Der Ruf der verstoßenen Gefährtin

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Zusammenfassung

Sie war eine Omega. Eine Belastung. Unwürdig, meine Gefährtin zu sein. Sie schwächte das gesamte Rudel. Warum also verspürte ich das Bedürfnis, sie zu beschützen? Den Drang, jeden zu zerfleischen, der ihr drohte? Lyra war vollkommen zufrieden mit ihrem Leben als Omega ohne Wolfsgestalt. Doch als die Mondgöttin sie dazu bestimmt, mit Alpha Kane verbunden zu werden, stürzt das Leben von beiden plötzlich ins Chaos. Lyras Blut birgt ein Geheimnis … und dieses Geheimnis könnte sie beide töten. Kann Alpha Kane seine Vorurteile überwinden und das Geschenk der Mondgöttin akzeptieren? Und kann Lyra lernen, die Macht zu beherrschen, die ihre Verbindung freigesetzt hat? Wenn nicht, werden sie nicht lange genug überleben, um herauszufinden, warum das Schicksal sie überhaupt zusammengeführt hat.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
43
Rating
4.9 19 Bewertungen
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1 - Omega-Morgen

Lyra

Das graue Licht der Morgendämmerung fiel über die Festung, während ich auf Knien das Blut von den Steinböden schrubbte. Meine Handflächen waren wund, aber ich wagte nicht aufzuhören. Wessen Blut war es? Ich nahm an, niemand, der wichtig genug wäre, um ihn beim Namen zu nennen. Nur jemand, der Alpha Kane nicht gehorcht hatte und dafür bezahlen musste.

Um mich herum gingen die anderen Omegas ihrer morgendlichen Arbeit nach. Wir standen vor dem Rest des Rudels auf, um zu putzen, zu kochen, zu flicken und zu dienen. Unsere Arbeit war so unsichtbar wie wir selbst, doch jede Trägheit wurde sofort bemerkt.

Ich wusste, dass Alpha Kane unterwegs war, noch bevor ich ihn sehen oder riechen konnte. Die Gänge wurden still, als jedes Gespräch unter den Omegas abrupt verstummte. Die Stille folgte ihm wie eine Meereswelle, während der Alpha an uns vorüberging, ohne uns eines Blickes zu würdigen.

Er kam um die Ecke und ich senkte instinktiv den Kopf. Doch nicht, bevor ich einen Blick auf sein unbändiges schwarzes Haar und seine silberfädigen Augen erhaschte. Sie brannten sich in mich hinein und drückten mich noch näher an den Boden. Er überragte mich wie ein Riese, als er an mir vorbeiging, und das Leder seiner Stiefel knarrte direkt neben meinem Ohr. Seine Aura schrie nach Macht, so scharf wie seine Wangenknochen … und sein Temperament.

Ich hielt den Kopf gesenkt und meine Bewegungen klein. Ich stimmte sogar meinen Atem auf das Kratzen der Bürste ab, um die Steine zu meiden, von denen ich wusste, dass sie knarren würden. Aufmerksamkeit von Alpha Kane bedeutete Korrektur. Korrektur bedeutete Schmerz.

Hinter ihm folgten seine engsten Betas, eine Frau namens Seris und ein Mann namens Dante. „Du hast da eine Stelle übersehen, Omega“, zischte Seris. Sie verengte ihre himmelblauen Augen zu Schlitzen und strich sich das lange blonde Haar von der Schulter. Ich schluckte den Drang hinunter, ihr mitzuteilen, dass ich diese Ecke noch gar nicht gemacht hatte, und nickte nur stumm.

Widerworte zu Seris waren genauso schlimm, wenn nicht sogar schlimmer, als dem Alpha selbst frech zu kommen. Jeder wusste, dass sie als seine Gefährtin und Luna vorgesehen war. Man musste nur fünf Minuten mit ihr verbringen, und sie erzählte es einem fünfmal. Ehrlich gesagt passten sie perfekt zusammen. Gemein, von ihrer eigenen Macht besessen und gefährlicher als rohe Eier, auf denen man laufen musste.

Das Trio ging weiter und ich kehrte zu meiner Arbeit zurück. Meine Sinne wurden von Geruchsveränderungen, Schritten und Stimmungsschwankungen bombardiert, während die drei in Richtung des Ratsaals weiterliefen. Ich war schon immer auf diese Art empfindlich gewesen. Nicht, dass mich das jemals vor der gleichen Behandlung wie die anderen Omegas bewahrt hätte.

Das Leben kehrte in die Gruppe zurück, als die schweren Türen des Ratsaals am Ende des Ganges dumpf ins Schloss fielen. Zwei junge Omegas, kaum über zwanzig, betraten den Gang, in dem ich schrubbte; ihre Gesichter strahlten vor nervöser Aufregung.

„Vielleicht überrascht uns die Mondgöttin und wählt eine Omega als nächste Luna! Anstatt dieses gemeine Miststück Seris.“

„Jede andere wäre ehrlich gesagt besser.“

Obwohl ich im gleichen Alter war, teilte ich ihre Begeisterung nicht und mischte mich nicht in das Gespräch ein. Ich hatte bisher an drei Auswahlen teilgenommen und war nie nach vorne gerufen worden. Nicht einmal für eine andere Omega. Ich nahm an, dass nicht jeder dazu bestimmt war, sich zu binden. Und damit konnte ich umgehen. Ein Statist zu sein, war eine Rolle, für die ich mein ganzes Leben lang trainiert hatte.

Nein, ich würde heute Abend nicht aufgerufen werden. Ich würde während der Zeremonie dienen. Wasser tragen, Geschirr abräumen und danach aufräumen, das würde meine einzige Teilnahme sein. Die Aufregung, ausgewählt zu werden, war für andere Leute.

Ich beendete das Stück, an dem ich gearbeitet hatte, und wandte mich der Stelle zu, auf die Seris hingedeutet hatte. Dabei lief ich durch einen Mondlichtstrahl, der durch die hohen Fenster auf die abgenutzten Steine fiel. Mein Kopf begann zu pochen und ich richtete mich für einen Moment auf, da ich glaubte, zu lange gebückt gewesen zu sein. Es war kein stechender Schmerz, eher ein tiefer, pulsierender Herzschlag in meinem Gehirn. Ich drückte meinen Daumen gegen meine Schläfe und arbeitete schneller, den Kiefer fest zusammengepresst. Je schneller ich aufhören konnte, mich nach vorne zu beugen, desto schneller würde mein Blutdruck wieder normal werden.

Während ich schrubbte, schweiften meine Gedanken in die Vergangenheit zurück. Vielleicht machte mich die Auswahlzeremonie heute Abend ein wenig nostalgisch. Ich erinnerte mich daran, wie ich als kleines Kind neben meiner Mutter zusammengerollt lag. Ich liebte es, ihr dunkles Haar um meine Finger zu wickeln, während sie mich hielt und im Dunkeln sanft zu mir flüsterte. „Du bist ein besonderes Mädchen“, beharrte sie, als wäre es die wichtigste Botschaft der Welt.

Dann änderte sich ihr Tonfall. „Wenn sie dich heulen hören, werden sie dich töten. Also musst du jederzeit die Kontrolle behalten.“ Ich wusste damals nicht, was sie meinte, und weiß es auch heute noch nicht. Aber ich erinnerte mich daran, wie sie nach Angst und Eisen roch und wie sich ihre Lippen dabei zusammenzogen.

Ich fragte nie nach dem Warum. Ich nickte einfach mit meinem kleinen Kopf und stellte mir vor, wie es an dem Tag sein würde, an dem ich ausgewählt wurde. Sicherlich wäre mein Gefährte der größte und stärkste Wolf im Rudel. Genau wie in den Geschichten, die Mama mir über Papa erzählte.

„Er war der stärkste Wolf im ganzen Land! Wenn er heulte, bebten die Felsen vor seiner Macht. Armeen knieten vor ihm nieder und Alphas fürchteten ihn.“ Sie strich mir mit einem weit entfernten Blick in den Augen über die Wange. Heutzutage wusste ich, dass sie sich die Geschichten nur ausgedacht hatte. Und ich wusste, wenn so ein Wolf heute existieren würde, würde er mich sicherlich nicht wählen.

Ich hatte noch nie geheult, nicht ein einziges Mal. Mein Wolf, falls ich einen hatte, musste kaputt sein. Egal wie oft ich rief, niemand antwortete. Ehrlich gesagt war der Gedanke ziemlich beruhigend. Die Mondgöttin hatte es nicht für nötig befunden, mich aufzurufen, ich hatte keinen Wolf, der mein Leben kompliziert machte, und ich war an mein Leben gewöhnt, so wie es war. Etwas Besonderes zu sein, klang nach einer Menge Arbeit.

Schritte begannen in der Halle über meinem Kopf zu hallen, Türen öffneten sich, als das Rudel begann, sich zu regen. Ich beendete das Schrubben der letzten Steine und ließ den Lappen in den Eimer fallen, dessen Wasser nun rosa gefärbt war. Es tat gut, wieder auf die Beine zu kommen und meinen schmerzenden Knien eine Pause zu gönnen. Ich tippelte leise zum Fenster, schüttete das Wasser in das Blumenbeet unter mir und eilte dann in die Küche, um beim Frühstücksdienst zu helfen.

Das Angebot heute war viel ausgefallener als sonst. Tabletts mit frischem Brot erfüllten die Luft mit ihrem Duft, und Schüsseln mit aufgeschnittenem Obst brachten überall Farbe ins Spiel, wo ich auch hinsah. Berge von Fleisch ließen mir das Wasser im Mund zusammenlaufen, obwohl ich wusste, dass ich froh sein konnte, auch nur ein Stück davon zu probieren.

Ein Paar Gammas leitete die Küche. Ihre Gesichter waren gerötet und sie fuchtelten unruhig mit den Händen, während sie das Orchester dirigierten, das aus dem Frühstückspersonal bestand. „Ihr beide nehmt das Tablett mit Brot und stellt es an Alpha Kanes Tisch! Ihr drei füllt die Krüge mit Saft! Ist das Besteck und Geschirr schon alles fertig?“

Ich schloss mich der Gruppe an, die die Tassen für die Tische schnappte, begierig darauf, beschäftigt zu sein, bevor mir eine schlechtere Aufgabe zugewiesen wurde. Vorsichtig schob ich meine Finger durch die klobigen Henkel der Becher und klammerte mich an so viele, wie ich sicher in meinen Armen tragen konnte. Das Keramik klirrte, während ich zwei anderen Omegas in den riesigen Speisesaal folgte.

Das gesamte Rudel war heute versammelt. Die angespannte Vorfreude lag so dick in der Luft, dass ich kaum atmen konnte. Junge, noch nicht gewählte Betas wanderten in leuchtend farbigen Gewändern mit eingewebten Metallfäden durch die Reihen. Sie unterhielten sich aufgeregt miteinander, während Gammas in tiefroten Roben in kleinen Gruppen zusahen. Männer und Frauen beider Gruppen warfen einander Blicke zu, ihre Augen trafen sich in der stillen Hoffnung, dass die Mondgöttin heute Abend ihren Paarungen zustimmen würde.

Während ich die Becher neben die angeschlagenen und verwitterten Teller stellte, begannen draußen tiefe Trommeln zu schlagen. Ihre Schläge waren langsam und feierlich. Ich wusste, dass sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang andauern würden, wenn die Auswahl beginnen würde. Der Klang vibrierte durch den Stein und hallte in dem belebten Saal wider.

Meine Brust zog sich noch enger zusammen und ich japste nach Luft. Ich stellte den letzten Becher ab und lehnte mich einen Moment lang gegen den Tisch, während der Rand meines Sichtfeldes dunkel wurde. Als der Druck der Trommeln in meinen Zellen summte, fühlte es sich an, als würde sich tief in meinem Magen etwas regen.

Nicht mit Hoffnung, sondern mit Angst.