Der Kuss des Milliardärs

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Zusammenfassung

Diese Geschichte hat einfach alles: einen grüblerischen reichen Mann mit einem Herz aus Gold, eine starke Frau, die keine Rettung braucht, aber wahre Liebe verdient, ein süßes Kind, eine traumhafte Farm-Kulisse und jede Menge köstliche kulinarische Beschreibungen. Außerdem zeigt sie, wie Liebe gebrochene Herzen heilen und neue Familien schaffen kann.

Genre:
Romance
Autor:
KierYau
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
20
Rating
4.8 19 Bewertungen
Altersfreigabe
13+

Der Erntemond

Kapitel 1: Der Erntemond

Alex Blackwood stand am Rand seines Grundstücks. Unter seinen Fingernägeln klebte Dreck, und Schweiß ließ sein weißes T-Shirt am Rücken kleben. Die Oktobersonne ging hinter den Hügeln von Yorkshire unter. Sie tauchte alles in ein goldenes Licht, das wie ein völlig übertriebener Instagram-Filter wirkte. Doch anders als bei perfekt gestylten Social-Media-Posts roch diese goldene Stunde nach frisch gepflügter Erde und dem fernen Brummen von Traktoren.

„Chef! Der letzte Butternusskürbis ist drin!“, rief Jamie Sullivan herüber. Sein irischer Akzent klang erschöpft. Seine roten Haare standen in alle Richtungen ab, als hätte ihn gerade der Schlag getroffen.

Alex nickte und zog sich die Arbeitshandschuhe aus. Seine Hände waren rau und voller Hornhaut. Nicht unbedingt das, was man von einem Millionär erwarten würde. Aber die meisten Millionäre verbrachten ihre Tage auch nicht bis zu den Ellenbogen im Dreck oder stritten sich mit widerspenstigem Gemüse herum.

Das Anwesen Thornfield Estate erstreckte sich vor ihm wie in einem Film. Es waren zweitausend Hektar wunderschönes Ackerland im Norden Englands. Mittendrin stand ein Herrenhaus, bei dem man jeden Moment erwartete, dass Mr. Darcy um die Ecke geritten kommt. Alles hier schrie nach „altem Geld“, was auch stimmte. Fünf Generationen der Blackwoods hatten dieses Land bewirtschaftet. Jetzt gehörte alles ihm.

Was für ein Glückspilz.

„Na gut“, sagte Alex und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Machen wir Feierabend.“

Die Erntehelfer packten bereits ihr Werkzeug zusammen. Die Männer arbeiteten seit dem Morgengrauen und sahen aus, als würden sie gleich umkippen. Alex nahm sich vor, ihnen diese Woche einen Bonus auszuzahlen. Gute Leute waren schwer zu finden, und die Jungs hatten sich monatelang den Arsch aufgerissen.

„Lust auf ein Bier im Sheep and Thistle?“, fragte Jamie. Er passte seinen Schritt dem von Alex an, während sie zum Herrenhaus gingen. „Sarah ist heute Abend mit den Zwillingen bei ihrer Mutter.“

„Nein, danke. Ich passe.“ Alex sagte immer nein. Er sagte schon seit sieben Jahren nein. Seit seine Eltern gestorben waren, trug er mehr Verantwortung, als ein Fünfundzwanzigjähriger eigentlich tragen sollte.

Jamie verdrehte die Augen so stark, dass Alex fast dachte, sie blieben stehen. „Komm schon, Kumpel. Wann hast du das letzte Mal was gemacht, das nichts mit dem Bauernhof zu tun hatte?“

Alex tat so, als müsste er nachdenken. „Ich habe letzten Dienstag Netflix geschaut.“

„Eine Doku über nachhaltige Landwirtschaft zählt nicht.“

„Sie war lehrreich.“

„Sie war traurig“, schoss Jamie zurück. „Du bist zweiunddreißig, nicht zweiundneunzig. Lass mal die Puppen tanzen.“

Sie erreichten das Herrenhaus mit seinen honigfarbenen Steinen und efeubewachsenen Wänden. Es sah aus wie aus einem Roman von Jane Austen. Wahrscheinlich war das auch die Absicht seines Ururgroßvaters gewesen. Der Mann wollte wohl Eindruck schinden.

„Ich lebe doch“, sagte Alex und zog die schwere Holztür auf. „Ich lebe genau so, wie ich es will.“

Das stimmte zwar nicht ganz, aber Jamie musste das ja nicht wissen.

In der Eingangshalle gab es viel polierten Marmor. Porträts verstorbener Blackwoods starrten missbilligend herab. Alex’ Stiefel hallten auf dem Boden, während er zur Küche ging. Bei dem Geräusch fühlte er sich immer wie ein kleiner Junge, der Matsch durch das Haus seiner Großmutter schleppte.

„Guten Abend, Herr Alex.“ Maggie Thornton kam aus der Küche und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. Sie war schon die Haushälterin, bevor Alex überhaupt geboren wurde. Sie hatte die Gabe, immer genau dann aufzutauchen, wenn er sie am dringendsten brauchte. Oder wenn er gerade dabei war, etwas Dummes zu tun.

„Hallo, Maggie.“ Alex streifte an der Tür seine Stiefel ab. Seine Socken hatten ein Loch am großen Zeh, aber Maggie hatte schon Schlimmeres gesehen. „Wie war dein Tag?“

„Wie immer. Ich sorge dafür, dass uns die alte Hütte nicht über dem Kopf zusammenbricht.“ Sie warf ihm diesen einen Blick zu. Er bedeutete, dass sie genau wusste, dass er mal wieder jedem Menschen aus dem Weg gegangen war. „Dein Abendessen steht im Ofen. Rindereintopf und frisches Brot.“

Alex’ Magen knurrte wie ein hungriger Bär. Er war mittags nicht zum Essen gekommen und hatte nur von Kaffee und Willenskraft gelebt. „Du bist ein Engel, Maggie.“

„Wem sagst du das“, schnaubte sie. „Ich habe den Plan für morgen auf deinen Schreibtisch gelegt. Die Bestellungen der Londoner Restaurants, der Papierkram für die Bio-Zertifizierung und dieses Interview mit dem Country Living Magazin.“

Stimmt. Das Interview. Irgendein Journalist wollte über „junge Unternehmer, die die traditionelle Landwirtschaft revolutionieren“ schreiben. Alex würde lieber mit einem Schwein ringen, aber Werbung war gut fürs Geschäft.

„Danke“, sagte er. „Ich schaue es mir nach dem Essen an.“

Maggie warf ihm noch einen ihrer Blicke zu. Dieser hier bedeutete: „Du arbeitest zu viel und ich mache mir Sorgen.“ Diesen Blick gab sie ihm seit sieben Jahren. Er war inzwischen immun dagegen.

Die Küche war Alex’ Lieblingsraum im ganzen Haus. Sie war riesig und warm. Kupferpfannen hingen an Haken und Kräuterbüschel trockneten am Fenster. An dem alten Küchentisch konnten zwölf Leute sitzen, auch wenn Alex meistens allein aß. Beim Geruch von Maggies Eintopf lief ihm das Wasser im Mund zusammen.

Er nahm sich eine Schüssel und schöpfte sich ordentlich ein. Der Eintopf war perfekt. Das Fleisch war zart, das Gemüse knackig und die Soße so gut, dass sie eigentlich verboten gehörte. Maggie kochte fantastisch, aber in letzter Zeit sehnte er sich nach etwas anderem. Etwas mit mehr... Geschmack? Schärfe? Er konnte es nicht genau sagen.

Alex nahm seine Schüssel mit zum Tisch und setzte sich auf seinen Stammplatz. Von dort aus sah er durch das große Fenster auf den Gemüsegarten. Sogar im schwindenden Licht erkannte er die ordentlichen Reihen von Grünkohl und Rosenkohl. Er sah das Gewächshaus für die Kräuter und dahinter den Apfelhain.

Das war sein Reich. Seine Verantwortung. Sein ganzes Leben.

Er holte sein Handy raus und scrollte beim Essen durch seine E-Mails. Bestellungen von Restaurants aus London und Manchester. Eine Interviewanfrage von einem Food-Magazin. Drei Bio-Höfe, die mit ihm zusammenarbeiten wollten. Das Geschäft brummte, was ihn eigentlich glücklich machen sollte.

Eigentlich.

In Wahrheit fühlte sich Alex wie in einer Endlosschleife gefangen. Aufwachen, die Felder prüfen, die Arbeiter einteilen, Papierkram erledigen, allein essen, schlafen gehen und von vorn. Es war ein gutes Leben, ein erfolgreiches Leben. Aber manchmal fragte er sich, ob das schon alles war.

Bei seinen Eltern hatte das alles so einfach gewirkt. Sie hatten den Hof gemeinsam geführt. Sie lachten, stritten sich und ließen alles ganz natürlich aussehen. Wenn sein Vater etwas probierte, das seine Mutter kochte, bekam er diesen einen Blick. Als hätte er gerade einen Schatz gefunden. So etwas hatte Alex noch nie erlebt.

Verdammt, er war nicht mal nah dran gewesen.

Sein Handy vibrierte. Eine SMS von seinem Geschäftsführer, Henry Pemberton. Quartalsberichte sind fertig. Die Zahlen dieser Saison sind hervorragend.

Schön. Noch mehr Papierkram. Alex aß seinen Eintopf auf und spülte die Schüssel im Waschbecken ab. Durch das Fenster sah er die Lichter im Dorf unten funkeln. Die Leute saßen wahrscheinlich im Pub, lachten und erzählten sich Geschichten.

Er nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und ging in sein Arbeitszimmer. Der Raum bestand aus dunklem Holz und ledergebundenen Büchern. Sie sahen zwar beeindruckend aus, staubten aber meistens nur ein. Sein Laptop war auf dem massiven Eichenschreibtisch aufgeklappt. Überall lagen Rechnungen und Verträge – der ganze glamouröse Papierkram eines Multimillionen-Dollar-Betriebs.

Alex öffnete sein Bier und setzte sich in seinen Sessel. Die Berichte konnten bis morgen warten. Heute Abend wollte er einfach nur in seinem großen, leeren Haus sitzen. Er wollte so tun, als würde er vor Einsamkeit nicht langsam wahnsinnig werden.

Draußen ging der Erntemond auf. Er war voll, hell und wunderschön. Er beleuchtete die Felder wie ein Scheinwerfer und ließ alles magisch und geheimnisvoll wirken. Laut seiner Großmutter sollte der Erntemond Veränderungen bringen. Neuanfänge.

Alex nahm einen großen Schluck Bier und lachte. Das Einzige, was sich hier änderte, war das Wetter. Und selbst das folgte jedes Jahr dem gleichen Muster.

Doch während er auf sein mondbeschienenes Reich starrte, wurde er das Gefühl nicht los, dass etwas kommen würde. Etwas, das seine perfekt geordnete Welt auf den Kopf stellen würde.

Er ahnte nicht, wie recht er damit hatte.


Meilenweit entfernt packte Isabella Romano in einem engen Hostelzimmer ihr Leben in eine einzige Reisetasche. Es roch nach Desinfektionsmittel und gescheiterten Träumen. Sie faltete ihr letztes sauberes Hemd zusammen. Es war ein ausgeblichenes blaues Ding, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Sie versuchte nicht darüber nachzudenken, wie sie hier gelandet war.

Morgen würde sie in einen Bus nach Yorkshire steigen. Sie hatte genau siebenunddreißig Pfund in der Tasche und keinen Job in Aussicht. Außerdem hatte sie einen sechsjährigen Sohn, den sie sich eigentlich nicht leisten konnte.

Aber sie hatte etwas, das viele andere nicht hatten: den sturen Willen, niemals aufzugeben.

„Morgen wird alles anders“, flüsterte sie und zog den Reißverschluss der Tasche zu. „Es muss einfach.“

Draußen vor ihrem Fenster schien derselbe Erntemond, der auch auf Alex Blackwoods Farm herabblickte. Er warf sein silbernes Licht auf die Straßen der Stadt. Für einen kurzen Moment erlaubte Isabella Romano sich den Glauben, dass sich vielleicht, ganz vielleicht, alles ändern würde.

Sie hatte keine Ahnung, wie recht sie damit hatte.