Destino Secreto

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Zusammenfassung

Ein Foto. Ein Name. Ein Geheimnis. Aria reist auf der Suche nach ihrer Vergangenheit in eine fremde Stadt. Dort begegnet sie einem Mann, der ebenso gefährlich wie unwiderstehlich ist. Während dunkle Geheimnisse ans Licht kommen, wird ihr klar: Manche Schicksale verfolgen dich, egal wie weit du davonläufst.

Genre:
Fantasy
Autor:
VitaMia
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
44
Rating
4.9 10 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Aria

»Ähhhh, kannst du mir mal bitte sagen, warum du deine ganzen Sachen gepackt hast?«

Die panische Stimme meiner besten Freundin drang aus den Lautsprechern meines Autos und ließ mich unwillkürlich das Gesicht verziehen. Ich war froh, dass meine Hände ohnehin fest am Lenkrad lagen, denn im Moment fühlte ich mich alles andere als multitaskingfähig.

Ich befand mich auf der Autobahn Richtung Mataró, noch ungefähr 45 Minuten entfernt, und versuchte mich verzweifelt darauf zu konzentrieren, keinen Unfall zu bauen. Eine Aufgabe, die mir normalerweise keine Schwierigkeiten bereitete, heute allerdings deutlich mehr Aufmerksamkeit verlangte, weil meine Nerven ohnehin schon blank lagen. Der Regen trommelte unaufhörlich gegen die Windschutzscheibe, als wollte er mich zusätzlich daran erinnern, dass das hier vielleicht nicht der beste Tag für spontane Lebensentscheidungen war.

Ein kurzer Blick auf das Armaturenbrett verriet mir, dass es genau 15 Uhr war. Der Himmel hing schwer und grau über der Straße, dicht bewölkt, das Licht gedämpft und kühl. Alles wirkte ein wenig zu still, ein wenig zu angespannt, als würde die Welt den Atem anhalten.

»Natalia«, sagte ich und konnte mir ein leises Glucksen nicht verkneifen, »ich fahre schon seit fünf Stunden. Und du hast das erst jetzt gemerkt?«

Ich zog eine Augenbraue hoch, auch wenn sie das natürlich nicht sehen konnte, und konzentrierte mich wieder auf den Verkehr, während meine Finger das Lenkrad fester umschlossen.

»Ich finde das überhaupt nicht lustig, Aria!«, fauchte sie. »Ich war arbeiten. Und dann komme ich nach Hause und sehe, dass du deine Sachen gepackt hast. Alle deine Sachen. Wo zum Teufel bist du?!«

Ihre Stimme klang jetzt schärfer, gereizter, dieser ganz bestimmte Tonfall, den sie immer bekam, wenn sie versuchte, die Kontrolle zu behalten. Ich stellte mir vor, wie sie in ihrer Wohnung stand, mitten im Chaos, die Arme verschränkt, den Blick zwischen den leeren Regalen und den offenen Schubladen hin und her springen ließ.

Ich atmete tief ein, ließ den Blick kurz über die nasse Fahrbahn vor mir gleiten und räusperte mich.

»Naja«, begann ich langsam, fast vorsichtig, »wenn ich dir rein hypothetisch, also wirklich nur rein hypothetisch, sagen würde, dass ich meine Sachen gepackt habe und mich gerade in der Nähe von Mataró befinde … wie sehr würdest du dann austicken?«

Mein Fuß wechselte leicht auf dem Gaspedal, während meine Finger nervös gegen das Lenkrad tippten. Ich kaute auf meiner Unterlippe herum und wusste genau, dass ich das Gespräch gerade in eine Richtung lenkte, aus der ich nicht mehr so leicht herauskommen würde.

Aus den Lautsprechern kam für einen Moment nichts. Dann hörte ich Natalias tiefes, gedehntes Stöhnen, dieses eine Geräusch, das mir unmissverständlich sagte, dass sie gerade innerlich bis zehn zählte. Vielleicht sogar bis zwanzig. Nur für den Fall.

Ich verzog die Lippen zu einem schiefen Lächeln, während mein Blick auf der Straße vor mir ruhte und die Scheibenwischer monoton ihren Dienst verrichteten.

Oh ja. Das hier würde definitiv noch eskalieren.

»Aria, ich hoffe rein hypothetisch, dass das hier ein verdammter Witz ist!«

Natalias Stimme explodierte förmlich aus den Lautsprechern meines Autos und ließ mich zusammenzucken. Ich biss mir hastig auf die Innenseite der Wange, um nicht laut loszulachen, denn allein die Art, wie sie das Wort hypothetisch betonte, verriet mir, dass sie kurz davorstand, mir gedanklich schon die Freundschaft zu kündigen.

»Hättest du nur ein paar Wochen gewartet, dann wären wir zusammen nach Mataró gefahren!«, fuhr sie fort, ohne mir auch nur den Hauch einer Chance zu geben, etwas zu erwidern. »Aber nein, du konntest es natürlich nicht abwarten. Nein, Aria entscheidet sich mal wieder für die spontane Selbstzerstörung! Am liebsten würde ich mich jetzt sofort ins Auto setzen, dir hinterherfahren und dich persönlich aus diesem Wagen zerren, nur um dich zurück nach San Sebastián zu schleifen!«

Ich verzog leicht das Gesicht, mehr aus Gewohnheit als aus echter Reue, und zog die Schultern hoch, obwohl sie mich nicht sehen konnte. Meine Finger klammerten sich fester um das Lenkrad, während ich versuchte, gleichzeitig ernst auszusehen und meine aufkommende Belustigung zu unterdrücken. Eine Kombination, die mir noch nie besonders gut gelungen war.

»Ähhhhh«, sagte ich gedehnt und ließ bewusst eine kleine, viel zu lange Pause entstehen. »Nun … ich bin doch fast dort. Und naja … du kannst ja bald nachkommen, meine Süße«, setzte ich zuckersüß nach und hoffte inständig, dass genau dieser Tonfall sie entweder besänftigen oder komplett zur Explosion bringen würde. Beides wäre unterhaltsam gewesen.

Ich warf einen kurzen Blick auf die Straße vor mir und seufzte leise. Viel zu viele Autos schoben sich im zähen Verkehr vorwärts, als hätten sich alle spontan dazu entschieden, exakt heute, exakt jetzt, genau hier unterwegs zu sein. Meine Finger trommelten ungeduldig gegen das Lenkrad, während mein Blick zwischen Rückspiegel, Verkehr und grauem Himmel hin und her wanderte.

Großartig.

Nicht nur, dass ich gerade dabei war, meine beste Freundin mit einer überstürzten Entscheidung an den Rand des Wahnsinns zu treiben, sondern als wäre das noch nicht genug, musste auch der Verkehr beschließen, mir zusätzlich auf die Nerven zu gehen. Die Autos schoben sich nur zäh vorwärts, und jede einzelne rote Bremsleuchte fühlte sich an wie eine persönliche Provokation, während meine Geduld mit jeder verstrichenen Minute ein kleines Stück weiter schwand.

»Was ist eigentlich dein Plan? Du hast erst gestern das Foto gefunden und …«, sagte Natalia, doch ihre Stimme verlor sich mitten im Satz, als hätte sie selbst gemerkt, dass es für diese Frage keine einfache Antwort gab.

Ich schwieg einen Moment, atmete langsam aus und hatte das deutliche Gefühl, als hätte dieser Tag beschlossen, wirklich alles zu geben, was er an Chaos und emotionaler Überforderung bereithielt.

Kurz darauf kam ein Straßenschild in mein Blickfeld, auf dem Mataró stand, darunter die Angabe, wie viele Kilometer es noch ungefähr waren. In mir regte sich eine nervöse Aufregung, und mein Herz begann ein wenig zu schnell zu schlagen, während ich den Blick immer wieder zwischen dem Schild und der Straße wechseln ließ.

Meine Gedanken wanderten unaufhaltsam zurück zu gestern, zu dem Moment, als Natalia und ich die Wohnung meiner Mutter ausgeräumt hatten. Jeder Karton, den wir füllten, hatte sich angefühlt, als würde er ein Stück Vergangenheit verschlucken, und genau dort hatte ich dieses Foto gefunden, das mein ohnehin schon erschüttertes Leben erneut aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

Meine Mutter war vor drei Wochen gestorben, und noch immer konnte ich kaum glauben, dass diese Tatsache real war. Ob ich getrauert hatte, stand dabei außer Frage, denn ich hatte unaufhörlich geweint und mich bei Natalia in der Wohnung versteckt, als könnte ich mich dort vor einer Welt verbergen, die ohne meine Mutter einfach weiterlief.

Für mich war alles zusammengebrochen, denn ich hatte meine Mutter über alles geliebt, und plötzlich war sie mir genommen worden, ohne dass ich darauf vorbereitet gewesen wäre. Als wäre das nicht schon genug gewesen, hatte ich dann dieses Foto gefunden, auf dem sie neben einem fremden Mann stand, dessen Gesicht mir vollkommen unbekannt war.

Das Bild musste ungefähr 24 Jahre alt sein, und zunächst hatte ich kaum darauf reagiert, als hätte mein Verstand sich geweigert, die Bedeutung zu begreifen. Doch dann hatte ich begonnen, diesen Mann immer genauer zu betrachten, bis er alles andere aus meinen Gedanken verdrängt hatte.

Mein ganzes Leben lang hatte meine Mutter mir nie gesagt, wer mein Vater war, und jedes Mal, wenn ich sie darauf angesprochen hatte, hatte sie geweint. In ihren Augen hatte so viel Schmerz gelegen, dass ich es nie über mich gebracht hatte, weiter nachzufragen, auch wenn mich die Ungewissheit mein Leben lang begleitet hatte.

Und dann hatte ich dieses Bild gesehen, und mit einem Schlag war alles, was ich mühsam im Gleichgewicht gehalten hatte, erneut ins Wanken geraten.

»Ich werde diesen Mann suchen, Natalia. Ich muss wissen, ob ich noch Familie habe und …«

Meine Stimme wurde leiser, brüchiger, und der Satz verlor sich, bevor ich ihn zu Ende bringen konnte. Ich starrte auf die Straße vor mir, als könnte der graue Asphalt mir die Worte liefern, die mir gerade fehlten. Meine Finger spannten sich um das Lenkrad, während ich kurz die Lippen aufeinanderpresste, um mich wieder zu sammeln.

»Ich habe im Internet ein Fotostudio in Mataró gefunden«, fuhr ich schließlich fort, bemüht, entschlossener zu klingen, als ich mich im Inneren fühlte. »Ich werde dort erst mal nach einem Job fragen und dann werde ich nach diesem Mann suchen, Natalia.«

Diesmal war meine Stimme fester, klarer, als hätte ich mir die Entschlossenheit selbst eingepflanzt, während ich sprach. Es war kein perfekter Plan, aber es war ein Plan, und im Moment fühlte sich das wie alles an, was ich brauchte.

Natalia schwieg einen Augenblick, bevor sie antwortete, und als sie es tat, klang ihre Stimme weich und traurig zugleich. »Ich kann dir nicht sagen, was richtig oder falsch ist, Aria. Aber ich wäre gern an deiner Seite gewesen, um dich zu unterstützen, während du deinen Vater suchst.«

Ein warmer Stich zog durch meine Brust, und ich musste schlucken, bevor ich antworten konnte. »In den letzten drei Wochen hast du mich unterstützt und mir geholfen wie niemand sonst, Natalia«, sagte ich leise. »Genieß die freien Wochen ohne mich«, fügte ich hinzu und zwang mich zu einem kleinen Lächeln, auch wenn sie es nicht sehen konnte.

»Du bist meine beste Freundin!«, platzte es aus ihr heraus, sofort und ohne Zögern. »Natürlich bin ich für dich da, und ich werde bald nachkommen.« Einen Moment später wurde ihre Stimme leiser, fast murmelnd. »Ich mag das wirklich nicht, dass du ohne mich gegangen bist.«

Ich schnaubte leise und spürte, wie sich trotz allem ein sanftes Lächeln auf meine Lippen schlich. Selbst mitten im Chaos, mitten in all dem Schmerz, war es beruhigend zu wissen, dass es wenigstens eine Konstante in meinem Leben gab, die sich nicht einfach auflöste.

»Du bist die Beste, Natalia. Vergiss das niemals«, sagte ich und ließ den Blick kurz über die Straße gleiten, als endlich ein weiteres Schild auftauchte, das mir verkündete, dass ich bald in Mataró sein würde. »Aber jetzt genieß deinen Feierabend«, fügte ich hinzu, mit einem leichten Unterton von Erschöpfung und Zuneigung zugleich.

»Jaja! Natürlich bin ich die Beste«, erwiderte sie prompt, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. »Und jaaa, ich leg mich jetzt ins Bett. Ich bin soooo müde, meine Süße.« Ihre Stimme wurde plötzlich ernster, auch wenn sie versuchte, es zu überspielen. »Pass bitte auf dich auf und schreib mir regelmäßig. Und sollte dir irgendetwas passieren, werde ich denjenigen finden und töten … tschüüüüüüssssss!«

Dann war die Leitung tot.

Ich gluckste leise, schüttelte den Kopf und konnte mir ein breiteres Lächeln nicht verkneifen. Natalia war ohne jeden Zweifel die verrückteste Frau der Welt. Und ich liebte sie genau dafür.

Ich setzte den Blinker, folgte der ruhigen Stimme meines Navis und merkte, wie sich die Umgebung langsam veränderte. Laut Anzeige müsste ich in etwa fünfzehn Minuten da sein, und tatsächlich wurden die Straßen zunehmend leerer. Die Autos um mich herum wurden weniger, der Verkehr entspannter, fast so, als würde die Welt um mich herum einen Gang zurückschalten.

Noch konnte ich nicht viel von Mataró erkennen, doch allein die Tatsache, dass ich nun so nah war, ließ meine Aufregung wieder steigen. Mein Magen zog sich leicht zusammen, während mein Blick aufmerksam jede neue Abzweigung verfolgte.

Dann begann es erneut zu regnen. Die ersten Tropfen klatschten auf die Windschutzscheibe, gefolgt von immer mehr, bis die Scheibenwischer wieder ihr monotones Hin und Her aufnahmen.

»Großartig«, murmelte ich und stöhnte genervt auf. »Ich hasse Regen.«

Und trotzdem hatte ich das seltsame Gefühl, dass dieser Regen hier nicht einfach nur Wetter war, sondern eine Art stiller Begleiter auf den letzten Metern in eine Stadt, die mehr für mich bereithielt, als ich ahnte.