Kapitel 1 Das Abendessen
Charlotte
2. OKTOBER 2025
„Baby, ich glaube, wir sollten uns trennen.“
Das sind die Worte, die mein Freund, mit dem ich seit zwei Jahren zusammen bin, sagt. Dabei spielt er nervös mit seinen Fingern auf dem teuren Marmortisch des noch teureren Restaurants herum, das er ausgesucht hat.
„Wie bitte – was?“, platzt es aus mir heraus. Ich bin ein bisschen zu laut. Die Leute drehen die Köpfe nach uns um und tuscheln. Ich verstehe nicht genau, was sie sagen, aber sie verurteilen mich definitiv und genießen die Show.
Ich sitze hier in einem roten, ärmellosen Rüschenkleid, das ich in einem Secondhand-Laden bestellt habe. Etwas Neues konnte ich mir nicht leisten. Ich bin pleite wie sonst was, aber ich habe es trotzdem geschafft, meine letzten Ersparnisse zu opfern, um für meinen Freund hübsch auszusehen.
Ich dachte, heute wäre DER Abend. Der Abend, an dem er mir einen Antrag macht.
Ich war sogar seit Monaten das erste Mal wieder beim Friseur. Meine kranke Mutter hatte darauf bestanden, dass ich mir mal was gönne. Sie leitet unser sterbendes Café, wollte aber trotzdem, dass ich schön aussehe. Ich dachte, Carl würde heute vor mir auf die Knie gehen. Stattdessen tritt er gerade nur auf meinem Herzen herum.
„Es ist einfach so… du bist nicht mehr mein Typ Frau“, sagt Carl ganz beiläufig. Er hebt sein Weinglas, als würden wir gerade ein nettes Gespräch darüber führen, wie man die Welt verbessern könnte.
Ich starre ihn an und unterdrücke den Drang, ihm den Wein mitten ins Gesicht zu schütten. „Dafür hast du zwei Jahre gebraucht?“, frage ich. Meine Stimme ist ruhiger, als sie sein sollte, und das ist immer mein Problem. In meinem Kopf habe ich ein loses Mundwerk, aber mir fehlt der Mut, es laut auszusprechen.
Es gibt so viele Dinge, die ich ihm an den Kopf werfen will, aber natürlich tue ich es nicht. Ich sitze einfach nur da, sehe dumm aus und fühle mich elend.
„Ich dachte, ich kriege das hin, weißt du? Wir haben viel zusammen durchgemacht, aber du weißt ja, wie das ist.“
Bevor ich antworten kann, stellt ein Kellner einen abgedeckten Teller vor uns ab. Er hebt den Deckel und zum Vorschein kommt ein perfekt gebratenes Steak – nur eines. Ich kann nicht fassen, dass er für mich nichts bestellt hat.
„Danke“, sagt Carl zu ihm und lächelt ihn an, als gäbe es einen Preis für das schönste Lächeln zu gewinnen. Der Kellner zwinkert und lässt beim Weggehen die Hüften kreisen. Ich kann mir ein Schnauben nicht verkneifen.
Nicht nur, dass mein Freund mich abserviert, er sammelt mitten in der Trennung auch noch Verehrer ein.
„Wie ich schon sagte“, fährt er fort und steckt sich eine Serviette in den Kragen, „seit meiner Beförderung sind meine Mutter und ich uns einig, dass es Zeit für jemanden ist, der… vorzeigbarer ist. Jemand, der zu meinem neuen Image passt und mich zu großen Events begleiten kann.“
Überrascht es mich, dass seine Mutter hier ein Wörtchen mitzureden hatte? Nein, überhaupt nicht, denn sie kontrolliert praktisch sein ganzes Leben. Carl war nicht perfekt, sicher, er war im Bett eine ziemliche Niete. Aber ich dachte, ich könnte ihm noch ein paar Dinge beibringen, wie er mich verwöhnen kann, verstehst du? Ich war noch nicht bereit, ihn gehen zu lassen.
„Und was stimmt mit mir nicht, Carl? Warum kann ich dich nicht zu diesen Dingen begleiten?“ Meine Stimme zittert, und ich hasse mich dafür. „Ich dachte, wir hätten etwas Echtes.“
Er schneidet ein Stück Steak ab, kaut und summt genüsslich, als würde er den Geschmack meines Herzschmerzes auskosten. „Du bist hässlich, Charlotte.“
Habe ich mich verhört oder hat er mich gerade wirklich hässlich genannt?
„Du hast Zähne wie ein Streifenhörnchen und deine Haare… die sind total kaputt.“
Ein Paar am Nachbartisch schielt herüber und tuschelt. Ganz instinktiv wandert meine Hand zu meinem Mund. Klar, ich habe Hasenzähne, aber ich hätte nie gedacht, dass sie mich hässlich machen.
„Ich will dich einfach nicht mehr“, fügt er mit noch vollem Mund hinzu. „Vielleicht überlege ich es mir irgendwann anders, wenn du dich mal aufvordermann bringst. Aber im Moment bist du einfach nicht mehr mein Fall.“
Genau in diesem Moment knurrt mein Magen, und zwar laut.
Er runzelt die Stirn. „Hast du Hunger? Warum hast du nichts bestellt? Sag bloß, du hast kein Geld dabei.“ Seine Stimme ist so laut, dass es das ganze Restaurant hören kann.
„Es tut mir leid“, flüstere ich und klammere meine Hände unter dem Tisch zusammen. Jetzt weiß der ganze Saal, dass ich pleite und gedemütigt bin. So habe ich mir den Anfang des Oktobers nicht vorgestellt. Ich dachte, ich würde eine Weihnachtshochzeit planen. Stattdessen sehe ich zu, wie meine Zukunft in Scherben bricht, und fange unkontrolliert an zu weinen.
„Du heulst jetzt ernsthaft? Nur weil ich dich nicht mehr will?“, stöhnt er genervt auf. „Charlotte, blamier mich nicht so.“
Er lehnt sich zurück und verschränkt die Arme.
„Ich liebe dich, und du machst in aller Öffentlichkeit mit mir Schluss. Da ist es doch nur normal, dass ich jetzt weine“, sage ich. Mein Hals fühlt sich wie zugeschnürt an. Ich schnappe mir sein Weinglas und leere es mit einem Zug, nur um den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken. Er starrt mich an, als wäre ich diejenige, die gerade Schluss macht.
„Du hast gerade deine Spucke an mein Glas geschmiert. Das ist ekelhaft.“
„Bitte, Carl“, flüstere ich, „wir können das wieder hinkriegen…“
„Muss ich es dir buchstabieren? Ich will dich nicht mehr, Charlotte!“, schreit er. „Du bist nicht mehr mein Typ und Geheule wird daran nichts ändern. Du siehst erbärmlich aus…“
Ein Mann, der gerade vorbeiläuft, schüttet Carl plötzlich seinen Drink über den Kopf.
„Was zum Teufel?!“, brüllt Carl und springt auf. Doch bevor er irgendetwas tun kann, tauchen wie aus dem Nichts mehrere Männer in schwarzen Anzügen auf und stellen sich zwischen ihn und den Fremden.
Der Mann, der den Drink geworfen hat, sagt kein Wort. Er steht wie ein Fels hinter seinen Leuten. Er ist groß, wirkt einschüchternd, und ich brauche niemanden, der mir sagt, dass er reich ist. Das sehe ich auch so.
Der lange braune Mantel, der über seine Schultern fällt, und die Designeruhr an seinem Handgelenk könnten mich wahrscheinlich ein ganzes Jahr lang ernähren. Er trägt auch einen Ring am Finger, der zweifellos ein Vermögen gekostet hat.
Er trägt eine Sonnenbrille, mitten in der Nacht. Aber irgendwie stört mich das nicht einmal, weil er verdammt gut aussieht.
Carl, der immer noch tropft, zeigt mit zitterndem Finger auf ihn. „Wer zum Teufel glauben Sie, wer Sie sind?“
Der größte der Wächter tritt vor. Sein Akzent klingt so glatt wie Butter und verrät mir, dass er nicht von hier ist. „Die eigentliche Frage ist: Wer glauben Sie eigentlich, wer Sie sind, mein Herr?“
Carl erstarrt. Sogar er merkt, dass man sich mit diesen Leuten besser nicht anlegt.
Der einschüchternde Mann mit der Sonnenbrille kommt auf mich zu. Jede Faser meines Gehirns fleht mich an, ihn nicht anzusehen, während er sich bewegt.
„Schau ihn nicht an, schau ihn nicht an“, warnt mich mein Verstand. „Reiche Männer bedeuten nur Ärger, schau ihn nicht an.“
Aber er hebt seine behandschuhte Hand und legt sie unter mein Kinn, um meinen Kopf sanft anzuheben. In dem Moment, als ich seine Berührung spüre, setzt mein Denken aus. Herrgott noch mal, warum glotzen die eigentlich alle noch so? Ich bin doch keine Reality-Show.
„Lassen Sie mich raten“, sagt er leise. Ich fange sofort an zu grübeln, woher er wohl kommen mag, denn sein Akzent macht mich wahnsinnig an. „Sie sind Amerikanerin?“
„J-ja“, bringe ich gerade so heraus.
Seine Finger streifen meinen Kiefer, und mein Atem stockt. Er ist so nah, dass ich sein dezentes, aber sauberes Parfüm riechen kann. Obwohl sein Gesicht halb verdeckt ist, ist er wunderschön. Seine Haut sieht unwirklich aus, als würde er in Milch baden oder so.
Ich senke den Blick, weil ich das Gefühl habe, er würde mich mit seiner Schönheit blind machen. „Schauen Sie mich an“, befiehlt er, und verdammt, ich gehorche sofort.
„Lass die Finger von ihr! Sie gehört dir nicht!“, brüllt Carl. Einer der Leibwächter verpasst ihm einen gezielten Schlag mitten ins Gesicht. Ich will Carl eigentlich helfen, aber nicht, während dieser Mann, der aussieht, als wolle er meine Seele stehlen, immer noch mein Kinn hält.
„Sie haben ein wunderschönes Gesicht“, sagt der attraktive Fremde, während sein Daumen über meinen Kiefer streicht. „Und Ihre Augen… sie sind außergewöhnlich.“
Sein Akzent klingt britisch, vielleicht? Ich kann es nicht genau sagen.
„Sie… Sie finden mich schön?“, frage ich überrascht, dass mir ein völlig Fremder ein Kompliment macht.
„Ja“, antwortet er schlicht. „Aber Sie sind genauso töricht, wie Sie schön sind.“
Mein Lächeln erlischt. „Wie bitte?“
Er lässt seine Hand sinken. „Sie lassen sich von einem Mann wie diesem vor aller Welt demütigen, obwohl Sie ein Gesicht haben, für das viele morden würden. Das ist töricht.“
Er nickt seinen Männern zu, und einer von ihnen stößt Carl zurück in seinen Stuhl. Sie drehen sich um und sind genauso schnell weg, wie sie gekommen waren.
Ich atme zittrig aus und werfe Carl einen Blick zu. Seine Nase blutet, aber ich empfinde kein Mitleid für ihn. Ich kann nur an die Stimme des Fremden denken, als er mich töricht nannte.
„Diese Bastarde haben mein Essen ruiniert!“, schreit Carl und schlägt mit der Faust auf den Tisch. Die Leute wenden sich ab, wir interessieren sie nicht mehr.
„Ich sollte gehen“, sage ich zu ihm und schnappe mir meine Tasche.
„Warte – wo willst du hin? Du hilfst mir nicht mit meiner Nase? Hilf mir gefälligst!“ Er packt mich am Handgelenk.
Ich starre auf seine Hand auf meinem Arm und ziehe mich los. „Lass dir von deiner Mutter helfen, Carl. Ich wünsche dir noch ein schönes restliches Jahr.“
Ich laufe aus dem Restaurant, ohne mich noch einmal umzusehen. Er hat mich gedemütigt, und vielleicht war die Trennung das Beste, was mir passieren konnte.