Violet Eyes and the Scar of Command
Großfürst Ludwig Regners Erschöpfung saß tief in seinen Knochen – drei Tage pausenloser Schlacht hatten sich in sein Fleisch und Mark gefressen. Die Sicherung der Grenze war ein hart erkämpfter Sieg gewesen, doch der Schriftverkehr, der nun im Tempel auf ihn wartete, fühlte sich wie das nächste Scharmützel an. Er hatte seine beiden jungen Generäle zurückgelassen, im Vertrauen darauf, dass die sicheren Tempelwälle die geheimen Depeschen schützen würden.
Doch der Kurier war kein abgebrühter Veteran, wie er erwartet hatte.
Es war eine Frau – Lady Abbygail Clairmont, eine scheinbar hilflose Witwe –, die mit zwei Zofen und einem einzelnen Wächter ankam.
Er folgte der stummen Mönchsfrau den Steinkorridor entlang, deren ernste Ausstrahlung so schwer wog wie die kalte Luft. Sie führte ihn zuerst in das Gemach, das für die Witwe bestimmt war.
Der Raum war in das sanfte, flackernde Licht von sechs brennenden Kerzen getaucht. Ein leises Zittern der Angst ging von einer Dienerin aus, die in der Ecke kauerte. Ihre weit aufgerissenen Augen glänzten wie die eines in die Enge getriebenen Tieres.
„Wer wohnt in diesem Zimmer?“, fragte Ludwigs Stimme. Sie war rau vor Müdigkeit und peitschte durch die Stille.
„Lady Abbygail Clairmont“, flüsterte das Mädchen, kaum hörbar über das Rascheln der Kerzenflammen.
Ludwig ließ den Blick seiner sturmgrauen Augen durch das Zimmer schweifen und registrierte akribisch jedes Detail. Was er sah, überraschte ihn ein wenig – und beunruhigte ihn unterschwellig.
Das Zimmer war unnatürlich ordentlich.
Seine begrenzte Erfahrung mit Frauen – meist anspruchsvolle, chaotische Mätressen – hatte ihn erwarten lassen, dass überall Dinge herumlagen. Doch Lady Abbygails Zimmer war leblos. Karg. Vorbereitet. Fast wie eine Kulisse.
Das große Bett, mit prächtigem Burgunderrot behangen, stand an einer Wand, die Vorhänge akkurat zurückgebunden. Die Feuerstelle gegenüber war kalt und makellos. Das einzige nennenswerte Möbelstück war eine niedrige Truhe aus feinem, poliertem roten Holz, die wie ein stummer Wächter in der Ecke stand.
Wo waren die Anzeichen eines Menschen?
Keine Kleidung hing an Haken. Keine verlorenen Schuhe standen neben dem Bett. Kein verschüttetes Fläschchen Parfüm. Nichts deutete auf ihre Größe, ihre Eitelkeit oder auch nur auf ihre unmittelbare Anwesenheit hin. Es fühlte sich an wie ein Bühnenbild für ein Stück, das noch gar nicht begonnen hatte.
Er wollte sich umdrehen und gehen, doch sein massiver, gepanzerter Weg wurde von seinem Leibwächter Helmut versperrt. Auf Helmuts ausdruckslosem Gesicht spiegelte sich kurz Misstrauen, als er zwischen dem Fürsten und der zitternden Dienerin hin und her blickte.
Ein einziger eiskalter Blick von Ludwig reichte aus. Helmut trat sofort beiseite, die unausgesprochene Frage unterdrückend. Die Luft verdichtete sich mit der plötzlichen, erschreckenden Gewissheit einer unsichtbaren Gefahr.
Die Innentür, die zum zweiten Gemach führte, war von innen verriegelt. Ludwigs Geduld – durch die Erschöpfung bereits am Ende – riss. Er hob einen schweren Stiefel, bereit, das Holz zu zertrümmern.
Doch dann –
Ein leises, kaum wahrnehmbares Klicken.
Der Riegel glitt zurück. Jemand hatte gewartet. Und zugehört.
Die Tür schwang auf und gab den Blick auf eine weitere junge Zofe frei, deren Sommersprossen sich scharf von ihrem bleichen, verängstigten Gesicht abhoben. Sie versuchte einen Knicks, erstarrte aber, als sie auf die volle Wucht der imposanten Gestalt des Großfürsten und seinen harten, kampfmüden Blick traf. Ein erstickter Schrei entfuhr ihr, bevor sie sich umdrehte und in das zweite Zimmer floh.
Ludwig folgte ihr mit schweren Schritten, seine Rüstung knarrte leise.
Auch dieses Gemach war hell erleuchtet. Die zahlreichen Kerzen warfen unruhige Schatten an die Wände, die das Auge täuschten.
Er sah die Witwe sofort.
Eine einsame Gestalt in weißen Trauergewändern kniete in vollkommener Stille da, den Kopf zum Gebet gesenkt. Ob es echte Hingabe oder kalkulierte Absicht war, konnte Ludwig nicht sagen.
Die fliehende Zofe erreichte ihre Herrin und berührte ihre schmale Schulter. Die Hand des Fürsten wanderte zum Griff seines schweren Kampfschwerts – eine unbewusste Reaktion.
Die Zofe beugte sich tief. „Lady Clairmont, der Großfürst ist eingetroffen.“
Abbygail Clairmont zuckte nicht zusammen. Sie erhob sich nicht. Sie verharrte noch einen atemberaubenden Moment länger in ihrer Gebetshaltung, während das Kerzenlicht schwach auf dem Vorhang ihres herabhängenden Haares glänzte.
Trug diese Frau eine Botschaft – oder eine minutiös geplante Falle?
Als die Zofe zurückwich, bewegte sich die Witwe endlich. Langsam und anmutig stand sie auf. Das weiße Kleid floss um sie herum wie vergossenes Mondlicht. Seine Schlichtheit betonte eine zierliche Zerbrechlichkeit, die für jemanden, der militärische Geheimnisse überbringen sollte, fast unmöglich erschien.
Sie ging auf ihn zu – nicht schüchtern, sondern mit bewusster Beherrschung –, bis sie nur noch einen oder zwei Fuß von der gewaltigen Gestalt des Großfürsten entfernt stehen blieb. Sie reichte ihm kaum bis zur Schulter, und für einen flüchtigen, unprofessionellen Moment verspürte Ludwig ein Flüstern von väterlichem Mitleid. Ein Lamm, das dem Wolf zu nahe gekommen war.
Dann hob sie den Kopf.
Die Welt geriet ins Wanken.
Sein kampfgeschulter Verstand – normalerweise eine durch eisernen Willen gehärtete Festung – stellte einfach seine Funktion ein.
Sie war exquisit. Wahrhaftig, sie hatte das Gesicht eines Engels, doch etwas in ihren Augen trug das dunkle, fesselnde Geheimnis eines Mitternachtswaldes. Ihre Haut war makellos, porzellanweiß. Ihre hellbraunen Augenbrauen waren in eleganten Bögen geschwungen, ihr Mund voll, rosig und verdammt verführerisch – ein Mund, der Geheimnisse zu versprechen schien, die weit tiefer gingen als jede militärische Depesche.
Aber es waren ihre Augen – Gott im Himmel, ihre Augen –, die ihn gefangen nahmen. Kobaltblau, erschreckend direkt, und es war unmöglich, den Blick abzuwenden.
Eine rohe, rein körperliche Reaktion durchströmte Ludwig, heiß und auf unangenehme Weise unwillkommen angesichts seiner Erschöpfung. Abscheu wand sich in seinem Inneren. Dieser plötzliche, völlige Mangel an Disziplin – ein Fehler, der ihn sein Leben, sein Heer oder sein Fürstentum kosten konnte – war entsetzlich. Das war keine Waffe, der er gewachsen war.
Er hörte ein scharfes Einziehen von Luft.
Nicht sein eigenes.
Helmut.
Ludwig wirbelte herum. Sein massiver Körper, seine Rüstung protestierte bei der plötzlichen Bewegung mit einem Knirschen, fand seinen Wächter. Helmut – sein unerschütterlicher, kampferprobter Schatten – stand starr da, blass unter seiner wettergegerbten Haut, gefangen im selben Zauber. Ein Moment offener Bewunderung. Ein schwerer Bruch in seiner Konzentration.
Ludwigs Augen verengten sich zu tödlichen Schlitzen. Sein Blick war eine körperliche Gewalt, ein stummer, mörderischer Befehl zur Beherrschung. Helmut schreckte zurück in Habachtstellung, sein Gesicht wurde vor Scham tiefrot, im Wissen, dass er gerade den Zorn des Großfürsten riskiert hatte.
Der Fürst hielt den Blick noch einen Herzschlag länger – eine scharfe, disziplinarische Warnung –, bevor er sich langsam und bewusst wieder der Witwe zuwandte. Seine mentale Verteidigung war nun dabei, sich neu zu formieren, verstärkt durch eine plötzliche, kalte Gewissheit:
Diese Frau war nicht hilflos. Sie war eine absolute Gefahr. Ihre Schönheit war ein Mantel für ein Geheimnis, das weitaus gefährlicher war als ein Brief.