Kapitel 1: Ankunft
Die fluoreszierenden Lichter der Gepäckausgabe flimmerten vor meinen brennenden Augen. Achtzehn Stunden. Achtzehn verdammte Stunden saß ich in Flugzeugen und Flughäfen, und mein Körper fühlte sich an, als wäre er durch einen Fleischwolf gedreht worden. Meine Beine waren schwer wie Blei, mein Rücken schmerzte, und ich war mir ziemlich sicher, dass ich nach abgestandener Kabinenluft und kaltem Schweiß roch. Aber nichts davon spielte jetzt noch eine Rolle. Denn als ich durch die Glastüren in die Ankunftshalle trat, sah ich sie.
Tim und Mia.
Mein Herz machte einen Sprung, der so heftig war, dass er körperlich wehtat.
Sechs Monate. Ein halbes Jahr hatte ich sie nicht gesehen. Nicht berührt. Nicht gespürt. Hundertdreiundachtzig Tage und Nächte, in denen ich in einem winzigen Studentenwohnheim in Barcelona geschlafen hatte, allein, ohne ihre Wärme, ohne ihre Präsenz. Ohne sie.
Tim ragte über die Menge hinaus – wie auch nicht, bei seiner Größe. Er war... Gott, er war noch massiger geworden, wenn das überhaupt möglich war. Seine Schultern spannten das dunkelblaue T-Shirt, als wollte der Stoff jeden Moment kapitulieren. Seine Arme – diese unglaublichen, muskelbepackten Arme – waren vor seiner breiten Brust verschränkt, aber sobald er mich sah, löste sich seine Haltung. Sein Gesicht, normalerweise so kontrolliert und undurchdringlich, brach in ein Lächeln auf, das so breit und warm war, dass mir sofort die Tränen in die Augen schossen.
Und Mia. Meine wundervolle, großartige Mia. Sie trug diese enge Jeans, die ihre vollen Hüften perfekt umschloss, und eine burgunderrote Bluse, die ihre Kurven betonte. Ihre langen, dunklen Haare fielen über ihre Schultern, und als unsere Blicke sich trafen, sah ich, dass auch ihre Augen feucht waren.
Ich ließ meinen Handgepäckrucksack einfach fallen und rannte. Rannte, obwohl meine Beine schwer waren, obwohl andere Reisende mir böse Blicke zuwarfen, als ich mich an ihnen vorbeidrängte. Nichts davon war wichtig. Nur sie. Nur nach Hause kommen.
Mia fing mich auf. Ihre Arme schlossen sich um mich, weich und fest zugleich, und ich vergrub mein Gesicht an ihrer Schulter. Sie roch nach ihrem Parfüm – dieses warme, blumige, das ich so vermisst hatte – und nach Zuhause. Nach unserem Zuhause. Meine Tränen tropften auf ihre Bluse, aber es war mir egal.
“Hey, kleine Maus,” flüsterte sie, ihre Stimme rau vor Emotion. Ihre Hand strich über meinen Rücken, über meine wirren roten Haare, die ich seit Stunden nicht mehr gebürstet hatte. “Du bist wieder da. Endlich bist du wieder da.”
Ich konnte nicht sprechen. Konnte nur nicken und mich fester an sie klammern. Dann spürte ich Tim hinter mir – seine Präsenz war unmöglich zu übersehen, selbst wenn man ihn nicht sah. Seine riesige Hand legte sich auf meinen Kopf, unglaublich sanft für jemanden mit so viel roher Kraft.
“Willkommen zu Hause, Sophia,” sagte er, und seine tiefe Stimme ließ etwas in meiner Brust vibrieren, etwas, das sechs Monate lang still gewesen war.
Ich drehte mich um, noch immer halb in Mias Armen, und sah zu ihm auf. Und hoch. Und noch höher. Mein Gott, ich hatte vergessen, wie groß er war. Wie seine schiere Größe und Masse einen gleichzeitig einschüchterten und beschützten. Wie sicher ich mich fühlte, wenn er in der Nähe war.
“Tim,” brachte ich heraus, und dann war ich auch schon in seinen Armen. Er hob mich mühelos vom Boden – meine zierlichen einundsechzig Kilo waren nichts für ihn – und drückte mich fest an seine Brust. Ich spürte die harten Konturen seiner Muskeln durch sein T-Shirt, spürte seinen Herzschlag, stark und gleichmäßig. Meine Beine baumelten in der Luft, und für einen Moment konnte ich wieder atmen. Richtig atmen. Zum ersten Mal seit Monaten.
“Verdammt, haben wir dich vermisst,” murmelte er in mein Haar. Seine Arme waren wie Stahlseile um mich geschlungen, und ich wollte nie wieder losgelassen werden. Nie wieder.
Als er mich schließlich wieder auf die Füße stellte, standen wir zu dritt da, inmitten des geschäftigen Flughafentrubels, und hielten uns einfach fest. Mias Hand ruhte auf meiner Hüfte, Tims Arm lag über meinen Schultern, und ich lehnte mich gegen beide, eingekeilt zwischen ihnen, genau wo ich hingehörte.
“Ihr habt... ihr habt keine Ahnung, wie sehr ich euch vermisst habe,” sagte ich schließlich, meine Stimme brüchig. “Jeden Tag. Jede Nacht. Es war...”
“Wir wissen es,” unterbrach Mia mich sanft. Ihre Finger strichen über meine Wange, wischten meine Tränen weg. “Wir haben es auch gespürt. Jeder einzelne Tag war zu lang.”
Ich nickte und versuchte mich zu sammeln. Menschen starrten uns an – was vermutlich nicht verwunderlich war, wir waren ziemlich auffällig. Der Berg von einem Mann, die üppige, selbstbewusste Frau, und ich, klein und blass und rotäugig in meinem zerknitterten Reiseoutfit. Aber es war mir egal. Überhaupt nicht.
“Komm,” sagte Tim und griff nach meinem Rucksack, den ich hatte fallen lassen. “Wo ist dein Koffer?”
“Pink,” krächzte ich und deutete Richtung Gepäckband. “Großer, pinker Koffer. Kannst ihn nicht verfehlen.”
Tim schnaubte amüsiert. “Natürlich pink.” Aber sein Tonfall war voller Zuneigung, und als er losging, spürte ich, wie mein Herz sich zusammenzog. Diese kleinen Dinge. Diese winzigen, alltäglichen Momente. Die hatte ich so vermisst.
Mia hakte sich bei mir unter, stützte mich diskret, während meine müden Beine uns zum Gepäckband trugen. “Du siehst erschöpft aus, Liebes,” sagte sie leise. “Wann hast du das letzte Mal geschlafen?”
“Im Flugzeug. Vielleicht zwei Stunden?” Ich rieb mir die Augen. “Bin in Madrid umgestiegen, und der Anschluss war so knapp, dass ich gerannt bin. Dachte, ich schaffe es nicht.”
“Aber du hast es geschafft,” sagte Mia und drückte meinen Arm. “Du bist hier. Das ist alles, was zählt.”
Tim stand bereits am Band, und als der riesige pinkfarbene Koffer erschien, hob er ihn mit einer Hand herunter, als wäre er leer. Ich wusste genau, dass er das nicht war – ich hatte ihn vollgestopft mit Geschenken, Souvenirs, Klamotten. Er musste mindestens dreißig Kilo wiegen. Aber Tim trug ihn mühelos, in einer Hand mein Handgepäck, in der anderen den Koffer.
“Alles da?“, fragte er.
“Ja. Danke.” Ich lächelte ihn müde an. “Du bist mein Held.”
Seine Augen funkelten. “Wir reden später darüber, wessen Held ich bin.”
Die Art, wie er das sagte – dieser Ton, diese Andeutung – ließ einen Schauer über meinen Rücken laufen. Es war kein romantischer Schauer. Es war etwas Tieferes. Etwas, das in meinem Bauch wärmte und gleichzeitig Nervosität auslöste. Die gute Art von Nervosität.
Wir gingen zum Parkhaus, und ich war dankbar für Mias stützenden Arm, denn meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Die kühle Herbstluft draußen war ein Schock nach der Klimaanlage des Flughafens, und ich fröstelte in meiner dünnen Sweatjacke.
“Scheiße, ist das kalt,” murmelte ich.
“Willkommen zurück in Deutschland im Oktober,” sagte Mia lachend. “Nicht mehr die spanische Sonne, was?”
“Nicht mal annähernd.”
Tim hatte im zweiten Stockwerk des Parkhauses geparkt. Als wir den Wagen erreichten – seinen riesigen dunkelblauen SUV, den er brauchte, weil normale Autos für seine Größe einfach nicht gemacht waren – öffnete er den Kofferraum und wuchtete meinen Koffer hinein, als wäre es ein Federkissen.
“Vorne oder hinten?“, fragte Mia mich.
“Hinten,” sagte ich sofort. “Wenn ich vorne sitze, schlafe ich ein, und ich will mit euch reden.”
“Brav.” Mias Lächeln hatte etwas... Wissendendes. Sie öffnete die hintere Tür für mich, und ich kletterte hinein, sank in den weichen Sitz und schnallte mich an. Mia setzte sich neben mich, während Tim den Fahrersitz einnahm. Der Wagen tauchte ein wenig ein unter seinem Gewicht, und ich musste lächeln. Alles war genau, wie ich es in Erinnerung hatte.
Der Motor sprang an, ein tiefes, befriedigendes Brummen, und Tim manövrierte uns aus dem Parkhaus. Die Lichter der Stadt flackerten vorbei, als wir die Ausfahrt nahmen und auf die Autobahn fuhren. Es war später Nachmittag, der Himmel ein mattes Grau, das so typisch für deutsche Herbsttage war. So anders als Barcelona mit seinem ewigen blauen Himmel und der hellen Sonne.
“Also,” sagte Mia und drehte sich zu mir. “Erzähl uns alles. Wie war das letzte Semester? Die Kurse? Die Stadt?”
Ich lehnte mich zurück und schloss für einen Moment die Augen, sammelte meine Gedanken. Es war so viel passiert. So viel, das ich ihnen erzählen wollte, und gleichzeitig fühlte es sich seltsam unwichtig an, jetzt, wo ich wieder bei ihnen war.
“Barcelona war... unglaublich,” begann ich. “Die Stadt ist einfach atemberaubend. Die Architektur, die Gaudi-Gebäude, die Sagrada Família – ich war mindestens fünfmal dort, und jedes Mal habe ich etwas Neues entdeckt.”
“Und die Uni?“, fragte Tim, sein Blick kurz im Rückspiegel auf mich gerichtet.
“Gut. Herausfordernd. Das Kunstgeschichte-Programm dort ist wahnsinnig intensiv. Aber die Professoren waren großartig, und ich habe so viel gelernt über katalanische Renaissance-Kunst, über Modernismus...” Ich verstummte, plötzlich verlegen. “Sorry, ich will euch nicht mit Uni-Kram langweilen.”
“Du langweilst uns nie,” sagte Mia bestimmt. “Wir wollen alles wissen. Jedes Detail.”
Also erzählte ich. Von meinen Kursen, von der kleinen WG im Gràcia-Viertel, die ich mit zwei spanischen Studentinnen geteilt hatte – Carmen und Blanca, beide nett, aber wir waren nie wirklich eng geworden. Von den Wochenenden am Strand, von Tapas und zu viel Sangria, von den Nächten in engen Clubs mit dröhnender Musik. Von meinem Lieblingscafé in der Nähe des Parks, wo ich stundenlang gesessen und für meine Essays recherchiert hatte.
Aber selbst während ich redete, spürte ich die Lücke. Die Sachen, über die ich nicht sprach. Die einsamen Nächte in meinem schmalen Einzelbett, wenn ich an sie dachte. An uns. An das, was wir hatten und was mir so gefehlt hatte, dass es manchmal körperlich wehtat. Die Videotelefonate, die nie genug waren, weil ich sie nicht berühren konnte, nicht riechen, nicht spüren konnte.
“Und Freunde?“, fragte Tim, und in seiner Stimme lag eine Frage hinter der Frage. “Hast du... Anschluss gefunden?”
“Ein bisschen,” sagte ich vorsichtig. “Die Austauschstudenten-Gruppe war nett. Wir sind manchmal zusammen ausgegangen. Aber...” Ich zögerte, suchte nach den richtigen Worten. “Ich war die meiste Zeit für mich. Habe viel gelesen, viel gelernt. Es war... es war okay so.”
Stille füllte das Auto. Keine unangenehme, aber eine schwere. Eine bedeutungsvolle.
Dann räusperte Tim sich, und sein Blick fand meinen wieder im Rückspiegel. Seine Augen waren dunkel, intensiv, und mein Herzschlag beschleunigte sich sofort.
“Sophia,” sagte er, und sein Tonfall hatte sich verändert. Tiefer. Bestimmter. “Hast du unsere Anweisungen befolgt?”
Die Frage traf mich wie ein Schlag. Nicht hart, aber präzise. Genau ins Zentrum von dem, was zwischen uns unausgesprochen hing.
Ich wusste genau, was er meinte.
Meine Wangen wurden heiß. Mein Atem stockte. Neben mir spürte ich, wie Mia sich vorbeugte, ihre volle Aufmerksamkeit auf mich gerichtet.
“Ja,” flüsterte ich. Meine Stimme war kaum zu hören über das Geräusch des Motors. “Ja, habe ich.”
“Laut und deutlich, kleine Maus,” sagte Mia, und ihre Stimme war sanft, aber unmissverständlich. “Wir wollen dich hören.”
Ich schluckte schwer. Mein Herz hämmerte jetzt. “Ja. Ich habe eure Anweisungen befolgt. Sechs Monate lang. Jeden Tag.”
“Gut,” sagte Tim, und die Zufriedenheit in seiner Stimme ließ meine Haut prickeln. “Sehr gut.”
Mias Hand legte sich auf meinen Oberschenkel, warm und besitzergreifend. Nicht sexuell, nicht jetzt, aber... besitzend. Eine Erinnerung daran, wem ich gehörte. Zu wem ich gehörte.
“War es schwer?“, fragte sie leise.
Ich nickte, dann schüttelte ich den Kopf. “Am Anfang. Am Anfang war es... seltsam. Ungewohnt. Ich habe... ich musste mich daran gewöhnen.” Meine Stimme wurde leiser. “Aber dann... dann wurde es normal. Dann wurde es... gut.”
“Erzähl uns mehr,” drängte Mia. “Wir wollen es wissen.”
Aber bevor ich antworten konnte, schüttelte Tim den Kopf. “Nicht jetzt. Nicht im Auto. Das heben wir uns auf.” Er warf mir einen Blick zu, der mich bis auf die Knochen durchdrang. “Für später.”
Die Bedeutung hinter seinen Worten war kristallklar. Später. Wenn wir zu Hause waren. Wenn sie... wenn sie es sehen könnten.
Ich spürte, wie Feuchtigkeit zwischen meine Beine sickerte, und verdammte meinen Körper für seine Reaktion. Aber es war hoffnungslos. Nach sechs Monaten ohne sie, ohne das, was wir hatten... ich war ein einziges freiliegendes Nervenbündel.
Wir fuhren durch die vertrauten Straßen unseres Viertels. Die Bäume entlang der Allee hatten ihre Blätter verfärbt, rot und golden und braun, und einige lagen bereits auf dem Gehweg. Ich erkannte den Supermarkt an der Ecke, die Apotheke, das kleine italienische Restaurant, in dem wir manchmal gegessen hatten. Alles war vertraut und doch irgendwie unwirklich, als würde ich es zum ersten Mal sehen.
Als Tim in unsere Straße einbog, wurde mein Herzschlag noch schneller. Unser Gebäude. Unser Zuhause. Vier Stockwerke, rote Backsteinfassade, mit den großen Fenstern, die ich so liebte. Tim fand einen Parkplatz direkt vor dem Eingang – ein kleines Wunder in dieser Gegend – und stellte den Motor ab.
Stille.
Keiner von uns bewegte sich. Die Spannung im Auto war greifbar, dick wie Sirup.
Dann drehte Mia sich zu mir. Ihre braunen Augen waren weich, aber darin lag auch etwas anderes. Etwas Hungriges. “Bist du zu müde, Sophia?“, fragte sie. “Nach der langen Reise? Wir würden verstehen, wenn du erst mal schlafen willst.”
Sie gab mir einen Ausweg. Das taten sie immer. Das war die Vereinbarung. Ich konnte jederzeit Nein sagen, jederzeit eine Pause nehmen, jederzeit...
Aber ich wollte nicht.
Ich hatte sechs Monate gewartet. Sechs endlos lange Monate, in denen ich jede Nacht von diesem Moment geträumt hatte. Von ihrer Berührung, ihrer Dominanz, ihrer Aufmerksamkeit. Von dem Gefühl, ihnen zu gehören.
“Nein,” sagte ich fest. Meine Stimme zitterte nicht. “Nein, ich bin nicht zu müde.”
“Bist du sicher?“, fragte Tim, drehte sich auf seinem Sitz zu mir um. Seine Augen bohrten sich in meine. “Wir haben Zeit. Das kann warten.”
Aber ich wollte nicht warten. Konnte nicht warten.
“Bitte,” flüsterte ich, und jetzt hörte ich die Verzweiflung in meiner eigenen Stimme. “Bitte. Das volle Programm. Alles. Ich habe... ich habe das so vermisst. So sehr.”
Die Worte hingen in der Luft zwischen uns.
Dann lächelte Tim. Ein langsames, gefährliches Lächeln, das mir eine Gänsehaut über die Arme jagte. “Okay,” sagte er leise. “Dann nichts wie raus hier.”
Er stieg aus, und die Tür schloss sich mit einem dumpfen Geräusch. Mia folgte, und ich tat es ihnen nach, meine Beine wackelig, als ich auf dem Gehweg stand. Die kühle Herbstluft umspielte mich, ließ mich frösteln in meinem dünnen Hoodie.
Tim öffnete den Kofferraum und holte meinen Koffer heraus, mein Handgepäck über seine breite Schulter werfend. “Gehen wir,” sagte er, und seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu.
Mia legte ihren Arm um meine Schultern, führte mich zum Eingang. Ihre Berührung war warm, beschützend, aber ich spürte auch die Vorfreude in ihr, die Art, wie ihre Finger sich in meinen Pullover krallten.
Wir nahmen den Aufzug. Der alte, langsame Aufzug, der immer leicht quietschte und nach Metallpolitur roch. Wir standen zu dritt darin, eng beieinander, und ich zwischen ihnen. Tims Masse hinter mir, Mias Wärme vor mir. Eingekeilt. Beschützt. Gefangen.
Die Fahrt nach oben fühlte sich endlos an. Mein Atem kam schneller. Meine Handflächen waren feucht. Was, wenn ich sie enttäuschte? Was, wenn ich es falsch gemacht hatte? Was, wenn...
“Hey.” Mias Hand hob mein Kinn, zwang mich, sie anzusehen. “Hör auf zu denken. Du bist zu Hause. Bei uns. Alles ist gut.”
Ich nickte, aber meine Nervosität blieb.
Der Aufzug hielt im dritten Stock. Unsere Etage. Tim trat als Erster hinaus, trug meinen Koffer, als wäre er leer, zu unserer Wohnungstür. Er kramte den Schlüssel hervor, sperrte auf, und die Tür schwang auf.
Der vertraute Geruch unserer Wohnung strömte mir entgegen. Eine Mischung aus Tims Aftershave, Mias Parfüm, dem Waschmittel, das wir benutzten, und etwas, das einfach nur uns war. Nach Zuhause.
Ich trat ein, und die Tür schloss sich hinter uns mit einem leisen Klicken.
Dann schmiss Tim meinen Koffer einfach in die Ecke beim Eingang. Er landete mit einem dumpfen Knall, fiel um, und ich zuckte zusammen – da waren zerbrechliche Sachen drin. Aber bevor ich protestieren konnte, packte seine Hand meinen Arm. Fest. Unnachgiebig.
“So, kleine Maus,” sagte er, und seine Stimme war ein tiefes Knurren. Seine Finger umschlossen meinen Oberarm wie eine Eisenklammer, und er zog mich aus dem Flur ins Wohnzimmer. “Jetzt wollen wir mal sehen, ob du wirklich unsere Regeln befolgt hast.”
Mein Atem stockte. Mein Herz stolperte, dann raste es los.
Es hatte begonnen.
Das, worauf ich sechs Monate gewartet hatte, hatte endlich begonnen.
Und Gott, wie sehr ich es gebraucht hatte.








