Kapitel 1 – Das Feld und die Mondgebundenen
'Der Weg zur Königin' Buch 2 der The White Wolf Saga
Prolog
Im Morgengrauen der Welt, als der Schleier zwischen Sterblichen und Bestien noch dünn war, träumte die Mondgöttin, in himmlisches Silber getaucht, von Harmonie. Sie schuf ihr Meisterwerk: die Shifter – Wesen aus Mensch und Wolf, geboren mit der tiefen Sehnsucht nach einem Schicksalsgefährten. Von den nördlichen Gipfeln bis zu den südlichen Meeren begaben sich der erste Mann und die erste Frau auf eine einsame Reise, bis sie einander erkannten. Ein brennendes, unbestreitbares Band der Gefährten entflammte und verschmolz sie zu einer einzigen, mächtigen Einheit. Ihre Liebe wurde zum Schutzschild, ihr Bund zu einer Kraft, die das Reich formte.
Die Shifter gediehen prächtig. Alphas regierten die Gebiete und die reinsten Blutlinien herrschten über alles. Doch Ehrgeiz, wie ein schleichender Schatten, fraß sich fest. Abtrünnige erhoben sich, Blutlinien verdünnten sich und der reinweiße Wolf – einst ein heiliges Geschenk – wurde zu einem verblassenden Mythos. Das Chaos verschlang das Reich. Dann wurden König Cassian, Königin Isolde und ihre kleine Tochter, Prinzessin Valkyrie, von einem wütenden Inferno verschlungen. Die Letzten der ursprünglichen Linie galten als ausgelöscht. Ihr Tod zerschmetterte jede Hoffnung und ließ die Prophezeiung mit ihnen verbrennen. Der Usurpator Ronan riss den zerbrochenen Thron an sich.
Doch die Hoffnung fand einen Funken. Aus der Dunkelheit erhob sich eine Königin. Nicht allein durch die Prophezeiung, sondern geschmiedet durch die Leben, die zusammenliefen, durch Entscheidungen, die in Stille getroffen wurden, und durch die wilde Loyalität, die im Chaos entstand. Bevor der silberne Dolch in ihrer Hand schimmerte, bevor die Wölfe ihre Häupter neigten, gab es andere. Sie kamen nicht wegen der Macht. Sie kamen nicht wegen des Ruhms. Sie kamen, weil etwas in ihr sie rief.
Nach dem Chaos verflochten sich ihre Leben mit dem ihren, gelenkt von einem unsichtbaren Faden des Schicksals. Eine Gruppe widerstandsfähiger Seelen entschied sich, gegen die Dunkelheit aufzubegehren. Sie beschützten sie, lange bevor sie ihren Namen kannten. Sie hießen sie ohne Zögern in der Wärme ihrer Gemeinschaft willkommen. Sie sahen keine Fremde, sondern jemanden, den es zu schätzen galt, und blieben in den Wirren treu, während andere wankten.
Sie wurden nicht durch eine uralte Prophezeiung auserwählt. Sie trafen eine eigene Wahl. Und so folgten sie ihr.
Nun beginnt der Weg zur Königin – nicht mit einer Krönung, sondern mit den komplexen Leben, die zu ihr führten. Er zeichnet die Pfade nach, die ihre Stärke und ihre Herrschaft formten. Vor dem heiligen Gelübde. Bevor das Reich vom Widerhall des Aufstiegs des White Wolf erbebte.
Kapitel 1 – Das Feld und die Mondgebundenen
Zwei Holzschwerter prallten aufeinander, während die Jungen über das Feld wirbelten. Es war kein Kampf um die Vorherrschaft, sondern ein Test: von Geschick, von Stärke, von allem, was sie gelernt hatten.
Ein schneller Schlag aus dem Handgelenk ließ ein Schwert durch die Luft fliegen. Die Spitze bohrte sich tief in das verfilzte Gras, das durch ihre Schritte aufgewühlt war. Der größere Junge stürmte vor. Der Kleinere schlug hart auf dem Boden auf, lag flach auf dem Rücken, mit einer Klinge direkt vor seiner Brust.
Dann, genauso schnell wie zuvor, wurde das Schwert gesenkt und durch eine ausgestreckte Hand ersetzt.
Damon blickte nach oben und blinzelte, während ihm das zerzauste schwarze Haar in Aspens grüne Augen fiel.
„Komm schon, Damon. Steh auf. Lass es uns nochmal versuchen“, sagte Aspen.
Damon ergriff die ausgestreckte Hand und ließ sich auf die Beine ziehen. Er klopfte seine Tunika ab und warf ihm einen halbherzigen finsteren Blick zu, bevor sich ein verschmitztes Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete.
„Aspen, du hast mich jetzt sechsmal flachgelegt. Mein Hintern braucht eine Pause.“
Aspen lachte und tätschelte Damons Hintern mit der flachen Klinge. „Sicher kann ich das noch sechsmal machen.“
Dann griff er nach Damons dunkelblonden Wellen und zerzauste sie, eine Geste, die eher brüderlich als spöttisch wirkte.
Beide wandten sich beim Geräusch von raschelndem Weizen um. Ein junges Mädchen tauchte auf. Ihr langes braunes Haar wehte hinter ihr her, während sie rannte; mit einer Hand hielt sie die Vorderseite ihres aufwendigen Kleides fest.
„Vater und Mutter wollen, dass ihr zurückkommt und euch für das Abendessen fertig macht“, sagte sie atemlos, ihre grünen Augen funkelten im bernsteinfarbenen Licht der untergehenden Sonne.
Aspen nickte und ging los, um das im Gras steckende Schwert zu holen. Er warf es Damon zu, der es mit einer eleganten Bewegung fing und in die Höhe hielt.
„Ich war nur müde“, verkündete Damon. „Versuch es morgen nochmal und du bist derjenige, der auf seinem Hintern landet.“
Aspen lachte, ging an Freka vorbei und wuschelte ihr beiläufig durch das Haar. Damon folgte ihm, gab ihrem Haar jedoch noch einen kleinen Zupfer.
Frekas Augen verengten sich gespielter Wut. „Hey!“, rief sie und rannte schon los.
Sie nahm die Verfolgung auf, Damon flitzte durch die hohen goldenen Halme davon, sein Lachen zog wie ein Banner im Wind hinter ihm her.
In der Ferne lag die Burg an die Kurve eines kiefernbewachsenen Bergrückens geschmiegt. Ihre Silhouette war aus demselben Gestein gehauen wie die Berge, die dahinter aufragten. Sie war nicht prunkvoll wie die südlichen Höfe: keine goldenen Türme oder weiten Marmorhallen. Aber sie war gewaltig, beständig und tief im Land verwurzelt.
Dicke Mauern aus dunklem Granit erhoben sich aus der Erde, von Wind und Schnee gezeichnet. Ihre Oberflächen waren mit alten Runen und Ranken aus Efeu überzogen. Die Türme waren gedrungen und breit, eher auf Verteidigung als auf Zurschaustellung ausgelegt, mit kegelförmigen Schieferdächern, die im Mondlicht schwach schimmerten. Rauch kräuselte sich aus schmalen Schornsteinen und deutete auf Wärme im Inneren hin.
Am Fuße der Haupttreppe der Burg stand, direkt in den Stein gemeißelt, die Statue eines Wolfes: lebensgroß, königlich und wachsam. Seine Haltung war stolz, der Kopf zum Horizont erhoben, die Ohren aufmerksam. Die Augen, obwohl aus Stein, schienen eine stille Weisheit zu besitzen. Unter seinen Pfoten war ein Halbmond in den Sockel gemeißelt, ein Tribut an die Mondgöttin und die Blutlinie, die sie segnete. Rudelmitglieder berührten im Vorbeigehen oft die Flanke der Statue – eine stille Geste des Respekts oder des Gedenkens.
Die Haupthalle war lang und mit Holzbalken verstrebt; die Balken waren aus Eisenholz geschnitzt und vom jahrelangen Kaminfeuer geschwärzt. Im Inneren hing der Duft von Kiefernharz und gebratenem Fleisch, vermischt mit dem leisen Knarren von Leder und dem tiefen Gemurmel der Rudelmitglieder. Felle säumten die Steinböden, und an den Wänden hingen Schilde und Speere – nicht zur Dekoration, sondern in ständiger Bereitschaft.
Ein Innenhof öffnete sich nach Osten, wo die Trainingsgelände an den Rand der Weizenfelder grenzten. Kinder übten mit Holzschwertern, während die Älteren von den in den Stein gehauenen Bänken aus zusahen. Dahinter floss ein kleiner Bach, kalt und klar, gespeist vom Schmelzwasser der Gipfel.
Es war ein Ort der Stärke, nicht des Glanzes. Ein Zuhause, das gebaut wurde, um Belagerungen und Stürmen standzuhalten, aber auch, um der Familie Geborgenheit zu schenken. Es war die Art von Ort, an dem ein Alpha seinem Sohn nicht nur beibrachte, wie man kämpft, sondern wie man führt.
…
Der Raum war klein, aber heilig. Aus hellem Stein gehauen und mit gewebten Wandteppichen ausgekleidet, lag er im Herzen der Festung wie eine verborgene Blüte. Ein einzelnes Fenster, schmal und hoch, ließ einen Mondstrahl herein, der wie ein silbernes Band über den Boden fiel. Die Luft war kühl, mit einem Hauch von Lavendel und Eschenholz, und die Stille trug die Ruhe des Altertümlichen in sich.
Wren stand barfuß auf einem fellbesetzten Teppich. Ihr Atem war ruhig, aber flach. Um sie herum bewegte sich ein Kreis von jungen Frauen mit stillem Ernst, ihre Hände geübt, ihre Mienen feierlich. Sie kleideten sie in ein einfaches weißes Gewand – schlicht, fließend; der Stoff flüsterte, als er sich auf ihre Haut legte. Es war die traditionelle Kleidung für das wolves-reveal: rein und schlicht, dazu bestimmt, die Mondgöttin und das Erwachen im Inneren zu ehren.
Eine der Frauen trat mit einem Kranz aus Wildblumen vor: zarte Blüten, die sorgfältig am Rande des Waldes gepflückt worden waren. Sie legte ihn sanft auf Wrens Kopf, die Blütenblätter streiften ihre Stirn wie ein Segen.
Kein Wort wurde gesprochen: nur das Rascheln der Stoffe, das leise Tappen der Füße und der ruhige Puls der Vorfreude. Draußen warteten die Ältesten und die unverpaarten Alphas. Doch in diesem Moment war Wren noch immer nur ein Mädchen, eingehüllt in Mondlicht, umgeben von Stille und an der Schwelle zu etwas Unumkehrbarem stehend.
Die Türen öffneten sich, aufgestoßen von zwei Wachen ihres Vaters. Wren nickte: Es war Zeit. Sie spürte die Veränderung seit dem Morgen, etwas, das tief in ihrem Inneren brodelte. Ihr Vater, Alpha Halvar, hatte ein Spektakel vorbereitet, damit alle ihre Verwandlung bezeugen konnten. Heute Nacht würde sie ihren Wolf erhalten.
Halvar hatte unverpaarte Alphas eingeladen, um ihren ersten Shift zu beobachten. Sie war nun alt genug, und er betete, dass ihr Schicksalsgefährte unter ihnen sein würde: derjenige, der sein Erbe werden konnte. Wie es Brauch war, sollte das Rudel an einen Mann übergehen. Da er nur eine Tochter hatte, war Halvar verzweifelt auf der Suche nach einem Sohn. Jahre voller Kämpfe hatten ihn gezeichnet, und er wusste, dass seine Zeit sich dem Ende zuneigte.
Wren war nicht naiv, was die Regeln der Herrschaft betraf. Als Tochter eines Alphas – ihre Mutter verlor sie, als sie noch ein Kind war – hatte sie während seiner gesamten Herrschaft an der Seite ihres Vaters gesessen. Sie hatte die Rhythmen der Führung beobachtet, in Ratssitzungen schweigend zugehört und in seiner Abwesenheit über Rudelangelegenheiten geurteilt.
Sie war bereit zu herrschen. Sie sehnte sich danach. Sie verstand nicht, warum ihr Vater so starr an der Tradition festhielt und warum er nach einem Gefährten suchte, um ihren Anspruch zu legitimieren. Ihr Schicksalsgefährte würde kommen, wenn die Mondgöttin es bestimmte. Bis dahin fühlte sie sich vollkommen fähig, allein zu regieren.
Als sie die bescheidenen Mauern der Burg verließ, kam der Fackelschein in Sicht, der den steinernen Pfad vor ihr säumte. Ein Anflug von Beklemmung rührte sich in ihrer Brust. Sie hatte sich gewünscht, dass ihr erster Shift privat und persönlich wäre. Um frei zu laufen, allein, eins mit ihrem Wolf. Doch die Tradition der Ältesten würde das nicht zulassen: nicht für die Erbin eines Alphas.
Die Wachen und ihr Gefolge aus jungen Frauen blieben am Rand des Kreises stehen. Wren trat allein vor, ihre nackten Füße berührten das kühle Gras. Sie bewegte sich in die Mitte, umgeben von flackernden Fackeln und einem Meer aus Zuschauern. Kapuzenfiguren säumten den äußeren Ring, ihre Gesichter waren verborgen, ihre Umhänge bewegten sich im Wind.
Ihr Blick traf den ihres Vaters. Alpha Halvar saß erhöht auf einer hölzernen Plattform, seine Augen leuchteten vor Erwartung. Sie wollte, dass es vorbei war. Wenn die Mondgöttin ihren Gefährten unter den unverpaarten Alphas gebracht hatte, dann sollte es so sein. Wenn nicht, würde sie diesen Moment für sich beanspruchen: als ihre Erklärung, dass sie bereit war zu herrschen – mit oder ohne Gefährtenbindung.
Sie sah zum Mond hinauf, dessen silbernes Licht ihre Haut badete. Der Anstieg kam schnell.
Schmerz riss durch ihren Körper, plötzlich und erbarmungslos. Sie sank auf die Knie, ihre Hände gruben sich in das Gras. Ihre Knochen knackten, die Gliedmaßen dehnten sich, ihr Gesicht wurde länger. Die Hitze war sengend, doch sie gab keinen Laut von sich.
Dunkles Fell wogte über ihre Haut. Ihre Finger krümmten sich zu Krallen.
Und dann war sie durch.
Ihr Wolf stand in der Mitte des Kreises, schwarz-graues Fell schimmerte im Licht von Mond und Flammen. Still. Stolz. Ganz sie selbst.
Oder das glaubte sie zumindest.








