Prolog
Ich war acht Jahre alt, als ich zum ersten Mal merkte, dass ich anders war als alle anderen.
In Elizabeths Haus roch es immer nach Keksen und Weichspüler. Es war warm, süß und sicher – ein Gefühl, das an einem haftete, lange nachdem man gegangen war. Mein Rucksack war viel zu groß für meine schmalen Schultern und an den Nähten schon ganz zerfranst. Er rutschte mir halb den Arm runter, während ich die Stufen zur Haustür hochschlurfte.
Die Tür war nicht abgeschlossen, so wie immer. Ich drückte sie vorsichtig auf. Bevor ich reinging, putzte ich mir brav die Turnschuhe auf der Matte ab. Dabei waren sie sowieso schon total abgewetzt und rissig, weil ich sie von anderen aufgetragen hatte.
Elizabeth war in der Küche. Ihre Haare steckten in einem unordentlichen Pferdeschwanz und sie hatte einen Schokofleck auf der Wange, während sie sich über die Arbeitsplatte beugte. Sie backte mal wieder Kekse, denn das machte Elizabeth nach der Schule immer. Ihre Familie hatte eine Vorratskammer voller Sachen, die nur darauf warteten, in etwas Warmes und Perfektes verwandelt zu werden.
„Skylar!“ Sie drehte sich um und grinste mich breit und herzlich an. Bei diesem Grinsen vergaß ich für einen Moment, dass meine Socken nicht zusammenpassten und mein Shirt früher mal jemand anderem gehört hatte.
„Hi“, sagte ich und hielt mich an den Trägern meines Rucksacks fest.
„Du kommst genau richtig. Die erste Ladung ist fast fertig. Willst du mir helfen, sie zu verzieren?“
„Ja, gerne.“
Ich fing gerade an, mir an der Tür die Schuhe abzustreifen, als eine Stimme durch den Flur dröhnte.
„Schickes Shirt, Sky. Gab’s beim Sozialkaufhaus wieder Prozente?“
Ich schreckte hoch.
Alex Mercer stand am Ende des Flurs. Er klemmte sich einen Basketball unter den Arm und seine Haare fielen ihm in die Augen. Er sah nicht wütend aus. Das tat er eigentlich nie. Er wirkte eher eingebildet, als wüsste er etwas, das ich nicht wusste. Als wäre ich die Pointe eines Witzes, den ich niemals verstehen würde.
Die Hitze schoss mir ins Gesicht. Sofort versuchte ich, mein Shirt glattzustreichen. Mama hatte gesagt, es sei „quasi wie neu“, weil man den Fleck am Kragen „kaum sehen“ würde.
Elizabeth fuhr zu ihm herum, so bissig, wie nur sie es sein konnte. „Alex“, herrschte sie ihn an, „halt den Mund oder geh nach Hause! Du stinkst sowieso.“
„Was denn?“ Er zuckte mit den Schultern und tat ganz unschuldig. „Ist doch nur ein Shirt.“
Ich zwang mich zu einem Lächeln, das ich nicht so meinte. Meine Stimme klang dünner, als mir lieb war, als ich sagte: „Ist schon gut.“
Nichts war gut.
Die nächsten Jahre verschwammen vor meinen Augen wie ein Heimvideo im Schnelldurchlauf.
Sommernachmittage in dem Garten der Mercers. Elizabeth und ich lagen im Gras und flüsterten über die Jungs aus unserer Klasse, während uns die Sonne auf den Pelz brannte. Alex und sein Zwilling Oak spielten Basketball in der Einfahrt. Sie riefen uns freche Sprüche zu, die wir ignorierten – oder zumindest so taten.
Außer mir. Es war schon immer unmöglich gewesen, Alex zu ignorieren.
„Willst du den ganzen Sommer da rumsitzen, Sky, oder machst du auch mal was Nützliches?“
„Irgendwann fliegst du über diese Flip-Flops auf die Nase, pass mal auf. Wär aber auch egal, du kannst ja eh nicht rennen, selbst wenn dein Leben davon abhängen würde.“
Es war nie so richtig bösartig. Aber es war immer gerade fies genug, um wehzutun. Es sorgte dafür, dass ich hart schlucken musste und mich daran erinnerte, lieber den Kopf einzuziehen.
Ich dackelte Elizabeth überallhin nach, weil ihr Zuhause ein sicherer Ort war. Bei mir zu Hause... war das nicht so. Da war das Geld immer knapp, es wurde viel gestritten und manchmal gab es nur Cornflakes zum Abendessen, weil nichts anderes da war. Bei Elizabeth stand immer Essen auf dem Tisch und es wurde viel gelacht.
Aber da war eben auch Alex.
Als wir zwölf waren, hatte ich gelernt, mich unsichtbar zu machen, wenn er in der Nähe war.
Er spazierte an mir im Flur vorbei, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen – es sei denn, er wollte einen Spruch loswerden. Und wenn er das tat, saß der Stich immer tief genug, um eine Narbe zu hinterlassen.
„Schon wieder diese Schuhe, Sky? Gab’s im Secondhandladen nichts in deiner Größe?“
Oder, noch schlimmer: „Du solltest dir von Liz die Haare machen lassen, bevor wir zum Schulball gehen. Dann würde dich vielleicht tatsächlich mal jemand bemerken.“
Elizabeth verteidigte mich jedes Mal. Sie funkelte ihn böse an und sagte ihm, er solle endlich erwachsen werden. Manchmal verdrehte Oak die Augen und brummte seinem Zwilling zu, er solle die Klappe halten.
Aber das half nichts.
Der Schmerz blieb immer zurück.
An einen Nachmittag erinnerte ich mich ganz besonders gut.
Ich war vielleicht dreizehn. Elizabeth und ich lagen im Garten der Mercers auf dem Boden. Aus der kleinen Anlage in der Ecke dröhnte viel zu laute Musik. Elizabeth wollte unbedingt auf ihr Trampolin und hatte mir versprochen, dass Alex nicht da wäre. Oak hatte ihr erzählt, dass er heute Nachmittag Fußballtraining hätte.
„Warum ist die eigentlich immer hier?“
Es war Alex.
„Weil sie Elizabeths Cousine ist. Die zwei verstehen sich eben gut“, sagte Alex’ Stiefmutter mit strenger Stimme.
„Sie hängt ständig hier rum, frisst unser Essen weg, nutzt unser WLAN –“
„Sie ist noch ein Kind, Alex. Hör auf, so ein Arsch zu sein.“
Eine kurze Pause, dann wieder seine Stimme. Diesmal leiser, aber irgendwie noch gemeiner. „Die schleicht sich doch nur hier ein, weil es bei ihrer Familie drunter und drüber geht und sie hier alles umsonst abgreifen will.“
Mir stockte der Atem. Meine Hände erstarrten in Elizabeths Haaren. Der Zopf, den ich gerade geflochten hatte, löste sich wieder.
Ich wartete und betete, dass sie etwas sagen würde, egal was, um ihm das Maul zu stopfen. Aber das Schweigen hielt viel zu lange an. Die Scham brannte heiß und schwer in meiner Brust.
Ich wartete nicht ab, bis Elizabeth es merkte. Ich murmelte irgendwas davon, dass ich meinen Rucksack in ihrem Zimmer vergessen hätte, und haute ab. Meine Wangen glühten und ich hatte einen dicken Kloß im Hals.
Als ich ihr Zimmer erreichte, schwor ich mir eines: Alex Mercer würde mich nie wieder am Boden sehen.
Danach blieb ich fast zwei Wochen lang weg. Elizabeth rief mich jeden Tag an und sprach mir auf den Anrufbeantworter, wenn ich nicht ranging. Ich ignorierte die Nachrichten einfach. Ich redete mir ein, dass es so besser sei. Es war besser, nicht in ihrer perfekten Küche mit den sauberen Tresen und den frischen Obstschalen zu sitzen, während Alex in der Nähe rumlungerte. Er wartete ja nur auf die nächste Gelegenheit, mich mit seinem Grinsen oder einem fiesen Spruch zu verletzen.
Wenn die Mercers doch nur weit, weit wegziehen würden. Vielleicht bliebe mir seine Anwesenheit dann erspart.
Als ich schließlich wiederkam, war oberflächlich alles wie immer. Elizabeth fiel mir um den Hals, als wäre keine Zeit vergangen, und quasselte ohne Punkt und Komma über alles, was ich verpasst hatte. Oak fragte, ob ich Lust auf Basketball hätte, obwohl ich grottenschlecht war und er das genau wusste.
Und Alex?
Alex würdigte mich keines Blickes.
Eigentlich hätte ich erleichtert sein müssen. Aber das war ich nicht. Ich hörte immer noch seine Stimme von jenem Tag. Ganz leise und sicher hatte er mich beschuldigt, die einzige Familie auszunutzen, bei der ich mich jemals sicher gefühlt hatte.
Von da an baute ich Mauern um mich auf. Ich lachte, wenn es von mir erwartet wurde. Ich spielte mit, wenn Elizabeth mich bekniete. Aber ich hielt mich nicht mehr in der Küche auf. Ich hörte auf, mir vorzustellen, dass ihr Zuhause auch ein bisschen meines war.
In der Highschool war ich eine Profi-Schauspielerin geworden.
Elizabeth blühte früh auf. Sie war groß, selbstbewusst und genau das Mädchen, das jeden anlächeln konnte und dafür sorgte, dass man sich wichtig fühlte. Sie riss mich einfach mit, ob ich wollte oder nicht. Sie schleppte mich zu Footballspielen, Lagerfeuern und nächtlichen Ausflügen zum Diner.
Ich lernte, wie man sich anpasst. Ich lächelte einfach, wenn jemand über meine alten Jeans lästerte oder darüber, dass mein Handy zwei Modelle hinterherhinkte.
Alex sagte zu dieser Zeit nicht mehr viel. Zumindest nicht laut.
Aber ab und zu erwischte ich ihn dabei, wie er mich beobachtete. In seinen Augen lag dann etwas Hartes, das ich nicht lesen konnte, bevor er wegsah.
Es gab eine Nacht auf einer Party bei einem Freund von Oak, die mir jahrelang im Gedächtnis blieb.
Ich hatte mir ein Kleid von Elizabeth geliehen. Darin fühlte ich mich fast hübsch, solange ich nicht darüber nachdachte, dass es mir gar nicht gehörte. Wir standen in der Küche und quatschten mit ein paar ihrer Freundinnen, als Alex mit Oak und ein paar Jungs aus dem Basketballteam reinkam.
Sein Blick schweifte durch den Raum, blieb an mir hängen und mir lief es eiskalt den Rücken runter.
„Wusste gar nicht, dass jetzt auch schon Sozialfälle zur Party eingeladen werden“, sagte er ganz locker, als würde er über das Wetter reden.
Im Zimmer wurde es totenstill.
Elizabeth schnappte nach Luft und wollte gerade loslegen, aber ich kam ihr zuvor. Ich lächelte ihn kühl und gezwungen an. „Keine Sorge, Alex. Ich bleib nicht lange. Will ja nicht, dass hier die Immobilienpreise sinken.“
Dann ging ich. Ich hielt den Kopf hoch, als wäre mir das alles völlig egal, obwohl ich innerlich am Boden zerstört war.
In dieser Nacht weinte ich in Elizabeths Zimmer. Die Tür war abgeschlossen und das Licht aus. Stumme Tränen tränkten ihr Kissen, damit sie mich nicht hören konnte.
Das war die Nacht, in der ich mir erneut schwor: Alex Mercer würde mich niemals schwach sehen.
Danach ging ich ihm aus dem Weg, wann immer es ging.
Je älter wir wurden, desto einfacher wurde es. Er hatte viel mit der Schule und Basketball zu tun und später mit seinem Job nach dem Abschluss. Ich ging in einem anderen Bundesstaat aufs College. Ich kniete mich voll in meine Kurse und Nebenjobs, um mir alles leisten zu können. Die Entfernung half dabei, die schmerzhaften Erinnerungen verblassen zu lassen, aber ganz weg waren sie nie.
Jedes Mal, wenn ich über die Feiertage oder für ein Wochenende nach Hause kam, war er da. Er war größer geworden, breiter, älter, aber er war immer noch Alex. Immer noch kantig, immer noch undurchschaubar.
Manchmal ignorierte er mich völlig. Manchmal nickte er mir nur kurz zu, als wären wir bloß flüchtige Bekannte. Und einmal, auf einer Weihnachtsfeier, als das Haus viel zu laut war und ich zu müde für meine Fassade, drückte er mir einen Becher Kakao in die Hand. Er sah mich dabei nicht mal an und brummte nur: „Du siehst aus, als würdest du frieren.“
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.
Also tat ich das, was ich schon immer getan hatte.
Ich sagte gar nichts.
Wenn ich zurückblicke, waren diese Jahre eine Mischung aus Wärme und Schmerz.
Elizabeth war die Konstante in meinem Leben. Sie war mein sicherer Hafen, mein Lieblingsmensch. Sie war diejenige, die mich daran erinnerte, dass nicht jeder mich nur bemitleidete oder abschrieb.
Aber Alex war der rote Faden, der sich durch alles zog, egal wie sehr ich versuchte, ihn zu ignorieren. Er war der Junge, der mich bloßgestellt und fertiggemacht hatte. Aber er war auch derjenige, der manchmal – wenn er dachte, niemand sieht hin – kleine, stille Dinge tat. Dinge, die so gar nicht zu dem Bild passten, das ich von ihm im Kopf hatte.
Ich redete mir ein, dass diese Momente nicht wichtig waren. Dass sie gar nichts bedeuteten.
Aber das taten sie doch.
Anmerkung der Autorin
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