Kapitel 1
Der Ring & der Kater
Elara Thorne schreckte plötzlich hoch, als hätte ihr Körper beschlossen, persönlich für den Schockmoment eines Horrorfilms vorzusprechen.
Ihr blieb der Atem weg. Ihr Herz hämmerte, als wollte es ohne ihre Erlaubnis einen Marathon laufen.
Ihre Glieder zuckten ein-, zweimal, bevor sie wieder in sich zusammensackten wie bei einer kaputten Marionette.
Sie blinzelte mühsam. Ihre Augenlider waren verklebt vor Erschöpfung und, seien wir ehrlich, vor Reue.
Die Decke über ihr war erst verschwommen, dann wurde ihr Blick klarer.
Das war nicht ihr bescheidenes Einzimmerappartement, dessen Heizung jede Nacht pfiff wie ein 90-jähriger Asthmatiker.
Es war nicht das winzige Schlafzimmer, in dem sie die hohe Kunst beherrschte, um Wäscheberge und nächtliche Ramen-Becher herumzuschleichen.
Es war auch nicht Chloes schreckliches Gästezimmer mit diesem Futon, der offiziell als mittelalterliches Folterinstrument durchgehen könnte und auf dem Elara nach ein paar Drinks zu viel öfter gelandet war, als sie zählen konnte.
Nein, das hier war… Luxus.
Seidige Vorhänge in einem skandalös satten Smaragdgrün fielen wie Wasserfälle an den Wänden herab.
Dunkle Möbel aus poliertem Holz glänzten so stark, dass die Oberfläche förmlich flüsterte: Fass mich nicht an, wenn du keine Handschuhe trägst.
Und das Bett... oh Gott, das Bett.
Es war kein Bett.
Es war ein Imperium.
Ein gigantisches Kingsize-Ungetüm mit genug Quadratmetern, um bequem eine Königsfamilie, ihre Hunde, ihre gesamte Verwandtschaft und womöglich einen kompletten IKEA-Showroom unterzubringen.
Ein Bett, wie sie mit wachsendem Entsetzen feststellte, das gerade sie beherbergte.
Und schlimmer noch… etwas roch moschusartig.
Teuer.
Unverblümt männlich.
Ihre letzte klare Erinnerung war eine fiebrige Montage ihres Junggesellinnenabschieds: Neonlichter, so hell, dass man darauf ein Ei hätte braten können, das klebrige Brennen von Tequila-Shots in der Kehle und das absolute Verbrechen, wie sie „Single Ladies“ mit der Leidenschaft einer Frau schmetterte, die nichts, aber auch gar nichts in der Nähe eines Mikrofons zu suchen hatte.
Sie erinnerte sich vage an Tanzduelle mit Fremden.
Sie erinnerte sich vage an Chloes fieses Grinsen.
Sie erinnerte sich vage daran, wie sie beschloss, dass Konfettikanonen womöglich die größte Erfindung der Menschheit seien.
Und dann?
Der Filmriss.
Einfach schwarz.
Als hätte jemand den Stecker aus ihrem Gehirn gezogen und wäre pfeifend davongegangen.
Jetzt hämmerte ihr Kopf, als würde eine Trommelgruppe aus koffeinsüchtigen Gorillas darin auftreten.
Jedes Pochen hallte so stark in ihrem Schädel wider, dass er fast wie ein Schlagzeuger in einer Marschkapelle wirkte.
Und ihr Mund?
Die Sahara.
Nein, eher die Sahara nach der Erderwärmung, mitten im Sandsturm, mit einer Note Drachenatem.
Ihre Zunge fühlte sich an, als hätte jemand sie gegen ein Stück Teppichboden ausgetauscht.
Jedes Schlucken kratzte, als hätte sie an einem Eis aus Sandpapier geleckt.
Und dann, welch eine Freude, Sonnenlicht.
Ein fieser Lichtstrahl durchschnitt die Samtvorhänge wie ein Messer und zielte direkt auf ihr Gesicht, als hätte das Universum ihn extra geschickt, um sich über ihren Kater lustig zu machen.
Aber nichts davon „nichts davon“ war so schlimm wie der Anblick, der ihr Blut gefrieren ließ.
Ihre linke Hand.
Ihr Ringfinger.
Das unverkennbare Blitzen von Gold.
Ein Ehering.
Ein Diamant, der ihr zuzwinkerte, als wüsste er Geheimnisse, die sie nicht kannte, als hätte er seit Jahrhunderten ihren Untergang geplant und nun endlich gewonnen.
„Oh, liebes Universum“, krächzte sie, ihre Stimme klang wie eine alte Schallplatte. „Nein. Bitte nicht. Nicht das.“
Sie setzte sich so schnell auf, dass sie sich fast am überdimensionalen Kopfteil eine Gehirnerschütterung geholt hätte.
Die Bettlaken rutschten herunter, schwer von dem Duft des Fremden, und wickelten sich um ihre Taille, als wollten sie sie mitschuldig machen.
Und genau da sah sie an sich herunter.
Ihr Brautkleid.
Das Kleid, von dem sie „wirklich geschworen“ hatte, es morgen vor den Altar zu tragen – für Ben, ihren sicheren, verlässlichen, mäßig aufregenden Verlobten.
Es sah jetzt aus, als wäre es in eine Kneipenschlägerei geraten, von einer Vespa überfahren und dann für den dramatischen Effekt in einer Pfütze liegen gelassen worden.
Die Spitze zerrissen, der Satin zerknittert und – „warum auch nicht“ – ein Schlammfleck am Saum, als wolle es eine neue Avantgarde-Modebewegung starten.
Ihr Schleier?
Verschollen.
Ihre Schuhe?
Wahrscheinlich schon irgendwo in Vegas, beim Trampen in die Freiheit mit einem Paar ebenso traumatisierter Stilettos.
Elara fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und stieß auf ein Nest, das so wild war, dass es wahrscheinlich Staatsbürgerschaft beantragen konnte.
Ihre Wimperntusche hatte jeden Anschein von Glamour aufgegeben und war stattdessen voll in den Waschbären-Look übergegangen.
Die Suite bot keinen Trost.
Nur neuen Schrecken.
Auf dem Nachttisch: ein welker Rosenstrauß, der wie ein Lebensmüder über den Rand einer Kristallvase hing.
Auf dem Sessel: eine schwarze Lederjacke für Herren.
Dunkel.
Rau.
Definitiv nicht Bens, es sei denn, Ben hätte über Nacht eine Persönlichkeitstransplantation erhalten und würde nun nebenbei als Biker mit exzellentem Geschmack arbeiten.
Übelkeit überkam sie, scharf und strafend.
Ihr Magen drehte sich um und drohte, eine förmliche Beschwerde bei ihrem gesamten Verdauungssystem einzureichen.
Und dann, oh Gott… Lachen.
Aus dem Badezimmer.
Männliches Lachen.
Laut, schamlos, hallend gegen die Marmorfliesen, als gehörte ihm der ganze Laden.
Elara erstarrte.
Jede Zelle in ihrem Körper schrie: Fliehen, kämpfen oder dramatisch auf dem Teppich in Ohnmacht fallen.
Ihr Herz raste und hämmerte gegen ihre Rippen wie ein verzweifelter Schlagzeuger, der den Takt verliert.
Ihre Handflächen wurden schwitzig, ihre Kehle knochentrocken und ihr Gehirn lieferte hilfreicherweise den nutzlosesten Kommentar der Welt:
Tja, so stirbst du also. Herzlichen Glückwunsch. Du gibst eine tolle Folge für ein Crime-Magazin ab.
Sie schluckte schwer, die Augen fest auf die Badezimmertür gerichtet, und flüsterte ins Leere: „Okay, Elara. Entweder hast du letzte Nacht jemanden Heißen umgebracht oder… ihn geheiratet. Ehrlich? Ich bin mir nicht sicher, was schlimmer ist.“
Die Badezimmertürklinke klapperte.
Drehte sich.
Klickte.
Elaras Seele verließ ihren Körper, rannte drei Runden um die Penthouse-Suite und kehrte nur zurück, um dramatisch in der Ecke zusammenzubrechen.
Sie krallte sich das Laken fester um die Brust; jeder Nerv in ihrem Körper knisterte, als stünde sie kurz vor dem Jüngsten Gericht.
Die Luft wurde dick, schwer von teurem Parfüm und dem Gewicht des drohenden Unheils.
Ihr Verstand raste durch immer unhilfreichere Szenarien:
Vielleicht ist es Ben.
Nein, Ben trug Old Spice und hielt „maßgeschneiderte Kleidung“ für Khakihosen, die halbwegs passten.
Vielleicht ist es Chloe.
Unwahrscheinlich.
Chloes Lachen war eher ein Hyänen-Chic, und dieses hier war tief und rollend, wie Whiskey, der über Samt gegossen wird.
Vielleicht ist es ein Einbrecher.
Ein Einbrecher, der duscht?
Mutig.
Vielleicht bist du immer noch betrunken und halluzinierst.
Auch mutig, aber nicht unmöglich.
Die Klinke drehte sich erneut.
Die Tür knarrte.
Und Elara, die zukünftige Frau Irgendwer, machte sich gefasst darauf, den Mann, den Mythos, den… vielleicht versehentlichen Ehemann, zu treffen.