Der Pfad der Königin

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

Band 2 der White Wolf Saga Bevor der Weiße Wolf aufstieg, bevor das Flüstern von einer neuen Königin das gesamte Reich durchzog, wurden die Leben der Gefährten, die heute an ihr Schicksal gebunden sind, durch eine einzige, verheerende Nacht der Angriffe unwiderruflich zertrümmert. Im Zentrum dieser Katastrophe begannen die Wege, die eigentlich ineinandergreifen sollten, als einsame, qualvolle Pfade. Eine junge Prinzessin, aus ihrem Leben gerissen und in den Abgrund der Knechtschaft gestoßen. Ein junger Junge, dessen Geist auf die Probe gestellt und dessen Familie in alle Winde zerstreut wurde. Seine treuen Schwestern und eine geschätzte Freundin, gefesselt in Ketten und Verzweiflung. Und ein loyaler königlicher Berater, der in der Asche eines gefallenen Königreichs zurückblieb. Viele andere teilten dasselbe Schicksal. Jeder von ihnen wurde im Schmelztiegel von Verlust und Überlebenskampf während einer Ära des Zerfalls geformt. Obwohl ihre Welten in jenem geteilten, katastrophalen Moment kollidierten, gingen sie getrennte Wege in eine ungewisse Zukunft. Entdecke nun, wie ihre individuellen Reisen – gezeichnet von unvorstellbaren Schrecken und ersten Funken des Widerstands – zusammenfanden und sie, zunächst unwissend, auf den langen und beschwerlichen Weg führten, der schließlich zur Königin führen sollte.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
43
Rating
5.0 1 Bewertung
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1 – Das Feld und die Mondgebundenen

'Der Weg zur Königin' Band 2 der Die weiße Wölfin-Saga

Prolog

In der Morgendämmerung der Welt, als der Schleier zwischen Sterblichen und Bestien noch dünn war, träumte die Mondgöttin, in himmlisches Silber getaucht, von Harmonie. Sie erschuf ihr Meisterwerk: die Shifter – duale Wesen aus Mensch und Wolf, geboren mit der angeborenen Sehnsucht nach einem Schicksalsgefährten. Von den nördlichen Gipfeln bis zu den südlichen Meeren begaben sich der erste Mann und die erste Frau auf einsame Reisen, bis sie einander erkannten. Ein brennendes, unbestreitbares Band der Gefährten entflammte und verschmolz sie zu einer einzigen, mächtigen Einheit. Ihre Liebe wurde zum Schild, ihre Verbindung zu einer Kraft, die das Reich formte.


Die Shifter blühten auf, wobei Alphas die Territorien regierten und die reinsten Blutlinien die Vorherrschaft innehatten. Doch wie ein schleichender Schatten breitete sich Ehrgeiz aus. Abtrünnige erhoben sich, Blutlinien verdünnten sich, und der reinweiße Wolf – einst ein heiliges Geschenk – wurde zu einem verblassenden Mythos. Chaos verschlang das Reich. Dann kamen König Cassian, Königin Isolde und ihre junge Tochter, Prinzessin Valkyrie, in einem wütenden Inferno ums Leben. Die Letzten der ursprünglichen Linie galten als verschollen; ihr Tod vernichtete jede Hoffnung und ließ die Prophezeiung mit ihnen verbrennen. Der Usurpator Ronan riss den zerbrochenen Thron an sich.


Doch die Hoffnung fand einen Funken. Aus der Dunkelheit erhob sich eine Königin, nicht allein durch eine Prophezeiung, sondern geschmiedet durch die Leben, die zusammenfanden, die Entscheidungen, die in Stille getroffen wurden, und die wilde Loyalität, die im Chaos geboren wurde. Bevor der silberne Dolch in ihrer Hand schimmerte, bevor die Wölfe ihre Häupter beugten, gab es andere. Sie kamen nicht für Macht. Sie kamen nicht für Ruhm. Sie kamen, weil etwas in ihr sie rief.


Nach dem Chaos verflochten sich ihre Leben mit dem ihren, gezogen von einem unsichtbaren Faden des Schicksals. Eine Gruppe widerstandsfähiger Seelen entschied sich, sich gegen die Dunkelheit zu erheben und sie zu beschützen, lange bevor ihr Name bekannt wurde. Sie hießen sie ohne Zögern in der Wärme ihrer Gemeinschaft willkommen, sahen in ihr keine Fremde, sondern jemanden, den es zu schätzen galt, und standen loyal inmitten des Aufruhrs, als andere wankten.


Sie wurden nicht durch eine alte Prophezeiung auserwählt. Sie trafen ihre Wahl selbst. Und so folgten sie ihr.


Nun beginnt der Weg zur Königin – nicht mit einer Krönung, sondern mit den komplexen Leben, die zu ihr führten, und dem Nachzeichnen der Pfade, die ihre Stärke und ihre Herrschaft formten. Vor dem heiligen Schwur. Bevor das Reich vom Echo des Aufstiegs der weißen Wölfin erzitterte.

Kapitel 1 – Das Feld und die Mondgebundenen

Zwei Holzschwerter prallten aufeinander, als die Jungen über das Feld liefen. Es war kein Kampf um die Vorherrschaft, sondern eine Prüfung: ihrer Fertigkeiten, ihrer Kraft, all dessen, was sie gelernt hatten.

Ein schneller Schlag aus dem Handgelenk ließ ein Schwert durch die Luft fliegen; die Spitze bohrte sich tief in das niedergetretene Gras, das durch ihre Schritte aufgewühlt war. Der größere Junge stürmte vor. Der kleinere schlug hart auf dem Boden auf, lag flach auf dem Rücken, mit einer Klinge, die auf seine Brust zielte.

Dann, genauso schnell, wurde das Schwert gesenkt und durch eine ausgestreckte Hand ersetzt.

Damon sah auf und blinzelte bei dem zerzausten schwarzen Haar, das über Aspens grüne Augen fiel.

„Komm schon, Damon. Steh auf. Lass uns weitermachen“, sagte Aspen.

Damon ergriff die dargebotene Hand und ließ sich auf die Beine ziehen. Er klopfte seine Tunika ab und warf ihm einen halbherzigen finsteren Blick zu, bevor ein schelmisches Lächeln über sein Gesicht huschte.

„Aspen, du hast mich jetzt schon sechsmal zu Boden gebracht. Mein Arsch braucht eine Pause.“

Aspen lachte und tätschelte Damons Hintern mit der flachen Seite seiner Klinge. „Sicher kann ich das noch sechsmal schaffen.“

Dann griff er nach Damons dunkelblonden Wellen und zerzauste sie, eine Geste, die eher brüderlich als spöttisch wirkte.

Beide drehten sich bei dem Geräusch von raschelndem Weizen um. Ein junges Mädchen tauchte auf; ihr langes braunes Haar wehte hinter ihr her, während sie rannte und mit einer Hand das Vorderteil ihres aufwendigen Kleides festhielt.

„Vater und Mutter wollen, dass ihr zurückkommt und euch für das Abendessen fertig macht“, sagte sie, während sie nach Luft schnappte und ihre grünen Augen im bernsteinfarbenen Licht der untergehenden Sonne funkelten.

Aspen nickte und ging los, um das im Gras steckende Schwert zu holen. Er warf es Damon zu, der es geschickt auffing und in die Höhe riss.

„Ich war nur müde“, erklärte Damon. „Probier es morgen nochmal, dann bist du derjenige, der auf seinem Arsch landet.“

Aspen lachte, ging an Freka vorbei und wuschelte ihr mit einer beiläufigen Handbewegung durch das Haar. Damon folgte ihm, gab ihr aber stattdessen einen kleinen Zupfer am Zopf.

Frekas Augen verengten sich zu gespielter Wut. „Hey!“, rief sie und rannte schon los.

Sie nahm die Verfolgung auf, während Damon durch die hohen goldenen Halme davonstürmte und sein Lachen wie ein Banner im Wind hinter ihm zurückblieb.

In der Ferne stand die Burg, eingebettet an die Krümmung eines kiefernbewachsenen Bergrückens; ihre Silhouette war aus demselben Gestein gehauen wie die Berge, die dahinter aufragten. Sie war nicht prunkvoll wie die Höfe des Südens: keine vergoldeten Turmspitzen oder weitläufigen Marmorsäle, aber sie war beeindruckend, beständig und tief im Land verwurzelt.

Dicke Wände aus dunklem Granit erhoben sich aus der Erde, von Wind und Schnee gezeichnet, ihre Oberflächen mit uralten Runen und rankendem Efeu verziert. Die Türme waren gedrungen und breit, eher auf Verteidigung als auf Prunk ausgelegt, mit kegelförmigen Schieferdächern, die im Mondlicht matt schimmerten. Rauch kräuselte sich aus schmalen Schornsteinen und deutete auf Wärme im Inneren hin.

Am Fuß der Haupttreppe der Burg stand eine direkt aus dem Stein gehauene Wolfsstatue: lebensgroß, königlich und wachsam. Ihre Haltung war stolz, der Kopf zum Horizont erhoben, die Ohren aufmerksam. Die Augen, obwohl aus Stein, schienen eine stille Weisheit in sich zu tragen. Unter ihren Pfoten war eine Mondsichel in den Sockel eingraviert, eine Hommage an die Mondgöttin und die Blutlinie, die sie segnete. Rudelmitglieder berührten beim Vorbeigehen oft die Flanke der Statue, eine stille Geste des Respekts oder des Gedenkens.

Die Haupthalle war lang und mit Holzbalken konstruiert; ihre Balken waren aus Eisenholz geschnitzt und von jahrelangem Kaminfeuer geschwärzt. Im Inneren hing der Duft von Kiefernharz und gebratenem Fleisch, vermischt mit dem leisen Knarren von Leder und dem tiefen Gemurmel der Rudelmitglieder. Felle säumten die Steinböden, und an den Wänden hingen Schilde und Speere – nicht als Dekoration, sondern als Zeichen der Bereitschaft.

Nach Osten hin öffnete sich ein Innenhof, wo die Trainingsplätze auf den Rand der Weizenfelder trafen. Kinder trainierten mit Holzschwertern, während die Ältesten von Bänken zuschauten, die in den Stein gehauen waren. Dahinter floss ein kleiner Bach, kalt und klar, gespeist vom Schmelzwasser der Gipfel.

Es war ein Ort der Stärke, nicht des Glanzes. Ein Zuhause, gebaut, um Belagerungen und Stürmen zu trotzen, aber auch, um der Familie Geborgenheit zu schenken. Die Art von Ort, an dem ein Alpha seinen Sohn nicht nur lehrte, wie man kämpft, sondern wie man führt.

Der Raum war klein, aber heilig. Aus hellem Stein gehauen und mit gewebten Wandteppichen ausgekleidet, lag er im Herzen der Festung wie eine verborgene Blüte. Ein einzelnes, schmales und hohes Fenster ließ einen Mondlichtstrahl herein, der als silbernes Band über den Boden fiel. Die Luft war kühl, erfüllt vom Hauch von Lavendel und Eschenholz, und die Stille bewahrte das Schweigen von etwas Uraltem.

Wren stand barfuß auf einem fellbelegten Teppich, ihr Atem war ruhig, aber flach. Um sie herum bewegte sich ein Kreis von jungen Frauen mit leisem Zielstreben; ihre Hände waren geübt, ihre Mienen ernst. Sie kleideten sie in ein einfaches weißes Gewand – unverziert, fließend; der Stoff flüsterte, als er sich auf ihre Haut legte. Es war die traditionelle Kleidung für die „Wolves-reveal“: schlicht, rein, dazu bestimmt, die Mondgöttin und das Erwachen in ihr zu ehren.

Ein Mädchen trat mit einem Kranz aus Wildblumen vor: zarte Blüten, die an den Rändern des Waldes gesammelt und mit Sorgfalt geflochten worden waren. Sie legte ihn sanft auf Wrens Kopf, die Blütenblätter streiften ihre Stirn wie ein Segen.

Kein Wort wurde gesprochen: nur das Rascheln von Stoff, das leise Tappen von Füßen und der ruhige Puls der Erwartung. Draußen warteten die Ältesten und unverpaarten Alphas. Doch in diesem Moment war Wren noch immer nur ein Mädchen, eingehüllt in Mondlicht, umgeben von Stille und am Rande von etwas Unumkehrbarem stehend.

Die Türen öffneten sich, weit aufgestoßen von zwei Wachen ihres Vaters. Wren nickte: Es war Zeit. Sie hatte die Veränderung seit dem Morgen gespürt, etwas, das tief in ihrem Inneren brodelte. Ihr Vater, Alpha Halvar, hatte ein Spektakel vorbereitet, damit alle Zeugen ihrer Verwandlung werden konnten. Heute Nacht würde sie ihren Wolf empfangen.

Halvar hatte unverpaarte Alphas eingeladen, ihre erste Verwandlung zu beobachten. Sie war nun im richtigen Alter, und er betete, dass ihr Schicksalsgefährte unter ihnen sein würde: derjenige, der sein Erbe werden konnte. Wie es Brauch war, sollte das Rudel an einen Mann übergehen. Da er nur eine Tochter hatte, war Halvar verzweifelt auf der Suche nach einem Sohn. Jahre der Kämpfe hatten ihn zermürbt, und er wusste, dass seine Zeit sich dem Ende zuneigte.

Wren war nicht naiv, was die Bräuche der Herrschaft anging. Als Tochter eines Alphas, deren Mutter starb, als sie noch ein Kind war, hatte sie während seiner gesamten Regierungszeit an der Seite ihres Vaters gesessen. Sie hatte die Rhythmen der Führung beobachtet, in Ratsversammlungen still zugehört und in seiner Abwesenheit über Angelegenheiten des Rudels geurteilt.

Sie war bereit zu regieren. Sie sehnte sich danach. Sie verstand nicht, warum ihr Vater so starr an der Tradition festhielt, warum er nach einem Gefährten suchte, um ihren Anspruch zu legitimieren. Ihr Schicksalsgefährte würde kommen, wenn die Mondgöttin es für richtig hielt. Bis dahin fühlte sie sich vollkommen fähig, alleine zu regieren.

Als sie hinter die bescheidenen Mauern der Burg trat, kam der Kreis aus Fackeln in Sicht, die den steinernen Pfad vor ihr säumten. Ein Hauch von Unbehagen regte sich in ihrer Brust. Sie hatte sich gewünscht, dass ihre erste Verwandlung privat und persönlich wäre. Frei rennen, alleine, eins mit ihrem Wolf. Aber die Tradition der Ältesten erlaubte das nicht: nicht für die Erbin eines Alphas.

Die Wachen und ihr Gefolge aus jungen Frauen hielten am Rand des Kreises an. Wren trat alleine vor, ihre nackten Füße berührten das kühle Gras. Sie ging in die Mitte, umgeben von flackernden Fackeln und einem Meer aus Zuschauern. Kapuzenfiguren säumten den Rand, ihre Gesichter waren verborgen, ihre Umhänge bewegten sich in der Brise.

Ihr Blick traf den ihres Vaters. Alpha Halvar saß erhöht auf einer hölzernen Plattform, seine Augen strahlten vor Erwartung. Sie wollte, dass es vorbei war. Wenn die Mondgöttin ihren Gefährten unter den unverpaarten Alphas gebracht hatte, dann sollte es so sein. Wenn nicht, würde sie diesen Moment für sich beanspruchen: ihre Erklärung, dass sie bereit war zu regieren, mit oder ohne ein Band.

Sie sah zum Mond hinauf, dessen silbernes Licht ihre Haut badete. Der Ansturm kam schnell.

Schmerz durchfuhr ihren Körper, plötzlich und gnadenlos. Sie sank auf die Knie, ihre Hände gruben sich in das Gras. Ihre Knochen knackten, die Gliedmaßen dehnten sich, ihr Gesicht wurde länger. Die Hitze war sengend, doch sie gab keinen Laut von sich.

Dunkles Fell wogte über ihre Haut. Ihre Finger krümmten sich zu Klauen.

Und dann war es vollbracht.

Ihr Wolf stand in der Mitte des Kreises, schwarz-graues Fell schimmerte im Mondlicht und im Schein der Flammen. Still. Stolz. Ganz sie selbst.

Oder so dachte sie zumindest.