Kapitel 1
BELLE
„Belle, ist das mein Kleid?“ Fayes Stimme durchschnitt die Luft. Mein Herz machte einen Satz, als ich mich zu ihr umdrehte und in ihren herausfordernden Blick sah.
„Was? N-nein, das ist ein Geschenk von Rowan, ich schwöre es ... er hat ausdrücklich gesagt, ich soll es heute Abend tragen. Sonst hätte ich das nicht ...“ Meine Stimme versagte unter ihrem stechenden Blick.
Sie trat einen Schritt näher. Ihre Lippen pressten sich zu einem schmalen Strich zusammen, bevor sie sich zu einem höhnischen Lächeln verzogen.
„Rowan? Dir ein Kleid kaufen? Mach dich nicht lächerlich.“ Sie spuckte mir förmlich ins Gesicht.
„Faye, ich verspreche dir, ich habe nicht –“
„Natürlich hast du das nicht.“ Ihr Gesicht verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. „Du bist doch immer die Unschuld vom Lande, oder?“ Sie trat mit einem hinterlistigen Lächeln auf den Lippen einen Schritt näher zur Tür.
„F-Faye, b-b-bitte“, stammelte ich.
„Was denn? Ich habe doch noch gar nichts gemacht“, kicherte sie, bevor sie schrill aufschrie: „Mama! Guck mal, was ich gefunden habe!“
Angst kroch in mir hoch. Ich kniff die Augen zusammen und machte mich auf das Schlimmste gefasst, während das Klackern von Absätzen durch den Flur hallte.
Laura.
Als sie in meinem Zimmer erschien, war ihre kalte Ablehnung ihr bereits ins Gesicht geschrieben.
„Was ist hier los?“, verlangte Laura zu wissen. Sie würdigte Faye kaum eines Blickes, bevor sie ihren stechenden Blick auf mich richtete.
„Ich ... ich schwöre, ich habe nicht ...“
„Sie hat mein Kleid gestohlen, Mama!“, unterbrach mich Faye.
Laura stieß einen müden Seufzer aus und schüttelte den Kopf. „Lernst du es denn nie?“
„Laura, ich habe nicht ...“
„Willst du meine Tochter etwa eine Lügnerin nennen?“, fuhr sie mich an.
Ich saß in der Falle. Das tat ich immer.
Es ist das Einzige, was in meinem Leben beständig ist, seit mein Vater gestorben ist. Solange er lebte, war Laura die perfekte Mutterfigur. Sie hat sich nie wie die typische Stiefmutter verhalten oder mich jemals schlecht behandelt.
Ich ahnte ja nicht, dass das alles nur ein abgekartetes Spiel war, damit mein Vater ihr den gesamten Besitz meiner Mutter überließ. Ach, wie dumm ich war! Es hatte funktioniert, und ich machte mir jeden Tag Vorwürfe, weil ich so naiv gewesen war.
„Nein“, kam es nur flüsternd über meine Lippen, während mir Tränen in die Augen traten.
„Gut“, sagte sie kühl. „Da du dich so gerne herausputzt, wirst du heute Abend Faye vertreten. Du gehst an ihrer Stelle zum Treffen mit Mr. Brown.“
„M-Mr. Brown?“ Bei der Erwähnung des Namens gefror mir das Blut in den Adern. „Du weißt, dass das unmöglich ist –“
Mr. Brown ist in der Geschäftswelt berüchtigt. Es ergab keinen Sinn, dass Laura ein Treffen mit ihm und Faye arrangiert hatte – und schon gar nicht, dass ich für sie einspringen sollte.
„Habe ich mich undeutlich ausgedrückt?“ Sie trat einen Schritt vor und drängte mich mit ihrem scharfen Blick zurück.
„N-nein.“
„Gut. Du hast fünf Minuten.“
„Mama! Sie kann doch nicht mein Kleid tragen!“, quengelte Faye.
„Lass sie. An ihr sieht es sowieso billig aus, und wir können es uns nicht leisten, dass sie die Familie Anderson schlecht repräsentiert“, zuckte sie mit den Schultern.
Lauras Absätze klackerten auf dem Marmorboden, als sie den Raum verließ.
Sobald wir allein waren, grinste Faye hämisch.
„Ich habe gehört, Mr. Brown ist ein Perverser, der auf junge Mädchen steht.“ Sie lehnte sich zu mir vor und ihr warmer Atem striff mein Ohr. „Versuch bloß nicht, ihn anzuekeln. Selbst er hat Standards.“
Die Nacht verschwamm vor meinen Augen.
Ich wurde die Treppe hinuntergezerrt und in ein Auto gestoßen. Kurz bevor wir losfuhren, setzte sich Faye grinsend neben mich. „Das will ich mir nicht entgehen lassen. Dein Untergang? Logenplatz.“
Als wir ankamen, hämmerte mein Kopf. Vielleicht war es die Angst oder etwas anderes.
Mir war heiß, und ich brauchte ... ich weiß nicht, was ich brauchte. Mein Hals fühlte sich trocken an und mein ganzer Körper fühlte sich seltsam an. Jedes Geräusch klang wie Stöhnen in meinen Ohren, und es ließ meine pu**y pulsieren.
Was ist nur mit mir los?
Im Club dröhnte die laute Musik. Lichter blitzten in grellen Farben und stachen in meinen Augen. Die Luft roch nach Schweiß, Alkohol und Rauch. In diesem Moment wollte ich mich nur noch übergeben.
„Steh nicht einfach nur blöd rum, Schlampe!“, zischte Faye.
Ich versuchte mich zu bewegen, aber meine Beine fühlten sich ... schwer an. Der Raum drehte sich um mich, was mir noch mehr Schwindel bereitete.
„Kannst du irgendwas richtig machen? Ich habe Mama schon gesagt, dass du zu nichts zu gebrauchen bist“, zischte Faye. Sie packte mein Handgelenk, ihre Nägel bohrten sich in meine Haut, während sie mich durch eine Tür stieß.
„Sei einfach ein braves Mädchen, dann bringst du uns ein Vermögen ein, verstanden?“
Der Raum begann sich zu drehen und meine Knie gaben nach. Ich brach auf dem Boden zusammen und verstauchte mir dabei den Knöchel.
„Dämliche Schlampe“, Fayes Lachen klang in meinen Ohren und verstärkte meine Kopfschmerzen nur noch.
In diesem Moment öffnete sich die Tür einen Spaltbreit und ein vertrauter Duft schlug mir entgegen. Selbst durch meinen benebelten Zustand erkannte mein Körper ihn sofort.
Rowan.
Ich hob den Kopf und sah Rowan, meinen Verlobten. Ich konnte die Erleichterung, die mich durchflutete, kaum in Worte fassen. Er war gekommen, um mich zu retten. Das tat er immer.
Ich blinzelte zu ihm auf. Mein Blick fiel auf seine große Statur, seinen scharfen Blick und die Art, wie seine Lippen zu einem finsteren Zug zusammengepresst waren. Er war stinksauer.
Dann lehnte sich Faye vor, um ihn auf die Wange zu küssen, und seine grimmige Miene hellte sich auf.
WAS ZUR HÖLLE?
„Ich habe dich vermisst, Babe“, säuselte sie.
„Ich dich auch.“ Rowan legte seine Hände um ihre Taille, zog sie eng an sich und küsste sie – direkt vor meinen Augen.
Nein.
Nein. Nein. Nein.
„Ro ...“ Ich versuchte zu schreien, aber ich konnte meine eigene Stimme kaum hören.
Tränen brannten auf meinen Wangen, während ich mir vor Schmerz die Brust hielt. Erst dann drehte sich Rowan bei meinem erstickten Schluchzen zu mir um.
„Was zum Teufel, Faye?! Sie ist wach!“, rief er entsetzt.
„Kaum“, spottete Faye. „Ich habe ihr vorhin Rohypnol in ihr Getränk gemischt. Bis morgen früh weiß sie von nichts mehr.“
Rohypnol. Oh mein Gott!
Deshalb fühlte ich mich also so seltsam.
Deshalb hatte Faye so hämisch gegrinst, als ich zu Hause den Wein getrunken hatte. Sie hatte mein Getränk manipuliert und war hierhergekommen, um mich dabei zu beobachten, wie ich mich blamiere.
„Wir können es uns nicht leisten, dass –“
„Psst.“ Faye brachte ihn mit einem Kuss zum Schweigen. „Glaub mir, unser Plan ist perfekt.“
„F-Faye, sie sieht uns zu.“
„Ugh!“ Sie stolzierte auf mich zu und drückte den Absatz ihrer spitzen Schuhe gegen meine Wange.
„Faye!“, fuhr Rowan sie an.
„Was denn? Sag bloß nicht, dass dir etwas an ihr liegt?“
Ich sah Rowan hoffnungsvoll an, in der Hoffnung, dass er wenigstens sagen würde, dass ich ihm wichtig sei – obwohl er mich hintergangen hatte, um mit meiner Stiefschwester zu schlafen.
„Wichtig?“, verspottete er ihre Worte. „Natürlich nicht. Ich bin nur so lange bei ihr geblieben, weil ich Mitleid mit ihr hatte.“
Mein Herz zog sich vor Schmerz zusammen, als würde es gleich explodieren. Das war der Mann, den ich mein ganzes Leben lang geliebt hatte. Der Mann, für den ich bereit gewesen wäre, alles zu opfern.
Ich wollte schreien. Ich wollte sie auseinanderreißen, aber ich konnte nicht. Es war, als würde mein Körper nicht mehr mir gehören, und Tränen brannten auf meinen Wangen.
„Gut, denn alles ist geregelt. Wir können nicht zulassen, dass der Vorstand erfährt, wie viel wir aus den Firmenkonten veruntreut haben. Also hat Mama beschlossen, die Firma an Mr. Brown zu verkaufen, sonst gehen wir pleite“, erklärte Faye.
Mir stockte der Atem bei dieser Erkenntnis. Sie verkaufen die Firma meiner Mutter.
Ich blinzelte die Tränen weg und erinnerte mich daran, wie hart meine Mutter gearbeitet hatte, um die Firma dahin zu bringen, wo sie heute stand. Sie hatte die Nächte durchgearbeitet. Hatte Kaffee auf nüchternen Magen getrunken. Sie hatte alles getan, um mir eine bessere Zukunft zu ermöglichen, aber ich hatte sie dummerweise dafür gehasst, dass sie immer abwesend war.
Ich hatte ja keine Ahnung. Ich wusste von nichts und bereue es jeden Tag meines Lebens. Während ich damit beschäftigt war, meine Mutter für ihre Abwesenheit zu hassen, kämpfte sie um ihr Leben.
Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass sie im Sterben lag ... was bin ich nur für eine Tochter?
Sie starb an dem Tag, als sie den Prozess gegen ihre Familie gewann, damit die Firma mir mit dem Erreichen des richtigen Alters sicher gehörte. Und ich habe alles weggeworfen, sobald ich Laura traf – wie ein ausgehungertes Kind.
Ich habe die Träume meiner Mutter aufgegeben. Ich habe sie enttäuscht und sogar vergessen, sie an ihrem Todestag zu besuchen. Vielleicht ist das meine Strafe dafür, dass ich so eine schlechte Tochter war.
„Ich kann es kaum erwarten, sie loszuwerden, damit ich endlich öffentlich mit dir zusammen sein kann“, schmollte Faye.
„Ich auch ... Sobald der Vertrag unterschrieben ist, ist sie nutzlos und ich kann endlich mit dir zusammen sein. Also, bringen wir es hinter uns. Mr. Brown ist kein geduldiger Mann. Bring sie in das Zimmer, dann können wir endlich die Papiere unterschreiben“, sagte Rowan mit einem stolzen Grinsen.
Und einfach so zerrte Rowan mich mit Fayes Hilfe hoch. „Warum ist sie so schwer?“, zischte sie, während sie mich aus dem Raum schleiften.
Ich wollte sie von mir stoßen. Ich wollte ihnen ins Gesicht spucken und sie als Undankbare beschimpfen, denn das waren sie, aber alles, was ich konnte, war weinen.
Wie erbärmlich. Meine Mutter muss sich im Grabe umdrehen. Sie ist für nichts gestorben.
„Welches Zimmer ist es?“, fragte Rowan, als wir zwischen zwei Türen standen.
„Zimmer 201“, flüsterte Faye. „Oder war es 102?“
„Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, Faye!“
„Es ist 201“, entschied sie schließlich.
Ohne lange zu zögern, stießen sie mich hinein und mein Gesicht knallte auf den kalten Boden.
Mein ganzer Körper bebte vor Schmerz, doch das war nichts im Vergleich zum Verrat. Ich kämpfte mich hoch und ignorierte den brennenden Schmerz in meinen Gliedern. Ich musste hier raus. Ich durfte mich nicht von ihnen benutzen lassen – niemals.
Ich wankte zur Tür, umgriff den Türknauf und meine Hände zitterten, als ich die Tür aufstieß.
Ein Hauch abgestandener Luft traf mein Gesicht, als ich mit etwas zusammenstieß ... nein, mit jemandem.
Er war sturzbetrunken.
Eine große Hand legte sich um meine Taille und stützte mich. Sein Griff war fest, bestimmt, und selbst in meinem benebelten Zustand stockte mir bei der rohen Kraft, die von ihm ausging, der Atem.
Es ist die Wirkung der Droge.
Ich versuchte, den Gedanken beiseite zu schieben, aber der starke Duft seines Parfüms und sein trainierter Oberkörper, der leicht gegen meinen gepresst war, ließen mich nicht zurückweichen.
Ich versuchte den Kopf zu heben und konnte nicht anders, als mir über die Lippen zu lecken, als ich den heißen Mann vor mir sah.
Mein Blick war verschwommen, aber ich konnte die markante Kieferpartie erkennen, bevor sich ein spielerisches Grinsen auf seinen Lippen ausbreitete.
Er beugte sich näher und musterte jeden Zentimeter meines Gesichts. „Sieh mal an, wen wir da haben“, sein heißer Atem striff meinen Hals und ich sog scharf die Luft ein.
Bevor ich auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, presste er seine Lippen hart auf meine. Es war nicht der sanfte oder zärtliche Kuss, den ich kannte. Er war besitzergreifend. Seine Finger bohrten sich in meine Taille und zogen mich eng an seinen Körper. Ich schmolz förmlich dahin.
Ich sollte ihn wegstoßen.
Doch stattdessen krallten sich meine Finger in sein Hemd und hielten mich an ihm fest, als wäre er das Einzige, was mich noch aufrecht hielt.
Ein leises Stöhnen entwich meinen Lippen, als er seine Zunge in meinen Mund gleiten ließ. Er neckte mich, er beanspruchte mich, und es fühlte sich an, als würde mein Körper vor Lust zerspringen, bevor alles schwarz wurde.



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