NICOLAI: Der Preis der Schuld

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Zusammenfassung

Um ihren Vater vor riesigen Spielschulden zu bewahren, lässt sich Reese Everand darauf ein, an den berüchtigten Casinobesitzer Marais Black verkauft zu werden. Doch dann erlebt sie die Überraschung ihres Lebens: Statt seiner erscheint sein Sohn. Nicolai Black. Ein Vertrag wird aufgesetzt, Regeln werden festgelegt und eine komplizierte Arbeitsbeziehung beginnt … Geheimnisse kommen ans Licht, Loyalitäten werden auf die Probe gestellt und am Ende steht alles auf dem Spiel. Was wird geschehen?

Genre:
Romance
Autor:
melporter
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
19
Rating
5.0 5 Bewertungen
Altersfreigabe
16+

1 - Der Einsatz

Die Zahl Sieben war eine statistische Anomalie. In dem endlosen Strom von Versandpapieren, die Reese Everand bearbeitete, tauchte die Ziffer Sieben in der Spalte für die Endprüfsumme 3,4 % häufiger auf als jede andere Zahl. Niemand sonst bemerkte das. Niemand sonst würde sich dafür interessieren. Für das Management bei VeriData Solutions waren die Daten lediglich eine Aneinanderreihung von Zeichen, die eingegeben, überprüft und wieder vergessen werden mussten. Für Reese jedoch war es eine Sprache. Die Zahlen flüsterten Geheimnisse über ineffiziente Routen, aufgeblähte Rechnungen und ein Logistiknetzwerk, das langsam an den Rändern ausfranste.

Sie saß in ihrer Kabine, einer von hundert beigen Kästen unter dem flachen, gnadenlosen Schein der Neonröhren. Die Luft roch nach verbranntem Kaffee, industriellem Teppichreiniger und stiller Verzweiflung. Ihr Bildschirm leuchtete mit schwarzen Zahlenkolonnen auf weißem Hintergrund – eine karge digitale Landschaft, durch die sie sich mit der fließenden Präzision eines Konzertpianisten navigierte. Ihre Finger flogen über die Tastatur, das rhythmische Klappern bildete einen stetigen Kontrapunkt zum ängstlichen Pochen in ihrer Brust. Klick, klack, Enter. Wieder ein Lieferschein bearbeitet. Wieder ein winziger Tropfen im riesigen, abgestandenen Ozean ihrer Karriere.

Reese war Datenanalystin, eine gute noch dazu, mit einem Verstand, der dafür geschaffen war, das Signal im Rauschen zu finden. Doch der wirtschaftliche Abschwung war wie eine Flutwelle gewesen, die ihre Chancen hinweggespült und sie in diesem Datenerfassungsjob stranden lassen hatte – einer Position, die etwa ein Zehntel ihrer kognitiven Fähigkeiten beanspruchte. Der Rest ihres Gehirns blieb frei, um sich Sorgen zu machen.

Ihre Mittagspause war ein Ritual der Optimierung. Zwölf Minuten, um das Sandwich zu essen, das sie zu Hause zubereitet hatte (Pute und Schweizer Käse auf Vollkornbrot, Kosten pro Einheit: 1,87 $), drei Minuten, um ihr Bankkonto zu prüfen, und fünfzehn Minuten, um durch die sterilen Flure des Bürokomplexes zu gehen – ein erzwungener Marsch gegen die Lethargie, die sie zu verschlingen drohte.

Heute war die Bankkontoprüfung der schlimmste Teil des Rituals. Die Zahl leuchtete ihr klein und zerbrechlich vom Bildschirm ihres Handys entgegen. 347,19 $. Es war der siebzehnte des Monats. Die Miete war in zwei Wochen fällig. Ein vertrauter Knoten aus kalter Angst zog sich in ihrem Magen zusammen. Sie rechnete die Zahlen im Kopf noch einmal hektisch durch. Tag des Gehaltseingangs, minus Miete, minus Nebenkosten, minus die Mindestzahlung für die kleinste der Kreditkarten, mit denen sie jonglierte. Der Rest war eine hauchdünne Überlebensspanne ohne jeden Spielraum für Fehler. Kein Platz für einen platten Reifen, einen medizinischen Notfall oder für ihren Vater.

Ihr Vater. Der Gedanke an ihn war wie ein schwerer, verrosteter Anker, der sie nach unten zog. Arthur Everand war ein Mann der großen Träume und des katastrophalen Scheiterns, ein Geist, der in den Randbereichen ihres akribisch geordneten Lebens spukte. Er war charmant, auf seine eigene zerstreute Art brillant und besaß ein Talent zur Selbstzerstörung, das an Kunst grenzte.

Der Spaziergang bot ihr heute keinen Trost. Die gepflegten Rasenflächen und die sterilen Glasgebäude des Bürokomplexes fühlten sich wie ein Käfig an. Jeder Baum war in einem präzisen, berechneten Abstand gepflanzt. Jeder Gehweg war perfekt eingefasst. Es war eine Welt der erzwungenen Ordnung, eine fadenscheinige Fassade über dem Chaos, von dem sie wusste, dass es direkt unter der Oberfläche brodelte. Ihr eigenes Leben war eine ähnliche Konstruktion, ein sorgfältig verwaltetes System aus Tabellen und Budgets, das dazu diente, den Schaden der Sucht eines einzigen Mannes einzudämmen.

Zurück an ihrem Schreibtisch verschwammen die Zahlen. Die anomalen Siebenen schienen sie zu verhöhnen. Ein Zufall. Ein bedeutungsloses Muster in einem Meer aus bedeutungslosen Daten. Sie schloss für einen Moment die Augen und drückte ihre Handballen so fest in die Augenhöhlen, bis Funken in der Dunkelheit tanzten. Kontrolle. Sie musste einfach die Kontrolle behalten.

An jenem Abend schlug ihr der Geruch von abgestandenem Zigarettenrauch und Reue entgegen, in dem Moment, als sie die Tür zu ihrer kleinen Wohnung aufschloss. Es war eine Zwei-Zimmer-Wohnung im vierten Stock eines Hauses ohne Aufzug, das schon bessere Jahrzehnte gesehen hatte. Sie hatte ihr Bestes getan, um es sauber und ordentlich zu halten, aber die Anwesenheit ihres Vaters war eine Form von Entropie, die ständig gegen ihre Bemühungen ankämpfte.

Seine Ecke im Wohnzimmer war eine Katastrophenzone: ein überquellender Aschenbecher auf dem Beistelltisch, ein Stapel Rennbahnzettel und eine leere Flasche billiger Bourbon, die auf der Seite lag. Er war nicht da. Das war ein kleiner Segen. Die Konfrontationen waren anstrengend, endlose Diskussionen, die immer mit seinen verletzten Versprechungen und ihrer müden Resignation endeten.

Reese bewegte sich mit geübter Effizienz durch den Raum, ihre eigene Form von stillem Protest. Sie öffnete ein Fenster, um den Raum zu lüften, sammelte die Flasche für das Recycling ein und ordnete den Stapel Post auf dem kleinen Küchentisch. Das meiste war Müll, aber ihr Blick blieb an einem Umschlag hängen, der dort nicht hingehörte. Er bestand aus dickem, cremefarbenem Karton, viel zu teuer für ein Kreditkartenangebot oder eine Stromrechnung. Es gab keine Briefmarke, keinen Poststempel. Er war persönlich zugestellt worden. Ihr Name und ihre Adresse waren in einer strengen Serifenschrift getippt. Es gab keinen Absender, nur eine einzelne, geprägte Initiale in der linken oberen Ecke: ein stilisiertes ‚B‘, das wie eine zusammengerollte Schlange aussah.

Ihr Herz begann einen hektischen, unregelmäßigen Rhythmus gegen ihre Rippen zu schlagen. Sie hob ihn auf. Das Papier fühlte sich schwer an, wichtig. Sie schob ihren Finger unter die Lasche, ihre Bewegungen waren langsam und bedächtig, als wolle sie das Unvermeidliche hinauszögern. Darin befand sich ein einzelnes Blatt aus passendem Karton. Der Text war kurz, brutal in seiner Klarheit.

Es war eine letzte Mahnung wegen Zahlungsverzugs. Nicht von einer Bank. Nicht von einem Kredithai, dessen Schläger vage drohende Nachrichten hinterließen. Das hier war anders. Es war von der Black Incorporation.

Unter dem formellen Briefkopf stand der Name ihres Vaters, Arthur Everand, und eine Zahl, die ihr die Luft in einem schmerzhaften Stoß aus der Lunge presste. 1.250.000 $.

Eineinviertel Millionen Dollar.

Reese ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken, der Brief zitterte in ihrer Hand. Das war nicht möglich. Sie wusste, dass er tief drin steckte. Sie hatte jahrelang seine kleineren Schulden beglichen, ein hektisches Spiel aus finanziellem ‚Whac-A-Mole‘. Ein paar Tausender hier für einen Buchmacher, ein paar dort für eine Kreditkarte. Aber das hier … das war ein Abgrund. Eine unüberwindbare, lebenszerstörende Leere.

Ihr analytischer Verstand, ihr größtes Kapital, stotterte und versagte. Er versuchte, die Zahl zu verarbeiten, sie in überschaubare Teile zu zerlegen, doch sie weigerte sich, gezähmt zu werden. 1,25 Millionen. Es war ein abstraktes Konzept, so fern und unwirklich wie die Oberfläche des Mars. Sie könnte für den Rest ihres Lebens arbeiten, in einem dunklen Raum von Brot und Wasser leben, und sie würde nicht einmal den Grundbetrag berühren.

Panik, kalt und scharf, durchdrang ihre Taubheit. Das war keine Bank. Die Black Incorporation war kein normales Finanzinstitut. Sie kannte den Namen. Jeder in der Stadt kannte den Namen. Marais Black war eine Legende, ein Phantom, dem die Hälfte der Laster der Stadt gehörte. Casinos, exklusive Clubs, private Kreditvergabe. Er operierte in den Grauzonen zwischen Legalität und Unterwelt, ein Mann, dessen Einfluss flüsternd erwähnt, aber nie offen diskutiert wurde. Man verzug bei Nicolai Black keinen Kredit.

Der Brief war noch nicht alles. Sie sah einen kleinen, gefalteten Zettel im Umschlag. Ihr Name stand darauf. Mit tauben Fingern faltete sie ihn auseinander.

Es war keine Bitte. Es war eine Vorladung.

Ms. Reese Everand

Angesichts der ausstehenden Verpflichtung, die an Arthur Everand gebunden ist, ist Ihre Anwesenheit erforderlich.

Ort: The Empyrean Tower, Penthouse A.

Datum: 19. Oktober.

Zeit: 21:00 Uhr, pünktlich.

Kommen Sie nicht zu spät.

Es gab keine Unterschrift, nur das gleiche geprägte ‚B‘ am Ende. Warum sie? Warum wurde sie vorgeladen? Die Schulden waren die ihres Vaters. Eine Welle aus Wut, heiß und nutzlos, überrollte sie. Er hatte das getan. Er hatte schließlich nicht nur sein eigenes Leben verspielt, sondern auch ihres.

Sie ließ den Brief auf den Tisch fallen, als würde er ihre Haut verbrennen. Ein paar Minuten lang saß sie einfach nur da, während die Stille der Wohnung auf ihr lastete. Das Summen des Kühlschranks, das ferne Heulen einer Sirene, das hektische Schlagen ihres eigenen Herzens. Ihr erster Instinkt, derjenige, der sie jahrelang über Wasser gehalten hatte, war es, eine Lösung zu finden. Einen Plan zu erstellen.

Sie stürmte in ihr Schlafzimmer und klappte ihren Laptop auf. Das Gerät summte los, ein vertrauter Trost. Sie öffnete eine neue Tabelle. Ihre Finger bewegten sich automatisch und erstellten Spalten: Einnahmen, Ausgaben, Vermögenswerte, Verbindlichkeiten. Es war ein verzweifelter Akt des Glaubens, ein Gebet an den Gott der Zahlen. Sie tippte ihr Gehalt in die Einnahmenzelle. Die Zahl sah erbärmlich aus. Sie listete ihre geringen Vermögenswerte auf: den Kontostand ihres Girokontos, den Zeitwert ihres zehn Jahre alten Autos. Dann tippte sie die Schulden in die Spalte der Verbindlichkeiten. Die Tabellenkalkulationssoftware schien an der Zahl zu ersticken. Der Endstand am unteren Bildschirmrand war ein Meer aus Rot, ein digitaler Schrei.

-1.248.812,43 $.

Sie starrte darauf. Die Zahlen scherten sich nicht um ihre Angst. Sie scherten sich nicht um Fairness. Sie waren absolut. Das war ein Problem, das die Logik nicht lösen konnte. Es war eine Gleichung, bei der die einzig mögliche Antwort der Ruin war.

Die Vordertür klickte auf und ihr Vater schlurfte herein. Er wirkte kleiner als sonst, geschrumpft unter der Last seines eigenen Versagens. Sein Anzug war zerknittert, die Krawatte schief. Er roch nach Whiskey und falschem Optimismus.

„Reese, mein Schatz“, sagte er, seine Stimme künstlich aufgehellt. „Du wirst nie erraten, was für ein Glück ich heute hatte. Das Pferd im dritten Rennen, Sea Biscuit’s Ghost, kam bei einer Quote von zwanzig zu eins rein. Eine echte Schönheit.“

Reese sah nicht von ihrem Laptop auf. Sie deutete nur mit zitterndem Finger auf den Brief auf dem Küchentisch. „Sie haben eine Vorladung geschickt, Dad. Für mich.“

Arthurs joviale Fassade bröckelte. Er ging zum Tisch, seine Schritte waren plötzlich schwer, alt. Er hob den Brief der Black Incorporation auf, seine Hand zitterte leicht. Das Blut wich aus seinem Gesicht und hinterließ eine fahle, gräuliche Farbe. Er blickte vom Brief zur Vorladung mit ihrem Namen darauf, seine Augen weit vor Entsetzen, wie sie es noch nie gesehen hatte. Das war nicht die Angst vor dem Vollstrecker eines Buchmachers; das war etwas Tieferes, Absolutes.

„Nein“, flüsterte er, die Stimme rau. „Oh Gott, nein. Nicht er.“

„Wer ist er?“, fragte Reese mit flacher, emotionsloser Stimme. Es war die einzige Möglichkeit, nicht zu schreien. „Wer ist Marais Black, und warum will er mich sehen?“

„Er ist kein Mann, bei dem man sich Geld leiht, Reese“, sagte Arthur, seine Stimme kaum hörbar. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. Er sank auf den Stuhl ihr gegenüber, den Brief wie ein Todesurteil in der Hand geklammert. „Er ist der letzte Ausweg. Das Ende der Fahnenstange. Die Leute sagen, er nimmt nicht nur dein Geld, wenn du nicht zahlen kannst. Sie sagen, er nimmt … Sicherheiten.“

Er sah sie schließlich an, seine Augen erfüllt von einer erschreckenden Mischung aus Angst und Scham. „Sie wussten von dir. Als ich den Kredit aufnahm, stellten sie Fragen. Über meine Familie. Meine Vermögenswerte. Ich habe ihnen gesagt … ich habe ihnen gesagt, dass mein einziger Vermögenswert du bist.“

Die Worte hingen in der Luft zwischen ihnen, hässlich und unwiderruflich. Ihr Verstand, die analytische Maschine, die immer nach Mustern und Gründen suchte, verstand es endlich. Sie war nicht vorgeladen worden, um einen Zahlungsplan auszuhandeln. Sie war keine Zeugin. Sie war die Sicherheit. Der Vermögenswert. Sie war der Einsatz in einem Spiel, dem sie nie zugestimmt hatte, ein Spiel, dessen Regeln von einem Phantom in einem Penthouse-Turm geschrieben wurden. Die ordentlichen Spalten ihrer Tabelle lösten sich in bedeutungslose Pixel auf. Ihre sorgfältig kontrollierte Welt war gerade ausgelöscht und durch eine einzige, erschreckende Variable ersetzt worden: ein stilisiertes, schlangenhaftes ‚B‘. Und morgen, pünktlich um neun, würde sie ihren Wert erfahren.