Gefangen im Schatten

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Zusammenfassung

Kiara, die Tochter eines der mächtigsten Crime Lords der Stadt, wird von Luca Vitrani entführt – dem gefährlichsten Feind ihres Vaters. Er will sie brechen, das Imperium ihres Vaters zerschlagen und ihn in die Knie zwingen. Sie will nur überleben … und dabei Luca vernichten. Doch als der Hass zu intensiv wird, beginnt etwas Dunkleres zwischen ihnen zu lodern. Keiner von beiden ist auf das Verlangen vorbereitet, das sie beide zu verschlingen droht.

Genre:
Romance
Autor:
Andy Wes
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
48
Rating
4.5 2 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

1: FÜNF TAGE

KIARA

Ich weiß nicht, wie spät es ist. Hier drinnen vergeht die Zeit nicht – sie steht still.

Das Zimmer ist geräumig, viel zu geräumig für eine Gefangene. Ich habe ein riesiges Bett, weiche Laken und ein eigenes Bad. Eine warme Lampe brennt ununterbrochen, aber es gibt kein einziges Fenster. Kein Riss in der Wand. Kein einziges Geräusch von der Außenwelt dringt zu mir durch.

Seit fünf Tagen geht das so.

Fünf Tage ohne Sonnenlicht. Die Tür öffnet sich nur, um mir Essen zu bringen.

Fünf Tage warte ich darauf, dass mein Vater den Forderungen des Mannes nachgibt, der geschworen hat, ihn zu vernichten.

Luca Vitrani.

Der Name brennt auf meiner Zunge, selbst wenn ich ihn nicht laut ausspreche.

Das erste und einzige Mal sah ich ihn am Tag der Entführung. Er hat mich nicht geschlagen oder angeschrien; er hat mich nicht einmal berührt. Er sah mich nur mit diesen grauen Augen an, die so kalt wie nasser Stahl waren. Mit einer unmenschlichen Ruhe sagte er:

„Ich werde dir nichts tun… solange dein Vater kooperiert.“

Fünf Tage später hasse ich diesen Tonfall noch immer. Als wäre das eine Abmachung und keine Entführung.

Ich stehe auf und fange an, im Kreis zu laufen.

Schritt Nummer dreißig.

Wende.

Schritt Nummer dreißig.

Wende.

Ich wiederhole es, um nicht den Verstand zu verlieren.

Ich weiß nicht, wo ich bin. Es könnte ein Keller sein oder ein hohes Stockwerk. Vielleicht ein Lagerhaus ohne Fenster. Ich weiß nur, dass jeden Morgen – oder wann immer ich glaube, dass Morgen ist – ein perfektes Frühstück auf dem Tisch steht. Obst, warmes Brot, Kaffee. Alles ist tadellos, als wäre ich in einem Luxushotel, das ich vielleicht nie wieder verlassen werde.

Sie sprechen nicht mit mir.

Sie beantworten meine Fragen nicht.

Ich weiß nicht, ob mein Vater vorhat, ihre Forderungen zu erfüllen.

Ich weiß nicht, ob ich nur wegen einer Laune von Vitrani noch am Leben bin.

Ich trete vor den Badezimmerspiegel. Meine Augen sind geschwollen, aber ich weine nicht mehr. Ich werde Luca nicht die Genugtuung geben, mich am Boden zu sehen.

Das Problem ist nur, dass er auch nicht nach mir sieht.

Wartet er darauf, dass ich einknicke?

Das werde ich nicht.

Ich hämmer gegen die Wand. Ich weiß, dass es sinnlos ist, aber ich muss irgendetwas anderes spüren als diese Hilflosigkeit.

„Mach auf!“, schreie ich. „Ich weiß, dass da draußen jemand ist! Sag doch was!“

Stille.

Erschöpft lasse ich mich aufs Bett fallen. Ich hasse mich dafür, dass ich müde bin, obwohl ich nichts tue. Noch mehr hasse ich mich dafür, dass ich an ihn denke. An diesen kalten, analytischen Blick, mit dem er mich gemustert hat, als wäre ich ein Problem, das es zu lösen gilt.

Oder eine Waffe.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, bis ich ein anderes Geräusch höre: das Klicken eines Schlosses.

Mein Herz macht einen Satz. Ich weiß nicht, ob es Angst ist, Wut oder beides.

Die Tür öffnet sich langsam.

Und da ist er.

Luca Vitrani füllt den Türrahmen mühelos aus. Groß, elegant und mit diesem kontrollierten Gesichtsausdruck, der wie festgemeißelt wirkt. Er ist von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Er sieht aus, als würde er um eine Moral trauern, die er nie besessen hat.

Sein Blick durchbohrt mich. Er zeigt keine Überraschung über meinen Zustand. Kein Mitleid. Kein Interesse.

Aber da ist noch etwas… etwas, das ich nicht benennen kann. Er beobachtet mich länger, als er sollte.

Ich hasse ihn.

Ich verabscheue ihn zutiefst.

Und er weiß es.

„Fünf Tage“, sagt er, als würde er einen Datenpunkt in einem Bericht prüfen.

„Fünf Tage“, wiederhole ich voller Gift, „in denen du mich hättest freilassen können.“

Ein freudloses Lächeln spielt um seine Lippen. Es ist gefährlicher als jede Waffe.

„Nicht, bevor dein Vater unterschreibt.“

„Er wird nicht unterschreiben“, spucke ich aus. „Und das weißt du.“

Luca senkt für einen Moment den Blick. Seine Finger gleiten an der Türkante entlang, als würde er gerade etwas Wichtiges entscheiden.

„Er wird einknicken“, murmelt er, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Jeder knickt irgendwann ein.“

„Ich nicht.“

„Ich verlange auch nichts von dir. Du bist bloß Papas kleine, verängstigte Prinzessin.“

Die Spannung zwischen uns ist fast greifbar.

Er will, dass ich Angst habe.

Dass ich zerbreche.

Dass ich flehe.

Diesen Gefallen werde ich ihm nicht tun. Ich werde nicht einmal antworten.

Luca tritt ein, schließt die Tür hinter sich und macht zwei Schritte auf mich zu. Jeder Schritt klingt wie ein Urteil.

Mein Atem beschleunigt sich.

Er bemerkt es.

„Ich will, dass du eins verstehst, Kiara“, sagt er mit leiser Stimme, als würde er ein Naturgesetz erklären. „Nichts, was hier passiert, ist persönlich.“

Ich halte seinem Blick stand.

„Für mich schon.“

Seine Augen verdunkeln sich leicht.

Nur ein winziges Detail.

Aber es reicht aus, um mir eine Gänsehaut zu verpassen.

Luca legt den Kopf schief. Er wägt meine Worte ab, als würde er eine Bedrohung studieren.

„Schön“, sagt er schließlich. „Dann machen wir es eben persönlich.“

In diesem Moment wird mir klar:

Meine Geschichte mit ihm wird nicht nur aus Gefangenschaft bestehen.

Es wird ein Krieg werden.

Und ich habe nicht vor zu verlieren.

Luca nähert sich ohne Eile, als würde er jeden Schritt auf mich zu genießen. Sein Schatten verschluckt mich. Ich muss das Kinn heben, um ihm weiter in die Augen zu sehen. Er senkt den Kopf ein Stück und beugt sich zu mir herab.

Viel zu nah.

Viel zu verdammt nah.

Sein Blick wandert zu meinen Lippen. Mein Atem stockt, gegen meinen Willen.

Wag es bloß nicht.

Wenn er versucht, mich zu küssen, reiße ich ihm mit den Zähnen die Zunge raus, das schwöre ich…

„Du solltest dein Gesicht sehen, Prinzessin“, flüstert er mit einem Lächeln, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Es ist fast so, als könnte er meine Gedanken hören.

Er kommt noch einen Millimeter näher. Sein Atem streift meinen Mund, während er sagt:

„Ich werde dich brechen. Ich werde Papas kleine Puppe in tausend Stücke zerschlagen, bis ich bekomme, was ich will.“

Ich denke nicht nach. Ich kalkuliere nicht.

Ich reagiere einfach.

Ich spucke ihm mitten ins Gesicht.

Er erstarrt für eine Sekunde, völlig überrumpelt. Dann verhärtet sich seine Miene. Er tritt gerade so weit zurück, dass er ein Taschentuch aus der Tasche ziehen kann. Er wischt sich langsam ab, als müsste er den Impuls unterdrücken, etwas Schlimmeres zu tun.

„Verdammt…“, murmelt er wütend.

Er sieht mich mit kaum gebändigtem Zorn an.

Und dann sehe ich, wie Luca ein kleines Stück die Kontrolle verliert.

„Du wirst niemals kriegen, was du willst“, fauche ich ihn zitternd an. „Mein Vater wird nie einknicken.“

Seine Augen werden dunkel – ein zurückgehaltenes Gewitter. Er macht einen Schritt auf mich zu. Er hebt die Hand, um mich zu schlagen… Angst durchzuckt mich wie ein Peitschenhieb.

Ich stehe wie versteinert da und halte den Atem an. Ich warte darauf, dass er explodiert.

Stattdessen lässt er die Hand sinken und bringt sein Gesicht auf meine Höhe. Er packt mich fest an der Kehle und fängt an zuzudrücken. Er zwingt mich, seinen Blick zu ertragen.

„Tu das nie wieder“, flüstert er mit einer tiefen, gefährlichen Stimme. „Provozier mich nicht so, Kiara. Du hast keine Ahnung, was du da tust.“

Er lässt mich abrupt los. Ich stolpere zurück und klammere mich an meinen Hals, fassungslos über seine Gewalt. Ich dachte, er wäre kälter und unfähig, Gefühle zu zeigen. Die Angst vermischt sich in mir mit brennender Wut.

„Ich hasse dich“, bringe ich zwischen unterdrückten Tränen hervor. „Hörst du? Ich hasse dich. Und wenn ich jemals hier rauskomme… dann kriege ich dich.“

Er lächelt.

„Ich kann es kaum erwarten, Prinzessin“, antwortet er, ohne wegzusehen. „Wenn es soweit ist, werde ich auf dich warten.“

Er dreht sich um und geht. Die Tür fällt mit einem scharfen Klick ins Schloss.


LUCA

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell die Beherrschung verliere.

In letzter Zeit scheint es so, als würde ich ständig die Kontrolle verlieren. Seit mein Vater verlangt, dass ich das Territorium zurückhole, das Morelli uns vor Jahren gestohlen hat. Er sagte, ich solle es um jeden Preis tun.

Ich habe versucht, sie da rauszuhalten. Mateo, meine rechte Hand, kann das bezeugen. Ich wollte reden und mit Morelli über das Land verhandeln. Aber dieser sture alte Bastard hat sich keinen Millimeter bewegt. Er ließ mir keine andere Wahl, als Kiara mitzunehmen.

Ich will ihr nicht wehtun. Es ist nicht ihre Schuld, dass ihr Vater ein Idiot ist. Aber wenn er weiterhin auf stur schaltet und nicht hören will, müssen wir den Druck erhöhen.

Verdammt. Ich will gar nicht darüber nachdenken. Und als ob der Mist, in den mein Vater mich geritten hat, nicht schon genug wäre, ist seine Tochter auch noch eine Göre.

Aber das gefällt mir.

Die Stillen haben mich noch nie interessiert.

Mir gefällt, dass sie mir die Stirn bietet und sich wehrt. Es macht mich an, wie sie da steht und vor Wut kocht, während der pure Hass in ihren Augen brennt. Sie ist eine gottverdammte Schönheit.

Das Bild geht mir nicht aus dem Kopf: Wie sie mir direkt in die Augen sah, schwer atmete und bereit war, mir die Kehle rauszureißen, wenn sie nur könnte.

Wie sie ihren Kiefer anspannte.

Wie sie mich anspuckte, ohne eine Sekunde an die Konsequenzen zu denken. Jedes andere Mädchen in ihrer Lage würde betteln, weinen und um Gnade flehen.

Aber nicht Kiara Morelli.

Sie würde eher im Erdboden versinken, als den Kopf zu beugen. Und das…

Es reizt mich.

Und es feuert mich an.

„Eine gottverdammte Schönheit“, murmle ich vor mich hin. Meine Stimme ist leise, damit mich niemand hört.

Ich mag sie. Sie hat diese Energie, die mich bis an den Rand des Abgrunds treibt. Ich weiß nur noch nicht, ob ich sie in den Abgrund stoßen will…

Oder ob ich mit ihr zusammen springen soll.

Seit dem Moment, als ich sie sah, kriege ich sie nicht mehr aus dem Kopf.

„Operation war erfolgreich. Wir haben sie“, sagte Mateo mir. Ich ging zu ihr, weil ich wissen musste, ob sie es wirklich war; ich kannte sie nur von Fotos. Und genau in dem Moment, als ich reinkam, dachte ich: Die Fotos sind kein Vergleich zur Realität.

Sie ist atemberaubend schön.

Haare, so schwarz wie die Nacht.

Diese riesigen, smaragdgrünen Augen – die schönsten Augen, die ich je gesehen habe.

Und ihr Körper… fuck. Sie haben sie erwischt, als sie gerade mit ihren Freundinnen ausgehen wollte. Sie war wahnsinnig heiß angezogen: ein kurzes schwarzes Kleid, das ihre endlosen Beine betonte, und ein tiefer Ausschnitt, der ihre perfekten Brüste zur Geltung brachte.

Wie unpassend, dachte ich.

Verdammt.

Sie sah verängstigt aus und weinte, aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich zwang mich, kalt und gleichgültig zu wirken. Ich sah sie mit vorgetäuschtem Abscheu an und sagte barsch:

„Ich werde dir nichts tun… solange dein Vater kooperiert.“

„Was zum Teufel willst du?! Lass mich sofort gehen! Du verdammter Hurensohn!“, schrie sie. Sie wand sich zwischen zwei meiner Männer, die Mühe hatten, sie festzuhalten.

„Haltet sie gefesselt“, befahl ich, ohne eine Miene zu verziehen. „Lasst sie erst los, wenn sie sich beruhigt hat.“

Ich schloss die Tür, während sie mich weiter beschimpfte und anschrie.

Und ich lächelte.

Wenn sie wüsste, was das mit mir macht… sie wäre nicht so frech.

Später beobachtete ich sie über die versteckte Kamera im Zimmer. Sie verbrachte Stunden gefesselt, bis sie schließlich versprach, sich nicht mehr zu wehren. Erst dann machten sie sie los.

Papas kleine Prinzessin.

Wahrscheinlich ist sie es gewohnt, dass ihr alle gehorchen und dass sie nie ein „Nein“ hört. Bei der Macht ihres Vaters und dem Schrecken, den er verbreitet, überrascht mich ihre Einstellung als „kleines Mädchen“ nicht.

Das Telefon klingelte und riss mich aus meinen Gedanken. Ich war in meinem Büro, umgeben von Papierkram und Bildschirmen für eine unserer Tarnfirmen.

„Luca“, sagte ich, als ich den Hörer abnahm.

„Dein Vater“, meldete Jana, meine Sekretärin. „Soll ich ihn durchstellen?“

„Natürlich“, antwortete ich, obwohl ich dachte: Verdammt, er wird mich wieder unter Druck setzen.

„Luca“, sagte mein Vater mit dieser herrischen Stimme, mit der er uns schon immer unterdrückt hat.

„Vater. Wir haben die Situation im Griff, das habe ich dir schon gesagt. Überlass das mir.“

„Ich will, dass du dich morgen mit Morelli triffst. Bring ihm ein… nennen wir es Souvenir von seiner Tochter mit.“

Mir rutschte das Herz in die Hose.

„Was meinst du damit?“, fragte ich, obwohl ich es bereits wusste.

„Du weißt ganz genau, was ich meine.“

„Aber—–“

„Kein Aber. Die Sache steht fest. Morgen, Luca. Keinen Tag später.“

Und er legte auf.

„Verdammt!“, knurrte ich und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch.