Opfergabe der Nacht [Divine Bonds Band 1]

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Zusammenfassung

Er ist uralt. Er ist mächtig. Und er wartet. Rainas Leben steht in den Sternen geschrieben: beständige Liebe, eine aufstrebende Karriere in der Astronomie und eine Zukunft, die sie so präzise vorhersagen kann wie die Mondphasen. Doch als sie während einer Mondfinsternis in die Hände eines geheimnisvollen Kults gerät, wird sie als Braut einem vergessenen Gott dargeboten, der über den Nachthimmel herrscht. Gefangen in seinem Reich aus Schatten und Sternenlicht kämpft Raina darum, in das Leben zurückzukehren, das sie für perfekt hielt. Doch der Gott übt eine magnetische Anziehungskraft auf sie aus, und je mehr sie sich widersetzt, desto mehr beginnt ihr altes Leben zu zerfallen. Ihre Erinnerungen, ihre Sehnsüchte, ja sogar ihr Gefühl für die Realität. War ihr altes Leben wirklich jemals ihr eigenes? Oder ist sie endlich in dem Leben angekommen, das schon immer in den Sternen geschrieben stand?

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
50
Rating
5.0 4 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1: Astrologie ist Mist und Fremde im Bus auch

Das Horoskop war der größte Schwachsinn, den ich je gelesen hatte. Schicksalsvorhersagen durch die Bewegung von Sternen…

Ich spottete über diesen Gedanken. Genauso gut könnte ich in Märchen etwas über Magie und die wahre Liebe lesen. Zumindest vermittelten diese Geschichten noch etwas Wertvolles, wie Moral und so einen Kram. Was das „Schicksal“ betraf, so wollte ich meine Zukunft lieber selbst bestimmen, anstatt mich auf eine festlegen zu lassen, die mir irgendein Besserwisser am Himmel vorschrieb.

Heute schien mein Horoskop allerdings recht zu behalten, so bescheuert das auch war.

Sei offen für Veränderungen, aber achte auf das richtige Timing. Die heutige Energie ermutigt die Jungfrau, mit dem Strom zu schwimmen und sich nicht gegen den Plan des Universums zu stellen.

Ich hatte mich gegen den Plan gestellt und steckte nun im Stau fest, mit nichts weiter als der Zeitschrift, die ich für Lydia mitgenommen hatte.

Alles nur, weil ich zwei Stunden früher zur Arbeit losgefahren war.

Sogar mein Handyempfang war aus irgendeinem seltsamen Grund weg.

Ich war kurz davor, einen Wutanfall zu bekommen, als der Bus ruckartig anfuhr. Die langweilige gelbe Wand, auf die ich seit fünfzehn Minuten starrte, machte der Selidos Street Platz. Einen Schritt näher an der Überraschung, die meine Chefin Chloe für mich bereithielt.

Meine Schultern spannten sich bei dem Gedanken noch mehr an, und das Bedürfnis, wie ein Dreijähriger mit den Füßen zu stampfen, war schwer zu unterdrücken.

Warum… warum musste sie meinen Montag nur so beginnen?

„Ich schwöre beim Himmel, wenn das das ist, was ich denke…“ Der Bus kam wieder zum Stehen, und ich drückte mir die Zeitschrift vors Gesicht, in der Hoffnung, mein Stöhnen zu ersticken.

„Irgendetwas Interessantes heute dabei?“, kam eine übermäßig freundliche Stimme neben mir.

Ich ließ die Zeitschrift gerade weit genug sinken, um die Frau zu mustern, die sich – von allen verfügbaren Plätzen – ausgerechnet neben mich gesetzt hatte. Ihr schwarzer Bob wippte, als sie den Kopf schief legte. Ihr Lächeln ließ ihre Augen zu Schlitzen werden.

„Nein.“ Das war alles, was ich ihr entgegenbringen wollte, und ich schlug das Heft wieder mit mehr Schwung auf als nötig.

„Oooh, die Horoskope. Die liebe ich!“ Meine offensichtliche Genervtheit hielt sie keineswegs davon ab. „Was steht denn drin?“

„Interessiert mich nicht. Es ist sowieso alles Bullshit.“ Das musste doch reichen. Wenn nicht…

„Du denkst das wirklich?“, fragte sie und zuckte mit der Nase wie ein Kaninchen. „Ich lese es manchmal aus Spaß, aber ich glaube, manchmal steckt doch etwas dahinter. Weißt du, was ich meine?“

Verdammt.

Entweder hatte diese Frau kein Gehirn im Kopf oder eine dickere Haut als die Socken, die ich im Urlaub in Norwegen getragen hatte.

„Nein, weiß ich nicht, weil Astrologie etwas für Leute ist, denen langweilig ist und die zu faul sind, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen.“ Ich starrte sie so giftig an, dass ein Kaktus davon eingegangen wäre.

Sie kicherte.

Sie kicherte.

Diese Frau musste blind sein. Oder vielleicht war sie neurodivergent. Die hatten es manchmal schwer mit sozialen Signalen, oder? Ich zuckte innerlich zusammen. Wenn das der Fall war, war meine Einstellung echt mies.

„Vielleicht“, sagte sie und zuckte lässig mit den Schultern. „Oder vielleicht hat das Universum einen Plan für uns. Gegen das Schicksal kommt man nicht an!“

„Wie du meinst.“ Ich rutschte auf meinem Sitz tiefer und hoffte vergeblich, dass sie endlich den Wink verstehen und mich in Ruhe schmollen lassen würde.

Sie plapperte ununterbrochen weiter, bis das Zischen der Bremsen sie übertönte. Ihrem Verschwinden und dem Winken über dem Rand der Zeitschrift nach zu urteilen, war das eine Art Abschied.

Der Mond – ein zunehmender Halbmond –, der auf ihren Ärmel gestickt war, fing das Morgenlicht ein. Ich reckte den Hals, um ihn besser zu sehen. Als das nicht klappte, presste ich mein Gesicht gegen das Fenster, um sie noch einmal zu erspähen, während wir vorbeifuhren.

Sie war schon ein gutes Stück die Straße hinunter und zu weit weg, als dass ich Details hätte erkennen können.

Ich ließ mich zurück in den Sitz fallen und verfluchte meine miese Laune. Wäre ich nicht so abweisend gewesen, hätte ich fragen können, wo sie das Teil herhatte und ob es noch mehr davon gab. Stell dir vor, man hätte eines für jede Mondphase.

Nenn es klischeehaft, aber als Astronomin konnte ich nie genug Hoodies mit Weltraummotiven haben.

Als die Palintro Astronomy Association in Sicht kam, wurde ich aus meiner Schmollerei gerissen. Mein Herz hatte den Bus schon verlassen, lange bevor ich es konnte. Ich versuchte, mich zusammenzureißen, joggte aber trotzdem die letzten zwei Blocks von der Haltestelle.

Einige meiner Kollegen schlenderten durch die Lobby, nippten an ihrem Starbucks oder mampften tiropites.

Mein Magen knurrte, als ich mir vorstellte, in das goldene Gebäck zu beißen und den warmen Käse auf meiner Zunge zu schmecken.

Das kam davon, wenn man das Frühstück ausfallen ließ.

Sobald ich mich bei Chloe gemeldet hatte, würde ich in die Kantine gehen – je nachdem, was ihre Überraschung mit meinem Appetit anstellte.

Der Aufzug in den dritten Stock brauchte eine Ewigkeit. Die klimpernde Musik ging mir heute noch mehr auf den Keks als sonst. Dass er im ersten und zweiten Stock anhielt, um Leute reinzulassen, machte es nicht besser.

Ich stieß einen leisen Seufzer der Erleichterung aus, als ich den Flur zu meiner Abteilung betrat. Ich genoss die Stille für ganze fünf Schritte, bis das Lachen von Lydia und Thea sie zerriss. Nach dem Morgen war das Letzte, was ich brauchte, deren energiegeladene Art.

Nicht ihre Schuld.

Mit einem tiefen Atemzug setzte ich mein freundlichstes Lächeln auf und erwiderte ihr Winken, während ich vorbeiging.

Ein Teil von mir wollte anhalten und fragen, warum Chloe mich sehen wollte. Aber es hatte keinen Sinn, das Unvermeidliche hinauszuzögern, also ging ich weiter, bis die Tür des Büros vor mir aufragte.

Im Bruchteil einer Sekunde wurde das einfache Anklopfen absolut unmöglich.

Ich wirbelte beim Klack-Klack näher kommender Absätze herum. Mein Herz hielt inne und raste gleichzeitig beim Anblick meiner braunhaarigen Chefin.

Sie schob ihre eckige Brille auf der Nase nach oben.

„Ich hoffe, du hast nicht lange gewartet.“ Ihre schokobraunen Augen huschten zur Uhr über ihrer Tür.

„Bin gerade erst angekommen.“ Ich verschränkte die Arme und folgte ihr in das enge Büro. „Dachte schon, ich komme zu spät, wegen des Unfalls auf der Latestias. Ich habe ewig im Bus festgesteckt.“

„Macht nichts, du bist ja da. Setz dich. Ich bin gleich bei dir.“ Sie ließ sich in ihren Stuhl fallen und holte ihr Laptop aus der Tasche.

Na klar. Alles kein Problem.

Es war ja nicht so, als würde meine Angst mich gleich auf den Mond schießen. Sobald ich saß, wippte mein Fuß wie ein Kaninchen auf Steroiden. Ich konzentrierte mich auf ein Poster ganz rechts im Raum und war gerade dabei, die Sterne zu benennen, die ich erkannte, als sie sich räusperte.

„Du fragst dich sicher, warum ich dich heute zu mir gebeten habe.“ Sie verschränkte ihre Hände.

„Ja, irgendwie schon.“ Ich starrte auf die kleinen weißen Rechtecke, die sich in ihrer Brille spiegelten, und fragte mich zum wiederholten Male, warum sie unbedingt den Light-Mode benutzen musste.

„Wie du weißt, verhandelt die PAA mit der NASA über ein mögliches Austauschprogramm für Mitarbeiter.“ Chloe schlug einen sonnengelben Aktenordner auf. „Nun, am Freitag haben sie ihre Wahl getroffen.“

Oh nein. Oh verdammt nein.

„Ah ja, und wer mag die glückliche Person sein?“ Mein Magen bebte, denn jede Faser meines Körpers kannte die Antwort bereits.

„Du!“ Sie grinste, als wäre das die beste Nachricht meines Lebens.

Das war es nicht. Es war die schlimmste.

„Und… äh… haben sie auch einen Ersatzkandidaten gewählt?“ Ich kratzte mich am Nacken und mein Blick blieb wieder am Poster hängen.

„Sie waren sehr eindeutig in ihrer Entscheidung, und du weißt ja, die PAA möchte sich diese Chance nicht entgehen lassen.“ Die Akte klappte zu, was mich zusammenzucken ließ.

„Nein, nein, das verstehe ich schon. Ich weiß nur nicht, ob ich die Richtige dafür bin? Ich meine, ich bin eigentlich glücklich hier. Das ist mein Zuhause, weißt du? Und was ist mit Deacon? Wir wollen uns jeden Moment verloben.“ Mein Lachen klang genauso wackelig, wie ich mich fühlte.

„Das hast du vor fünf Jahren auch gesagt“, erinnerte mich Chloe mit einem milderen Blick. Ich wollte gerade widersprechen, als sie fortfuhr: „Hör zu, Raina, ich kann fragen, ob sie offen dafür sind, dass er mitkommt. Ich kann aber nichts versprechen. Oft gelten diese Angebote nicht einmal für Ehepartner.“

„Dann bin ich definitiv nicht die Richtige dafür“, sagte ich, diesmal fester. „Falls ich über so einen großen Schritt nachdenken müsste – was ich nicht tue –, ist Deacons Begleitung nicht verhandelbar.“

„Ich werde mit ihnen reden“, wiederholte Chloe. „Du solltest dir das gut überlegen, Raina. Du bist eine kluge, junge Frau und in Amerika wartet eine noch viel glänzendere Zukunft auf dich.“

„Nicht nötig.“ Ich schenkte ihr ein gezwungenes Lächeln. „Ich habe genug darüber nachgedacht und bleibe bei Nein.“

Ihre Schultern sackten ein wenig ab, aber ihr Gesicht blieb offen und freundlich. „Es ist eine große Veränderung, das weiß ich. Selbst für Leute, die sowas mögen, ist es beängstigend. Aber dein Talent wird hier verschwendet. Du könntest bei der NASA Großes leisten.“

„Dann wäre es kontraproduktiv, mich wegzuschicken. War der Sinn dieser Zusammenarbeit nicht, Palintro besser zu machen? Konkurrenzfähiger?“ Ich lehnte mich vor und meine Finger gruben sich in meine Knie. „Wie soll das klappen, wenn wir alle unsere Talente zur Konkurrenz schicken?“

„Es ist kein dauerhafter Wechsel.“ Chloe drehte die Akte um und schob sie über den Schreibtisch. „Sieh dir die Unterlagen erst einmal an und sprich mit Deacon. Du hast noch ein paar Tage Zeit, um eine endgültige Entscheidung zu treffen.“

Als ich aus dem Büro ging, die Akte unter den Arm geklemmt, wusste ich eines ganz sicher.

Nichts und niemand würde mich dazu bringen, dieses blöde Angebot anzunehmen.

Oh, und ich hasste Gelb wirklich abgrundtief.