Kapitel 1.
Ein Klappstuhl aus Metall quietschte, als er aufgeklappt und in die Mitte des Raumes gestellt wurde. Wir trafen uns mitten in der Nacht in einem stillgelegten Lagerhaus. Die perfekte Kulisse für einen Drogendeal.
Staub hing in der Luft. Eine einzige Leuchtstoffröhre über meinem Kopf erhellte den Raum nur spärlich.
Ich setzte mich und nickte Arthur, meiner rechten Hand, dankend zu. Dann strich ich eine Falte aus meiner Hose. Mir gegenüber stellte der dunkelhaarige Mann einen weiteren Stuhl auf.
„Wir sollten einfach mit den Italienern zusammenarbeiten“, murmelte er mir zu. „Den Franko-Kanadiern traue ich nicht über den Weg.“
Arthur wusste nicht, dass ich die Tochter des Mafioso gefickt hatte. Damit hatte ich mir unfreiwillig alle Brücken verbaut. Scheinbar war das bei den Italienern ein absolutes No-Go.
Woher sollte ich das wissen? Ich war schließlich kein Italiener.
Mit einem Schnauben verschränkte ich die Finger über dem Knie. „Und warum bitteschön nicht? Haben die Kanadier nicht auch das Recht, Drogen zu verkaufen?“
„Sie sollten nicht so weit in den Süden reisen müssen, um Stoff zu finden.“
Arthur hasste dieses neue Geschäftsvorhaben. Um ehrlich zu sein, hatte ich mich auch nie als Drogenbaron gesehen. Der Grund war simpel: Es gab genug Arbeit im Sicherheitsbereich.
Aber mir war eine grandiose Gelegenheit vor die Füße gefallen: hunderte Kilo Kokain. Der russisch-amerikanische Lieferant Balshov war tot, und es war ein Machtvakuum entstanden.
Seine Ware war nun in meinem Besitz. Welche Wahl hatte ich also, außer es zu versuchen? Ich hatte noch nie davor zurückgeschreckt, etwas Neues auszuprobieren.
„Sag dem Rudel, sie sollen sich verwandeln und draußen warten. Sie sollen sich außer Sichtweite halten, ja?“
Arthur atmete scharf durch die Nase aus. „Schon gut.“
Ich hob den Kopf. Ich hörte die Autos auf der Schotterauffahrt, noch bevor ich die Scheinwerfer durch die dreckigen Fenster sah.
Vier schwarze, gepanzerte SUVs fuhren vor. Sie schalteten das Licht aus, ließen aber die Motoren laufen.
„Jetzt geht’s los.“ Ich warf Arthur einen Blick zu. Er stand direkt hinter meiner rechten Schulter. Leise schob er die Hand in seine Jacke, um seine Pistole zu entsichern. „Zieh kein so mürrisches Gesicht. Ich habe gehört, der Mann ist extrem alt und misstrauisch. Wir setzen auf echte Freundlichkeit, Arthur.“
„Du bist derjenige, der rüberkommt wie ein Gebrauchtwagenhändler“, murmelte er. Ich musste laut auflachen.
„Wie bitte? Was ist das denn plötzlich für eine Einstellung –“
„Magnus. Augen auf.“ Arthur nickte nach vorne, als die Türen aufschwangen. Zwei hünenhafte Gestalten in Schwarz traten ein. Sie wurden kaum von dem dämmrigen Licht über uns beleuchtet.
Ich lächelte und erhob mich. Ich wartete, während sie den Raum scannten. Das war bei einer Sicherheitsüberprüfung völlig normal. Da ich selbst oft genug als Bodyguard gearbeitet hatte, erwartete ich nichts anderes.
„Riechst du das?“, fragte Arthur über unsere Rudelverbindung. Mein Lächeln wurde starrer, als ich seine Anspannung spürte.
„Ich rieche keine Alphas“, antwortete ich. „Oder andere Wölfe außer unseren. Beruhige dich.“
„Es ist kein Wolf, den ich rieche. Es ist... etwas anderes.“
Arthur grummelte leise hinter mir. Wir blickten beide wieder auf, als wir das Klacken von Absätzen auf dem Holzboden hörten.
Eine jüngere Frau trat ein. Ihr kurzer schwarzer Bob umrahmte stechende blaue Augen, die das Lagerhaus absuchten. Ihr Blick war prüfend und von militärischer Präzision. Erst als sie zufrieden schien, nickte sie einem der Wachmänner kurz zu.
Ihre blauen Augen wanderten zu Arthur und blieben schließlich an mir hängen. Typisch. Arthur war massiger und wirkte bedrohlicher als ich. Ich wurde in einer Gruppe meist als der Harmloseste eingeschätzt.
Wer war sie? Die Sicherheitschefin? Sie wirkte zu jung, vielleicht Anfang dreißig. Mein Blick blieb an ihren Kurven unter dem schwarzen Outfit hängen. „Hübsch“ war gar kein Ausdruck. Ich starrte eine Sekunde zu lang auf ihre vollen Lippen.
„Nur Arthur und ich sind hier“, log ich mit einem gewinnenden Lächeln.
Die Frau ließ sich von meinem Getue nicht beeindrucken. „Sie haben drei Minuten Zeit zum Reden. Danach gehen wir wieder.“
Mein Lächeln wurde schmaler. „Verzeihung, haben Sie hier das Sagen?“
„Das habe ich“, krächzte ein alter Mann mit starkem französischem Akzent. Er durchquerte den Raum mit langsamen, bedächtigen Schritten. Er steuerte auf den Klappstuhl gegenüber von mir zu. Die junge Frau war sofort an seiner Seite, um ihm beim Hinsetzen zu helfen. Er reichte ihr seinen Gehstock und seinen schwarzen Filzhut. Dann sah er mich aus braunen Augen an. „Marcel. Und Sie sind...?“
„Magnus“, antwortete ich und wollte ihm die Hand schütteln. Er hatte einen überraschend festen Händedruck für so einen alten Knacker. Danach hielt ich der Frau meine Hand hin.
„Solenne“, sagte sie. Sie betrachtete meine Hand, schüttelte sie aber nicht. Stattdessen trafen mich ihre blauen Augen mit offenem Misstrauen. Sie würde kein leichter Fang werden.
„Sehr erfreut.“ Ich konnte den trockenen Unterton nicht verbergen und ließ die Hand sinken. Ich setzte mich, schlug die Beine übereinander und zwang mich zu einem freundlichen Gesicht. „Kommen wir zum Punkt. Sie wissen sicher, dass ich eine große Menge an Ware besitze. Ich bin gerne bereit, sie gegen ein angemessenes Angebot abzugeben.“
„Fünfundneunzig Prozent der Einnahmen bleiben bei uns“, sagte Solenne.
Ärger stieg in mir auf. Ich hielt Marcels Blick stand und tat so, als hätte ich dieses beleidigende Angebot gar nicht gehört.
„Fünf Prozent Gewinn für mich sind keine angemessene Zahl“, presste ich hervor, während ich mein Lächeln mühsam aufrechterhielt.
Marcel neigte den Kopf und Solenne beugte sich zu ihm. Er flüsterte ihr etwas auf Französisch zu. Ich verfluchte mich innerlich, dass ich kein Wort davon verstand.
Nach einem Moment richtete sie sich wieder auf.
„Wenn alles nach Plan läuft, überdenken wir die Zahlen vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt.“ Ihre Worte klangen hölzern und unfreundlich. Und doch... ihre seidige Stimme schmeichelte meinen Ohren.
Trotzdem gefiel mir das Ganze nicht. Sie gefiel mir auch nicht, trotz ihres Aussehens.
Ich kniff die Augen leicht zusammen und legte die Fingerspitzen aneinander. „Und ich nehme an, Sie sprechen für Marcel?“
„Meine Enkelin spricht besser Englisch“, erklärte Marcel.
Enkelin. Mist.
Nicht nur die Sicherheitschefin. Vielleicht die Nachfolgerin seines Imperiums.
Ich musste meine Taktik ändern.
„Ich arbeite seit Jahren indirekt in diesem Geschäft.“ Ich lächelte und streckte die Hand aus. Arthur legte ein kleines Päckchen in meine Handfläche. „Dieser Stoff ist hochwertig und extrem rein. Ich habe eine Probe mitgebracht, damit Sie selbst testen können.“
„Ein Stoff, auf dem Sie seit fast einem Jahr sitzen“, fügte Solenne hinzu. Offenbar hatte sie ihre Hausaufgaben gemacht. Innerlich verfluchte ich sie dafür. „Sie haben sich überall umgehört, aber niemand will mit Ihnen arbeiten.“
„Ich habe lediglich auf den perfekten Partner gewartet“, erwiderte ich gelassen, statt eine fiese Bemerkung zu machen. Einer ihrer riesigen Sicherheitsleute trat vor, um die Probe entgegenzunehmen.
„Fünfundneunzig Prozent“, wiederholte sie.
Sie mussten genauso verzweifelt sein, wenn sie extra bis nach Colorado reisten, um mit einem Fremden Geschäfte zu machen. Angesichts dessen war Solennes Arroganz fast schon beeindruckend.
Eigentlich sollte sie vor Dankbarkeit vor mir knien. Bei diesem Bild verspürte ich eine Genugtuung, die mir fast ein wenig zu gut gefiel. Ich rückte meine Hose zurecht und hoffte, dass die leichte Erregung nur Einbildung war.
„Nein. Das ist leider ausgeschlossen“, sagte ich bestimmt und stand auf.
Ich erwartete, dass sie nun ihre Karten auf den Tisch legte und ein Gegenangebot machte.
Stattdessen griff Solenne ihrem Großvater unter den Arm und half ihm beim Aufstehen. Die beiden Männer geleiteten ihn nach draußen. Ich starrte verärgert auf ihren Hinterkopf, während sie ihn hinausbegleitete.
„Überlegen Sie es sich gut“, forderte ich sie auf, als sie sich Arthur und mir wieder zuwandte. „Bei 70 zu 30 wäre ich dabei.“
Solenne stieß ein leises, tiefes „Hmm“ aus. Ich schätze, das sollte ein Lachen sein. „Nein.“
„Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie eine miserable Verhandlungsführerin sind?“
„Das liegt daran, dass ich nicht verhandle. Nicht mit Abschaum.“
Ich versteifte mich sofort. Abschaum. So hatte man mich seit meiner Kindheit nicht mehr genannt.
Lügner? Verräter? Manipulator? Sicherlich.
Aber... Abschaum?
Verunsichert zupfte ich am Saum meines Maßanzugs.
„Dann verstehe ich jetzt, warum Ihre Familie so händeringend nach neuen Kontakten sucht.“ Ein herablassendes Lächeln kehrte auf meine Lippen zurück. „Mit Ihrer sturen Art haben Sie wohl alle alten Brücken hinter sich abgebrannt. Viel Glück mit Ihrem zerfallenden Imperium, Solenne.“
Ihre Miene verzog sich nicht. Aber ich hatte einen wunden Punkt getroffen. In Rekordzeit zog sie eine Pistole und zielte auf mich.
Arthur wollte sich auf sie stürzen, doch ich hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.
„Schon gut“, versicherte ich ihm, ohne den Blick von ihr abzuwenden. „Ich denke, wir wissen jetzt beide, woran wir sind, oder?“
Über unsere Verbindung befahl Arthur den anderen Rudelmitgliedern, das Lagerhaus zu umstellen. Eine vertraute Spannung lag in der Luft. Eine Elektrizität, die Gewalt versprach.
„Du warst mir in dem Moment unsympathisch, als ich dein falsches Lächeln sah und dein räudiges Rudel roch“, sagte sie. Ich und Arthur waren gleichermaßen verblüfft.
Woher zum Teufel wusste sie, dass wir Shifter waren?
„Nur weil ich eine faire Bezahlung will, bin ich noch lange kein Betrüger“, sagte ich und versuchte, nicht die Zähne zu fletschen.
„Das ist der Preis, wenn man mit Profis arbeitet. Du spielst nicht in unserer Liga.“
Wieder ein Seitenhieb auf meine Unzulänglichkeit. Vor meinem inneren Auge sah ich bereits, wie ich meine Hände um ihren schmalen Hals legte und ihn brach.
„Was sind deine Befehle?“, fragte Arthur panisch. „Sollen wir angreifen?“
„Nein“, antwortete ich.
„Achtzig zu zwanzig. Wie sieht’s damit aus?“, fragte ich mit einem hoffnungsvollen Lächeln.
Sie seufzte. „Hier ist mein Gegenangebot.“
„Siehst du?“, sagte ich triumphierend zu Arthur und senkte die Hand. „Sie wird vernünftig.“
Ohne Vorwarnung drückte Solenne ab. Zwei Schüsse trafen mich in die Schulter, ein weiterer Arthur ins Bein.
Dampf stieg von meinem Körper auf. Das Zischen brennender Haut riss mich aus meiner Benommenheit. Ich rang nach Luft, während ich zusammensackte.
Silberkugeln. Verdammt.
„Fünfundneunzig.“ Sie stand über mir, während ich mich an meine Schulter klammerte. Sie hob eine Augenbraue und sah zu, wie das Blut zwischen meinen Fingern hervorquoll. Ein leises Stöhnen war meine einzige Antwort.
„Wie gesagt, du spielst nicht in unserer Liga. Geh nach Hause.“
Scheiße.
Der Schmerz war unerträglich. Meine Augen verdrehten sich und ich verlor das Bewusstsein.