Kapitel 1
Isa POV
Ich stehe auf dem Dach des Krankenhauses. New York liegt unter mir wie ein unruhiger Herzschlag. Die kühle Frühlingsluft beißt in meine Haut, scharf und sauber. Sie erinnert mich daran, dass ich erst die Hälfte dieser endlosen Schicht hinter mir habe. Zwölf Stunden sind rum, zwölf weitere liegen vor mir. Meine Lungen schmerzen bei jedem Atemzug, aber ich genieße es trotzdem. Hier oben, weit weg vom Neonlicht und dem ständigen Piepen der Monitore, kann ich fast so tun, als wäre ich frei.
„Hier steckst du also, Isa.“ Connors Stimme durchschneidet die Stille. Ich seufze, während der zerbrechliche Frieden zerbricht. Ich habe heute Abend keine Geduld für ihn. Nicht für seinen billigen Charme und nicht für die Art, wie er immer davon ausgeht, dass ich mich freue, ihn zu sehen.
Er kommt näher, bevor ich weggehen kann. Seine Arme schlingen sich um meine Taille und ziehen mich fest gegen seinen Körper. Seine Lippen berühren meinen Nacken, warm gegen die kalte Luft. Die meisten Frauen würden bei so viel Aufmerksamkeit dahinschmelzen. Aber für mich fühlt es sich hohl an, langweilig und vorhersehbar. Da ist kein Feuer, kein Funke, der meinen Puls beschleunigt.
„Ich vermisse dich“, murmelt er leise, fast flehend.
Aber die Worte kommen kaum bei mir an. Seine Stimme ist nur ein weiteres Geräusch, das im Summen der Stadt unter uns untergeht. Wir stecken seit Monaten in dieser Sache fest. Es war ein lockeres Arrangement, das sich anfangs wie eine Flucht anfühlte, jetzt aber wie eine Last wiegt. Irgendwann habe ich angefangen, mich zurückzuziehen. Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Inzwischen fühlt sich der Abstand zwischen uns größer an als dieses Dach.
Connor merkt es nicht. Oder vielleicht merkt er es doch und ist zu stur, es zuzugeben. Er hält mich fester, als könnte er mich hier festankern. Als könnte er verhindern, dass ich ihm entgleite. Aber die Wahrheit ist: Ich bin längst weg.
Unsere erste gemeinsame Nacht war wie ein Lauffeuer. Wild, rücksichtslos und unvergesslich. Jede Berührung hat Funken geschlagen, jeder Kuss hat gebrannt. Danach tat mein Körper auf eine Weise weh, die sich fast heilig anfühlte. Es war eine köstliche Erinnerung daran, wie lebendig ich in seinen Armen war. Tagelang trug ich diesen Schmerz wie ein Geheimnis mit mir herum. Ich rief die Erinnerung immer wieder wach, als wäre sie der Beweis für etwas ganz Besonderes.
Aber es stellte sich heraus, dass es nur ein kurzes Aufflackern war. Als wir das nächste Mal zusammen waren, war das Feuer erloschen. Was früher roh und berauschend war, wirkte plötzlich gedämpft. Der Drang fehlte. Seine Hände fühlten sich routiniert an, seine Küsse mechanisch. Er wirkte, als würde er ein Drehbuch abarbeiten, anstatt mich wirklich zu wollen. Die Leidenschaft, die mich früher zum Zittern brachte, wurde durch einen hohlen Rhythmus ersetzt. Ich driftete ab, war innerlich gar nicht mehr dabei und wartete nur darauf, dass es vorbei war.
Ich täuschte einen Orgasmus vor. Der Klang meiner eigenen Stimme kam mir fremd vor. Ich hasste mich für diese Vorstellung, während ich sie ablieferte. Er lächelte danach zufrieden. Er bemerkte die Leere nicht, die sich zwischen uns breitgemacht hatte. In diesem Moment erkannte ich die Wahrheit. Welchen Funken wir in jener ersten Nacht auch geteilt hatten, er war verbrannt. Zurück blieb nur Asche.
„Willst du nach der Schicht mit zu mir kommen?“ Connors Stimme klingt beiläufig, fast hoffnungsvoll. Als wäre die Einladung reine Routine.
Die Worte hängen schwer und unerwünscht in der kühlen Luft. Ich erzwinge ein Lächeln, das ich nicht fühle. Innerlich dreht sich mir der Magen um, wenn ich daran denke, dass sein Körper auf meinem liegt. Was früher aufregend war, fühlt sich jetzt erstickend an. Ich kann dieses Theater nicht mehr weiterspielen.
Ich sehe ihn an. Er grinst breit und ahnt nichts von der Distanz, die zwischen uns wächst. Er denkt, er bietet mir Geborgenheit und Nähe an, aber ich spüre nur Grauen. Der Gedanke, meine Dienstkleidung auszuziehen, nur um unter ihm zu liegen und wieder etwas vorzuspielen, widert mich an.
„Nicht heute Nacht, Connor“, sage ich schärfer, als ich eigentlich wollte. Die Worte stehen zwischen uns, schwer in der kühlen Nachtluft.
„Ich habe diese Woche fast siebzig Stunden gearbeitet“, füge ich sanfter hinzu. Erschöpfung schwingt in jeder Silbe mit. „Ich will einfach nur schlafen.“
Die Lüge schmeckt bitter. Die Wahrheit ist viel dunkler. Ich will richtig hart gefickt werden. Gegen eine Wand gedrückt oder über ein Sofa gebeugt. Alles, bloß nicht die Missionarsstellung, die Connor so liebt.
Connors Gesichtsausdruck flackert. Überraschung macht sich breit, dann folgt etwas Undurchschaubares. Er setzt an, etwas zu sagen, schließt den Mund dann aber wieder. Seine Kiefer mahlen. Einen Moment lang fühle ich mich fast schuldig, aber die Last auf meinen Schultern ist zu groß. Ich kann nicht auch noch seine Erwartungen erfüllen.
Mein Pager schrillt in die Stille wie splitterndes Glas. Die Pflicht ruft, für Zögern ist kein Platz. Ohne ein weiteres Wort drehe ich mich um. Ich lasse Connor allein auf dem Dach zurück. Sein Schatten wird von der Stadt verschluckt, während ich zurück ins Neon-Chaos der Notaufnahme eile.
Die Luft drinnen ist dick vor Eile. Stimmen überschlagen sich, Monitore piepen. Es herrscht der Rhythmus einer kontrollierten Panik, die niemals ganz verschwindet. Jessie fängt mich am Schwesternzimmer ab. Ihr Gesicht ist angespannt, sie hält bereits eine Akte in der Hand.
„Zwanzigjährige Frau, starke Bauchschmerzen“, sagt sie kurz und effizient.
Ich nicke. Die Erschöpfung wird von der vertrauten Konzentration verdrängt. Die Akte fühlt sich kühl in meinen Händen an, aber die Realität dahinter brennt. Jemand Junges hat Schmerzen und wartet darauf, dass ich die Ursache finde.
Ich bahne mir den Weg durch die volle Station, bis ich bei ihr bin. Sie liegt zusammengekauert auf der Trage. Ihr Körper ist verkrampft vor Schmerz, ihr Gesicht ist blass und schweißnass. Jede Bewegung lässt sie zusammenzucken, jeder Atemzug ist ein Kampf.
„Hallo“, sage ich sanft und ziehe einen Stuhl heran. „Ich bin Dr. Isa Costello.“ Meine Stimme ist ruhig und fest. Ich will ihr Halt geben. „Ich bin hier, um zu helfen. Können Sie mir sagen, wann die Schmerzen angefangen haben?“
Ihre Augen suchen meine, verzweifelt nach Beruhigung. Während ich die Anamnese beginne, verengt sich die Welt. Es gibt nur noch sie, ihren Schmerz und meine Aufgabe, die Wahrheit dahinter zu finden.
Endlich ist meine Schicht vorbei. Die siebzig Arbeitsstunden stecken mir in den Knochen. Ich trete aus dem Krankenhaus in die Nacht hinaus. Der Himmel ist schwer und dunkel, aber die Stadt schläft nie. Ihre Lichter glitzern und pulsieren. Reflexionen tanzen wie ruhelose Geister auf dem nassen Asphalt. Einen Moment lang atme ich die kühle Luft ein und genieße die Illusion von Freiheit.
Dann sehe ich ihn.
Eine glänzende schwarze Limousine steht im Halteverbot. Unter den Straßenlaternen glänzt sie wie ein Spiegel. Meine Brust wird eng. Der Atem stockt mir im Hals. Ich kenne dieses Auto. Ich weiß, was es bedeutet.
Ich bleibe abrupt stehen, jeder Muskel ist angespannt. „Nicht heute“, herrsche ich den Wagen an. Meine Stimme ist scharf genug, um den Verkehrslärm zu übertönen.
Einer der Männer meines Vaters tritt vor. Sein Anzug sitzt perfekt, sein Gesichtsausdruck ist leer. „Ihr Vater besteht darauf, Isadora“, sagt er knapp. Es klingt wie eine auswendig gelernte Anweisung.
Wut lodert in mir auf und verbrennt die Erschöpfung. „Er kann sich ficken gehen“, zische ich. Das Gift in meiner Stimme überrascht mich selbst.
Der Mann zuckt nicht einmal mit der Wimper. Er wartet einfach. Geduldig und unbeweglich wie ein Schatten. Er ist die Erinnerung daran, dass der Arm meines Vaters mich immer erreicht, egal wie weit ich weglaufe. Die Lichter der Stadt verschwimmen vor meinen Augen. Für einen Herzschlag fühle ich mich gefangen zwischen dem Leben, das ich mir aufgebaut habe, und dem, dem ich niemals ganz entkommen kann.
„Bitte steigen Sie einfach in den Wagen“, sagt er mit erzwungener Höflichkeit. Sein Ton ist ruhig, fast sanft. Aber ich höre die Anspannung darunter. Sein Geduldsfaden ist kurz vor dem Reißen.
Er weiß genau, dass er mich nicht anschreien darf. Jeder Mann, der für meinen Vater arbeitet, kennt die Regel: Wenn du mich respektlos behandelst, verlierst du nicht nur deinen Job, sondern dein Leben. Mein Vater duldet keine Unverschämtheit, weder gegen sich noch gegen seine Tochter. Ein falsches Wort, ein kleiner Wutausbruch, und dieser Mann wäre vor Sonnenaufgang tot.
Und doch ist die Gefahr für ihn überall. Wenn ich mich weigere einzusteigen, wenn ich den Bogen überspanne, ist sein Schicksal vielleicht schon besiegelt. Mein Vater verzeiht kein Versagen. Ausreden interessieren ihn nicht. Für ihn zeigt sich Loyalität in Gehorsam, und Gehorsam misst er an Ergebnissen.
Die Augen des Mannes flackern. Er versucht, seine Angst zu verbergen. Er steckt fest zwischen meinem Trotz und dem Zorn meines Vaters. Er ist nur eine Spielfigur in einem Spiel, das keiner von uns gewinnen kann. Ich spüre, wie der Druck auf mir lastet. Meine Entscheidung heute Nacht könnte darüber entscheiden, ob er lebt oder stirbt.
Die Stadt summt gleichgültig um uns herum. Die Neonlichter spiegeln sich auf dem schwarzen Lack wie eine Warnung. Mein Puls hämmert in meinen Ohren. Ich will einfach weggehen. Ich will die Freiheit zurück, für die meine Mutter gekämpft hat. Aber der Schatten meines Vaters ist lang, und er wartet in diesem Auto auf mich.
„Schön“, schnappe ich. Die Müdigkeit hat mir jede Geduld geraubt. „Aber ich muss erst was essen, bevor ich mich mit dem Teufel treffe.“ Bei meinem giftigen Ton sieht der Fahrer kurz in den Rückspiegel, sagt aber klugerweise nichts.
Die Autotür fällt mit einem dumpfen Schlag ins Schloss. Ich bin eingeschlossen in der Stille, die nach Leder riecht. Die Lichter der Stadt verschwimmen hinter den getönten Scheiben, während wir losfahren. Neonlicht geht in Schatten über. Mein Magen knurrt. Ich funktioniere schon viel zu lange nur noch mit Koffein und Adrenalin.
Ich lehne mich ein Stück vor und beobachte den Mann am Steuer. Er sitzt steif und professionell da. Diese Disziplin wird allen Männern meines Vaters eingeprügelt. Trotzdem will ich wissen, wer mich heute Nacht bewachen soll.
„Wie heißt du?“, frage ich leise und bestimmt.
„Matt“, antwortet er nach einer kurzen Pause. Er klingt vorsichtig, als könnte schon sein Name ihn verraten.
Matt spricht mit gedämpfter Stimme in sein Telefon. Seine Sätze sind kurz und überlegt. Jede Silbe scheint Gewicht zu haben. Ich verstehe die Details nicht, aber sein angespannter Kiefer verrät mir genug. Befehle. Änderungen. Der Schatten meines Vaters reicht bis in dieses Telefonat.
Plötzlich wendet er den Wagen. Die Lichter der Stadt ziehen an den Fenstern vorbei, während wir in die entgegengesetzte Richtung fahren. Minuten später halten wir vor dem „Ember & Ash“. Es ist eines der edelsten Restaurants der Stadt. Die Glasfassade glänzt wie ein Juwel. Das ist ein Ort, an dem Macht genauso wichtig ist wie das Essen.
Matt steigt schnell aus und öffnet mir die Tür. Er bewegt sich mit der Präzision eines Mannes, der weiß, dass sein Leben davon abhängt. „Der Tisch ist auf den Namen Costello reserviert“, sagt er sachlich. „Ihr Vater wird in fünfzehn Minuten hier sein.“
Ich nicke und erzwinge ein schwaches Lächeln. „Danke, Matt.“ Meine Stimme klingt flach, aber höflich genug, damit er keinen Ärger bekommt.
Drinnen wirkt das Restaurant wie eine Kathedrale des Reichtums. Kristalllüuchter funkeln, polierter Marmor spiegelt jeden Schritt wider. Die Luft riecht nach Trüffeln und Wein. Mir ist schmerzlich bewusst, dass ich in Arbeitskleidung und Sneakern hier bin. Die Erschöpfung steht mir ins Gesicht geschrieben. Ich bin für diesen Ort völlig falsch angezogen, aber es ist mir egal. Hunger ist wichtiger als Mode. Im Moment zählt Überleben mehr als der Schein.
Am Empfang nenne ich meinen Namen. „Costello.“
Die Empfangsdame erstarrt. Man sieht ihr an, wie der Name bei ihr einschlägt. Ihr Lächeln bröckelt und wird durch nervöse Geschäftigkeit ersetzt. Sie stellt keine Fragen. Das traut sie sich nicht. Stattdessen führt sie mich eilig am Hauptsaal vorbei. Wir gehen durch einen Flur mit Samtvorhängen, bis wir ein privates Zimmer erreichen, fernab von neugierigen Blicken.
Sie reicht mir die Speisekarte. Ihre Hände zittern leicht. In ihrem Blick liegt Unbehagen. Sie weiß genau, wer mein Vater ist. Sie weiß, was der Name Costello in dieser Stadt bedeutet.
Ich blättere durch die Karte. Jede Seite trieft vor Wichtigtuerei: Gänseleber, Trüffelrisotto, Kaviar. Alles ist edel und darauf ausgelegt, zu beeindrucken. Aber ich will nur etwas Einfaches, Ehrliches: ein großes, saftiges Steak.
„Kann ich ein Steak bekommen?“, frage ich und klappe die Karte mit einem Knall zu. Die Frau zögert, dann nickt sie. Sie versteht sofort, dass es zwar nicht auf der Karte steht, mein Wunsch aber trotzdem erfüllt wird. Der Name Costello hat hier genug Gewicht, um Regeln ohne Widerrede zu brechen.
„Und eine Flasche von Ihrem teuersten Rosé“, füge ich hinzu und lehne mich zurück. Ich weiß, dass das nicht zusammenpasst. Jeder Sommelier würde die Krise kriegen, aber das ist mir egal. Mein Vater zahlt die Rechnung. Wenn ich dieses Theater schon mitmachen muss, dann will ich es mir wenigstens gutgehen lassen.
Die Frau lächelt gequält, schreibt die Bestellung auf und verschwindet. Ich bleibe allein im privaten Speisezimmer zurück. Die Stille drückt auf mich ein. Die Aussicht auf Essen ist ein kleiner Trost für den Sturm, der gleich losbrechen wird.