vor sich an. Dann wandte er sich wieder dem kleinwüchsigen Wirt zu.
»Was macht ein Dhun hier an diesem Ort? Führt dein Volk nicht Krieg?«
»Wir alle haben unsere Geschichten. Was ist nun, helft Ihr uns, oder nicht?«
Roderigo stand auf und nahm den Dreispitz und die Handschuhe vom Tresen. »Das ist zu wenig«, sagte er, »aber ich bin kein Unmensch. Der Auftrag ist einfach, daher will ich nicht so sein.« Ein Aufatmen ging durch den Raum.
»Fürs Erste brauche ich etwas zu essen und ein Bett für die Nacht«, er starrte den Schnaps an, »und etwas Genießbares zu trinken.«
»Ihr wollt schlafen? Was ist mit den Mörderkrähen?«
Roderigo zog sich den Hut auf und rückte ihn behutsam so zurecht, dass die vordere Spitze genau über seiner Stirn saß.
»Monster jagt man nachts«, sagte er. Hinter ihm schloss sich die Eingangstür mit einem leisen Klicken.
»Ich brauche ein Zimmer mit Ausblick auf die Straße.«
Roderigo hatte noch Zeit, bis die Mörderkrähen von Vicco kommen würden, um ihn zu holen. Und sie würden kommen, da war er sich sicher. Er hielt es für höchst unwahrscheinlich, dass keiner der braven Dorfbewohner einen Pakt mit den Scavengern eingegangen war. Das hastige Aufbrechen eines unauffällig neben der Tür im Schankraum sitzenden Mannes vorhin bestätigte seinen Verdacht zwar nicht zur Gänze, gab aber Anlass zum Misstrauen.
Er hatte sich ein großzügiges Zimmer am Ende eines langen Flurs geben lassen, mit Fensterblick zur Straße. Draußen tanzten trübe Lichter in der Dunkelheit. Roderigo mied das Bett, dessen alte Matratze wie eine Heimat für Flöhe und anderes Ungeziefer erschien. Stattdessen ließ er sich in einem Sessel in einer Ecke des Zimmers nieder, von der aus er sowohl Bett als auch Fenster und Tür im Blick hatte. Er schaute auf seine alte Taschenuhr. Die Zeiger bewegten sich nicht, und der Sprung im Glas des Ziffernblattes hatte bereits kleine Äste bis zum Rand der Uhr gebildet.
»Es ist noch Zeit«, sagte er sich und wusste selbst nicht genau, ob er damit den heutigen Abend meinte oder die Vergangenheit, die ihn jede Nacht in seinen Träumen einholte.
Seine beiden Pistolen hatte er von der ledernen Umarmung ihrer Holster befreit. Die eine Waffe ruhte in seinem Schoß unter seinem Mantel. Die andere hielt er mit rechts offen auf der Sessellehne abgestützt.
Roderigo versenkte die Taschenuhr wieder in seiner Manteltasche und legte seine linke Hand auf die Pistole in seinem Schoß. »Ruhig ihr zwei«, flüsterte er und schaute hinüber zur Kerze unter dem Fenster. »Es ist noch Zeit.«
Er schloss die Augen.
Das alte Lied fiel ihm wieder ein:
Dreißigtausend Blackbirds zogen in den Krieg,
kämpften für die Ehre, aussichtslos der Sieg.
Siebzehn Tage später war ihr Kampf vorbei,
trafen sie ihr Schicksal, uns war’s einerlei.
Und sie sangen wieder, kalt im Grab für sich:
War das nicht ein schöner Tod, so sinnlos fürchterlich?
Wieder dieser Traum: Ritter in silberner Rüstung und auf schwarzen Rössern preschten über das Feld, die Lanzen gesenkt, Banner wehten im Wind. Dreißigtausend Männer des Königs waren gekommen, um zu sterben. Und die Gilde von Alith Anar war bereit, ihr Schicksal zu teilen.
»Das ist Wahnsinn!«, insistierte Gui wie er es immer in Roderigos Traum tat, »das ist nicht unser Krieg! Die Gilde geht zu Grunde! Für nichts!«
»Wir gehen gemeinsam mit dem Licht. Wir sind der Stern in der Nacht, die Fackel in der Finsternis«, hörte Roderigo sich selbst sagen. Die Szenen wechselten schnell. Pfeile verfinsterten den Himmel und die Stiefel der Armee der Nachtmahre die Erde. Kugeln wurden abgefeuert, Lanzen brachen, Schwerter splitterten.
Wieder war da Gui, diesmal mit Blut im Gesicht.
»Roderigo! Lass uns umkehren! Wir können nicht gewinnen!«
»Überleben ist nicht alles!«, sagte Roderigo seinem alten Freund. Was nun folgte, war am schwersten zu ertragen: Es war Roderigo, der Guis Körper aus dem Graben der dhunischen Pioniere zog. Guis Beine waren abgetrennt und aus dem offenen Torso zogen sich seine Eingeweide wie ein makabrer Brautschleier über den Boden.
»Wie sieht’s aus?«, fragte Gui, der nur den Himmel sah, in dem die Krähen bereits zu Tausenden kreisten.
»Alles halb so wild«, log Roderigo. »Hab’ schon Schlimmeres gesehen.«
In der Nähe explodierte etwas, und Blut und Asche regnete auf die beiden nieder, während Feuersäulen emporstiegen und scharfe Schatten über den Boden kratzten.
»Roderigo?«, Guis Blick wurde glasig, seine sonst blauen Augen waren bereits grau. Seine von Blut glitschige Hand ergriff die seines Freundes.
»Ja, mein Freund?« Roderigo drückte ihm die Hand.
»Warum hast du uns verraten?«
Roderigo erwachte mit Schweiß auf der Stirn. Er blickte auf die heruntergebrannte Kerze. Sein Herz pochte wild, als wolle es seinen Brustkorb durchstoßen. Wieder dieser Traum, der ihn plagte. Immer wieder. Doch er war nicht wahr. So war es nicht gewesen. Oder doch?
Draußen vom Flur hörte er ein Knarren.
Es wurde Zeit.
Roderigo spannte den Hahn seiner Waffen.
»Erwacht«, flüsterte er, und die Pistolen in seinen Händen begannen zu vibrieren. Er drehte die Scheiben an den Zwillingswaffen mit dem Kinn auf eine bestimmte Position, dann legte er sie wieder ab: Rechts auf die Tür gezielt, links in seinem Schoß.
Als das Fenster aus den Angeln gerissen wurde, war ihm klar, dass er die Mörderkrähen unterschätzt hatte. Eine Gestalt aus schwarzen Federn, mit emporgerissenen Armen und dolchbewehrten Stiefeln brach durch die Scheibe, riss den Rahmen des Fensters mit sich und grub die Klingen ihres Schuhwerks in Decke und Matratze des leeren Bettes. Die Gestalt stieß ein enttäuschtes Kreischen aus, als sie Daunenzeug statt Menschenfleisch zerfetzten.
Roderigo hob die Waffe in seinem Schoß minimal und betätigte den Abzug. Ein feuriger Knall katapultierte die Eisenkugel aus ihrem Lauf, wo sie den Attentäter, der sich gerade noch umwenden konnte, an der Stirn traf. Die Schädeldecke des Krähenmannes knackte wie eine Nussschale auf und entließ zerfetzte Hirnmasse, die gegen die Wand klatschte und von dort zu Boden rutschte.
Der Türknauf drehte sich. Unwahrscheinlich, dass der Wirt nach dem Rechten sehen würde, wenn er einen solchen Lärm gehört hatte. Roderigo feuerte die rechte Pistole ab. Jemand polterte zu Boden, sodass ein Lichtstrahl vom Flur in das Zimmer fiel.
Roderigo hatte zweieinhalb Sekunden Zeit zum Nachladen.
Die linke Pistole war bereits unter seinen rechten Arm geklemmt, während er eine Kugel aus dem Gurt über seiner Brust entnahm.
Einatmen. Ausatmen. Er beförderte die Kugel in den Lauf der Waffe. Noch während er die Pistole an seinem Finger baumeln ließ, um auch die andere Waffe nachzuladen, sprang ein weiteres Krähenungetüm durch die Fensterscheibe. Im Gegensatz zum pompösen Auftritt seines Vorgängers, sprang die Gestalt geduckt hinein. Sie wusste, wo Roderigo saß. Mit einer einzigen Handbewegung schleuderte sie drei Wurfmesser in die Richtung des Pistoleros.
Roderigo hatte sich bereits vom Boden abgestoßen. Der Sessel kippte nach hinten, und die Wurfdolche bohrten sich in die harte Holzunterseite des Sitzes. Der Krähenmann sprang mit einem Satz über den Tisch in der Mitte des Raumes. Die Fußklingen in seinen Stiefeln hinterließen lange Kratzer auf der Tischplatte. Roderigo feuerte die Pistole ab, die die brennende Eisenkugel in den Körper der Mörderkrähe trieb. Sie war schon tot, als ihre Füße wieder den Boden berührten. Ihre Beine knickten schlaff um, und der Mensch unter dem Kostüm schlug mit dem Gesicht auf die Holzleisten.
Diesmal blieb Roderigo genug Zeit, um die beiden Pistolen nachzuladen. Anders als die primitiven Donnerbüchsen der Dhun, die ihre Schrotladungen mit einem alchemistischen Pulver aus dem Lauf trieben, beschleunigten Pistolen die Eisenkugeln mit einem Feuerimpuls, den jeder Pistolero zu erzeugen gelernt hatte.
Roderigo lauschte ins Dunkel hinein, aber es blieb still. Die Mörderkrähen griffen nicht wieder an – das hieß, er war nun am Zug. Er setzte seinen Dreispitz auf. Mit den Pistolen neben dem Kopf erhoben trat er aus dem Zimmer. Im Flur war es ruhig. Die zusammengekrümmten Leiche eines Attentäters zeichnete ein makabres Stillleben in der nächtlichen Herberge. Ihr Blut glänzte schwarz an Boden und Wänden.
Roderigo war darauf bedacht, nicht in das Blut der Gestalten zu treten, als er die Treppe zum finsteren Schankraum hinabstieg. Er nahm sich keine Zeit, den Scavenger zu untersuchen. Viel Aufwand für eine Räuberbande, dachte Roderigo, während er an einer Schnabelmaske vorbeischritt.
Im Schankraum war es dunkel.
Roderigo zog die Hähne seiner Pistolen mit einem die Stille störenden Klicken zurück. Nicht, dass es notwendig gewesen wäre, doch es unterstrich in gewisser Weise die Dramatik. Obwohl die Eingangstür verriegelt war, wusste er, dass die Krähen hier waren. Er bewegte sich wie ein Schatten durch die Finsternis. Als er in der Mitte des Schankraums angelangt war, hörte er ein Schaben links von ihm.
»Von allen widerwärtigen Kreaturen und Monstern da draußen hasse ich Scavenger am meisten«, sprach er in die Leere um ihn. »Feiglinge, die sich an der Angst der Schwächsten bereichern. Durch eine Laune der Natur als befähigt geboren und diese Gabe für ein Leben von Raub und Mord vergeuden. Krähen seid ihr wirklich, die auf den Toten herumpicken. Jetzt zeigt mir, was ihr könnt!«
Roderigo atmete tief ein und zielte mit einer Pistole in die Dunkelheit. Nichts rührte sich.
»Gut, dann treibe ich euch raus!«
Mit einem hohen Tritt schleuderte er einen Schemel quer durch den Raum, wo er polternd in der Dunkelheit verschwand. Eine Gestalt wich zur Seite. Seine Pistole feuerte einen gelben Lichtblitz, und die Kugel jagte mit einem Pfeifen durch den Raum.
Roderigo musste nicht überprüfen, ob er getroffen hatte, sondern riss in einer jahrelang eingeübten Bewegung die geladene Pistole nach unten, während er den Griff um die andere lockerte und eine Kugel aus seinem Riemen fingerte. Er feuerte die zweite Pistole, als einer der Angreifer auf einen Tisch sprang, um ihn mit seinen gezückten Messern von oben anzuspringen. Er landete genauso schnell auf seinem Rücken, wie er aufgestiegen war.
Der Moment, in dem ein Pistolero mit abgefeuerten Pistolen gegen einen Gegner stand, war stets der kritischste. Umso dringlicher wurde das Nachladetraining in jeder Gilde praktiziert. Auch Roderigo hatte jahrelange Übung darin, wie ein Jongleur Kugeln aus dem quer über die Brust getragenen Riemen zu fischen, in die Luft zu schnippen und blind mit einer Pistole aufzufangen. Kaum, dass das eiserne Projektil den Lauf hinabgerutscht und in die Feuertrommel eingerastet war, senkte sich der Lauf seinem Ziel entgegen und er entfesselte das Feuer mit dem Betätigen des Abzugs erneut. Ein geübter Pistolero tat dies mit beiden Händen abwechselnd. Das Hämmern und Krachen der Explosionen zerriss die Stille des Schankraums, und die feurigen Lichtblitze erleuchteten den Raum, der auf einmal von Federmänteln zu wimmeln schien.
Die Mörderkrähen waren keine Amateure: Sie bewegten sich schnell, geschmeidig und präzise. Alle trugen Schnabelmasken und stießen, nun, da Heimlichkeit nicht mehr notwendig war, ein verstörendes Gekreisch aus. Sie trugen eiserne Klauen an ihren Handschuhen und Stiefelkappen. Manche sprangen durch die Luft von Tisch zu Tisch. Andere rannten gebückt und schlugen Haken, um Roderigo das Zielen zu erschweren. Wieder andere hatten in ihre Mäntel Klingen genäht und näherten sich mit wirbelnden Umdrehungen, die jedem das Gesicht zerfetzt hätten, der ihnen zu nahe gekommen wäre. Ein besonders grausiger Riese hatte sich einen zweihändigen Säbel als Waffe auserkoren und tat noch ein paar Schritte, nachdem eine Kugel zwischen seine Augen eingeschlagen war.
Roderigo drehte sich um sich selbst. Kugeln flogen durch die Luft, teils von ihm selbst hochgeworfen, teils mit einem Lichtblitz abgefeuert. Er liebte diesen Tanz: Kugeln fangen, zielen, feuern. Von überall sprangen die Krähen heran und wurden mit dem Krachen der mittlerweile leuchtenden Runenpistolen zurückgeworfen.
Er entging durch einen Seitwärtsschritt einer geworfenen Kralle, an deren Ende eine Kette hing. Bevor ihr Träger sie zurückreißen konnte, pflanzte Roderigo eine feurig glühende Kugel in seinen Brustkorb, die aus seinem Rücken wieder hinaussprang und von Roderigo mit einem Gedankenimpuls nach rechts gelenkt wurde, wo sie eine Mörderkrähe, die ein Wurfmesser erhoben hatte, in den Hals traf.
Roderigo wirbelte herum und trat einen Tisch von sich, sodass ein Angreifer ins Leere sprang und zu Boden krachte. Eine Kugel traf ihn in den Hinterkopf und verhinderte, dass er wieder aufstand.
Er wich einem Angreifer aus, der mit einem Kurzspeer überraschend seine Reichweite vergrößert hatte. Roderigo fing eine Kugel aus der Luft, trat dem Speerträger in den Rücken und gewann so den Augenblick, den er brauchte. Im nächsten Moment blickte der Attentäter in den Lauf der Pistole, die sein Gehirn über einen der Tische verteilte.
Ein mit Haken besetzter Handschuh zerteilte die Luft vor Roderigos Gesicht so knapp, dass er zurücktaumelte. Der Angreifer bestand scheinbar nur aus Haken und Messern und wirbelte immer schneller in seine Richtung. Roderigo ließ sich auf den Boden fallen, lud eine der Runenpistolen nach und schob sie dem Attentäter unters Kinn, bevor er abdrückte.
Die Mörderkrähe fiel auf ihn, und ehe Roderigo sie von sich schieben konnte, war eine weitere heran und stürzte mit zwei langen Messern auf ihn nieder. Er nutzte den Kadaver zwischen ihnen als Schild gegen die Dolchstöße und stieß einen hohen Pfiff aus. Die soeben abgefeuerte Kugel hörte den Ruf und fegte durch den Schankraum zurück, um den mit wütenden Messern um sich stechenden Angreifer in den Rücken zu treffen. Auch dieser kippte nach vorne und vergrößerte das Gewicht, das auf Roderigo lastete.
Er verzog das Gesicht: Diese Gestalten stanken genauso übel, wie sie aussahen. Er wühlte sich unter den beiden Leichen hervor. Stille. Er war der letzte noch Lebende im Schankraum. Leise schritt er zwischen den Toten einher. Die Scavenger waren gut, keine Frage: Trainiert und gut ausgerüstet. Sie waren schnell gewesen und geübte Mörder.
Aber befähigt?
Nein. Er hatte keine übernatürlichen Gaben festgestellt. Keine Magie.
Dies ließ nur einen Schluss zu: Der Anführer war noch am Leben.
Die Tür zum Schankraum barst. Kalter Nachtwind pfiff durch die Taverne, eine tiefere Finsternis zwängte sich durch den Türrahmen ins Innere. Schwarze Federn, eine riesenhafte Gestalt und lange scharfe Klauen.
Roderigo lud seine Pistolen nach.
Die Finsternis vor ihm antwortete mit einem schweren Keuchen.
Roderigo richtete beide Pistolen auf die Gestalt, die in der Herberge noch an Größe zu gewinnen schien. Das war also das wahre Monster, dem er sich zu stellen hatte.
Die Gestalt entblößte lange Sicheln, die sie unter ihrem gewaltigen Federumhang verborgen gehalten hatte.
»Tanz mit mir, Pistolero!«, schnarrte sie.
Beide Pistolen krachten gleichzeitig. Helle Feuerblitze warfen den Schankraum in ein Blitzgewitter aus scharfen Schatten. Die Kugeln durchschlugen die Luft und zogen Feuerspuren hinter sich her. Beide Geschosse trafen die Gestalt – eines in die Brust, das andere in den Kopf.
Sie hätten jedenfalls treffen sollen.
Vicco löste sich in einem Wirbelsturm aus schwarzen Federn auf – für einen Moment war er ein Orkan in Menschengestalt, größer noch und lauter als zuvor. Die Kugeln schlugen nicht ein, sondern pfiffen hinaus in die Nacht. Die Krähenfedern, Stofffetzen und Klingenteile setzten sich in einem Lidschlag wieder zusammen.
»Ich bin dran, kleiner Held!«
Mit unnatürlich langen, ausholenden Schritten durchmaß die Mörderkrähe den Raum. Spindeldürre Beine stiegen mühelos über Tische hinweg. Sie musste gebückt laufen, sodass ihre Schultern fast die Decke berührten. Gleichzeitig tanzte ein schnabelbewehrter Kopf an einem schlauchartigen Hals vor ihrer Brust nach links und rechts. Roderigo wich zurück und stieß gegen einen Tisch. Eines der Vogelbeine trat aus und fegte ihn von den Beinen. Ein weißer dünner Arm langte über den Tisch und ließ eine Sichel niederfahren.
Roderigo rollte sich zur Seite und entging der Klinge nur knapp, die sich neben ihn in den Boden bohrte. Er sprang auf die Beine und lud nach. Die Pistolen bellten laut. Wieder war Vicco ein Wirbelwind aus Federn, dann materialisierte er sich genau vor ihm. Sein Schnabel bohrte sich fast in Roderigos Gesicht.
»Das hast du schon versucht!«, höhnte die Krähe.
Diesmal fuhren beide Sicheln gleichzeitig von links und rechts hinab, um Roderigo über der Hüfte in zwei Teile zu schneiden. Er warf sich erneut auf den Boden und spürte den kalten Windhauch der Klingen über ihm.
»Einen Versuch war es wert!«, keuchte er und kroch rücklings von der Mörderkrähe weg, um nicht von deren ausholenden Tritten getroffen zu werden. Stühle und Tische zwischen ihnen barsten.
Holzspäne und Bretter flogen durch die Luft.
»Na, gehen dir die Tricks aus?«, schnarrte Vicco und wirbelte mit seinen langen Sicheln durch den Raum auf ihn zu.
»Einen hab ich noch!«, flüsterte Roderigo, dann presste er seinen Mund gegen eine Pistole und pustete in den gespannten Abzugshahn. Die Runen glühten scharlachrot.
Vicco ragte über ihm auf wie ein wahr gewordener Alptraum.
Roderigo richtete die glühende Pistole auf seinen Gegner und drückte ab. Diesmal stießen Flammen in einem glühenden Funkenschlag aus dem Lauf.
Wieder löste Vicco sich auf, doch die Funken erfassten den schwarzen Wirbelwind aus Federn und Schatten. Schreiend wich er zurück. Als er seine Gestalt wieder zurückgewann, tanzten Flammen auf seinem Umhang.
»Das büßt du!«, kreischte er.
Doch Roderigo war bereits die Treppe hinaufgestürmt.
Nun stand er vor der zusammengesunkene Leiche des Attentäters im Flur zu seinem Nachtquartier. Blut tropfte von der Wand.
Wie er das hasste. Er verstaute eine seiner Pistolen im Holster und strich mit seiner Rechten durch das klebrige Blut des Toten. Er erinnerte sich an den Runenkreis, den er zu zeichnen begann.
»Du kannst nicht weg!«, tönte Viccos Stimme vom Schankraum. Schwere Schritte dröhnten die Treppe hinauf. Dann erschien der Krähenkopf im Flur. Schwarze Augen blitzten ihn an.
Der Pistolero zeichnete noch immer blutige Zeichen, als die Krähe bei ihm war und ihn mit einem Tritt aus dem Kreis beförderte. Wie eine Puppe wurde er über den Boden geschleudert. Der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen.
Halb blind tastete er über die rauen Dielen vor ihm. Er richtete eine Pistole direkt auf Viccos Gesicht und feuerte.
Vicco war bereits wieder Luft und Schatten. »Das hatten wir doch bereits!«, verhöhnte er ihn. »Du kannst mich nicht verletzen!« Roderigo stählte sich und sprang durch die wirbelnden Schatten hindurch. Eine Feder strich über seine Wange und hinterließ einen scharfen Schnitt, aber Roderigo war hindurch und saß nun wieder in seinem Kreis aus blutigen Symbolen. Er hob seine zitternde Hand und vollendete das letzte Zeichen.
Dann wischte ein Tritt ihn erneut aus dem Runenkreis. Sein Gesicht prallte gegen die Wand, und er schmeckte Blut, als er erneut zu Boden ging. Eine seiner Pistolen war fort.
»Dein Schutzkreis funktioniert nicht!«, lachte die Mörderkrähe und hob die Pistole auf, die Roderigo inmitten der Runen fallen gelassen hatte. Er begutachtete die Waffe einen Moment mit seinen schwarzen Knopfaugen und richtete sie dann auf ihn.
»Wie ironisch, dass du durch dein eigenes Werkzeug stirbst.« Die Krähe betätigte den Abzug, doch nichts geschah.
Roderigo richtete sich auf die Knie auf. Blut floss seine Stirn hinab.
»Zwei Dinge«, keuchte er. »Erstens: Meine Pistolen können ohne die erforderliche Magie nicht benutzt werden.«
Die Krähe zuckte mit den Schultern und warf die Waffe fort.
»Zweitens«, meinte Roderigo, »das ist kein Schutzkreis.«
Er feuerte die zweite Pistole ab. Der Lichtblitz erhellte den Gang. Er konnte deutlich die Überraschung im Gesicht seines Gegenübers sehen. Die Mörderkrähe blickte an sich hinab. Blut floss aus ihrer Schusswunde.
Dann brach sie zusammen.
Roderigo erhob sich mühsam.
Dann lud er die Pistole nach und richtete sie auf Vicco.
Der Schuss zertrümmerte der letzten Mörderkrähe den Schädel.
Roderigo hob seinen Hut auf, gürtete seine Waffen und taumelte in den Schankraum zurück. Er wankte an den Toten und zertrümmerten Tischen vorbei. An der Theke angelangt, ließ er sich auf einen Barhocker sinken. Er überlegte kurz und stand mit einem Stöhnen wieder auf, um die Flasche mit dem seltsam gelblichen Schnaps unter dem Tresen hervorzuholen. Als er sich zurück auf den Stuhl fallen ließ, tauchte wie aus dem Nichts der kleinwüchsige Wirt auf. Stumm wanderten seine Augen über die zertrümmerten Tische und Leichen. Roderigo machte ihm keinen Vorwurf daraus, dass er abgewartet hatte, bis keine Geräusche mehr zu hören waren.
Roderigo entkorkte die Flasche und nahm einige tiefe Züge. Tropfen rannen ihm das Kinn hinunter. Krachend ließ er die Schnapsflasche zurück auf den Tresen fallen.
»Ich wusste es!«, sagte er und schüttelte sich.
Der dhunische Wirt starrte ihn an, unfähig das Gesehene in Worte zu fassen.
»Das Zeug schmeckt doch nach Pisse!«








