1. DIE BEUTE
BRYCE
Jemanden zu erstechen, kostet mehr Kraft, als man denkt.
Anders als im Film gleitet die Klinge nicht einfach so ins Herz. Zuerst kommt die Haut, dann dieses kleine Fettpolster, dann die Muskeln – Gott, Anthony hat so. Viele. Muskeln – und wenn man Pech hat, der Rippenbogen. Es gibt nicht gerade ein Wiki darüber, wie man jemanden ins Herz sticht (oder etwa doch?), aber heute Nacht ist meine einzige Chance.
Wenn ich das verpatze, bin ich so gut wie tot.
Anthony starrt mich mit aufgerissenen Augen an. Sein Cock steckt noch tief in mir, mitten im Stoß. Dickes, zähflüssiges Blut quillt unter dem Heft der Klinge hervor und läuft über meine Hände. Ich habe es geschafft, das Ding bis zum Anschlag reinzurammen, danke der Nachfrage.
Er schnappt nach Luft und würgt ein Geräusch in seinem Hals hervor. „Bry—“
Ich reiße die Klinge heraus, bevor er meinen Namen ausspucken kann. Dabei gebe ich ein lautes Ächzen von mir und klettere von ihm runter. Wir waren mitten beim Sex. Sicher, ich hasse den Kerl, aber es war nicht alles schlecht. Für mich war es allerdings nur Show – eine Rolle, die ich als liebende Ehefrau spielen musste. Für ihn war es der Vollzug unserer Ehe. Er hatte keine Ahnung, dass ich die Klinge zwischen den Matratzen versteckt hatte.
Anthonys Hände fliegen zu seiner Brust. Aber das hilft nicht gegen die Blutung. Die weißen Laken unter ihm färben sich rot. Sein Lebenslicht flackert nur noch schwach.
„Ich würde ja sagen, dass es mir leidtut, aber das stimmt nicht“, sage ich. Ich putze die Klinge an meinem Satin-Nachthemd ab, das ich für unsere Flitterwochen gekauft habe. „Es tut mir nur leid, dass dieser Fetzen Stoff fünfhundert Dollar gekostet hat und jetzt im Eimer ist.“
Anthony starrt mich an. Sein Gesicht wird schon ganz weiß, bis er schließlich erschlafft. Ich wollte ihm eigentlich einen langen, dramatischen Monolog halten, wie in einem Stück von Shakespeare. Aber für so ein Theater habe ich keine Zeit. Und irgendwas sagt mir, dass er sowieso nicht mehr zuhören würde.
Ich bücke mich tief und ziehe die Reisetasche unter dem Bett hervor. Ich hatte sie dort versteckt, noch bevor wir uns das Ja-Wort gaben. Hektisch reiße ich den Reißverschluss auf. Meine Hände fangen an zu zittern. Nur das Adrenalin hält mich noch aufrecht, während mir langsam klar wird: Ich habe gerade verdammt noch mal jemanden umgebracht.
Siebenundzwanzig Jahre alt, eine Ehe und ein Mord auf dem Konto – und das alles innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Was für ein Lebenslauf, oder?
Ich hole eine billige Packung Haarfärbemittel und Kleidung zum Wechseln heraus und stürme ins Badezimmer. Drinnen knipse ich das Licht an. Ich mustere mich im prunkvollen Spiegel, als würde ich Inventur machen. Blut klebt getrocknet in meinen Handflächen und spritzt auf meine Unterarme und meine Brust. Davon abgesehen sehe ich aus wie immer. Ich gehe nah an den Spiegel ran und starre in meine grünen Augen. Ich suche nach irgendeiner Veränderung. Nichts. Sie sind genauso leer wie an dem Tag, als wir meine Mutter beerdigt haben. Aber darauf müssen wir jetzt nicht näher eingehen.
Schnell wasche ich mir das Blut von den Händen. Ich reiße mir das Nachthemd vom Leib und werfe es auf den Boden. Beweise sind mir an diesem Punkt scheißegal. Die De Lucas werden wissen, dass ich es war. Sobald sie merken, dass ich weg bin und ihr Sohn kalt auf dem Bett liegt, zählt eins und eins zusammen.
Ich reiße die Packung mit der schwarzen Haarfarbe auf. Ich verteile den Inhalt, mische die Chemikalien schnell zusammen und klatsche mir das Zeug wahllos auf den Kopf.
Gott sei Dank bin ich dieses Blond bald los. Es hat meine natürlich dunklen Haare völlig kaputtgemacht. Ich musste so aussehen, um die perfekte Braut für den jüngsten De-Luca-Junggesellen zu sein. Er stand bekanntlich total auf Blondinen. Außerdem lässt mich die Farbe wie ein Gespenst aussehen. Blond ist echt so gar nicht mein Ding.
Nachdem ich die Farbe so gleichmäßig wie möglich verteilt habe, stelle ich einen Timer auf meinem Handy. Dann hole ich den kleinen Ring aus meiner Schminktasche. Mit überraschend ruhigen Händen schiebe ich den Ring zurück in mein Septum-Piercing. Ich lasse ihn einrasten und prüfe, ob er fest sitzt.
Stück für Stück lege ich die Verkleidung ab, die mein Vater mir aufgezwungen hat. Ich werde wieder zu der Bryce, die ich für unseren Plan begraben musste.
Ich schaue kurz nach, ob Anthony noch auf dem Bett liegt. Er liegt da. Ich weiß nicht, warum ich denke, dass er einfach aufsteht und seine ganze Mafia-Familie ruft, damit sie mich killen. Aber der Gedanke kam mir öfter, als mir lieb war, während ich mir die Farbe in die Haare geschmiert habe.
Ich prüfe sogar seinen Puls. Nichts. Seine Haut fühlt sich kalt und hart an. Ich verziehe das Gesicht beim Anblick der Wunde in seiner Brust. Ich ziehe die Decke bis oben hin über ihn. Nicht aus Respekt – auf den kann er scheißen. Sondern weil mich seine starren Augen nervös machen.
Nachdem ich sicher bin, dass er wirklich tot ist, setze ich mich nackt auf das Sofa. Ich warte darauf, dass die Farbe einzieht. Dann rufe ich Dad auf dem Handy an, das er mir für die Zeit nach dem Mord gegeben hat. Er hebt beim zweiten Klingeln ab.
„Bryce“, sagt er.
„Ich hab’s getan“, antworte ich. Mein Hals schnürt sich zu und meine Brust wird eng. Darauf haben wir lange hingearbeitet. Verdammt lange habe ich alles nur vorgespielt. Ich habe so falsch gelächelt, dass mir der Kiefer wehtat. Ich habe mit den Wimpern geklimpert und mich von einem Monster seine Freundin, Verlobte und schließlich Ehefrau nennen lassen. Die Ehe hat zwar nur zehn Stunden gehalten, aber immerhin. Ich hätte jedes Mal kotzen können, wenn Anthony mich angefasst hat.
„Deine Mutter wäre stolz“, antwortet Dad. Seine Stimme zittert ein wenig. Man hört die Emotionen, die er sonst kaum zeigt. „Ich bin stolz.“
„Danke“, flüstere ich. Ich wische mir eine Träne weg, bevor sie kullern kann. „Ich mache mich bald auf den Weg.“
„Das Hotel ist bereit, auf den Namen Devin McNabb.“
Ich nicke. „Alles klar. Ich melde mich, wenn ich da—“
Er hat schon aufgelegt, aber das macht mir nichts aus. Dad war schon immer ein Mann weniger Worte. Er kommt direkt zur Sache und hält sich nicht mit Gelaber auf. Ich sehe auf den Timer meines Handys. Noch eine Minute. Also stehe ich auf und gehe unter die Dusche. Ich wasche mir die Haarfarbe und die Sünden vom Körper ab.
Ich schiebe mich mit der Schulter in das schäbige Hotelzimmer. Ich lasse meine Tasche auf den Boden fallen und reiße mir den Hoodie vom Leib. Schweiß läuft mir den Rücken runter. Mein schwarzes Tanktop klebt an mir fest. Klar, ich sehe aus wie eine Irre, wenn ich bei fast 30 Grad in Jeans und Hoodie rumlaufe. Aber ich kann nicht riskieren, erkannt zu werden. Anthonys Familie hat überall ihre Spitzel.
Ich schicke Dad eine kurze SMS, dass ich im Hotel angekommen bin. Dann lasse ich mich sofort aufs Bett fallen. Ich ziehe meine Jeans aus und lege mich auf die Decke. Die Klimaanlage taugt absolut nichts gegen die Hitze.
Ich starre an die Decke mit den Wasserflecken. Langsam macht sich eine ungewohnte Ruhe in mir breit. Es fühlt sich nicht an, als würde eine Last von meiner Brust fallen, wie ich erst dachte. Es ist eher so, als würde eine Leere gefüllt werden. Diese zerklüftete, leere Stelle, die meine Mutter hinterlassen hat, ist jetzt mit tiefer Genugtuung gefüllt. Die De Lucas haben mir den einzigen Menschen genommen, der mir etwas bedeutete. Sie haben sie mir gestohlen, nur um meinen Vater fertigzumachen.
Und jetzt habe ich ihnen ihren letzten Erben genommen.
Ein langsames, wildes Grinsen breitet sich auf meinem Gesicht aus.
Rache schmeckt verdammt noch mal genau wie ein Sieg.