Strangers

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Zusammenfassung

Ein kleiner Ort irgendwo in Norddeutschland, Mitte der 90er Jahre. Durch eine Autopanne trifft Robin auf den attraktiven Oscar, mit dem er auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam hat. Vielleicht ist es Langeweile, vielleicht auch mehr, was Oscar immer wieder in Robins kleinen Laden führt. Aber mit jedem weiteren Treffen kommt beiden eine Woche, die zunächst unendlich lang erscheint, doch verdammt kurz vor …

Status:
In Arbeit
Kapitel:
19
Rating
4.0 1 Bewertung
Altersfreigabe
18+

1. Kapitel – Zwölf Mark

Selbst der Ventilator schien unter der Wärme zu leiden und sich träger als sonst zu drehen. Die Sonne knallte gegen die großen Fensterscheiben an der Front des kleinen Ladens und tat ihr Bestes, trotz der halb heruntergelassenen Rollläden selbst hier drinnen für hohe Temperaturen zu sorgen. Aus dem Radio dudelte leise irgendein Popsong. Die Jungs am Zeitschriftenregal kicherten, warfen ab und zu einen Blick zu Robin hinüber, der so tat, als würde er es nicht registrieren.

Er saß auf seinem Drehstuhl hinter dem Verkaufstresen, auf dem die Kasse stand und vertiefte sich bloß zum Schein in sein Buch. Zwischendurch nahm er seine Brille ab, putzte die Gläser mit einem Hemdzipfel und seufzte leise, als er feststellte, dass die hinterher auch nicht viel sauberer waren als vorher.

Die großen Ferien hatten begonnen. Wenn es für Robin nicht schon heute Morgen auf dem Weg in den Laden offensichtlich gewesen wäre, weil keine Kinder an der Bushaltestelle in der Hauptstraße standen, war die Anwesenheit der beiden ungefähr zwölfjährigen Jungs am späten Vormittag Beweis genug. Robin beglückwünschte sich selbst zum x-ten Mal in Gedanken dazu, als eine seiner ersten Amtshandlungen eine weitere kleine Kühltruhe extra für Eis angeschafft zu haben, als er damals den Laden übernommen hatte. Auf der ohnehin schon nicht sehr großen Verkaufsfläche hatte die Aufstellung der Truhe zwar dafür gesorgt, dass alles noch ein wenig beengter wirkte. Dennoch war es die richtige Entscheidung gewesen. Bei diesem Wetter würde man ihm das Speiseeis geradezu aus den Händen reißen, daran gab es für Robin keine Zweifel.

Doch die zwei Jungs, beide in farbenfrohen T-Shirts, kurzen Hosen und Sandalen, waren offenbar gar nicht am Eis interessiert. Sie kamen stattdessen nur mit einer Sportzeitschrift zu ihm an die Kasse. Schön dumm, denn hätten sie noch ein bisschen Wassereis, Süßigkeiten und andere Waren dazugepackt, hätte Robin möglicherweise gar nicht so genau darauf geachtet. Ach, wem machte er etwas vor, natürlich hätte er trotzdem gemerkt, wie sie versuchten ihn auszutricksen.

Natürlich kannte Robin die zwei, wie er die meisten Einwohner des Ortes inzwischen mindestens vom Sehen kannte. Da war zum einen Dennis, der auf den ersten Blick wohl in die Kategorie „typischer Dorfbengel“ gefallen wäre. Wann immer Robin ihm begegnete, war irgendwo etwas aufgeschrammt, hatte er Flecke oder Risse in den Klamotten. Dauernd bekam man den Eindruck, dass der Junge mit dem breiten Grinsen und der etwas zu groß geratenen Nase unter dem zerstrubbelten braunen Haarschopf etwas ausheckte. Daneben das Gegenstück dazu, der blonde Jonas mit dem Engelsgesicht, der stets ruhiger und vernünftiger wirkte – wovon man sich auf keinen Fall täuschen lassen durfte.

Wie beiläufig begann Jonas mit seinem Freund ein Gespräch über eine Actionserie, die am Wochenende im Fernsehen gelaufen war, während er ohne Robin anzusehen die Münzen aus seiner Hosentasche kramte. Dennis, der seinen Kumpel um ein paar Zentimeter überragte, stieg gleich darauf ein. Es entging Robin jedoch nicht, wie der immer wieder nervös zur Zeitschrift schielte. Diese war auffällig dick und mit einem schnellen Durchblättern war auch der Grund dafür gefunden. Die Jungen hatten versucht, einen Playboy auf diesem Wege herauszuschmuggeln. Vermutlich musste Robin noch froh sein, dass sie in ihren kurzen Sachen keine Möglichkeit hatten, das Magazin unter den Klamotten zu verstecken. Indessen legte Jonas klappernd das Geld auf die Plastik-Münzablage, wobei er sich weiter angeregt unterhielt und den Erwachsenen keines Blickes würdigte.

Robin zögerte kurz, versuchte sich nichts weiter anmerken zu lassen und tippte den korrekten Betrag in die Kasse. Dann erst besah er sich die Münzen genauer, die auf dem Tresen zwischen ihm und den Kindern lagen.

„Zwölf.“

Dennis und Jonas unterbrachen ihre Unterhaltung und schauten ihn an, letzterer mit einem Ausdruck purer Unschuld im Gesicht.

„Wie bitte?“

Er konnte gern versuchen, Robin mit seiner Höflichkeit zu täuschen, es nutzte ihm nichts.

„Ich krieg zwölf Mark von euch, nicht drei“, erklärte Robin ruhig. „Bitte“, fügte er lächelnd, aber bestimmt hinzu und hielt die rechte Hand auf. Unbeirrt hielt Jonas seinem Blick stand, Dennis hingegen sah zu Boden.

„Aber der kicker kostet nur drei Mark“, beharrte der Kleinere von beiden.

Gut, wenn er es so haben wollte. Hätte er das Geld einfach rausgerückt, hätte Robin drüber hinweggesehen und die beiden stillschweigend ziehen lassen. So nicht.

„Schon, aber …“, er holte das Männermagazin zwischen den Seiten der anderen Zeitschrift hervor. „Der hier kostet neun.“

Auf der Stelle bekam Dennis einen roten Kopf, zupfte an seinem T-Shirt herum und drehte sich schon halb auf dem Absatz um. Robin hatte keineswegs vorgehabt, die Jungs zu demütigen. Er ließ sich nur nicht gern verarschen, und dass bei ihm gefälligst nicht geklaut wurde, sollte sich eigentlich inzwischen rumgesprochen haben.

„Keine Ahnung, wie der da rein gekommen ist“, log Jonas seelenruhig und starrte Robin direkt in die Augen. Der unterdrückte den aufsteigenden Ärger mit etwas Mühe.

„Dann macht es dir ja nichts aus, wenn er hier bleibt. Es sei denn, du bezahlst den Preis, der draufsteht.“ Sobald er dies ausgesprochen und den Mund wieder geschlossen hatte, begann Robin fast augenblicklich mit den Zähnen zu knirschen. Ganz bewusst entspannte er sein Gesicht und zeigte den Jungs eine freundliche Miene. Jonas sah noch zwei, drei Sekunden zu Robin hoch, nahm die Fußballzeitschrift wortlos an sich und ließ die drei Mark auf dem Teller liegen.

„Komm, Dennis“, sagte er in einem Tonfall, der für Robins Geschmack etwas zu herrisch klang. Dann drehte er sich um und lief zur Tür, vorbei an den Regalen mit Konserven, Nudeln und Reis. Sein Freund folgte ihm mit etwas Abstand.

„Tschüß, Jungs.“

Die beiden murmelten etwas Unverständliches, das eine Verabschiedung sein konnte, genauso gut aber auch ein Schimpfwort. Zu ihren Gunsten entschied Robin, dass es sich wohl um Ersteres handelte. Er korrigierte den eingegebenen Preis, nahm die Münzen und legte sie in das entsprechende Fach in der Kasse. Als Jonas den Laden schon verlassen hatte, drehte sich Dennis nochmal zu Robin um, die Türklinke in der Hand.

„Herr Abraham …“, druckste er herum. Er blickte zwar ungefähr in Robins Richtung, allerdings nicht in sein Gesicht.

„Ja?“, erwiderte dieser und versuchte, seiner Stimme dabei einen aufmunternden Klang zu geben.

„Sie sagen doch nichts unseren Eltern, oder?“ Es war keine direkte Furcht, die in seinen Worten mitschwang, so ganz wohl war ihm anscheinend nicht bei dem Gedanken.

Robin schüttelte entschieden den Kopf. „Natürlich nicht, Dennis.“

Ein flüchtiges Lächeln huschte über das Gesicht des Jungen, dann war auch er verschwunden. Der Playboy blieb auf dem Tresen liegen, zwischen der Kasse und dem Glas mit den Lutschern.

Sein Buch, das er unter dem Tresen hatte verschwinden lassen, als die Kinder vorhin näher gekommen waren, holte Robin nun wieder hervor. Die Zeitschrift interessierte ihn nicht im Geringsten. In den Magazinen, die er zu Hause hatte, gab es zwar auch jede Menge nackte Haut zu sehen, aber eben keine Frauen. Er konnte von Glück sagen, dass die meisten seiner Nachbarn und Bekannten hier in Sederwing nichts davon ahnten. Wobei es ihm am liebsten wäre, wenn er diese Seite von sich nicht krampfhaft verstecken müsste.

Robin ließ den Blick durch sein Reich schweifen – wobei er nicht weit schweifen konnte in dem kleinen Laden. Die Regale waren hauptsächlich bestückt mit Lebensmitteln und anderen Waren des täglichen Bedarfs. Schräg gegenüber die Zeitungen, in einer anderen Ecke die Getränke, dort ein bisschen Obst und Gemüse, daneben die abgepackte Wurst und Käse … Heute früh hatte Robin alles gewissenhaft aufgefüllt und ungefähr im Kopf, was bis jetzt gekauft worden war. Noch war es nicht nötig, etwas aus dem Lager zu holen. Es war sogar ganz gut für den Umsatz, wenn von manchen Produkten nur noch eins oder zwei im Regal standen. Also konnte er sich genauso gut auch wieder seiner Lektüre widmen.

Weit kam er nicht in der Biographie, bevor die Ladentür wieder geöffnet wurde.

Das Erste, was Robin zu sehen bekam, als er den Kopf hob, waren die schon etwas ausgelatscht wirkenden, ehemals weißen Turnschuhe. Dann folgten Blue Jeans und ein enganliegendes hellgraues T-Shirt. Schließlich erreichte sein Blick das kantige, und wenn Robin ganz ehrlich war, durchaus attraktive Gesicht eines Unbekannten.

„Hi.“

Das hellblonde Haar des Mannes war an den Seiten ziemlich kurz und oben das, was man wohl landläufig einen „Bürstenhaarschnitt“ nannte. Seine auffallend blauen Augen sahen Robin unablässig an, nicht unruhig immer mal links und rechts an ihm vorbei, wie es manchmal bei ganz neuen Kunden vorkam. Die Haut war leicht gebräunt, die Bartstoppeln einen oder zwei Tage alt.

„Hallo“, erwiderte Robin.

Anstatt durch die Gänge zu schlendern, hielt der Fremde direkt auf den Verkaufstresen zu und blieb erst stehen, als er diesen erreicht hatte. Diesmal war es der Playboy, der mit einer fließenden Bewegung unter der Ladentheke verschwand. Ganz sicher war Robin nicht, ob der Mann das Magazin vielleicht noch gesehen hatte. Dieser war geschätzt Ende Zwanzig, circa zwei, drei Zentimeter kleiner als Robin selbst und hatte eine sportliche, wenn auch nicht übermäßig muskulöse Figur.

„Kannst du mir helfen?“