Chapter 1: The Quiet Before
Das Glas beschlug unter Daniels Fingerspitzen, der Rand war seit mehreren langen Minuten unberührt. Eiswürfel klirrten leise, während sie in dem bernsteinfarbenen Scotch schmolzen, doch er nahm es kaum wahr. Er saß am äußersten Ende der dunklen Bar, fernab von dem Lärm und dem Gemurmel der Gespräche. Die vom Regen benetzten Neonlichter der Stadt blinkten schwach durch die hohen Fenster und warfen gebrochenes Licht auf das polierte Holz und die alten Messingbeschläge. Sein grauer Anzug klebte noch immer an ihm von dem Regenguss zuvor, doch er hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Jackett auszuziehen. Er hatte sich überhaupt kaum die Mühe gemacht, irgendetwas zu tun.
Er atmete langsam und leise durch die Nase aus. Das war in letzter Zeit zu seiner Art geworden – stumme Seufzer, unsichtbarer Kummer, innere Kämpfe, die niemand sehen konnte.
Die Scheidungspapiere waren noch nicht einmal eingereicht, doch ihre Stimme hallte noch immer in seinem Kopf wider: „Daniel, ich kann das nicht mehr. Wir sind nicht glücklich. Wir waren es schon lange nicht mehr.“
Er hatte nicht widersprochen. Was hätte das schon gebracht?
Er hatte sein Leben sorgfältig und bewusst aufgebaut – BWL-Studium, Karriereleiter, Haus in Westchester, elegante Ehefrau, feines Besteck. All die Dinge, von denen man ihm beigebracht hatte, dass er sie sich wünschen sollte. All die Dinge, die von außen betrachtet gut aussahen.
Doch mit zweiunddreißig, allein in einer Bar sitzend, wurde Daniel klar, dass er ein Fremder in seinem eigenen Leben war. Und zum ersten Mal fühlte sich der Verlust nicht wie ein Scheitern an. Es fühlte sich an wie ... ein Anfang.
Das Eis klirrte erneut, als er schließlich das Glas anhob und einen langsamen Schluck nahm. Es brannte genau richtig.
Dann, durch das tiefe Summen der Bar-Unterhaltungen und den sanften Rhythmus des alten Jazz aus den Lautsprechern, durchbrach ein plötzliches Lachen die Stille um ihn herum.
Es war laut, ungefiltert und tief vergnügt.
Daniel sah zur Seite, leicht irritiert – bis er die Quelle sah.
Ein großer, goldhaariger Mann stand ein paar Hocker weiter an der Bar und lehnte sich leicht zu einer grauhaarigen älteren Dame hinüber, die aussah, als hätte sie gerade den Witz des Jahrhunderts erzählt. Der junge Mann grinste breit und ausgelassen, während er den Kopf vor Lachen in den Nacken legte.
Australischer Akzent. Kräftig. Voll von Vokalen und Sonnenschein.
„Fair dinkum, das hast du echt gesagt?“, sagte er und lachte noch immer. „Bloody hell, das ist brillant!“
Die Frau kicherte, sichtlich entzückt. Andere um sie herum drehten sich um und lächelten. Der Barkeeper goss sein Getränk mit einem Grinsen ein.
Daniel beobachtete ihn, trotz allem neugierig. Der Mann war beeindruckend – blonde Wellen fielen ihm locker in die Stirn, gebräunte Haut, ein Körper wie von jemandem, der vor dem Frühstück surfte, aber dennoch einen maßgeschneiderten dunkelblauen Blazer trug, als wäre es das Normalste der Welt. Sein Hemd war am Kragen offen, die Ärmel gerade so weit hochgekrempelt, dass eine Uhr mit Lederarmband und Unterarme zum Vorschein kamen, die nicht beeindrucken wollten, es aber trotzdem taten.
Selbstbewusstsein, dachte Daniel. Keine Arroganz – einfach eine Leichtigkeit in seiner eigenen Haut. Sie strahlte von ihm aus wie Hitze.
Er wandte sich wieder seinem Drink zu und versuchte, nicht zu starren. Aber er konnte diese Stimme nicht aus dem Kopf bekommen. Die Wärme darin. Das Fehlen von jeder Schutzmauer.
Daniel beneidete ihn sofort.
Er war sich nicht sicher, was ihn mehr fesselte – das Lachen oder die Art, wie der Mann vollkommen präsent wirkte. Als wäre es ihm egal, wer ihn beobachtete. Als bräuchte Freude keine Erlaubnis.
Eine völlig neue Art zu sein.
Daniel hatte den Großteil seines Lebens damit verbracht, die Dinge ordentlich, akzeptabel und erwartungskonform zu halten. Er hatte jede richtige Entscheidung getroffen. Frauen gedatet. Die Richtige geheiratet. Das Leben aufgebaut. Die Rolle gespielt.
Aber jetzt?
Jetzt saß er in einer dunklen Bar am Rande eines stillen Zusammenbruchs, und da war ein blonder Australier, der den Raum nur ein paar Hocker weiter zum Leuchten brachte.
Sein Name müsste etwas Mutiges sein, dachte Daniel geistesabwesend. Etwas Starkes. Er wusste nicht, warum ihn das interessierte.
Als er zurückblickte, sprach der Mann noch immer, doch seine Augen – goldbraun, offen und blitzend – trafen für einen kurzen Moment seinen Blick.
Daniel erstarrte.
Der Fremde lächelte.
Kein anzügliches Lächeln. Nicht ganz. Eher ein: Ich sehe, dass du zusiehst. Das macht mir nichts aus.
Daniel senkte schnell den Blick auf sein Glas, während sein Herz einmal fest gegen seine Rippen schlug.
Jesus, reiß dich zusammen.
Er fuhr sich mit der Hand durch das dunkle Haar und versuchte, das Kribbeln unter seiner Haut zu ignorieren. Es war Jahre – vielleicht ein ganzes Leben – her, seit er auch nur einen solchen Gedanken zugelassen hatte. Und hier war er. Unerwartet. Still und elektrisierend.
Er war nicht der Typ, der leicht aus der Fassung geriet. Nicht mehr.
Die Stimme des Australiers drang wieder zu ihm herüber: „Weißt du, du hast ein Gesicht, das förmlich nach Ärger sucht.“
Daniel war sich nicht sicher, wen er meinte, doch das Flirten schwang jetzt mit – ganz unterschwellig in seinen Worten.
Er drehte sich erneut um, er konnte nicht anders, und diesmal trafen die Augen des Mannes ihn direkt. Lächelnd. Neugierig. Ihn abwägend.
Und dann, mit der mühelosen Anmut von jemandem, der ohne Zögern tat, was er wollte, entschuldigte sich der Mann bei der kleinen Gruppe um ihn herum und ging auf Daniel zu.
Daniels Kehle wurde trocken.
Oh. Scheiße.
Je näher er kam, desto größer wirkte er. Selbst seine Art zu gehen war völlig sicher – die Schultern locker, das Sakko offen, die Hände beiläufig in den Taschen seiner maßgeschneiderten Hose, als wäre dies nur ein gewöhnlicher Abend und Daniel nicht plötzlich völlig unvorbereitet inmitten seines eigenen privaten Zusammenbruchs überrascht worden.
Er blieb neben dem Hocker neben Daniel stehen.
„Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte der Mann, der Akzent war kräftig, das Lächeln locker. „Das Geplänkel an der Bar ist da drüben etwas langweilig geworden. Ich dachte, du siehst aus wie jemand, der eine ordentliche Ablenkung gebrauchen könnte.“
Daniel starrte ihn an, für einen Moment gefangen zwischen Kampf, Flucht und der Unfähigkeit zu sprechen.
Doch der Mann drängte nicht. Er blieb einfach da stehen und wartete. Kein Druck. Nur eine sanfte, köchelnde Neugier in seinem goldenen Blick.
Daniel räusperte sich schließlich. „Ich bin heute Abend keine besonders gute Gesellschaft.“
„Ach so?“, das Lächeln des Mannes wurde etwas breiter. „Na ja, zu deinem Glück bin ich nicht so leicht abzuschrecken.“
Und genau so, noch bevor Daniel ein weiteres Wort sagen konnte, zog der Fremde den Hocker heraus und setzte sich neben ihn.