1
Luke
Ryans Stimme klang gepresst.
Nicht geschäftsmäßig angespannt, nicht diese kühle, kontrollierte Härte, die er in jedem Meeting wie eine Rüstung trug. Nein – das hier war anders. Es war ein brüchiger, rauer Unterton, bei dem sich mir der Magen zusammenzog. Wenn Ryan Rhodes Risse zeigte, dann war die Kacke richtig am Dampfen.
Er war eigentlich nicht der Typ, der die Fassung verlor. Nicht wegen der Haie an der Wall Street. Auch nicht wegen feindlicher Übernahmen. Der Kerl konnte den Teufel persönlich dazu bringen, seine Karten hinzuschmeißen. Ich hatte das mehr als einmal miterlebt. Aber heute Abend? Heute Abend zitterten ihm sogar die Hände.
„Es geht um Cammie.“ Er fuhr sich mit der Hand über das Kinn, wobei seine Stoppeln kratzten. Er sah überall hin, nur nicht mir in die Augen. „Sie gibt es nicht zu, aber es geht ihr dreckig. Dieser Arsch –“ Seine Stimme brach ab und sein Kiefer mahlte. Er kochte vor Wut, und ich hätte schwören können, dass ich die Hitze spüren konnte, die er ausstrahlte. „Ich will seinen verdammten Namen nicht mal aussprechen. Er hat sie fertiggemacht, Luke. Und ich muss morgen früh nach London.“
Ich lehnte mit dem Rücken an seiner Küchenzeile, die Arme verschränkt. Mein Gesicht blieb ausdruckslos, aber in meinem Inneren?
Fuck.
Cammie Rhodes.
Seine kleine Schwester.
Das Mädchen, bei dem ich mir versprochen hatte – und ihm auch –, dass ich sie niemals anfassen würde.
Nur dass ich sie in meinem Kopf schon seit Jahren anfasste.
Ryan merkte nichts von dem Kampf, der mich innerlich zerriss. Er tigerte wie ein eingesperrtes Tier durch sein schickes Penthouse. Er war die Hilflosigkeit in Person. Ein Mann, der Imperien steuern konnte, aber nicht sein eigenes Fleisch und Blut.
„Sie will nicht mit mir darüber reden“, stieß er hervor. „Sie spricht mit niemandem. Aber ich kann sie hier nicht einfach alleine lassen. Nicht, solange er noch da draußen ist.“
Meine Kiefermuskeln spannten sich so fest an, dass es wehtat. „Belästigt er sie?“
Ryan antwortete nicht mit Worten. Da war nur diese sekundenlange Stille. Sein Adamsapfel bebte und er ballte die Fäuste an den Seiten.
Das war alles, was ich wissen musste.
Dieser verdammte Hurensohn.
Wut schoss mir wie ein heißer Schauer durch den Rücken, scharf und schneidend. Ich hatte ihn nie getroffen – Cammie hatte aus ihrer sogenannten Beziehung ein riesiges Geheimnis gemacht –, aber ich hatte genug gesehen. Genug, um zu wissen, dass er ein Nichts war. Er verdient es nicht einmal, die gleiche Luft wie sie zu atmen. Wenn er sie noch einmal auch nur schief ansah, würde ich ihm die gottverdammten Hände brechen und ihn seine eigenen Zähne fressen lassen.
Ryan blieb stehen. Er drehte sich um. Er fixierte mich mit einem Blick, der wie ein Befehl wirkte, wie ein Todesurteil.
„Du bist der Einzige, dem ich vertraue.“ Seine Stimme war jetzt fest und endgültig. „Bleib in ihrer Nähe. Pass auf sie auf. Lass ihn nicht an sie ran. Bitte, Luke.“
Die Bitte traf mich wie ein Schlag in die Magengrube.
Sie beschützen?
In ihrer Nähe sein?
Jeden ihrer Schritte überwachen?
Er hatte keinen blassen Schimmer, was er da von mir verlangte.
Ich hätte Nein sagen müssen. Ich hätte ihm sagen sollen, er solle einen privaten Sicherheitsdienst anheuern. Oder sie im Hochsicherheitstrakt ihrer Eltern einquartieren. Er hätte alles tun sollen, außer sie in meine Hände zu geben.
Aber dann hörte ich meine eigene Stimme. Leise. Bestimmt. Unausweichlich.
„Ich werde mich um sie kümmern.“
Ryan atmete aus. Eine Last schien von seinen Schultern abzufallen und Erleichterung huschte über sein Gesicht. „Danke, Mann. Ich wusste, dass ich auf dich zählen kann.“
Auf mich zählen.
Wenn er nur wüsste.
Denn was ich für Cammie empfand, war alles andere als brüderlich.
Es war kein Beschützerinstinkt.
Es war weder rein noch edel, und man konnte es sicher nicht als „einfach nur auf sie aufpassen“ bezeichnen.
Nein. Es war viel dunkler.
Es war eine schleichende Besessenheit. Ein nagender Hunger, der mich innerlich auffraß, seit sie erwachsen geworden war. Seit sie nicht mehr nur Ryans kleine Schwester war, sondern jeder verdammte, verbotene Gedanke in meinem Kopf.
Und jetzt?
Jetzt servierte er sie mir auf dem Silbertablett.
Ich verließ seine Wohnung in dieser Nacht mit einem einzigen Gedanken, der in mir brannte wie Benzin, das Feuer fängt:
Sie gehörte mir, um sie zu beschützen.
Mir, um sie zu beobachten.
Mir, um sie mir verdammt noch mal zu holen.