Prolog
Ich war nicht auf den Aufprall vorbereitet. Niemand ist das jemals. Es dauerte nur Sekunden, aber für mich zogen sich diese Sekunden wie kleine Leben in die Länge. Jedes einzelne entfaltete sich in einem anderen Tempo, wie übereinandergestapelte Glasscheiben, die nacheinander zerbrachen. Die Zeit dehnte sich, krümmte sich und weigerte sich, so voranzuschreiten, wie sie sollte. Das erste Anzeichen war das Quietschen der Luftdruckbremsen, dieser schrille, metallische Schrei, der durch jedes andere Geräusch schnitt. Die Köpfe ruckten hoch. Gespräche verstummten mitten im Satz. Jemand hinter mir murmelte: „Was zur Hölle—?“ Dann kam der Ruck.
Der Bus rutschte auf Glatteis seitwärts weg. Zwölf Reifen verloren den Halt, und die ganze Maschine wurde schwerelos auf eine Art und Weise, für die sie nie gebaut wurde. Mein Magen drehte sich um – nicht mit dem flachen Kitzel einer Achterbahn, sondern mit der krankmachenden Angst, zu wissen, dass die Schwerkraft ihr Opfer gewählt hatte, und wir waren es. Ich drückte meine Handfläche fest gegen den Sitz vor mir, aber es brachte nichts. Ich konnte spüren, wie sich die Hilflosigkeit wie statische Elektrizität unter den Passagieren ausbreitete und in der Luft knisterte. Der Schrei des Fahrers hatte keine Autorität, nur Angst; er war ein Mann, der die Maschine anflehte, ihm zu gehorchen.
Das Geräusch, das folgte, war schlimmer: das tiefe, gequälte Stöhnen eines Stahlträgers, der unter einer unmöglichen Belastung nachgab. Es war wie das Ächzen eines verwundeten Tieres, metallisch und uralt – die Stimme von etwas, das zu groß war, um gerettet zu werden. Und dann – ein Knacken. Das Geräusch, als es brach. Die Front des Busses neigte sich, und plötzlich war die Aussicht aus dem Fenster nicht mehr die glitzernde Schneelandschaft. Es ging nach unten. Einfach nur nach unten.
Die Schwerkraft riss alles mit sich: meinen Körper, meinen Atem, das Gepäck unter unseren Sitzen. Die Staufächer klapperten und sprangen auf. Die Koffer wurden zu Rammböcken; sie rutschten, prallten zusammen und krachten nach vorne. Jeder einzelne Koffer erhöhte das Gewicht im Vorderteil und beschleunigte unseren Sturz. „Haltet euch fest!“, schrie jemand. Es gab nichts, woran man sich halten konnte.
Zeitlupe reicht nicht aus, um das zu beschreiben. Es war nicht filmreif. Es war grausam. Jedes Detail wurde vergrößert: die Art, wie sich der Schal einer Frau wie ein Banner in die Luft hob, bevor er sich um ihren Hals verhedderte; wie die Brille eines Mannes von seinem Gesicht rutschte und einen Moment lang in der Luft schwebte, bevor sie in den Mittelgang krachte; wie sich mein eigener Sicherheitsgurt wie eine Hand in meine Brust schnitt, als wollte er mich festhalten, und doch den Schwung nach vorne nicht stoppen konnte. Die Geräuschkulisse war unerträglich – kreischendes Metall, explodierendes Glas, menschliche Stimmen, die zu tierischem Geheul zersplitterten.
Dann – der Aufprall.
Die Windschutzscheibe küsste den Boden der Schlucht mit einem Knall, der gar kein Glas war, sondern etwas weitaus Schlimmeres. Der Bus faltete sich wie eine Ziehharmonika zusammen, und das Metall schrie auf, als es sich in einem unmöglichen Winkel verbog. Schreie verschmolzen zu einem einzigen rohen Ton. Etwas Schweres schlug gegen meine Schulter, ein anderes Gewicht rammte in meine Seite, und für einen Moment wusste ich nicht, ob meine Knochen gebrochen waren oder ob das Geräusch von woanders kam.
Und dann war da Stille.
Keine echte Stille – da war immer noch das Zischen der ausströmenden Kühlflüssigkeit, das Stöhnen des verbogenen Stahls, der sich setzte –, aber es war die Art von Stille, die folgt, wenn allen Stimmen gleichzeitig die Luft ausgeht. Ich öffnete die Augen und konnte nicht begreifen, was ich sah. Die Welt lag auf der Seite. Glas glitzerte wie Frost auf dem Boden. Ein Sitz hatte sich gelöst und steckte schräg im Gang. Dann schlug der Geruch zu: verbrannter Gummi, heißes Öl, kupferartiges Blut, alles überlagert vom scharfen, beißenden Geruch des Schnees, der durch die zerbrochenen Fenster hereinwehte.
Ich war im Wrack. Irgendwie, gegen jedes Gesetz der Physik, war ich noch am Stück. Die Arme waren verdreht, aber nicht gebrochen. Die Beine waren von mir gestreckt, aber als ich sie anspannte, reagierten sie. Meine Brust schmerzte, als wäre sie eingedrückt worden, aber keine Knochensplitter bohrten sich hindurch. Ich lebte. Aber wo war sie?
Der Gedanke schnitt sofort durch den Nebel. Wo ist sie?
Ich versuchte ihren Namen zu rufen – habe ich ihn laut ausgesprochen? Ich konnte es nicht sagen. Mein Hals war wund, meine Stimme unter dem Klingeln in meinen Ohren begraben. Es fühlte sich an wie Schreien ohne Ton, als würde mein ganzer Schädel vibrieren, aber nichts drang nach außen. Mein Kopf drehte sich. Mein Atem verfing sich in meiner Lunge, als fände er keinen Weg hinaus. Panik krallte sich in mir fest. Wenn ich mich nicht bewegte, würde ich darin ertrinken.
Ich drückte mich hoch, oder zumindest das, was ich für aufrecht hielt, obwohl der Bus kein Oben mehr hatte. Die Welt neigte sich verrückt, jede Oberfläche war zerbrochen, scharf, tückisch. Meine Finger streiften über zerbrochenes Glas, kalte Luft und einen Ärmel aus Stoff, der nicht meiner war. Ich zuckte zurück, aus Angst davor, was ich finden könnte, wenn ich daran zog – ihr Gesicht. Ich musste ihr Gesicht sehen.
Ich griff erneut danach, diesmal langsamer. Ich versuchte, Trümmer beiseitezuschieben und die klebrige Wärme zu ignorieren, die an meiner Hand klebte. Jemand in der Nähe stöhnte, ein tiefes, gurgelndes Geräusch vor Schmerz, aber es war nicht sie. Ich versuchte wieder aufzustehen, doch meine Beine gaben unter mir nach. Die Bewegung ließ die Dunkelheit schnell auf mich zukommen, als würde sich die Welt auf einen winzigen Punkt zusammenziehen. Meine Hände rutschten auf dem Glas ab, meine Sicht verschwamm an den Rändern zu Grau. Sie muss hier sein. Wenn ich sie nur sehen könnte. Wenn ich nur –
Die Welt klappte in sich zusammen – der Lärm, das Wrack, der Geruch von Brand, die kalte Luft, die hereinströmte. Alles kanalisierte sich in einen einzigen schwarzen Tunnel. Und dann war da nichts mehr.