Silvester 2025
Silvester hat immer diese besondere Qualität: Es ist der einzige Abend im Jahr, an dem Menschen kollektiv so tun, als wäre ein Datum ein magischer Knopf, der Chaos, Herzschmerz und schlechte Entscheidungen auf »Werkseinstellungen« zurücksetzt. Und jedes Jahr überrascht es sie wieder, dass das nicht funktioniert.
***
Ich stand in meiner Küche und hielt eine Packung Raclettekäse wie eine heilige Reliquie in der Hand. Nicht, weil ich religiös war. Sondern weil ich wusste: Wenn ich diesen Abend überleben wollte, brauchte ich Organisation und Wärme, und geschmolzenen Käse, der jede Art von Lebenskrise für ein paar Minuten übertünchte.
Auf der Arbeitsplatte lagen drei Dinge, die zusammen nicht paasten, wohl eher nicht existieren dürften: ein Rezept für »Schnelle Silvester-Häppchen«, eine angebrochene Packung Wunderkerzen und ein Zettel, auf dem in krakeligen Großbuchstaben stand:
VORSÄTZE 2026:
1. weniger zynisch sein
2. mehr Sport
3. weniger Leute hassen
Ich starrte die Liste an, als hätte ich sie nicht selbst geschrieben.
»Weniger Leute hassen«, murmelte ich. »Wie soll das gehen? Die Leute geben sich doch Mühe, dass man sie zu hassen lernt ...«
Hinter mir quietschte die Wohnzimmertür. Dann tapste jemand in Hausschuhen in die Küche, als würde er in einem fremden Land unterwegs sein und nicht sicher sein, ob hier wilde Tiere wohnen.
Chris, mein Lebensgefährte, blieb im Türrahmen stehen. Das war sein Standardmodus, wenn er den Herd sah. Chris war ein guter Mensch, ein fröhlicher Mensch, ein Mensch, der sogar in einer Bäckerei »Bitte« sagte, obwohl er bezahlt hatte und alles rechtlich geklärt war. Ein notorischer Gutmensch.
Aber Chris und Küche waren eine gefährliche Kombination, wie Konfetti und Staubsauger, wie Emotionen und ein Familienchat, wie er und ich ...
»Sag mir bitte, dass du nicht kochst?«, fragte er vorsichtig mit seinem typischen Blick ... ›Bitte ich tue alles, was du willst ... ABER ...‹
»Ich koche nicht«, antwortete ich. »Ich organisiere, das wir die letzten Stunden überleben. Das ist ein Unterschied.«
Chris trat näher, beugte sich über die Arbeitsplatte und schnupperte. »Riecht nach… Stress ...« Er hielt inne, »und nach dir ...!«
»Das ist mein Parfum. Ein Weihnachtsgeschenk von dir, wie jedes Jahr ... Ein Klassiker. Kommt jedes Jahr raus, zu Weihnachten und Silvester.«
Er grinste mich verstohlen an, nahm die Raclettekäse-Packung aus meiner Hand und hielt sie hoch, als wäre sie ein Pokal. »Wir machen Raclette?«, fragte er, als ob er nicht schon längst gewusst hätte.
»Ja ... Wir machen Raclette«, bestätigte ich. »Ein Gericht, das genau so ist wie mein Leben: Jeder bastelt sich was zusammen und am Ende ist es irgendwie heiß.«
Chris lachte leise und leckte sich über die Lippe. Dann wanderte sein Blick zum Raclette-Gerät, das in der Ecke stand wie ein alter Fernseher aus einer Zeit, in der man noch glaubte, Technik sei zuverlässig und unzerstörbar.
»Hast du es getestet?« Ich tat so, als hätte ich die Frage nicht gehört. Das war mein zweiter Standardmodus. Ignorieren, was nicht nötig und zum Survival-Paket gehört. Chris hob eine Augenbraue. »Hast du es getestet?«, fragte er noch mal.
Ich seufzte. »Nein. Aber ich habe es liebevoll angeschaut. Das muss reichen.«
»Du bist ein gefährlicher Mensch«, sagte Chris.
»Das sagen sie immer, bevor sie es herausfinden und bereuen.«
Draußen knallte es. Um 17:48 Uhr. Wie jedes Jahr, natürlich. Menschen konnten keine Uhr lesen, aber sie konnten Sprengstoff kaufen. Das war irgendwie eigentümlich.
Chris ging ans Fenster, zog den Vorhang ein Stück zur Seite und blickte auf die Straße.»Die fangen jetzt schon an«, sagte er.
»Die fangen seit gestern an«, korrigierte ich. »Ab dem 30. ist Deutschland ein Kriegsgebiet mit Glitzer und Glorie.«
Chris drehte sich um. Sein Blick war weich, fast zärtlich, und ich wusste: Er war gerade in diesem romantischen Zustand, in dem man denkt, Silvester sei ein Moment der Magie und nicht bloß ein großer gemeinsamer Gruppentherapie-Abend mit Alkohol.
»Dieses Jahr machen wir’s uns schön«, sagte er.
Ich nickte. »Dieses Jahr machen wir’s… wie jedes Jahr ... überlebbar.«
»Nein. Schön.« Er setzte sich an den Küchentisch. »Gutes Essen, Kerzen, Musik und um Mitternacht stoßen wir an und sagen uns Dinge, die wir sonst nicht sagen.«
»Ich kann dir jetzt schon sagen, dass ich das Raclette sehr liebe«, sagte ich.
»Du weißt, was ich meine!«, schnaufte er. Ich wusste, was er meinte und genau deshalb wollte ich es vermeiden. Menschen waren so. Sie warteten auf besondere Momente, um ehrlich zu sein, weil die Wahrheit im Alltag zu nackt wirkte und an besonderen Tagen, wie Silvester zu Mitternacht, gab man ihr ein Kostüm.
***
Ich schnitt Paprika, als wäre sie schuld an allem. Chris holte Teller aus dem Schrank, ordnete sie in einem perfekten Kreis auf dem Tisch und stellte kleine Schälchen daneben. Er hatte diese Art, aus banalen Dingen ein Ritual zu machen. Das war einerseits rührend und andererseits nervig, weil es zeigte, dass es möglich war, ohne Zynismus zu leben.
»Wir brauchen noch Gurken«, sagte er.
»Wir haben Gurken.«
»Nein, ich meine Cornichons.«
»Cornichons sind Gurken mit Narzissmus.«
Chris lachte. »Du hast heute extra viel Gift im Mund.«
»Ich muss es ja irgendwo lassen. Draußen explodiert schon wieder die Welt.« In dem Moment vibrierte mein Handy. Eine Nachricht von meiner Mutter. Natürlich.
»Na, was sind deine Vorsätze fürs neue Jahr? – Ich wünsche euch beiden einen guten Rutsch ❤️«
Ich starrte auf den Bildschirm und spürte, wie mein Gesicht automatisch in dieses Lächeln rutschte, das man für Menschen macht, die einen Lieben und keine Schuld daran haben, dass sie manchmal nerven.
»Was ist?« Chris sah meinen Ausdruck.
»Meine Mutter hat gefragt, was meine Vorsätze sind.«
Chris strahlte, als hätte sie gefragt, ob er ein neues Auto wolle. »Oh! Das ist doch schön. Hast du welche?«
Ich schob den Zettel mit den drei Punkten über den Tisch. Chris las, und sein Lächeln wurde zu einem Grinsen.
»Weniger Leute hassen ...« Er blickte mich an.
»Es ist ein bemühtes Projekt.«
»Und‚ mehr Sport‘.«
»Auch bemüht.«
»Und‚ weniger zynisch sein.«
»Das wird praktisch ein Wunder werden, aber ich schaffe das ...«
Chris legte den Zettel zurück. »Das sind gute Vorsätze.«
»Nein«, sagte ich ehrlich. »Das sind Wünsche. Vorsätze sind Dinge, die man sagt, damit man sich im Januar schlecht fühlen kann.«
Chris schüttelte den Kopf. »Und schon flüstert der Zynismus wieder. Du kannst auch einfach… freundlicher sein. Was hältst du davon?«
Ich blickte ihn an. »Das ist in Deutschland illegal.«
Er lachte wieder, aber diesmal war es leiser. »Ich meine es ernst.«
Ich auch, dachte ich. Aber ich sagte es nicht.
Der Abend zog sich in dieses seltsame Silvester-Gefühl: Es war gleichzeitig zu früh und zu auch spät. Man hatte Zeit, aber man fühlte sich gehetzt, weil Mitternacht wie eine Deadline über allem hing und draußen knallte es inzwischen im Zehn-Minuten-Takt. Irgendwo im Haus schien jemand eine private Feuerwerkschoreografie zu proben.
***
Um 18:20 Uhr klingelte es.
Ich erstarrte. Chris auch. Wir sahen uns an, als hätte jemand »Inkassobeauftragter« gesagt.
»Erwartest du jemanden?«, fragte Chris.
»Ich erwarte nie jemanden«, sagte ich. »Ich erwarte nie jemand und ich erwarte von niemanden etwas ... Das ist mein Lebensstil.« Chris verdrehte die Augen, in etwa, na das nächste Jahr mit den neuen Vorsätzen ist ja noch nicht da ...
Das Klingeln kam noch einmal. Dringlicher. Unhöflicher. Als hätte sich das Jahr persönlich beschwert.
Ich ging zur Tür, schaute durch den Spion und sah… Frau Kessler. Ja wer sonst?
Frau Kessler war unsere Nachbarin. Sie war ungefähr siebzig, aber ihre Energie war die eines wütenden Teenagers, der im Bus keinen Sitzplatz bekommen hat. Sie trug eine knallrote Mütze und hielt eine Tüte in der Hand.
Ich öffnete.
»Ich habe es gewusst«, sagte Frau Kessler ohne Begrüßung. »Ich habe es gerochen.«
»Was genau?«, fragte ich.
»Käse«, sagte sie, als wäre das ein Verbrechen. »Und Unfähigkeit.«
Chris tauchte hinter mir auf, weil er nicht widerstehen konnte. Frau Kessler musterte ihn, als wäre er ein Haustier, das unerlaubt im Treppenhaus läuft.
»Ach, der Freund ist auch da«, sagte sie. »Dann kann ich es ja direkt sagen: Wenn ihr dieses Ding benutzt…« Sie deutete mit dem Kinn Richtung Wohnung, als hätte sie Röntgenblick. »…dann fliegt mir wieder die Sicherung raus. Und dann sitze ich im Dunkeln, während draußen die Welt das neue Jahr bejubelt. Letztes Jahr musste ich meine Pflanzen mit Taschenlampe gießen. Das war demütigend.«
»Wir benutzen es ganz ... vorsichtig«, sagte Chris, zu freundlich, wie immer, als ob man Haushaltsgeräte ›vorishtig‹ benutzen konnte.
Frau Kessler schnaufte. »Vorsichtig. Sagen alle. Dann brutzelt es, dann knallt es, dann schreit jemand, dann steht es in der Zeitung. Wie immer ...«
Ich hob beide Hände. »Wir versprechen, wir passen auf. Wollen Sie… äh… auch was?«
»Nein«, sagte Frau Kessler sofort. Dann machte sie eine Pause, als würde sie gegen einen inneren Stolz kämpfen. »Was habt ihr denn?«
»Raclette«, sagte Chris.
Frau Kesslers Augen blitzten. »Raclette ist ein gutes Essen. Das respektiere ich. Jeder hat seine Pfanne, jeder trägt die Verantwortung für sein Scheitern, so wie es sein soll ...«
Ich starrte sie an. Chris grinste. Frau Kessler räusperte sich und hielt uns die Tüte hin.
»Hier. Ich hab zu viel. Kartoffeln. Und ein Glas Cornichon. Wenn ihr schon mein Stromnetz gefährdet, dann wenigstens mit gutem Essen.«
Ich nahm die Tüte, etwas überfordert. »Danke.«
Frau Kessler nickte, als hätte sie gerade eine internationale Friedensmission abgeschlossen. Dann beugte sie sich näher.
»Und wenn ihr um Mitternacht rumschreit, dann bitte nicht dieses ‚Neues Jahr, neues Ich‘. Ich kann das nicht mehr hören. Ihr bleibt doch alle gleich, nur mit mehr Kater im Gesicht und einen unsichtbaren Affen auf der Schulter ... Die jungen Leute von heute ...«
Bevor ich etwas erwidern konnte, drehte sie sich um und stapfte den Flur entlang, als würde sie das Haus persönlich zusammenhalten.
Ich schloss die Tür und lehnte mich dagegen.
Chris prustete. »Ich liebe sie.« Kurz blickte ich ihn an ... sicher liebt er sie und er glaubt auch an den Weltfrieden.
»Sie würde dich in einer Krise als Erstes retten«, sagte ich. »Und danach würde sie dir erklären, wie dumm du warst, in die Krise zu geraten.«
Chris nahm mir die Tüte ab, stellte sie in die Küche und zog die Cornichons raus. »Sie hat an uns gedacht.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Sie hat an ihre Sicherung gedacht. Wir sind die Nebenwirkung, die sie mit einkalkuliert hat und am Ende zur Rechenschaft ziehen kann.«
Aber ich spürte trotzdem dieses kleine, unangenehme Warmsein, das man bekam, wenn man merkte, dass man nicht ganz allein war. Nicht mal in einem Haus voller Menschen, die einen nervten.
***
Um 19:00 Uhr setzten wir das Raclette-Gerät auf den Tisch.
Ich starrte auf den Stecker. Chris starrte mich an. Es war ein Duell zwischen uns dreien.
»Testen?«, fragte Chris.
»Testen«, murmelte ich und ich steckte es ein.
Für einen Moment passierte nichts. Dann flackerte das Licht in der Küche. Ich spürte, wie mein Herz eine elegante Rolle rückwärts machte. ›Charmanter Hüpfer‹ kam mir in den Sinn.
Und dann: ein leises Klick. Das Gerät blieb dunkel.
Chris sah mich an. Ich sah Chris an.
»Es… funktioniert nicht«, sagte Chris vorsichtig.
»Es ist alt«, sagte ich. »Und hat viel gesehen, oder so.« Ich zog den Stecker wieder raus und steckte ihn erneut rein, weil das meine gesamte technische Kompetenz war.
Nichts.
»Vielleicht ist die Steckdose kaputt«, sagte Chris hoffnungsvoll.
»Vielleicht hat das Gerät seinen Geist aufgegeben«, sagte ich realistisch.
Chris griff zum Stecker, wechselte zur anderen Steckdose und steckte ein.
Nichts.
Draußen knallte es wieder, als würde das Universum lachen.
»Okay«, sagte Chris langsam. »Wir… improvisieren.«
»Das Wort hasse ich«, sagte ich.
»Ich weiß.«
Chris holte sein Handy raus, tippte wild, und ich wusste: Er war gerade in diesem Modus, in dem er Lösungen googelte, als gäbe es im Internet eine Anleitung für alles, Hoffnung, Essen mit inklusive Emotionen.
»Wir könnten…« Er scrollte. »Raclette im Ofen machen.«
»Das ist kein Raclette«, sagte ich. »Das ist Käseauflauf mit Identitätskrise.«
»Oder Fondue.«
»Fondue ist mit Raclette-Käse ... tödlich. Da stirbt man.«
»Oder wir bestellen.« Ich blickte auf die Uhr. 19:07 Uhr. Silvesterabend. Bestellservice in Deutschland ... HOFFNUNG.
»Wir bestellen«, sagte ich, als würde ich damit mein Schicksal unterschreiben.
Chris grinste. »Pizza?«
»Pizza«, bestätigte ich. »Das Raclette des kleinen, armen, hoffnungslosen Mannes.«
Während Chris die Bestellung aufgab, versuchte ich, nicht an Vorsätze zu denken. Nicht an Mitternacht. Nicht an all die Momente, in denen man sich jedes Jahr einredete, diesmal wird alles anders.
Ich räumte das vorbereitete Essen wieder weg, stellte die Kerzen auf den Tisch und zündete sie an, weil ich wenigstens so tun wollte, als wäre das hier ein stimmungsvoller Abend und nicht eine organisierte Kapitulation.
Chris legte Musik auf. Eine Playlist mit dem Titel »Silvester Vibes«. Ich hasste den Titel sofort, aber die Musik war okay. Ein bisschen Jazz, ein bisschen Indie. Nichts, was einen zum Tanzen zwang. Mehr so: Musik, die so tut, als hätten Menschen ihr Leben im Griff.
Um 19:45 Uhr klingelte es wieder.
Ich öffnete, und da stand der Lieferdienstfahrer.
Er sah aus, als hätte er seit 2018 nicht mehr geschlafen. Sein Blick war leer, aber nicht unfreundlich. Mehr so, als hätte er alle menschlichen Varianten von »Frohes Neues« bereits gesehen und innerlich katalogisiert.
»Pizza«, sagte er.
»Sie sind ein Held«, sagte Chris hinter mir.
Der Fahrer nickte langsam. »Ich bin ein Mensch mit unterbezahltem Job.«
Ich bezahlte, nahm die Kartons, und der Fahrer blieb noch einen Moment stehen, als würde er etwas sagen wollen.
»Alles okay?«, fragte Chris, wieder zu freundlich.
Der Fahrer atmete aus. »Silvester ist komisch. Alle tun so, als wären sie glücklich, und wenn sie’s nicht sind, trinken sie’s sich passend.«
Ich blinzelte. »Das ist… unerwartet tief für jemanden, der gerade Salami transportiert.«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich höre viel. Türen sind dünn. Menschen sind laut, wenn sie sich unbeobachtet fühlen.«
Chris wurde still. Ich auch.
Der Fahrer nickte uns zu. »Einen ruhigen Abend. Und… keine Raketen aus dem Fenster. Ich hab heute schon zwei brennende Balkonpflanzen gesehen.«
»Wir versprechen es«, sagte Chris.
Der Fahrer ging, und ich schloss die Tür langsam.
»Siehst du«, sagte ich leise. »Selbst der Pizza-Mann ist heute philosophisch.«
Chris nahm mir die Kartons ab und stellte sie auf den Tisch. »Vielleicht ist das der Punkt. Dass alle heute… kurz ehrlich werden.«
Ich setzte mich an den Tisch, die Kerzen brannten und die Pizza dampfte. Draußen knallte es wieder und langsam in Sekundentakt. In meinem Bauch war dieses Gefühl, das irgendwo zwischen Wärme und Traurigkeit hing.
»Oder sie versuchen es wenigstens«, sagte ich.
Wir aßen. Wir lachten. Chris erzählte eine Geschichte aus seiner Kindheit, in der er an Silvester fast die Gardine angezündet hatte, weil er dachte, Wunderkerzen seien »ungefährlich«. Die Geschichte erzählte er jedes Jahr und immer lachte ich und er legte nur seine Hand auf meine. Kurz lächelte er mich an ... dieser Blick. Ich kenne dich, also verstelle dich nicht.
Und ich hasste es. Und doch brauchte ich es.
***
Später, als es draußen dunkler wurde und das Treppenhaus sich mit Geräuschen füllte, als würden alle ihre eigenen kleinen Dramen hochtragen, klingelte es erneut.
Ich stöhnte und Chris stöhnte mit.
»Wenn das Frau Kessler ist, erschieße ich mich mit einer Wunderkerze«, sagte ich und öffnete die Tür.
Diesmal war es nicht Frau Kessler.
Es war ein Mann aus dem dritten Stock, den ich nur vom Sehen kannte. Er trug einen viel zu dünnen Mantel, hatte rote Wangen und hielt eine Sektflasche in der Hand, als wäre sie ein Ticket in ein besseres Leben.
»Hi«, sagte er. »Ich… äh… wir machen oben so ein kleines… Ding. Und ich dachte, vielleicht wollt ihr… also… ich könnte ... bei euch« Er war betrunken. Nicht schlimm betrunken. Mehr so: mutig betrunken.
Chris trat nach vorn. »Danke, aber wir bleiben heute lieber zu zweit.«
Der Mann nickte, aber seine Augen blieben einen Moment zu lange an uns haften, als hätte er gehofft, jemand würde ihn einladen. Nicht nur wegen Sekt. Wegen Gesellschaft.
»Alles klar«, murmelte er und lächelte schief. »Dann… frohes… na ja.« Er drehte sich um und ging. Ich schloss die Tür und lehnte mich dagegen.
»Der sah traurig aus«, sagte Chris leise.
»Weihnachten, Silvester ...«, sagte ich. »Ein Abend, der dir mit neonfarbenen Buchstaben zeigt, wer allein ist.«
Chris schwieg.
Ich auch.
Und dann machte ich etwas, das ich sonst nicht machte: Ich öffnete die Tür wieder. Der Mann war noch im Flur, blickte sich um, langsam, als würde er nicht wissen, wohin mit sich.
»Hey«, rief ich. Er drehte sich um.
»Wenn du willst…«, begann ich, und ich hasste jedes Wort, weil es nach Menschlichkeit klang. »Wir haben Pizza übrig. Und Kerzen. Und… keine Garantie, dass wir nett sind, aber wir sind da.«
Chris sah mich an. Sein Blick war warm, aber überrascht. Der Mann starrte mich an, als hätte ich ihm angeboten, auf den Mond zu fliegen.
»Echt?«, fragte er.
Ich zuckte mit den Schultern. »Wenn du nicht rumschreist und nicht über Vorsätze redest.«
Er lachte. Ein echtes Lachen, kurz, fast erleichtert. »Okay.«
***
Wir saßen zu dritt am Tisch. Chris stellte ein extra Glas hin, ich schob die Pizza rüber, und der Mann stellte die Sektflasche in die Mitte wie ein Friedensangebot.
Er hieß Jan.
Jan redete zuerst viel zu schnell, weil Menschen das tun, wenn sie nervös sind. Er erzählte, dass er erst vor Kurzem eingezogen war, dass er eigentlich nicht der Typ für Hauspartys sei, dass er oben nur kurz war und dann gemerkt hatte, dass er es nicht aushielt.
»Alle so laut«, sagte er. »Und ich… keine Ahnung. Ich wollte nur irgendwo sitzen, ohne…«
»Ohne das Gefühl zu haben, dass du falsch bist«, sagte Chris.
Jan nickte. Sein Blick wurde glänzend, und er lachte schnell, um es zu verstecken. »Genau.«
Ich starrte auf mein Glas. Das war der Moment, in dem ich merkte, dass ich tatsächlich weniger Leute hassen konnte. Nicht, weil sie plötzlich weniger nervig waren, sondern weil sie meistens auch nur irgendwie versuchten, durchzukommen.
Um 23:30 Uhr war das Treppenhaus ein Konzert. Türen knallten. Stimmen hallten. Jemand sang »Atemlos« so falsch, dass es fast wieder Kunst war.
Wir saßen am Fenster und schauten raus. Chris hatte eine Decke geholt. Jan hielt die Sektflasche, als wäre sie eine Waffe gegen Einsamkeit.
»Geht ihr raus um Mitternacht?«, fragte Jan.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich gehe nicht raus, wenn Menschen Raketen in der Hand haben. Ich habe noch einen Rest Selbstachtung.«
Chris grinste. »Wir bleiben hier... schauen aus dem Fenster oder gehen auf den Balkon ...«
Jan nickte.
Ich sah auf die Uhr. Noch zehn Minuten.
Und plötzlich spürte ich sie, diese Silvester-Schwere. Diese stille Sekunde, in der man an Dinge denkt, die man sonst wegschiebt. An verpasste Chancen. An Leute, die gegangen sind. An Versionen von sich selbst, die man irgendwo unterwegs verloren hat.
Chris bemerkte es, weil Chris immer alles bemerkte.
»Hey«, sagte er leise. »Alles okay?«
Ich atmete ein. Ich wollte eine dumme Antwort geben. Einen Witz. Einen Spruch. Aber meine Stimme blieb mir versagt.
Jan schaute uns an, vorsichtig, als wäre er in ein privates Gespräch geraten.
»Ich weiß nicht«, sagte ich schließlich. Und es war die Wahrheit, so nackt, dass sie fast wehtat. »Jedes Jahr… denke ich, ich müsste irgendwas… groß ändern. Und am Ende bin ich einfach nur… müde.«
Chris nahm meine Hand.
»Müde ist erlaubt«, sagte er.
Jan nickte langsam. »Ich bin auch müde.«
Draußen begann das Feuerwerk jetzt wirklich. Nicht nur ein paar Knaller. Sondern diese laute, aggressive Freude, die den Himmel zerreißt, als müsste man beweisen, dass man existiert.
Mitternacht kam, ohne zu fragen, und wir standen am Fenster. Chris öffnete es ein Stück. Kalte Luft strömte rein. Der Himmel war plötzlich bunt. Gold, Rot, Blau. Kurz, hell, dann wieder dunkel.
Jan öffnete den Sekt. Der Korken machte dieses Plopp, dass jeder Film liebt und wir stießen an.
»Frohes neues Jahr«, sagte Chris.
Jan lächelte. »Frohes neues Jahr.«
Ich hob mein Glas und dann, statt »Neues Jahr, neues Ich«, statt irgendeines kitschigen Spruchs, sagte ich das Einzige, was sich echt anfühlte:
»Ich hoffe, wir sind dieses Jahr ein bisschen netter zu uns.«
Chris grinste. »Das klingt nach einem guten Vorsatz.«
»Nein«, sagte ich. »Das klingt nach einem Wunsch, den man vielleicht… einfach heute schon anfangen kann.«
Jan lachte leise. »Das wäre bahnbrechend.«
Draußen explodierte der Himmel. Drinnen brannten Kerzen. Drei Menschen saßen in einer Küche, die eigentlich nur Raclette geplant hatte und stattdessen etwas anderes bekommen hatte: einen Abend, der nicht perfekt war, aber gut.
Und während irgendwo in der Stadt jemand »Neues Jahr!« schrie, dachte ich:
Vielleicht ist das der Sinn.
Nicht auf den richtigen Moment warten.
Sondern ihn nehmen, wenn er sich zeigt.
Silvester wird immer noch überbewertet.
Aber dieses Mal… war es okay.
Und das war mehr, als ich erwartet hatte. – Scheiß auf meine Vorsätze, das Jahr, kommt, wie es kommt ...
***
Wir wünschen euch einen guten Rutsch und ein gesundes neues Jahr. Manche Vorsätze gehen in Erfüllung, andere kommen einfach ungeplant.
LG Conny J. Gross & Malaike Lucas