Feuer trifft Eis
Es gibt eine ganz besondere Art von Glanz, die man nur mit wahnsinnig viel Geld kaufen kann. Das Kingsley-Penthouse hatte davon mehr als genug. Das Licht der Stadt fiel durch die Glaswände und spiegelte sich auf Marmor und Chrom wider. Alles war in einen glatten, teuren Schimmer getaucht. Auf den Regalen standen kunstvolle Fotos, perfekt ausgewählt und niemals spontan. Die Kingsleys hielten keine Augenblicke fest; sie inszenierten sie.
Anna Kingsley saß an ihrem Frisiertisch. Sie war umgeben von Kleidern, die sie selten selbst aussuchte, und Schuhen, in denen sie niemals einem Bus nachlaufen würde. Ihr Stylist schwebte um sie herum und legte eine perfekte Welle. Jede Haarsträhne war ein kleiner Akt der Kontrolle in einem Leben, in dem sie sonst so wenig davon hatte.
„Vorsicht mit diesen Sorgenfalten, Anna“, murmelte der Stylist. „Du ruinierst sonst den Look.“
Anna starrte ihr Spiegelbild an. Sie sah aus wie aus dem Ei gepellt, voller Diamanten und Glamour. Die Lippen waren geschminkt, die Augen betont, und sie trug ein Kleid, das mehr wert war als die Miete der meisten Leute. Für alle anderen war sie die unangefochtene Königin der Stadt – unnahbar und stets beherrscht.
Doch der Glanz war nur Fassade. Darunter fühlte sie sich vollkommen leer.
Sie hielt sich an der Kante des Frisiertisches fest. Schon wieder eine Gala, schon wieder Händeschütteln, Lächeln und berechnender Charme. So blieb Alexanders Name ganz oben auf der Gästeliste und ihre Gesichter in den richtigen Magazinen.
Sie spielte diese Rolle schon seit Jahren.
Alexander tauchte im Türrahmen auf. Er war groß, trug einen Maßanzug und strahlte diese kühle Ruhe aus, die wie Macht wirkte. Er musterte sie und suchte nach Fehlern.
„Gut“, sagte er. „Der Vorstand kommt heute Abend. Wir müssen sie daran erinnern, dass die Kingsleys keine Schwäche zeigen.“
Annas Lächeln kam wie auf Knopfdruck. „Natürlich.“
Wie oft hatte sie das schon gesagt? Sie hatte aufgehört zu zählen.
Als der Stylist hinausgeschlüpft war, rückte Alexander ihr Armband zurecht. Er wirkte dabei eher wie ein Kurator als wie ein Ehemann.
„Du siehst strahlend aus.“ Es klang eher wie eine Gewinnprognose als wie ein Kompliment.
Sie schluckte. „Danke.“
Er ging für ein Telefonat weg, und Anna ließ für einen Moment die Schultern hängen. Strahlend. Poliert. Makellos. Sie erfüllte alle Erwartungen.
Ihr Handy vibrierte. Ihr Bruder Steve brauchte sie mal wieder als Friedensstifterin. Sie würde hingehen, weil sie das eben so machte. Sie verhinderte, dass das Chaos der anderen überbordete.
Noch eine Nachricht, diesmal von Bianca: „Die Met Ball letztes Jahr war ein einziger Spoiler. Mach dich auf was gefasst heute Abend.“
Anna legte das Handy weg. Sie hatte keine Kraft mehr, aber sie machte trotzdem weiter wie immer.
Die Fahrt im Auto verlief wortlos. Alexander klebte an seinem Handy, während die Stadt in Neonstreifen an ihnen vorbeizog. Anna beobachtete alles und erinnerte sich an das Mädchen, das sie einmal gewesen war. Das Mädchen, das dachte, Manhattan bedeute Freiheit.
Jetzt fühlte es sich nur noch wie ein Käfig mit einer Wahnsinnsaussicht an.
Sie presste die Hand auf die Brust. Sie fragte sich, wie es wäre, wieder etwas Echtes zu wollen. Eine Berührung, die nicht nur für die Show war. Ein Kuss, der nicht zum Drehbuch gehörte.
„Bereit?“, fragte Alexander, als der Wagen hielt.
„Ja“, log sie und trat hinaus in das Blitzlichtgewitter.
Die Gala war ein Rausch aus Kristall, Seide und gegenseitigem Schulterklopfen. Annas Lächeln war eine Maske, die sie perfekt beherrschte. Komplimente prallten an ihr ab; sie hörte kaum hin.
In einer Spiegelwand sah sie ihr Ebenbild – die perfekte Ehefrau, das perfekte Leben. Doch der Frau im Spiegel ging langsam die Luft aus.
Sie nahm sich ein Glas Champagner und spürte, wie er prickelnd ihre Kehle hinunterlief. Für einen Herzschlag stellte sie sich vor, einfach abzuhauen. Einfach in die Nacht hinauszuschlüpfen und die Kameras hinter sich zu lassen.
Stattdessen machte sie den Rücken gerade und stürzte sich wieder ins Getümmel.
Später, als sie allein unter einem Kronleuchter stand, flüsterte ihr ein Fotograf zu: „Lächeln Sie für die Königin von Manhattan.“
Das war kein Kompliment. Es war eine Erinnerung an ihre Pflicht.
Annas Mundwinkel hoben sich, aber ihr Herz raste. Würde sie gleich fallen oder endlich ausbrechen?
Die Heimfahrt war noch stiller. Alexander scrollte auf seinem Handy und bekam nichts mit. Anna presste die Stirn gegen das Fenster, während die Lichter der Stadt vorbeihuschten. Sie war den ganzen Abend nur ein Ausstellungsstück gewesen.
„Du hast nicht genug gelächelt“, sagte Alexander plötzlich.
Sie blinzelte. „Ich habe gelächelt.“
„Nicht so wie früher. Die Leute merken das. Dein Lächeln ist eine Investition, Anna.“
Die Worte trafen sie wie ein Schlag in die Magengrube.
„Ich werde mich bessern“, sagte sie leise.
Er akzeptierte das und drehte sich weg.
Das Penthouse war makellos und seelenlos. Ihr Sohn schlief in einem anderen Flügel und wurde von jemand anderem betreut. Anna streifte ihre Schuhe ab, nur um sofort ermahnt zu werden, sie nicht herumliegen zu lassen.
Sie räumte sie weg und sah sich dabei im Spiegel. Immer noch tadellos. Immer noch leer.
Alexander goss sich einen Drink ein, ohne sie zu fragen, ob sie auch einen wollte.
„Heute Abend war gut. Wir sind unantastbar“, sagte er stolz.
Anna hörte darin nur die Gitterstäbe ihrer Zelle.
Später im Schlafzimmer spulte Alexander sein Programm ab. Er legte die Krawatte ab, und seine Berührung war so unpersönlich wie ein Händedruck. Sie ließ sich von ihm ausziehen und gab ihm, was er wollte. Auch das war ihr Job.
Sie schloss die Augen und versuchte, irgendetwas zu fühlen, egal was.
Danach drehte er sich weg und war schon wieder an seinem Handy. „Morgen geht’s früh los. Sei nicht zu spät.“
Anna lag wie betäubt da. Sie wartete, bis sein Atem ruhig wurde, und schlich sich dann aus dem Bett. Sie goss sich Wein ein und starrte auf die Stadt. Ihr Spiegelbild war eine Maske der Perfektion.
Innerlich war sie am Ertrinken.
Ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer: „Sehen wir uns heute Nacht?“
Sie hätte sie beinahe gelöscht, tat es aber nicht.
An Schlaf war nicht mehr zu denken.
Drei Tage später glänzten die Hamptons unter einem strahlend blauen Himmel. Annas Absätze sanken ins Gras, Diamanten funkelten an ihren Ohren. Polo, Auktionen, Cocktails – alles war bloß Theater.
Alexander war für die Geschäfte da; Anna war da, um gesehen zu werden.
Aber die Nachricht ließ sie nicht los: „Sehen wir uns heute Nacht?“ Sie hatte versucht, sie zu vergessen, aber sie blieb in ihrem Kopf hängen.
Das Spiel begann. Anna schaute stattdessen in den Himmel.
Bianca kam herübergelaufen und flüsterte: „Der verlorene Playboy ist wieder da.“
Anna entdeckte ihn: Victor Roman. Er war sonnengebräunt und wirkte unglaublich gelassen. Er bewegte sich, als gehöre ihm der ganze Laden, und es war ihm völlig egal, ob das jemand merkte.
Anna stockte der Atem.
„Er bedeutet Ärger“, flüsterte Bianca. „Genau das macht ihn so interessant.“
Victors Augen trafen die von Anna und blieben an ihr hängen. Sie zwang sich, wegzusehen, aber der Funke war bereits übergesprungen.
Ein Kennenlernen ließ sich nicht vermeiden.
Victor nahm ihre Hand. Seine Berührung dauerte einen Moment zu lang, fast wie eine Herausforderung. „Königin von Manhattan“, sagte er mit einem verschmitzten Lächeln.
Anna verzog keine Miene. „Der Spruch ist älter als ich. Sie müssen sich schon mehr anstrengen.“
Er grinste. „Sehr gerne.“
Alexander kam zurück, und das Gespräch drehte sich wieder um Geschäfte. Anna hörte kaum zu, weil sie Victors Blicke so deutlich spürte.
Später kam Victor zu ihr rüber. „Sie sehen gelangweilt aus.“
„Bin ich nicht“, log Anna.
Er legte den Kopf schief. „Sie beherrschen die Kunst der Verstellung wirklich perfekt.“
Sie lachte, worüber sie selbst überrascht war. „Und Sie verstehen sich anscheinend auf die Kunst der Unterstellung.“
„Vielleicht. Oder vielleicht haben Sie einfach keine Lust mehr auf dieses ganze Spiel hier.“
Anna nippte an ihrem Champagner und versuchte, die Fassung zu bewahren. „Wie kommen Sie darauf?“
„Sie beobachten die Wolken, nicht das Spielfeld.“
Das war ihr erst klar geworden, als er es ausgesprochen hatte.
Der Nachmittag verging wie im Flug, eine Mischung aus Lachen und Blicken, die zu lange anhielten. Bei Sonnenuntergang waren Annas Knöchel weiß, so fest umklammerte sie ihr Glas.
Victor sah sie von der anderen Seite des Rasens an und hob sein Glas.
Ihr Handy vibrierte.
„Das war ich. Vor drei Nächten. Und ich meinte morgen Abend.“
Mit einem Schlag war alles anders.
Victors Augen fixierten sie, eine stumme Einladung.
Anna spürte das Blitzlichtgewitter kaum noch. Der goldene Playboy hatte seinen Zug gemacht.
Und Anna Kingsley, die Königin von Manhattan, schwankte zwischen Flucht und freiem Fall.